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Monat: Juni 2014

Fehldiagnose! Sein und Schein bei antiken Bildwerken (Wamser-Krasznai)

Die Darstellung echter Krankheitszeichen bei antiken Bildwerken ist eine Rarität, lange nicht so häufig, wie wir Ärzte, Medizinhistoriker und manchmal auch Archäologen mit unserer retrospektiven Diagnostik es gern hätten. Gleichwohl begegnen uns gelegentlich Darstellungen, die wir vorsichtshalber nicht pathologische Befunde, sondern 1. Abweichungen von der Norm nennen wollen. Da gibt es die a. numerische Aberration, also eine quantitative Abweichung von der Norm.                               Abb. 1  Linker Vorfuß, Corvaro/Latium, 3./2. Jh. v. Chr. (nach L. Capasso 1999, 31 Abb. E 0.2)…

Eichelhähne (Thomas)

Kennt ihr Eichelhähne? Nein, keine Eichelhäher, sondern Eichelhähne, es gibt auch Eichelschweine, vielleicht auch Eichelhunde. Das kleine dünne Mädchen im Nachkriegsberlin kannte sie auch nicht. Ihr Spielkamerad erzählte ihr davon auf dem Weg zum Gärtner. Sie traute sich nicht mehr, den Weg alleine zu gehen, seit sie der Zwerghahn angegriffen hatte. Er war ihr auf die Schulter gesprungen und hatte ihr auf den Kopf gehackt. Sie schrie fürchterlich und warf den Korb mit den Kartoffelschalen und Gemüseabfällen weit von sich.…

In was wird meine Liebe sich wandeln (Thomas)

In was wird meine Liebe sich wandeln, all das, was ich erfuhr durch sie und durch Dich? Der Schmerz des Abschieds, die Wut der Enttäuschung, die schwebende Leichtigkeit und später das Erkennen eigener Schuld, nicht mehr klagen und beklagt werden. Und wieder seh ich den ersten Blick, der mich traf, durch den ich Dich erkannte und höre, wie Du  nach meinem Namen gefragt, ganz leise, hinter meinem Rücken. Und wieder erleb ich, wie wir uns an den Händen ergriffen und…

Innere Stimme (Thomas)

Die innere Stimme ich kann sie nicht hören nicht so wie als Kind ich sie hörte Ist sie verstummt? oder ist mein Ohr das innere ertaubt? Sehen? Kann ich auch nicht im eigenen Innern zu dunkel ist es dort Doch ich spüre in mir ganz leicht die Gebärden Spricht mein Engel so zu mir? Dann kann ich es lernen wieder die innere Stimme zu verstehen 5.02.2014 Meine inneren Ohren sind verschlossen waren sie jemals geöffnet? Habe ich innere Ohren? So…

Die Glockenblume oder mein erstes Gebet (Thomas)

Als meine Großmutter fragte – es war eigentlich nur der Form nach eine Frage – „na, du betest sicher nicht?“, spürte ich all die ablehnenden Gefühle in ihrer Stimme, die sie gegen meine Mutter hatte. Ich drückte mich ganz fest ins Bett und sagte mutig zu ihrem Gesicht, das über mir war, jeden Moment bereit, sich herab zu senken und mit den unvermeidlichen Gutenacht-Kuss zu geben: „natürlich bete ich“. Auch wenn sie es sich nicht anmerken ließ, sie war überrascht.…

Eurydikes Klage (Thomas)

Endlich ist mir jemand begegnet, dem ich meine Schuldgefühle anvertrauen kann. Ich dachte, ich könne nie darüber sprechen, der Schmerz sei einfach zu stark. Doch der Schmerz darüber, dass die Welt weiterhin Jahr für Jahr, Jahrhundert für Jahrhundert, inzwischen sogar Jahrtausende lang meinem Geliebten Unrecht tut, ist noch größer, noch unerträglicher geworden. Ich weiß nicht, was mich trösten könnte. Vielleicht die Töne seiner Leier, die wie erfrischender Regen niedertropfen und manchmal aufsteigen wie Nebel in der Morgensonne. Aber er spielt…

Lebenslüge (Weller)

Brustkrebs. Das Wort hängt schon monatelang wie eine giftgelbe Wolke im Haus und dringt in jeden Gedanken ein. Nach gelungener Operation und Chemotherapie war die Bedrohung zwar etwas verdrängt und hat einem leisen Wind der Hoffnung Platz gemacht. Aber die Angst durchfließt jetzt in der Kliniksprechstunde trotzdem wieder alle Poren von Judiths blassgelber Haut und ist wie dicke Luft im Raum zu spüren, während Judith und Arno auf den Befund der neuesten Untersuchung warten. Der Professor verdirbt die Stimmung von…

Lebensfreude oder histrionische Persönlichkeit? (Weller)

Am Abend in der Notfallpraxis. „Können Sie noch eine Patientin anschauen, die der Chirurg nebenan schon gesehen hat? Er bittet Sie darum.“ Die Arzthelferin schiebt eine ältere Dame herein, die gepflegt gekleidet und mit nacktem linkem Fuß im Rollstuhl sitzt. Sie lächelt mich zur Begrüßung freundlich an und beginnt nach der Begrüßung, ohne Aufforderung zu erzählen. Ich höre den italienischen Akzent und sehe die lebhafte Mimik und die leuchtenden Augen. „Wissen Sie, ich war noch vor ein paar Tagen in…

Der Vertragsabschluss (Weller)

Thomas Bernau betrachtet den vorweihnachtlichen Spätnachmittagstrubel. Viele Menschen hetzen von Geschäft zu Geschäft. Noch an diesem letzten Tag vor Heiligabend müssen die Geschenke gekauft werden. Weihnachten kommt ja immer so plötzlich! Die bunten Lichter in Kerzen- und Sternform erleuchten die Frankfurter Innenstadt, an den Buden stehen vermummte Leute, die sich in der Kälte an einem Punsch oder Grog wärmen und weiße Atemschleier in den Zuckerwatte-, Lebkuchen- und Alkoholduft mischen. Bernau steht jetzt vor dem mit elektrischen Kerzen beleuchteten Bau am…

Der Entschluss (Weller)

Spät abends kam eine Patientin in die Notfallpraxis, begleitet von ihrer Tochter. Es fiel mir auf, wie gebeugt die Patientin beim Betreten des Sprechzimmers ging und wie sie mich mit tief traurigen Augen anschaute. Ich erwartete, dass sie gleich anfangen würde zu weinen. Sie klagte mit gedämpfter Stimme über starke Nacken- und Kopfschmerzen. Ich stellte einige Fragen, untersuchte sie und fand dabei “nur” eine erheblich verspannte Schulter- und Halsmuskulatur. Alle Zeichen und die Vorgeschichte sprachen für die Diagnose Spannungskopfschmerzen. „Können…

✎ 2020 Bundesverband Deutscher Schriftstellerärzte (BDSÄ)