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Jahr: 2014

Der Vertragsabschluss (Weller)

Thomas Bernau betrachtet den vorweihnachtlichen Spätnachmittagstrubel. Viele Menschen hetzen von Geschäft zu Geschäft. Noch an diesem letzten Tag vor Heiligabend müssen die Geschenke gekauft werden. Weihnachten kommt ja immer so plötzlich! Die bunten Lichter in Kerzen- und Sternform erleuchten die Frankfurter Innenstadt, an den Buden stehen vermummte Leute, die sich in der Kälte an einem Punsch oder Grog wärmen und weiße Atemschleier in den Zuckerwatte-, Lebkuchen- und Alkoholduft mischen. Bernau steht jetzt vor dem mit elektrischen Kerzen beleuchteten Bau am…

Der Entschluss (Weller)

Spät abends kam eine Patientin in die Notfallpraxis, begleitet von ihrer Tochter. Es fiel mir auf, wie gebeugt die Patientin beim Betreten des Sprechzimmers ging und wie sie mich mit tief traurigen Augen anschaute. Ich erwartete, dass sie gleich anfangen würde zu weinen. Sie klagte mit gedämpfter Stimme über starke Nacken- und Kopfschmerzen. Ich stellte einige Fragen, untersuchte sie und fand dabei “nur” eine erheblich verspannte Schulter- und Halsmuskulatur. Alle Zeichen und die Vorgeschichte sprachen für die Diagnose Spannungskopfschmerzen. „Können…

Schreibblockade (Dinter)

Schreibblockade In meiner Dichterstube sitz` ich hier Vor mir ein weißes Blatt Papier. Es ruft von innen: „Du sollst schreiben!“ Doch könnt´ ich dies und jenes treiben, Zum Beispiel davon zu berichten, Was ich sonst täte – ohne dichten: Wie in den nahen Park zu geh`n Um Bäum` und Pflanzen zu bestimmen, Vor alten Eiben sinnend steh`n, Nur weg vom Horror vacui, dem schlimmen. Und die Gedanken fliegen hin zum Gingko –Baum Zur Chamaezyparis, Lawson – Zypresse. Der Bärlauch sprießt,…

Zwiespalt (Dinter)

Zwiespalt   Ich möcht` so gerne einen Schlager schreiben – Von Herz und Schmerz und Lust und Leid und so. Und anderen und mir die Zeit vertreiben, Den Augenblick genießen, unbeschwert und froh. Wie oft hat man es schon versucht, dem Ernste zu entfleuchen, Emporzusteigen aus dem engen Tal, Die Grübeleien wegzuscheuchen, Doch stand im Weg der intellektuelle Sündenfall. Dort auf dem Berge wohnt das Licht – Hinaus aus tiefer, düstrer Enge ! Der Aufstieg nimmt die letzten Kräfte nicht,…

Septemberlicht (Dinter)

Septemberlicht Dumpfer Schwüle, gleißender Helle Folgt klärendes Blau. Purpurnes Rot wird fahl, Sterbende Blüten zur Frucht. Letzte Ernte in den Gärten, Dahlien und Astern. An Sandsteinmauern wilde Reseden. Copyright Dr. Wilfried Dinter Wilfried DinterWilfried Dinter, Dr. med. Geboren zur Jahrhundertmitte in Kiel. Vorfahren mütterlicherseits aus dem nordöstlichen, väterlicherseits aus dem südöstlichen deutschen Sprachraum. Aufgewachsen in Karlsruhe. Studium generale (Literaturwissenschaft, Geschichte , Kunstgeschichte) und der Medizin in Düsseldorf, Heidelberg, Kiel und Berlin. Klinische Tätigkeit in Karlsruhe, Kiel und Berlin, dort auch…

Hochsommer (Dinter)

Hochsommer Sinn suchend getrieben, Hastiger Stillstand. Sonntagsnachmittagstote Straßen, lastende Sommereinsamkeit. Geraubte Stunde, geschenkte Zeit: Fließendes Leben, Einssein mit den Naturwesen Im Kreis des Ewigen. Copyright Dr. Wilfried Dinter Wilfried DinterWilfried Dinter, Dr. med. Geboren zur Jahrhundertmitte in Kiel. Vorfahren mütterlicherseits aus dem nordöstlichen, väterlicherseits aus dem südöstlichen deutschen Sprachraum. Aufgewachsen in Karlsruhe. Studium generale (Literaturwissenschaft, Geschichte , Kunstgeschichte) und der Medizin in Düsseldorf, Heidelberg, Kiel und Berlin. Klinische Tätigkeit in Karlsruhe, Kiel und Berlin, dort auch Facharztweiterbildung zum Dermatologen. Niederlassung…

Das Geheimnis des Sevan-Sees (Kayser)

  Es geht ein Geheimnis um den Sevan-See, den großen hoch gelegenen See in Armenien. Dunkle Wolken, die sich regenbeladen von den steilen Uferklippen auf das Wasser stürzen und sich dort in fahle Nebel, später dann in ein milchiges Grau und schweifende Geisterschwaden auflösen, sind die Zeichen dieses nur dem Kundigen sich offenbarenden Geheimnisses. Auch im Sommer, wenn die Sonne in der Höhenluft brennt und die Schrecken bringenden aber auch so erschreckbaren Geister in ihre unterirdischen, direkt über dem Seespiegel…

Mausgedanken (Kayser)

Mausgedanken Der Hamsterhut   Ich bin die Hamsterin und keine Maus. Steht mir nicht stolz mein Hut? Im Frühling geh ich mit ihm aus. Ich brauche nur ein bisschen Mut. Damit ich frei im Sonnenlicht Von ihm bedeckt spazieren kann. Neugierig sieht in mein Gesicht Dann jeder junge Freier. Mann, das ist ein cooles Glücksgefühl, so begehrt als Hamsterfrau! Ich hamstere alles, ja ich will auch jeden sammeln, ganz genau! Ich schleppe sie in meinen Bau Wenn Korn, dann kommt…

Hephaistos (Wamser-Krasznai)

Hephaistos – ein hinkender Künstler und Gott Wenn es um die Behinderung des Hephaistos geht, sind die literarischen Quellen ebenso widersprüchlich wie die Zeugnisse der antiken Kunst. Hephaistos sagt von sich: „ [..] aber ich selber kam als Krüppel zur Welt“ (Od. 8, 310). In der Ilias 18, 393-398 geht er ins Detail: „Ihr antwortet drauf der hinkende Feuerbeherrscher: O, so besucht mein Haus die erhabene, würdige Göttin, die mich rettete einst nach dem schrecklichen Sturz in die Tiefe, als…

Aphorismen (Gerhard Uhlenbruck)

Diese Aphorismen wurden zum Abdruck im Almanach Deutschsprachiger Schriftstellerärzte 2015 eingesandt, überstiegen aber den dort abdruckbaren Umfang. Deshalb werden sie hier veröffentlicht. Stille Wasser gründen tief, aber sie begründen auch, dass man Verdacht schöpft und sie auslotet. Scheinheilige sind oft redselig, weil sie ihren Heiligenschein verteidigen wollen. Sprichwörtlich formuliert: Das Leben ist ein Laster, geht es doch nur um den Zaster! Kreativität ist die Phantasie des Machbaren. Ethik: Verantwortliches Tun. Weltanschauung: Die kleinste mögliche Sichtweise der Welt. Liebe: Wenn wir…

✎ 2020 Bundesverband Deutscher Schriftstellerärzte (BDSÄ)