Die folgenden zwei Kapitel aus dem Buch „Abitur im Sozialismus“ werden hier mit freundlicher Genehmigung der EDITION digital, Pekrul & Sohn GbR, abgedruckt.

 

Abitur im Sozialismus                         

Schülernotizen 1963 – 1967

Aufgeschrieben unter Mitwirkung meiner Klassenkameraden und Schulfreunde an der Erweiterten Oberschule „Rainer Fetscher“ in Pirna: Bernhard, Birgit, Dieter, Dietrich, Erika, Friedrich, Gottfried, Günter, Hans-Günther, Ingolf, Ingrid, Irmgard, Jürgen H. , Jürgen L., Klaus-Jürgen, Lothar, Michael, Rolf, Reinhard, Rüdiger, Rudi, Sabine, Siegfried, Wolfgang J., Wolfgang K., Wolfgang U., Wolfram und unseres Lehrers Dr. Gerhard Rehn.

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„Nun sagt mir doch endlich mal, was das ist, die DDR!“  Diese Frage meiner damals 10jährigen Enkelin ließ mir keine Ruhe. Hinzu kamen die vielfältigen  Erinnerungen von Schulfreunden aus den vier Jahren an der Erweiterten Oberschule „Rainer Fetscher“  während eines Klassentreffens.

Die Wahrnehmung der gemeinsamen Vergangenheit ist bei den Mitschülern oft unterschiedlich, wiedersetzt sich jedoch der heute immer noch beliebten Schwarzfärberei in Medien und Politik. Die Schlussfolgerung daraus ist, dass eine realistische Darstellung der deutschen Geschichte von 1945 bis 1990 nur in ihren Gemeinsamkeiten und Wechselwirkungen möglich ist. Das gilt nicht nur für die gezeigten vier Schuljahre.

Wann  das sein wird, ist im Nebel der Zukunft verborgen.

 Leseprobe

 

Kapitel 1:  Wie alles kam

„Aber für das, was ich in den 4 Jahren in der Fetscher-Schule gelernt habe, dafür bin ich meinen Lehrern, unserer Schule, noch heute dankbar!“ – Das äußerte anlässlich eines  Klassentreffens in vorgerückter Stunde während einer lebhaften Diskussion einer meiner Mitschüler. War das Rüdiger oder Gottfried oder…? Ich weiß es nicht mehr. Das ist auch gleichgültig, denn alle in der Nähe  Sitzenden, die das hörten, gaben im allgemeinen Stimmenwirrwarr des Treffens ihre Zustimmung zu erkennen.

Das war im September 2012. Einer schönen Tradition folgend  trafen sich die Schüler aller vier Klassen des Abiturjahrganges 1967 der Erweiterten Oberschule „Rainer Fetscher“, Pirna,  aller 5 Jahre, später aller 3 Jahre, um über alte und neue Zeiten zu reden oder sich ganz einfach mal wieder zu sehen. –Wiedersehenstreffen!  Gemeinsam hatten wir diese Schule seit September 1963  besucht und nach vier Jahren 1967 mit Abitur und Facharbeiterbrief wieder verlassen, um so gerüstet ins  Leben hinauszugehen.

Seltsam, an diesen Moment erinnere ich mich jetzt  ganz deutlich, als ich Anfang Juli 1967 nach Erledigung der letzten Abmeldeformalitäten im Sekretariat durch den Internatseingang die Schule endgültig verließ. Vier durchaus anstrengende Jahre lagen hinter uns, vor uns entweder meistens  sofort (Geburtsjahrgang 1949) oder erst nach 18 Monaten  Grundwehrdienst bei der Nationalen Volksarmee  (Geburtsjahrgang 1948) ein Studium.

Im Jahr dieses Treffens 2012  befanden sich schon viele von uns im Ruhestand, waren  Rentner, Pensionäre oder wie man das eben nennt. Die anderen sahen ihren letzten aktiven Arbeitsjahren entgegen.  Von 30 Schülern der Klasse B2 des Jahrganges 1963 bis 1967 waren 25 gekommen. Der Rest fehlte wegen gesundheitlicher Probleme oder hatte einen unaufschiebbaren Termin. Einer hatte uns schon gänzlich verlassen, Bernd; ein anderer war allen Klassenreffen fern geblieben.

Thema  der vorn genannten Diskussionsrunde war die Aufhebung unserer damaligen Erweiterten Oberschule, nach 1990 „Rainer- Fetscher- Gymnasium“, zugunsten des 1992 aus der 10-klassigen Schiller-Schule neu gegründeten „Schiller-Gymnasiums“. Nicht nur uns machte das sehr betroffen, nein auch die anderen Klassen unseres Jahrganges und noch viele andere fanden das unangebracht, ja falsch. Aber darüber wird noch zu reden sein. Und natürlich ergaben sich dann auch Themen zum Schulalltag heute, zu der Zersplitterung einer  eigentlich gesamtnationalen Aufgabe der Bildung auf 16 Bundesländer und zur unterschiedlichen Wahrnehmung der Schulbildung sowohl der ehemaligen DDR als auch der ehemaligen BRD.

Dazu kam damals schon, also 2012, die sich anbahnende Misere eines Lehrermangels in Sachsen. Der bildungspolitische Sprecher der CDU-Fraktion war  am 31. August 2012 nach einer harten Auseinandersetzung um die Schulpolitik der CDU/FDP-Regierung von seinem Amt zurückgetreten.  Im Kern ging es dabei um die Umwandlung von Mittelschulen in sogenannte Oberschulen, die  er als Etikettenschwindel bezeichnete, und den Lehrermangel an sächsischen Schulen. Bereits im November 2011 hatte er geäußert, dass in Sachsen ein funktionierendes Schulsystem „ohne Not an die Wand gefahren“ werde (WIKIPEDIA).

Nun sind wir, die Schülerinnen und Schüler unserer B2,  schon über 25 Jahre in der neuen BRD angekommen und erleben  mit Erstaunen, manchmal mit Groll,  manchmal mit  Erheiterung, auch angesichts der unvermeidbaren PISA – Studien, wie unterschiedlich und beziehungslos, oft sehr einseitig, über bestimmte Zeiträume und Ereignisse dieses Bereiches geschrieben und diskutiert wird. Je weiter oben das angesiedelt ist, desto schräger und verzerrter können die  Darstellungen sein.  Neuerdings lässt auch mancher  seriöse Bericht aufhorchen. Immer aber entdeckt der kritische Bürger in den verschiedensten Medien  (unabhängige Berichterstattungen gibt es trotz aller gegenteiliger Beteuerungen wenige) Versuche, die kleinere der ehemaligen zwei  deutschen Republiken zu delegitimieren.

So formulierte zum 15. Deutschen Richtertag, am 23.9.1991, der damalige Justizminister Klaus Kinkel:„Es muss gelingen, das SED-System zu delegitimieren, das … seine Rechtfertigung aus antifaschistischer Gesinnung, angeblich höheren Werten und behaupteter absoluter Humanität hergeleitet hat, während es … einen Staat aufbaute, der in weiten Bereichen genauso unmenschlich und schrecklich war wie das faschistische Deutschland….“(Deutsche Richterzeitung 1992, S. 4/5).

Danach wurde dann und wird auch noch vielfach verfahren, und das nicht nur auf dem Gebiet der Justiz.

In einem Informationsforum des Internets war  folgende Anfrage eines Schülers zu finden: „Hallo Leute, ich mache meinen MSA vortrag für die 10. klasse. Mein Thema ist Wie war das Alltagsleben in der DDR/BRD? Und wo liegen die Unterschiede. Meine Frage ist nun ob ihr vllt. ein paar Seiten zu dem Thema kennt. (am besten mit tabelle) Oder auch vllt. etwas aus eurer eigenen erfahrung berichten könnt?! Ich freue mich über antworten . “  – (Original-Zitat, nichts verändert!) 

Die Antworten waren interessant und im Gegensatz zu tendenziösen Medienaufmachungen erfrischend offen, ehrlich und um echte Erkenntnisse bemüht.  So jedenfalls mein ganz persönlicher Eindruck.

Und so wuchs  dann stetig der Gedanke: Sollte man nicht einmal aufschreiben, wie wir unsere Schulzeit erlebt haben, bevor uns das von heute 30jährigen oder damals nicht in diesem Land  Anwesenden fragwürdig  beschrieben wird?  – Zumindest für unsere Enkel könnte das interessant sein, wenn sie dieses Thema einmal im Geschichtsunterricht behandeln sollten.

Einer, der wegen seines Einsatzes für den von der DDR zwangsweise ausgebürgerten Wolf Biermann gemaßregelt wurde und dann selbst den Weg in den Westen nahm, der Schauspieler Hilmar Thate, bemerkt 2006 in seiner Autobiographie, er finde die Siegermoral, die Erhabenheit und scheinbare Makellosigkeit in der Darstellung der alten BRD fad und anmaßend. Man brauche sich nicht zu wundern, dass in der DDR aufgewachsene und dort gebliebene Menschen widersprechen und sich zu Wort melden. (Hilmar Thate, „Neulich als ich noch Kind war“, Autobiographie, Verlag Lübbe, 2006, S.250).

Also melden wir uns zu Wort! – Wie war das denn damals?

 

Kapitel 15:   Deutsch

Im Fach Deutsch erhielten wir eine umfangreiche, fundierte Ausbildung zu unserer Muttersprache, sowohl betreffend deren Handhabung als auch deren literarische Produkte. Das spiegelt sich schon in der Stundenzahl wider; vier Wochenstunden in den Klassen neun und zwölf, fünf Wochenstunden in den Klassen zehn und elf.

So wie  Mathematik unterschiedlich beliebt war, war es auch Deutsch. Ich hatte damit kein Problem, andere Mitschüler schon. Das ergab Gelegenheiten, sich für erhaltene Hilfen  von

Klassenkameraden  in den Naturwissenschaften, bei mir Mathe, zu revanchieren.

Unterrichtsfach Deutsch, das war eine Mischung aus Rechtschreibung und Grammatik, aus dem Erlernen und Üben von Ausdrucksweisen wie Erläuterung, Charakteristik, Interpretation, Bildbeschreibung, Gedichtvortrag  und anderes. Daraus ergaben sich wieder verschiedene Möglichkeiten für Klassen- oder Hausaufsätze. Die  Theorien wurden aufgelockert durch Literaturthemen, also dem Lesen von Büchern und Erörterungen der Inhalte.

Zu Beginn der Neun, so lese ich im Klassenbuch, schrieben wir bei Herrn Gand  erst mal ein Diktat. Er wollte wissen, was die Klasse, der er die folgenden zwei Jahre Wissen zu vermitteln hatte, da so drauf hat. In den folgenden Stunden übten wir  intensiv die Arbeit mit dem Duden. Dieses Nachschlagwerk unserer Sprache ist heute wie damals unentbehrlich, sein Besitz unerlässlich bei manchem Diktat, vor allem auch beim Aufsatz und selbstverständlich beim Briefeschreiben. Wer wollte sich dabei schon blamieren!

In Bildbeschreibung übten wir uns an Millets „Die Ährenleserinnen“, an Dürers „Mutter“ und Lea Grundigs „Zärtlicher Vater“.

Zeichensetzung beschäftigte uns und Grammatik, so das ungeliebte Thema Komma, Partizipien, Haupt-  und Nebensatz, Aktiv und Passiv und vieles andere. Das war vor allem in der Neun und Zehn.

Mein Tagebuch – Mittwoch, 29.1.64: „In Deutsch nehmen wir jetzt Grammatik durch .Das ist gar nicht so uninteressant und trocken, denn wir diskutieren in Streitfällen immer mit dem Lehrer; das ist prima!“

Die Literaturthemen in diesen beiden Schuljahren waren vielseitig und begeisterten uns Schüler nicht unbedingt. Am Anfang stand Strittmatters „Tinko“.  Das ging ja noch, da gab`s neben den nicht so interessanten Themen wie Kinderwelt, Großvater, Heimkehrer, LPG und Dorfentwicklung auch mal lustige Stellen.

Als russischen Autor  lernten wir laut Lehrplan erst Gogols  „Revisor “kennen, dann „Ein Menschenschicksal“ von Scholochow, dem Autor des mehrbändigen Werkes „Der Stille Don“.

Mein Tagebuch – Montag, 16.3.64: „In Deutsch jetzt  ,Der Revisor‘ von Gogol, danach ,Ein Menschenschicksal‘  von Scholochow angekündigt.

Mich ärgert aber, dass wir so viel über russische und so wenig über deutsche Schriftsteller sprechen.“

Es gab aber auch noch anderes.

Mein Tagebuch – Donnerstag, 28.5.64: „In einer Woche Literaturarbeit: von ,Kinderschuhe aus Lublin‘ ,Tinko, Revisor über Nibelungen, Hildebrandslied und Walter von der Vogelweide bis Meier Helmbrecht. Uff!“ 

Gerade Hildebrands- und Nibelungenlied  bereitete manchem  große Verständnisprobleme. Ich aber kannte sie schon alle, die Recken aus alter Zeit, König Gunther, Gefolgsmann Hagen und Spielmann  Volker, Dietrich von Bern und Waffenmeister Hildebrand, aus Büchern meiner Eltern, gedruckt noch in Fraktur.

„Kinderschuhe aus Lublin“, das war eine ergreifende Ballade von Johannes R. Becher zum Thema KZ-Vernichtungslager, hier Maidanek.

Dann kam aber gleich wieder russische, nein sowjetische Literatur, also laut offiziellem Sprachgebrauch  aus dem Land unserer Brüder. Wir lästerten dann: Na ja, Freunde kann man sich aussuchen, Brüder bekommt man.

Mein Tagebuch – Freitag, 4.9.64: „In Deutsch behandeln wir jetzt Ostrowskis, Wie der Stahl gehärtet wurde‘. Warum wir nur dauernd russische Schriftsteller lesen! Das kotzt einen langsam an.“

 

Vielleicht erklärend zu dem verwendeten Kraftausdruck: Wir wurden  damals, in der DDR,  überfrachtet mit sowjetischer Literatur, sowjetischen Filmen und anderen Erzeugnissen aus dem Land, von dem wir immer das Siegen lernen sollten. In der Masse dieser Erzeugnisse  gingen dabei wirklich gute und international anerkannte Werke leider unter. Ich denke da an Filme wie „Die Ballade vom Soldaten“ und „Die Kraniche ziehen“, beide von den Schrecken des 2. Weltkrieges handelnd, vom Überfall der Nazis auf die Sowjetunion.

Sicher aber wird jedem meiner Mitschüler wie auch mir  ein Ausspruch des Haupthelden Pawel Kortschagin aus Ostrowskis Roman im Gedächtnis geblieben sein: „Das Wertvollste, was der Mensch besitzt, ist das Leben. Es wird ihm nur einmal gegeben, und er muss es so nützen, dass ihn sinnlos verbrachte Jahre nicht qualvoll gereuen, die Schande einer kleinlichen, inhaltslosen Vergangenheit ihn nicht bedrückt und dass er sterbend sagen kann: Mein ganzes Leben, meine ganze Kraft habe ich dem Herrlichsten in der Welt – dem Kampf für die Befreiung der Menschheit – geweiht.“ (Nicolai Ostrowski, „Wie der Stahl gehärtet wurde“, Verlag Philipp Reclam Jun. Leipzig, 7. Auflage)

Klingt zu heroisch? Na ja…

Im Klassenbuch lese ich  auch, dass es bei der Besprechung des Romans einmal um den Begriff Held ging. Seltsam, und plötzlich gibt es da eine Erinnerung daran, wie ich mich mit dem Deutschlehrer über diesen Begriff gestritten habe. Ich hatte eine ganz andere Meinung als er, wer als Held im Kriege anzusehen ist, fand  zwischen hüben und drüben keinen Unterschied, wenn einer mutig war. Er ließ es gelten.

Weitere Literaturinhalte im zehnten  Schuljahr waren noch Erich Weinert, Volksbuch Dr. Faust, die Periode der Aufklärung mit ihren Dichtern,  G.E. Lessing  mit „Nathan der Weise“. Letzteres natürlich mit ausführlicher Analyse der Ringparabel und Lessings Wertung der 3 Hauptreligionen-Judentum, Christentum, Islam. Ich wünschte mir, dass diese Gedanken stärker in die Menschheit eindringen.

Andere besprochene Autoren sind Willi Bredel (Frühlingssonate), Herder, Goethe (Iphigenie auf Tauris, Prometheus, Das Göttliche),  B. Brecht.

Der Film „Die Abenteuer des Werner Holt“, den wir gemeinsam im Kino sahen, wurde ausführlich diskutiert. Ein beeindruckender Antikriegsfilm.

Mit dem Wechsel in die elfte Klasse gab es auch beim Deutschlehrer einen Wechsel. Herr Reinisch, gleichzeitig Direktor unserer Schule, übernahm. Dazu gibt es auch in meinem Tagebuch einen Vermerk, der mir  die ganz am Anfang  genannte Problematik des Erinnerns nach langer Zeit vor Augen führt. So hatte ich unseren zweiten Deutschlehrer immer als hervorragenden Interpreten des Lernstoffes in Erinnerung, den wir entsprechend achteten, ja bewunderten. Was aber habe ich als damaliger Schüler notiert?

–Donnerstag, 30.9.65: „Herr Reinisch als neuer Deutschlehrer gefällt mir nicht. Er ist furchtbar langweilig.“

– Mittwoch, 13.10.65: „Herr Reinisch kontrollierte in Deutsch, ob wir die Räuber auch wirklich gelesen haben. Ich kann mir nicht helfen, aber Herr Gand  gefiel mir in Deutsch besser. Er machte alles zwangloser.“ 

Ingrid sieht das  etwas anders:  „Den Deutsch- Unterricht der ersten beiden Jahre habe ich insofern in schlechter Erinnerung, weil der Deutschlehrer die alljährliche Behandlung von Strittmatters ,Tinko‘ mit den Worten abtat, dass ihn das jedes Mal wieder …… Strittmatters Stil fand er einfach zu primitiv. Als brave und in ästhetischen Fragen völlig unerfahrene Schülerin war man geneigt, solche Einschätzungen zu übernehmen. Es hat tatsächlich Jahre gedauert, bis ich mir ein eigenes Bild und Werturteil über den Autor erarbeiten  konnte.

Welch ein Segen war dann der Unterricht beim Direktor, Herrn Reinisch. Ich glaube, er ist auch mit verantwortlich, dass ich bei meinem Berufswunsch Lehrer blieb und neben Geschichte das Fach Deutsch wählte. Mit den Naturwissenschaften hatte ich es nicht so.“ 

Reinhard noch kurz dazu:  „Eigentlich waren mir die Lehrer eher schnuppe, es hat mich auch keiner irgendwie sonderlich geprägt, weder im Schlimmen noch im Guten, höchstens Reinischs Deutschunterricht, das war was für mich, der hatte Witz und Grips.“

Jürgen H. hat  noch eine Erinnerung der ganz anderen Art:

„In Deutsch hatten wir als Lehrer ja zwei Jahre unseren strengen Schuldirektor, Herrn Reinisch. Nun muss ich vorausschicken, dass dieses Fach nicht unbedingt meine Leidenschaft war, sondern mir  eher Leiden schaffte. Außerdem befand ich mich damals gerade in der sogenannten ,Sturm- und Drangzeit‘. So kam es dazu, dass eines Tages Herr Reinisch wütend im Unterricht vor mir stand, weil ich meine Hausaufgaben mehrmals nicht erledigt hatte. Er wollte gerade loslegen, stoppte jedoch einen Augenblick, riss sich zusammen und sagte dann zu mir: , Ich bestrafe Sie ein anderes Mal‘. Ich bin heute noch beeindruckt wie er sich in höchster Erregung doch  so beherrschen konnte. Natürlich habe ich am folgenden Wochenende, am Sonntag, meine schriftliche Ausarbeitung an seiner Wohnungstür höflich übergeben.“ 

Und heute, mit dem entsprechenden Abstand akzeptiert man beide Lehrer, jeden auf seine Art, und erinnert sich vor allem an die positiven Seiten beider. Ja, so ist das eben.

Unser Direktor-Lehrer war akkurat, souverän im Vortrag, stets bis ins Detail vorbereitet, versah uns regelmäßig mit von ihm konzipierten Unterrichtsmaterialien. Manches war vielleicht zu gut vorbereitet. Warum wohl? Nur eine Eigenart?

Über den Unterricht in den Klassen elf und zwölf  finden sich ziemlich viele Einträge im Tagebuch. Folgen wir ihnen gemeinsam:

– Mittwoch, 24.11.65:„Heute war Aufsatztag für die Elften. Uns standen 9 Themen zu Wahl, Literatur und allgemein frei. Ich wählte mir ein freies Thema aus: ,Kleider machen Leute‘“.

– Sonnabend, 8.1.66:„In Deutsch schreiben wir einen Hausaufsatz. Wir haben 11 Rahmenthemen zur Wahl. Ich werde mir wahrscheinlich ein Problem über unseren Film suchen.“

Das habe ich auch. – „Brauchen wir Filmstars?“ Klar, brauchen wir, habe ich ausgeführt, aber als echte Vorbilder.

– Mittwoch, 9.3.66:„In Deutsch sprechen wir weiter über ,Nackt unter Wölfen‘. Unser jetziges Thema: ,Das Höhere -Verstand oder Gefühl ?‘ “

Das war auch das zentrale Thema des Buches und des daraus  1963 unter der Regie Frank Beyers entstandenen DEFA-Films.

Die 2015 erstmals im Fernsehen gezeigte Neuverfilmung des Romans interpretierte nun aus anderer  Perspektive und mit dem heutigen Wissensstand den Preis des Widerstandes von Kommunisten in Buchenwald neu. Erfreulich die weitgehende Sachlichkeit, mit der das Thema behandelt wurde. Dem Trend der Zeit folgend finden sich im neuen Film auch äußerst grausame Szenen, „um den Zuschauer zu sensibilisieren“. Das war bei der Erstverfilmung des Romans vermieden worden.

Dieses Buch hat unsere Generation in ihrer Haltung zum Antifaschismus nachhaltig geprägt, zu einer Zeit, als die Schulbücher in der BRD hier große Lücken hatten und 1963 der Hitler-Nachfolger Karl Dönitz in einem Gymnasium bei Hamburg eine Unterrichtsstunde zum ,Dritten Reich‘ hielt. Dieser Auftritt des im Nürnberger Prozess gegen die

Hauptkriegsverbrecher verurteilten ehemaligen Großadmirals sorgte weltweit für einen Eklat.(SPIEGEL ONLINE EINESTAGES18.11.2011, Johanna Lutteroth „Dönitz erzählt vom Krieg“)

In der Gegenwart erlebe ich das Bemühen, möglichst die gesamte antifaschistische Tradition der DDR zu diskreditieren und als kommunistische Propaganda abzutun. Weil die ehemalige BRD zu diesen Zeiten andere Traditionen vorzog?

So wie sogenannte  Spezialermittler jetzt, kurz vor deren Ableben, Wachmänner des KZ Auschwitz entdecken, soll nun im neuen Buchenwald-Film endlich das Grauen vom KZ richtig gezeigt werden. Bei Apitz kam ja so wenig davon vor. – Kommt es darauf an?

In der Sächsischen Zeitung vom 7.11.2014 wird im Interview (Oliver Reinhard) mit einem dabei gewesenen Juristen (Gerhard Wiese) berichtet,  wie es 1963 in der ehemaligen Bundesrepublik  mit dem Auschwitz-Prozess  zu einer gewissen Öffnung des „Labyrinths  des Schweigens“ kam. Am Schluss des Gesprächs erklärt der Jurist das Verdienst des Prozesses: Endlich wäre  rechtskräftig festgestellt und damit bewiesen worden, was in Auschwitz tatsächlich geschah. Erst seitdem sei das eine historische Tatsache und es könne nun niemand mehr ernsthaft behaupten, die Gaskammern und millionenfachen Morde, auch an kleinen Kindern, habe es nicht gegeben.

Und was war mit den Nürnberger Prozessen, was mit den Dachauer Prozessen,  was mit dem 1947 nach Gerichtsverfahren in Polen hingerichteten Lagekommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß, was war mit dem nach Gerichtsverfahren in Israel 1962 hingerichteten Adolf Eichmann……?  – Endlich wurde bewiesen, dass es das wirklich gab!

Aber ich schweife wieder mal ab. Was gab es noch in Deutsch-Literatur?

– Sonnabend, 19.3.66:„ Klassenaufsatz, Filmthema gewählt, etwa ,Unterhaltungsfilm kontra  Arbeitsfilm“

– Mittwoch, 30.3.66:„In Deutsch werden jetzt ,Die Geschwister‘  von Brigitte Reimann behandelt.“

– Sonnabend, 9.4.66:„Buch ,Der geteilte Himmel‘ gekauft – kommt demnächst in Literatur dran.“ 

Die Themen lassen zunächst aufhorchen.

Im  Dezember 1965 hatte  das 11. Plenum des ZK der SED stattgefunden. Der ursprünglich als Wirtschaftsplenum  konzipierte Gipfel entwickelte  sich zu einer Kahlschlag-Diskussion der Jugend- und Kulturpolitik. Die Situation beschreibt der Filmregisseur Frank Beyer treffend mit  seinem Buchtitel „Wenn der Wind sich dreht“. Zahlreiche schon fertige Spielfilme und Theaterstücke wurden verboten, u. a. auch „Die Spur der Steine“.

Die Romane von Brigitte Reimann und Christa Wolf waren bereits 1963 erschienen. Wie nun diese interpretieren? Mein Mitschüler Reinhard hat wenige Erinnerungen an die Schulzeit, aber eins sei ihm aufgefallen, schreibt er mir:

„Im Nachhinein ist mir höchstens  bewusst geworden, wie keck Reinisch den Deutschunterricht gemacht hat (politisch keck).“

Wie meinst du das, habe ich nachgefragt.

Nochmal Reinhard:

„Es waren doch starke, realistische Momente in den Büchern damals – ,Der Geteilte Himmel‘, Die Geschwister‘, ,Ankunft im Alltag‘. Die hat Reinisch ja wohl nicht ohne Grund uns nahe gelegt. Wir haben die Dinger damals freimütig durchexerziert. Hatte einen Hauch Dissidententum und  mich ziemlich beeindruckt;  noch viel mehr sogar erst im Nachhinein; es gab ja, wie man heute weiß, sehr viel Ärger höheren Orts damals um diese Autoren. Der Blick auf die Arbeiterklasse und die Kleinbürgergenossen war doch ziemlich sarkastisch.“

Im Nachhinein, mit 50 Jahren Abstand, ist manches leichter  zu verstehen, anders zu deuten. Mancher Heutige, kluge Sätze schreibend und schnelle Urteile liefernd, hat das noch nicht verstanden. Wie sagte doch früher  einer meiner  Chefs so schön? – „Hinterher, da scharr`n die Hühner“.

Unser Lehrer bemühte sich, die Situation zu begreifen und das begreifbare uns Schülern zu vermitteln. Mit Sicherheit war das eine Gratwanderung für ihn.

Bei der Bewertung dieser Dinge darf man nicht übersehen, dass die Belletristik der DDR auch die Funktion einer „kritischen Öffentlichkeit“  hatte, die die gelenkte Presse nicht übernehmen konnte. Dabei erlernten wir im Laufe der Zeit das Lesen zwischen den Zeilen, das Verstehen von verschlüsselten Botschaften.

In „Die Geschwister“ von Brigitte Reimann setzten sich  junge Leute r über die verkrusteten DDR-Machtstrukturen auseinander, sie sinnieren beziehungsweise wettern darüber. Uli, ein junger Wissenschaftler, will Schiffe bauen. Als  Frage steht dann, ob das genügt oder ob er nicht darüber nachdenken sollte, wofür  oder für wen. Eigentlich ein aktuelles Problem. Denken wir Deutsche noch nach, wofür wir technisch hervorragende Waffen bauen oder für wen?

In Christa Wolfs „Geteiltem Himmel“ zerbricht an der deutschen Teilung die Liebe zweier junger Menschen, Rita und Manfred. Nicht nur das Land ist geteilt, auch die Ideologien sind grundverschieden und prallen aufeinander.

Christa Wolf vermeidet typische Inhalte sozialistischer Propagandaliteratur. Sie schildert kritisch  die Situation der Wirtschaft und die Gründe für die mangelhafte materielle Versorgung der Bevölkerung. Auch menschliches Fehlverhalten, Dogmatismus, erfährt Kritik. Das war damals nicht selbstverständlich.  Am Ende überwiegt  der positive zuversichtliche Gedanke. Nur so war eine Veröffentlichung des Romans überhaupt möglich.

Und Reinhard ergänzt treffend für die Heutigen: „ Christa Wolf beschrieb ja zugleich eine immer gültige Lebensweisheit: Der jugendliche Elan, sich für eine für gut gehaltene Idee einzusetzen, der kann, wenn denn ihre Behauptung nicht ins Diktatorische, ins Unmenschliche kippt, etwas sehr Schönes, Erfüllendes, etwas Lebenssinn-Stiftendes sein, selbst wenn man dabei viele Federn lassen muss und es nicht gut     ausgeht .Dafür wird man halt auch ein bisschen klüger. Das wollen wir, bei allem späten Wissen um Vergeblichkeit, nicht ganz vergessen. Denn der, Himmel‘ teilt ja nicht nur ideologische Systeme, er vermag auch gegensätzliche Lebensansprüche zu trennen.“ 

Aus dem klassischen Erbe lernten wir Schillers „Die Räuber“

und „Kabale und Liebe“ kennen und ganz ausführlich natürlich Goethes „Faust“.  Der hat manche wohl an den Rand der Verzweiflung gebracht. Und ehrlich, so richtig begriffen habe ich ihn eigentlich erst viel später  – „ Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der ständig sie erobern muss.“

Was wäre noch zu erwähnen? Ja, natürlich Heinrich Heine, sein „Wintermärchen“, nicht zu vergessen Brechts „Leben des Galilei“, hier besonders die Verantwortung des Wissenschaftlers, Hintergrund der „erste Sündenfall der Atomphysiker“ – Bau und Anwendung der Atombombe, später auch Weiterentwicklung dieser furchtbaren Waffe.

In Friedrich Wolfs Drama „Professor Mamlock“ ging es um die Judenverfolgung in Deutschland, Ursachen und Wirkungen.

Ja, wir haben uns mit der Judenverfolgung im faschistischen Deutschland beschäftigt. Erstaunt lese ich jedoch  auf einer Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung unter anderem, eine  Auseinandersetzung um Schuld und Mitverantwortung an den Verbrechen des Nationalsozialismus, wie sie in der BRD ab Ende 1950er Jahre zögernd begann, sei in der DDR nie geführt worden. “ (Dr. Thomas Haury „Antisemitismus in der DDR“, Internet bpb, 28.11.2006)

Donnerwetter, da staune ich aber. Auch hier wird aus heutiger Sicht in die damalige Zeit hineininterpretiert, ohne Zusammenhänge zu berücksichtigen. Die DDR unterschied damals, anders als die BRD,  zwischen Zionismus und Judentum. Das hatte Ursachen in der Bündniszugehörigkeit dieser Staaten. Und ein ehemaliger FDP-Politiker wurde mit der antisemitischen Keule  von anderen bundesdeutschen Politikern geprügelt, weil er sich zur Palästinenserpolitik des Staates Israel kritisch äußerte. Das war 2002. Inzwischen hat man  auch hier gelernt zu unterscheiden.

Mit „Mario und der Zauberer“ erlebten wir im Deutschunterricht den Aufstieg und den Fall eines Diktators, hier des Zauberers Cipolla.

Ende 1965 finde ich, im Klassenbuch der Elf die Deutschthemen lesend, noch folgende Einträge:

Schönheit und Zweckmäßigkeit,

Kunst und Kitsch,

Ursachen der Jugendkriminalität,

Diskussion über das Gammlerproblem.

Eigentlich sind das doch keine in das Fach passenden Themen? Doch ein Blick in den Kalender zeigt, da war ja gerade dieses 11. Plenum gewesen!  Schon vorher gab es zunehmend Gegner der als westliche Beeinflussung empfundenen Beatmusik, kann man jetzt nachlesen. So kam es dann in Leipzig zu einem Auftrittsverbot der „Butlers“ und zahlreicher anderer Beatgruppen. Dem folgte in der Innenstadt von Leipzig eine Protestdemonstration von bis zu 2500 meist jugendlichen Beatanhängern, die sofort durch die Polizei gewaltsam aufgelöst wurde. Eine  Argumentationshilfe für die Gegner der Beatbewegung bot ein Konzert der Rolling Stones in der Westberliner Waldbühne am 15. September 1965, bei dem es zu Krawallen gekommen war. Ob wir das damals so mitbekommen haben, vor allem das Ereignis in Leipzig ? Ich glaube, das war bei der damaligen  Berichterstattung gar nicht möglich, erst recht bei uns im ehemaligen Bezirk Dresden, genannt das  Tal der Ahnungslosen, weil hier der Empfang des Westfernsehens nicht  oder fast nicht möglich war.

Gammler war  eine abwertende Bezeichnung, die sowohl in der alten Bundesrepublik wie auch in der DDR für jugendliche Anhänger der Rockmusik verwendet wurde, die meist lange Haare trugen sowie oft mit Jeans und Parka bekleidet waren.

Wahrscheinlich gab es dann für die Schulen die Weisung, das „Gammlerproblem“  zu verhindern, vor allem die langen Haare.

Auch im Raum Dresden war die Mode der längeren Haare angekommen, bei einigen unserer Klasse ebenfalls. Das wieder sahen die Lehrer nicht gern. Jürgen L., der in der mittleren Bankreihe vor mir saß, hatte sich für den neuen Frisuren-Trend begeistert. Hallo, weißt du das noch?

Ja, er erinnert sich und schreibt mir dazu folgendes: „ Ich bin ja nun ein Typ, der kaum in der Vergangenheit lebt. Daher habe ich vieles vergessen und kann mich auch an vieles nicht mehr so erinnern.

An eine Episode erinnere ich mich allerdings noch: Ich war etwas erkältet und hatte so ein buntes Halstuch um, über das sich meine Locken kringelten. Ein Lehrer  wollte mich zum Frisör schicken und hat mir sogar noch eine Ostmark dafür angeboten. Irgendwie habe ich das aber abgelehnt.

Es war ein Freitag, das weiß ich noch, da ich am Abend immer Tischtennis-Training hatte. Und mitten im Training erschien plötzlich meine Schwester und meinte, ich solle sofort nach Hause kommen und zum Frisör gehen. Unser Klassenlehrer war bei uns gewesen und hatte gesagt: Ohne Frisör brauchte ich morgen gar nicht erst in der Schule erscheinen. Wir hatten damals ja noch samstags Unterricht.

Na, da bin ich eben zum Frisör. Erstaunlicherweise hatte   sogar am Abend noch ein Frisör auf – ich glaube auf dem Dohnaischen Platz (früher Platz der Solidarität).

Ich denke, meine Eltern haben das ziemlich locker gesehen. Aber sie waren sicher besorgt, dass ich mir durch sowas meine Zukunft verbaue.

Geärgert hat mich nur, dass mein Klassenkamerad Hans-Werner nun den Wettstreit, wer von uns beiden am längsten nicht zum Frisör geht, gewonnen hatte.

Wie ich jetzt darüber denke? – Pippifax! Nur wenige Jahre später wäre ich  mit meinen etwas längeren Löckchen ja ein Waisenknabe gewesen!

Ich will mich jedenfalls nicht als Regimegegner, Systemopfer hinstellen, was ja jetzt viele tun – obwohl sie damals genauso stillgehalten haben wie die meisten!“ 

Mit Reinhard tausche ich mich heute, mit heutigem Wissen, heutiger Erfahrung und 50jähriger Erinnerung zu dem Thema aus: „Zu den Haaren von Jürgen L., das hat mich damals insgeheim sehr bewegt. Ich habe mit niemandem  darüber gesprochen, fand es aber ungeheuer feige von mir, da nicht öffentlich gegengehalten zu haben. Wir haben alle still gegrinst– ja pippifax–  aber eben unglaublich feige, schäme mich noch heute. Gerade feige auch, weil es nur um Haare  und nicht um Dissiddentisches oder höhere Politik ging. Aber wir haben geschwiegen, anstatt solidarisch zu motzen, wie es unserem Alter entsprochen hätte. Schade und sehr spießig!“

Meine Antwort: „Zu der Haar-Geschichte: Ich glaube, du brauchst dich da nicht schämen. Aus meiner Sicht, und die ist ja bei jedem anders, haben wir das damals, im Tal der Ahnungslosen, so kritisch nicht wahrgenommen. Gut, da waren zwei oder drei  Mitschüler, die auf einmal längere Haare wollten. Viele von uns anderen waren da eher noch konservativ und fanden das eben irgendwie komisch, sehr extravagant oder so. Und die  Auseinandersetzung

zwischen den betreffenden Mitschülern und einigen, nicht allen Lehrern verfolgten dann viele wohl, auch ich, mit einem gewissen sportlichen Interesse – wer bleibt Sieger. Andernorts und anderswo muss es da regelrechte Entgleisungen gegeben haben, zwangsweises Haareschneiden. Aber das war dann wohl ein Extrem, das nicht verallgemeinert werden kann. Hatten wir das Glück, an einer doch mehr humanistisch geprägten Schule, eben mit mehr Toleranz, zu lernen?“ 

Reinhard noch mal dazu: „Jaja mein Lieber, das ist irre unterschiedlich mit der Wahrnehmung.

Das mit den Haaren steht vielleicht in einem anderen Kontext.  Also ich hatte damals, warum auch immer, mich mit der Judenverfolgung beschäftigt. Mich hat dabei umgetrieben, wie das war, als man plötzlich den Nachbarn verlor oder zunächst ausgrenzte, nicht mehr grüßte und so. Das habe ich auf die Haargeschichte  übertragen. Also einer tanzt, warum auch immer, aus der Reihe. – Was banales  eigentlich. Trotzdem  kriegt der also eins über,  und keiner sagt was. Alle ducken sich  weg. Das fand ich extrem schäbig, auch von mir selbst. Und das hat sich halt so eingebrannt.“

Später, Anfang der 1970er Jahre, als sich der Wind  wieder einmal drehte, hatte die männliche Langhaarfrisur sich längst durchgesetzt, auch bei mir.

Was die Kitschfrage betrifft, die behandelte unser Lehrer  gern an Beispielen.

Eins hat sich Reinhard besonders eingeprägt:  „Kunst und Kitsch, dieses Thema bei Reinisch ist  mir noch genau erinnerlich. Der zitierte da eine Schlagerzeile aus, Ein himmelblauer Trabant‘. Darin  kommt die Wendung vor, und es duftet nach Benzin‘. Über das, duftet‘  hat er sich herrlich ironisch ausgelassen, und da habe ich Kitsch kapiert. Hätte mir  ansonsten vorher gar keine Gedanken über ein solches Wort gemacht –im Zusammenhang mit Benzin“. 

Obligatorisch war beim schriftlichen Abitur ein Aufsatz. Also wurde noch mal geübt, mit Themen, die eventuell so oder ähnlich dabei sein könnten.

Mein Tagebuch – Donnerstag, 20.10.66: „Der Aufsatz ist auch geschafft! Alle Themen, außer dem achten, waren Zitate, die wir erklären und zu denen wir Stellung nehmen mussten, mit Hilfe unserer Faust-Erkenntnisse. Mein Thema, ein Zitat aus ,Die Abenteuer des Werner Holt‘, Bd. II, hieß etwa: , Wir haben uns damit abzufinden, dass die Menschheit höchst unvollkommen ist, ja missraten erscheint‘ “. 

Mein Klassenkamerad Dietrich lässt mich staunen: „Es klingt unwahrscheinlich für eine sozialistische Schule, aber meine Weltverbesserungsideale, die mir heute noch anhängen, kann ich nicht (nur) aus dem Religionsunterricht haben, sondern muss sie aus dem Deutschunterricht, aus der Behandlung des Faust und wer weiß was noch mitgenommen haben. Auch trotz des gepredigten sozialistischen Humanismus.“ 

Wenn in diesem Fach auch mancher Tropfen Schweiß geflossen ist, die 4 Jahre waren nicht vergebens. Wir haben manches mitgenommen ins weitere Leben, auch wenn das erst später begriffen wurde. Danke!