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Die Ärzte  Dynastie Aly  bilden Ärzte aus drei Generationen: Dr. med. Wilhelm Aly Vater, Dr. med. Werner Aly Sohn und Dr. med. Andreas Aly Enkel. Die erste zwei haben gelebt in Bad Oeynhausen, der Dritte hat als seine Wahlheimat Stockholm  gewählt.

Dr. med.  Wilhelm  Aly,  Sanitätsrat und Badearzt (1895-1928),  hatte sich, von Lensahn /Ostholstein kommend, in Bad Oeynhausen an der Herforder Straße 27 niedergelassen. Er war bis 1928  als  praktischer  Arzt in Bad Oeynhausen   tätig, viele Jahre war er Stadtverordneter und Vorsitzender des „Verschönerungsvereins“.  Er veröffentlichte im Jahr 1906 die Schrift mit dem Titel: „Rollstuhl – ein Heilmittel“. „An keinem Ort der Welt ist der Rollstuhl ein derartig vielbenutzte Gegenstand, wie in unserem Bad Oeynhausen, wo hunderte von Kranken und mehr alljährlich zusammenkommen, die nicht mehr über den freien Gebrauch ihrer Gehwerkzeuge verfügen und die  infolgedessen gezwungen sind, sich in einem Wagen fahren zu  lassen. Unsere Erfahrungen in Bezug auf Alles, was dem Gebrauch  eines Krankenstuhls betrifft, sind daher die umfassendsten, und aus diesem Schatze schöpfend,  erlaube  ich mir allen Patienten und  Kurgästen die folgenden Skizzen  der  Öffentlichkeit zu übergeben“.

„Fahrstühle“ wurden früher nicht nur Gehbehinderten, sondern auch Herzkranken verordnet, die man,  im Gegensatz zur heutigen Anschauung, nicht im Rahmen ihrer verbliebenen körperlichen Leistungsfähigkeit belastete, sondern völlig ruhig stellte. Die meisten Rollstuhlfahrer waren seit   1844 bis etwa 1927 s.g. Tabiker. Tabes  dorsalis,  auf  Deutsch  Rückenmarks-schwindsucht,  ist eine späte Erscheinung von Syphilis, was  bis   zur Entdeckung  von Salvarsan im  Jahr  1909  weit verbreitet  war. Schon in den achtziger Jahren schlossen sich die auf den Rollstuhl angewiesenen Kranken in der „Rollstuhl-Batterie“ zusammen, zu deren Mitgliedern  auch Bürgermeister Paul Baehr   gehörte. Eine Zeitung  namens „Die  Badehose“ wurde herausgegeben.

Außer Schriften über die Rollstühle hatte Dr. Wilhelm Aly noch die Arbeit „Oeynhausen und seine Erfolge bei Gelenkrheumatismus, Gicht und anderen Gelenkkrankheiten“ publiziert. Diese Arbeit hat in Fachkreisen von sich reden lassen.

Das Haus an der Schulstraße  48,  das  erste moderne Haus mit behindertengerechte Wohnungen für Rollstuhlfahrer, wurde zum „Dr.-Wilhelm-Aly Haus“ benannt. In diesem Haus wohnen  auch  heute  noch Menschen mit einer Gehbehinderung, die ganz oder teilweise auf dem Rollstuhl angewiesen sind.

Die Fremden, die nach Bad Oeynhausen kamen, konnten sich schon auf dem Bahnhof von einem Rollstuhlschieber bedienen lassen. Diese Rollstuhlschieber waren polizeilich zugelassen. Der Dienstmann trug  eine dunkle Jacke und eine dunkelblaue Mütze mit  Kontrollnummer; die Dienstfrau trug eine schmale hellblaue Binde mit der Nummer auf dem linken Oberarm. Nach der Verordnung von 1902 betrug der Tarif für eine Stunde für den Mann  75 Pfennig, für die Frau 60 Pfennig Für den ganzen Tag betrug der Tarif 4,25 Mark für den Mann  und für die Frau 3,25 Mark. Nach dem ersten  Weltkrieg  kamen zusätzlich die  Schwergeschädigten.   Später wurden die Rollstühle  in steigender Zahl, elektrisch oder durch einen Benzinmotor betrieben.

Dr. med. Werner Aly (1899-1983) war seiner Zeit Oberstabsarzt und hat als Oberarzt das Teillazarett in den Johanniter-Ordenshäusern geleitet. Er ist  mit  unserer   Stadtgeschichte  sehr verbunden. Sein  Name  ist vielen älteren Bürgern unserer Stadt deshalb geläufig, weil der 3. April 1945 ein bedeutungsvoller Tag seines Lebens war, als er durch die  Übergabe der Stadt Bad Oeynhausen an die Amerikanern, unsere  Stadt vor weiterer Zerstörung gerettet hat. Über diesen Tag hat Dr. Aly selbst auch berichtet. Er erzählte über diesen Tag „Am 3. April, etwa morgens 6 Uhr,  rief  uns Herr Heising an, er setze sich  mit  einer Truppe  über die Weser ab, das Lazarett habe freie Verfügung.

Der  Chef des Gesamtlazaretts, Oberstabarzt Dr. Gehlen rief mich sofort: „Aly, fahren sie los und übergeben Sie die Stadt“. Ich lief  zum Sanatorium Weidner hinüber, ein Betttuch wurde heruntergerissen, und ich setzte mich auf mein kleines NSU-Motorrad und fuhr mit einem Hauptmann Krüger in Richtung Herford los. Der amerikanische Beschuss Bad Oeynhausens hatte schon begonnen, und ich fuhr in Richtung der feuernden Panzer, die ich etwa in Höhe der Witteler Schule erreichte. Man brachte uns dann im Jeep zum „Witteler Krug“.

Bunovic- Hotel Wieseler Krug

        Hotel „Witteler Krug“  (Foto: privat)

Hier war der Gefechtstand der Amerikaner. Ich erklärte einem amerikanischen Offizier meinen Auftrag. Oeynhausen zu übergeben. Er wollte mir nicht glauben …. Schließlich machte ich ihm den Vorschlag, er sollte uns doch auf einem Panzer setzen. Das leuchtete ihm ein, und wir fuhren auf dem Kühler des Panzer-Späh-Wagens  nach Oeynhausen  herein“.

Dr. Aly wickelte dann in der Stadt  die Übergabe-Verhandlungen ab, machte die Amerikaner aber auch noch auf verbliebene Wehrmachtgeschütze aufmerksam, durfte dann, nun im Jeep, die Stellungen abfahren. Sein Bericht: „Ich war natürlich sehr froh, dass kein Schuss fiel, sonst wäre die Situation sehr unangenehm gewesen.“ Die Chronik berichtet darüber, dass am   3. April  um 15:15 Uhr, die friedliche Übergabe unserer Stadt vollzogen war. Die Uhr, die Dr. Aly abgenommen wurde, hat er nicht wiederbekommen“. Die Amerikaner brachten mich dann nachmittags  gegen  4 Uhr in unser Lazarett. Sie bedankten sich bei mir in sehr höfflicher Form für die Hilfe, die ich ihnen geleistet habe. Beide Offiziere sprachen deutsch, und beide waren Studenten in Heidelberg gewesen“.

Mit  der  Übergabe  am 3. April 15:15 Uhr begann  für Bad Oeynhausen das Militärrecht. Was  das in der Folge zu bedeuten hatte, stelle sich in seiner ganzen Bedeutung erst einen Monat später heraus. Feldmarschall B.K. Montgomery, Viscount of Alamain und Oberbefehlshaber der britischen Besatzungs- und Rheinarmee, wählte Bad Oeynhausen zum Sitz seines Hauptquartiers.

Bunovic - Kochanek

(Repro: Hans-Jürgen Kochanek, Westfalen-Blatt 18.01.97)

Es musste innerhalb von neun Tagen die Räumung  der Stadt in einem bestimmten Bereich abgeschlossen sein, etwa den Bereich zwischen Nordbahn und Schulstraße, zwischen Osterbach und Siegfriedstraße, Rolandstraße, Reuterstraße (heute Tannenbergstraße), dazu waren noch verschiedene öffentliche Gebäude zu räumen, der Bahnhof erhielt einen neuen Zugang, das Rathaus von Bad Oeynhausen lag  plötzlich in Eidinghausen. Mehr als die Hälfte der Bad Oeynhausener musste ausziehen, rund 55 Prozent der Wohnungen, nämlich 1807, wurden beschlagnahmt, 23 Prozent der Stadtfläche war besetzt.

Bunovic - Herfoder Str.

Herforder Str. 27, jetzt die „Alte Kaffestube“.     (Foto: privat)

Die  Idee,  eine  Gedenktafel  zu  Ehren  des  Vaters  und  Sohnes  zu  entwerfen, entstand   eher  zufällig  beim  Kaffeetrinken.  Neben  dem  Text,  der  auf Dr. Wilhelm  Aly  wie  auch  auf  Dr.  Werner  Aly   hinweist,   und  dem  Bad Oeynhausener  Stadtwappen,  ist auf der hellen  Email-Tafel das Familienwappen zu sehen.  Ein  Fez   weist  auf  den  Ursprung der Familie  Aly  hin,  die sich  ins 17. Jahrhundert  ins  damalige  Osmanische  Reich   zurückverfolgen  lässt.  Diese Tafel  befindet  sich  in  der  Herforder  Straße 27,  indem  sich  auch  die Praxis befunden  hat. In diesem Haus befindet sich heute  die „Alte Kaffeestube“.

Bunovic - Gedenktafel Alte Kaffeestube 

Gedenktafel neben der Eingang von der „Alten Kaffeestube“ (Foto: Manfred Taborsky)

Über den  erwähnten  Fez  sollte etwas mehr gesagt werden. Es besteht ein Orden, dessen Mitglieder ein Fez tragen. „Shriners, Ancient Arabic Order of Nobles of Mystic Shrine“, „Alter arabischer Orden der Edlen vom mystischen Schrein” ist eine mehr als 600.000 Mitglieder zählende Vereinigung amerikanischer Hochgradfreimaurer, sie tragen Sorge für behinderten Kinder in größtem Stil. Shriner können nur  Freimaurer werden, die den 32 Grad des Schottischen Ritus, bzw. die entsprechende Gradstufe der Knight Templar besitzen. Der Orden ist aber keine Freimaurerische Organisation  im  eigentlichen  Sinne des Wortes. Die Gründer waren: D. Walter M. Fleming und William I. Florence von New York im Jahr 1871. Die alljährigen Konvente, zu denen „Karawanen“  von Schreiners mit Fez und vielfach sehr bunter orientalischer Bekleidung und ihre Familien „pilgerfahrten“, vereinigten sehr viele Menschen zu bunten Paraden in der  Öffentlichkeit.

Nach dem Krieg begannen die Shriner  in  imposantester  Weise,  die Fürsorge für behinderte Kinder zu organisieren, die sie in Amerika möglichst ganz in die Hand nehmen möchten. Sie errichtete zu diesem Zweck eine große Zahl verbindlich geführter  Spitäler und Studienanstalten. Das  Motto  der  Shriner ist  das arabische  „Kuwat  wa  Ghadub“, lateinisch „Robur et Furor“, auf Deutsch  gesagt „ Kraft  und  Freude“.  Ob diese Erklärung auch  den  Fez  auf  der Gedenktafel  betrifft, kann man nicht mit Sicherheit sagen.

Bunovic - Familie Aly

Hier sitzen zwei Generationen der Ärzte-Aly-Dynastie an einem Tisch: Vater Werner Aly  und  sein Sohn Andreas Aly, der aus Stockholm angereist war. Das dritte Mitglied der  Familie Aly ist  Bergassessor Herbert Aly, Bruder von Werner,  aus Bochum angereist. Alle drei mit ihren Gattinnen. Dieses Familientreffen fand am 20.01.1997 statt. (Anm. des Hrsg: genaue Beschreibung siehe Brief im Anschluss an diesen Artikel!)

Am 3. April 1945 hat Dr. Werner Aly die Stadt Bad Oeynhausen den Alliierten übergeben und damit vor weiteren Zerstörungen bewahrt.  Wir, Bürger von Bad Oeynhausen, sind Dr. Werner Aly sehr dankbar, dass er unsere geliebte Stadt gerettet hat. Durch seine Tat ist er vielen der älteren Bürger von Bad Oeynhausen in Erinnerung  geblieben.

Copyright Dr. Thomir Bunovic

Nachtrag:

Am 19. September 2014 erhielten wir von Herrn Andreas Aly den folgenden Brief, den wir hier mit seiner Erlaubnis veröffentlichen.

 

Sehr verehrter Kollege Bunovic!

Mit viel Vergnügen habe ich Ihren Artikel über meinen Grossvater Wilhelm Aly und meinen Vater Werner Aly gelesen.

Ein paar kleine Anmerkungen:

Mein Grossvater ist 1860 geboren.

Die „Ärztedynastie“ Aly ist größer, als man glauben kann:

Mein Vater hatte vier Söhne, von denen drei (3) Ärzte wurden:

Friedrich Wilhelm (1925-2012), Professor, Chefarzt der Inneren Klinik Wolfsburg.

Karl-Otto (geb 1930), lebt in Schweden, hat sich vor allem Naturheilverfahren gewidmet, jetzt in Pension.

Andreas (geb 1944), lebt in Schweden, Dozent, Magen-Darmspezialist, als Pensionär noch klinisch tätig.

Sohn Herbert (geb 1928) ist pensionierter Bergassessor.

In der nächsten Generation (Enkel meines Vaters Werner) hatte Friedrich-Wilhelm einen Sohn, Johannes, der Arzt wurde, aber früh verstarb.

Ich habe einen Sohn, Markus (geb 1976), der Facharzt für Urologie am Karolinska Universitätskrankenhaus in Stockholm arbeitet.

Schließlich hat mein Vater noch eine Enkelin, die Ärztin ist, Ann-Christine Seeliger, Allgemeinarzt in Bonn.

Auf dem Photo vom Familientreffen in Ihrem Artikel sind abgebildet von links: meine Schwester Elsa-Dorothee Wnendt (lebt in Bonn), Irmgard Hegenberg (verstorben, Lebensgefährtin meines Bruders Herbert), mein Bruder Herbert, ich (Andreas), mein Bruder Friedrich-Wilhelm Aly (verstorben) und seine Frau Sigrid Aly (geb. Lehmann, alte Oeynhauser Zahnarztamilie). Das Photo wurde 1997 aufgenommen anlässlich der Gedenktafel an der „Alten Kaffeestube. Da war mein Vater Werner bereits seit 14 Jahren tot.

Für Sie vielleicht interessant zu hören ist, dass mein Vater seine schwedische Frau (meine Mutter) zusammen mit meinen 2 Schwestern und mir in dunkler Nacht im März  1945 nach Lübeck fuhr, von wo die sog. Weissen Busse (ein Abkommen zwischen Prinz Bernadotte und Himmler) KZ-Häftlige, aber auch schwedische Staatsbürger mit ihren Kindern nach Schweden in Sicherheit abtransportierte. Wir kamen dann 1947 wieder zurück, nachdem mein Vater in Bad Meinberg eine neue Existenz aufzubauen versuchte. Dies gelang ihm, und deshalb kehrte die Familie nicht nach Bad Oeynhausen zurück, als das Haus in der Herforder Strasse wieder freigegeben wurde.

Der Vater meiner Großmutter Elsa Aly, geb Voigt, war auch Arzt, so dass mein Sohn jetzt die 5. Ärztegeneration ist.

Die Familie Voigt ist, soweit ich weiß, auch immer noch im Arztberuf tätig.

Dies nur als kleine Ergänzung zu Ihrem für unsere Familie sehr interessanten Artikel.

Mit freundlichen Grüsse

Andreas Aly