Print Friendly

Franz Marschang

„Am Wegrand der Geschichte“, Banat-Tetralogie, Band IV

(„Die andere Welt“)

Mit freundlicher Genehmigung der Verlags- und Imprintgruppe R. G. Fischer, Frankfurt

Bei Oulu – Universitätsstadt, lutherische Bischofsstadt und Zentrum vieler Industrien – bezogen die Nordlandreisenden – Familie Mann und Verwandte aus Freiburg – erneut ein gut organisiertes und weiträumiges Camp in der Absicht, hier eine größere Ruhepause einzulegen. Einen ganzen Tag lang wollte man die Stadt erkunden. Gemessen am Stockholmbesuch oder gar an der frustrierenden Durchfahrt durch Kopenhagen würde es eine behagliche Umschau werden.

Am beeindruckendsten erschien den Besuchern das Freiheitsdenkmal. Man wusste ja dumpf aus dem Schulunterricht, dass die finnische Geschichte von den Schweden und – vor allem im 19. Jahrhundert – von den Russen dominiert war. 1917 erklärte sich Finnland unabhängig, doch das 20. Jahrhundert erwies sich von Anfang an als das Jahrhundert der Marxisten, besser gesagt, der Kommunisten diverser Couleur. Die unter den Finnen strebten den Anschluss an die junge Sowjetunion an. In einem viermonatigen blutigen Bürgerkrieg brachte General Mannerheim dieses kommunistische Ansinnen zu Fall. Die Freiheitsstatue in Oulu erinnerte daran und bezeugte zugleich den Freiheitssinn der Finnen.

Die Gestaltung des Denkmals fanden die Betrachter ungewöhnlich. Kerzengerade aufgereckt eine imposante Männergestalt – wohl Sinnbild des finnischen Volkes –, hinter dem linken Arm, zum Teil den eigenen Rücken deckend, ein eherner Schutzschild, während zugleich die erhobene und durchgestreckte Rechte die Fahne wie einen Speer hochhält; das Banner der Freiheit flattert in den finnischen Himmel.

Der zweite Tag bei Oulu war für eine Grillveranstaltung reserviert, vor allem deshalb, weil das große Camp, zusätzlich zur Kantine, auf dem waldigen Gelände eigens eine Grillstätte bereithielt.

Sie erwarben bei einem Metzger in Oulu einen tüchtigen Rindshappen. Keiner sollte zu kurz kommen, und was übrig blieb, konnte man gegrillt auch noch am nächsten Tag konsumieren. Unter den mitgebrachten Vorräten fanden sich Käse und Ketchup, saure Gurken und Senf, Salz und Pfeffer für die Zubereitung und Ergänzung. Anstelle von Zigeunerspeck sollten diesmal Äpfel auf Holzspießen über die Glut gehalten werden – Bratapfelduft als Stimmungsfaktor einkalkuliert! Mineralwasser, Säfte und Dosenbier standen bereit. Mochte jeder nach Lust, Laune und Geschmack einen gemütlichen Nachmittag verbringen!

Die Campverwaltung stellte beliebig Birkenscheite zur Verfügung. Holz war hier keine Mangelware. Weil Rundholz nicht so gut brennt, griff Horst zur Axt und begann die Scheite der Länge nach zu spalten. Auch eine Art Fitnesstraining!

Nach einer Weile kam Karl und staunte nicht schlecht: „Sapperlot, du bist aber fix! Das ist ja schon ein ganzer Holzstapel.“

Horst zwinkerte ihm zu: ,,Wir können jetzt bis in die Nacht hinein beim Feuerschein sitzen und auf Romantik machen.“

Dann saßen sie alle um die Feuerstelle herum. In einem großen Eisenkasten war manches Stück Birkenholz verbrannt; über der roten Glut lag ein eiserner Grillrost, geeignet, dem Grillgut als Unterlage zu dienen.

Da kam ein Reisebus vorbei, über und über mit Staub bedeckt. Sein Dach-Gepäckträger schien mit Ästen beladen zu sein. Nein, das waren doch Geweihe! Hirschgeweihe oder so ähnlich.

„Das sind Rentiergeweihe“, erkannte Karl als Erster die Ladung, während Horst den Bus zu identifizieren versuchte: „Der hat ein ‚D‘ drauf. Der ist aus Deutschland, das Nummernschild nicht lesbar. Alles verstaubt.“

„Die waren in Lappland“, vermutete Karl, „in der finnischen Wildmark. Die letzte große Wildnis Europas mit endlosen Wäldern, Seen und großer Einsamkeit. Der Lebensraum der Lappen oder Samen, wie sie sich selbst nennen. Es soll noch etwa vierzigtausend von ihnen geben.“

„Du weißt aber gut Bescheid“, stellte Resi fest.

„Was man sich so anlesen kann“, erwiderte Karl. „In diese Gegend zieht’s mich schon seit Jahren.“

Bläulicher Dunst stieg vom Grillrost hoch und der Geruch von schmorendem Fleisch kitzelte die Nasen. Da sagte Mathias mit einem Mal: „Ihr wisst ja, dass die Bundesregierung zurzeit dem oltenischen Potentaten in Bukarest achttausend DM für jeden umsiedlungswilligen Rumäniendeutschen hinblättert? Jährlich für zehntausend Personen; noch nicht lange einvernehmlich festgelegt.“

„Mancher hier spricht schon vom Sklavenhandel, in den sich Bonn da eingelassen habe“, spann Karl das Garn weiter.

„Sklavenhandel?“, empörte sich Rita. „Das mag auf Bukarest zutreffen. Wer Sklaven kauft, um sie der Sklaverei zu entreißen, ist kein Sklavenhändler. Er verdient Beifall.“

„Das Verwerfliche an der Sache ist“, ergänzte Mathias, „die Rumänen haben auf eigene Faust das Kopfgeld verdoppelt: Sie verlangen von den Umsiedlungswilligen selbst noch einmal acht- bis zehntausend DM pro Kopf. Die so genannte ‚Ausbildungs-Ablöse.‘“

Rita brauste auf: „Was heißt hier Ausbildungs-Ablöse! Die meisten haben doch längst mehr abgeleistet als ihre Ausbildung den rumänischen Staat gekostet hat. Und außerdem: Wie sollen die das Geld aufbringen?“

„Sie bringen es auf!“, erklärte Mathias. Bundesdeutsche Verwandte nehmen die Beträge bei der Bank auf und strecken es ihnen vor. Sozusagen eine Kreditaufnahme auf die Freiheit. Wem diese Möglichkeit fehlt, der hat Pech gehabt.“

„Und wie kommen die wertvollen Scheine hinüber?“, wollte Resi wissen. „Eine Überweisung an Privatpersonen ist unmöglich; die rumänische Staatsbank gibt ihnen doch keine Devisen heraus.“

„Ein Verwandter muss das Geld persönlich hinbringen und dort an der bezeichneten Stelle übergeben. Einheimische dürfen ja keine ausländische Währung besitzen; das wäre strafbar.“

„Danke!“, meinte Resi gereizt, „bei einer mehrköpfigen Familie mit zigtausend DM hinüberfahren! Und wenn man es dir wegnimmt?“

„Das wäre dann auch Pech!“, ließ sich eine fremde Männerstimme vernehmen.

Alle wendeten die Köpfe. Im Eifer des Gesprächs hatte keiner wahrgenommen, dass zwei in Wanderzeug gekleidete Männer sich genähert hatten. Der jüngere schien seinem Begleiter wie aus dem Gesicht geschnitten. Offenbar Vater und Sohn.

„Guten Abend!“, setzte der ältere noch mal an, „entschuldigen Sie, dass mir so hereinschneie. Ich heiß Lablich, des“, er fasste seinen Begleiter am Oberarm, „des is mei Sohn Marc. An eire Autoschilder sahe mir, dass ihr aus Heidelberg und Freiburg sein misst; da wolle mir uns vergewissre.“

Weil außer einem „guten Abend“ niemand etwas anderes antwortete, fuhr er fort:

„Mir sin grad mit dem Bus aus Lappland kumme und fahre morge weiter hamzu. Mir sin aus Ludwigshafe oder, besser gesat, a klaans Stickl vun dort newedran.“

„Oh!“ Wie elektrisiert erhob sich Gerd und schüttelte beiden die Hand. Das ist ja kaum zu fassen, wenn man sich so weit weg von daheim begegnet! – Aus Lappland, sagen Sie? Da wart ihr wohl über den Polarkreis hinaus?“

„Stimmt!“, entgegnete Herr Lablich, „weit vum End vun Europa ware mir nimmer weg.“

„Ihr habt doch heute nichts Wichtiges mehr zu erledigen. Ich schlage vor: Setzt euch zu uns! Da sind noch vorbereitete Spieße. Das Fleisch reicht auch. Erzählt uns etwas über Lappland. Unsere Zeit erlaubt nicht, da noch hochzufahren. – Und macht euch bekannt!“

Gerd beschrieb mit dem Arm einen Kreis, der die Anwesenden umfasste.

Herr Lablich sah keinen Grund, die Einladung abzulehnen: „Also, etwas Besseres als a gutes Nachtesse kann uns nach aner solche Tagesfahrt gar net passiere.“

Während er dann ein mehr als handtellergroßes Rindersteak am Holzspieß auf den Grillrost legte, fuhr er fort: „Lappland? Was soll mer do viel verzähle? Schlechter Wech, lauter Staab, wenichscht um die Zeit jetz ufm Fahrwech. Awer sunscht: helli Summernächt, Wälder, Wasser un leeres Land, wu d‘ hinguckscht.“

Er wendete sein brutzelndes Steak und bedauerte: „Nur schad, dass mir die Ruska do owe net erlebt hawe, vun dere uns de Reisefihrer so viel verzählt hat.“

„Ruska? Was soll das denn sein?“

„Nun“, mischte Karl sich ein, „die Ruska in Lappland ist so etwas wie in Kanada der Indianersommer: ein Feuerwerk der Herbstfarben, ein Festival in Goldgelb, Kupferbraun und Rostrot.“

„Ware Sie schun dort? Hawe Sie des gseh?“, wollte Herr Lablich prompt wissen.

„Nur anhand von Werbeschriften. Ich wollte bloß immer schon hin. Ein Wunschtraum halt.“

„Und die Lappen?“ Gerd wünschte weitere Auskunft. „Wie sind die denn? Welchen Eindruck machen sie?“

„Aso, in drei Täch kann mer net allzu viel mitkriege. Diese kleinwüchsige Mensche lewe unwahrscheinlich genügsam in Zelte. Awer des ist eher newesächlich. Ich denk, des Wichtigschte, was mir vun dere Reise bleiwe tut, is sicher des finnische Sprichwort: ‚Der liebe Gott hat uns die Zeit gegeben. Von Eile hat er nichts gesagt.‘ An des misste mir uns ach deham efters erinnre.“

„Die hawe so gschpassiche Gschichte“, ließ sich nun auch sein Sohn Marc ein, „vun scheene Mädche mit rote Haar un griine Aue, die unner de Erd lewe, un wann se mit am normale Mensch ins Gered kumme, no is es um den gschehe. Gott sei Dank!“, fügte er lachend hinzu,“is mir ka so Rothaarichi unner di Fingre kumm.“

„Awer sage Sie mol“, wendete Herr Lablich das Gespräch in eine andere Richtung, wie mir vorhin herkumme sin, hätt ihr mir scheint vun Rumänien gredt. Was is dort eigentlich los, dass alli weg wolle, wie mer hehrt? De Tschautschesku soll doch so a gute Mann sin!“

Hätte er in ein Hornissennest gelangt, wären ihm die Hornissen um die Ohren geflogen; hier nun schwirrten ihm die Gegenargumente um die Ohren, die nun jeder loswerden wollte, so wie sie ihm gerade einfielen, besser gesagt, wie sie sich in jedem seit langem angestaut hatten. Dass die Deutschen noch vor Kriegsende entschädigungslos enteignet wurden, dass man nicht mehr wusste, woher und wie man seinen Lebensunterhalt bestreiten sollte; von Gängeleien, Drangsalierungen und Brüskierungen durch Partei, Staat und Securitate; von Frondienst am Entwässerungssystem, von Deportationen nach Russland und in die Bărăgansteppe; vom sklavenartigen Schuften der jungen Männer, die – „unwürdig“ Militärdienst zu leisten – in Kohlen- und Erzgruben gezwungen wurden oder auf Gebirgsbaustellen, ohne für diese Arbeit entlohnt zu werden. „La lopată! – an die Schaufel!“ hieß das gängige Schlagwort.

Herr Lablich und andere aus der Reisegruppe, die sich auch um das Feuer eingefunden hatten, hörten zweifelnd zu.

Herr Lablich wandte schließlich ein: Vun Deportatione wusst ich nix. Na ja, etwas hat mer schun ghert, awer mir dachte, do wär viel Propaganda debei. Es hat immer gheiße, Rumänien hat sei Deitsche net vertriewe. Awer so, wie ihr des jetz darstelle tut, is mer des ganz nei.“

„Mag sein“, erklärte Resi versöhnlich. „In der Bundesrepublik wird halt immerzu von den Verbrechen geredet, die die Deutschen im Osten begangen haben. Dass viele Deutsche im Osten auch Opfer wurden, kehrt man lieber unter den Teppich.“

„Das stört jene wenig, die selbst keine Opfer waren“, ergänzte Rita, „doch die Wunden derer, die ein Stück weit durch die Hölle gegangen sind, verheilen nie ganz.“

„Und noch eins“, meldete sich nun auch Gerd zu Wort, „Ceausescu ist keineswegs der Edelkommunist, als der er hier im Westen verkauft wird. Ich wünschte, seine Bewunderer hätten mal zwei, drei Jahre als Otto-Normalverbraucher unter seiner Fuchtel zu leben. Das wäre Strafe genug!“

Der Rindsgrill war verspeist, der Nachtisch kam dran: Apfel am Holzspieß, über der Glut gedreht. Nach und nach hatten sich mehr als ein Dutzend Lapplandreisende aus der Pfalz – jüngere und ältere – rund um das Feuer eingefunden. Auch sie griffen sich – nach Aufforderung – jeweils Äpfel und bestückten damit Holzspieße.

„Leut, so lässt sich‘s leben!“‘ rief einer vergnügt in die Runde.

Die Dämmerung wich allmählich der Nacht. Ein hellblauer Himmel, übersät mit funkelnden Sternen hing wie ein Schutzdach hoch oben über den reglosen Birkenwipfeln und dem windstillen Camp. Der Grillgeruch verzog sich langsam, ein köstlicher Duft brutzelnder Äpfel rückte nach.

Als auch der Apfelspaß zu Ende ging, schob Horst den Grillrost vom Feuerkasten, ließ ihn seitlich herab und an den Kasten gelehnt stehen. Über die noch vorhandenen Glutreste packte er all seine verbliebenen Birkenscheite.

Alsbald begann es über der Glut zu knistern. Horst stocherte noch einmal mit dem eisernen Schürhaken in der Glut; es erhob sich ein Funkenregen und erste Feuerzungen züngelten hoch, wuchsen, bis eine mehr als zwei Meter hohe Flamme gegen den Nachthimmel fackelte.

Plötzlich begann Resi zu singen: „Flamme empor, Flamme empor!“

Gerd und die Freiburger fielen ein: „Steige mit loderndem Scheine über die Gebirge am Rheine …“

Als sie angekommen waren bei „Heilige Glut …“, da sangen auch schon die ersten Lapplandfahrer mit.

Es blieb nicht bei diesem Lied. Mathias langte nach seiner Mundharmonika und stimmte alte Volks- und Wanderlieder an. Es wurde ein echtes Potpourri daraus. Die Umsitzenden sangen begeistert mit: „Am Brunnen vor dem Tore“, „Horch, was kommt von draußen rein“, „Im Frühtau zu Berge“, „Wenn alle Brünnlein fließen“, „Aus grauer Städte Mauern“, „Muss ich denn zum Städtele hinaus“, „Ein Jäger aus Kurpfalz“ und andere mehr.

Das letzte Holz war zwischendurch herunter gebrannt. Über dem finnischen Camp und dem roten Gluthaufen stand still die silberne Mondsichel. Die Uhrzeiger wiesen auf Mitternacht. Da kamen die letzten zwei Lieder hinzu:

„Kein schöner Land“ und als absoluter Ausklang: „Ade zur guten Nacht“.

Bei diesem Lied hatten sich schon alle erhoben, standen im Kreis um die verglimmende Glut und fassten einander an den Händen, ergriffen von der Stimmung, die vom Gesang und dem abendlichen Camperlebnis ausging.

Als der letzte Akkord verklungen war, sagte Herr Lablich: „Ihr seid jo grad so Leit wie mir. Es is schun a Sach, dass mer bis an de Polarkreis fahre muss, um so was feschtzustelle. Ich dank eich for den Owet.“

Er drückte allen die Hand und ging. Seine Reisegenossen taten es ihm nach. Die Heidelberg-Freiburger Gesellschaft löschte die Glut und begab sich gleichfalls zur Ruhe.

Copyright Dr. Franz Marschang