Am Zug

Gespenstisch leise glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und starrte dem Zug hinterher, dessen rote Schlusslichter kaum noch zu erkennen waren. Klack! – Der Zeiger der Bahnhofsuhr sprang auf die volle Stunde. Der kalte Laut einer hoch über den Köpfen hängenden Guillotine.

Ich hatte mit Frank ein wie immer viel zu kurzes Wochenende verbracht. Aber zum Glück würde ich ihm in drei Tagen nach Berlin nachreisen können. Fast bis zum Gleisende war ich neben dem abfahrenden Zug hergelaufen, ausgelassen wie schon lange nicht mehr. Als ich mich  umdrehte, um zurück zu gehen, sah ich diesen Mann dort stehen. Er und ich, zu meinem Erstaunen waren wir die einzigen Menschen hier am Gleis. Nur er und ich hier in diesem verlassenen Bahnhof mitten in der Nacht. Alle möglichen Bilder schossen mir durch den Kopf. Aber was blieb mir anderes, mit schnellen Schritten wollte ich an ihm vorbei, eine Getriebene meiner albernen Fantasien. Der Mann hatte sich nicht bewegt. Eine Hand in der Hosentasche paffte er gedankenverloren, das Hemd unter einem ausgebeulten Jackett trotz der Kälte nachlässig offen wie jemand, der gerade erst aus einem überhitzten Raum getreten war. Sein unerwartet jugendliches Gesicht mit den geröteten Augen wirkte fahl und kränklich im Halbdunkel des Bahnhofs.

„Guten Abend.“

Ich zuckte zusammen wie eine Ertappte.

„Oh Entschuldigung, ich wollte Sie nicht erschrecken.“ Der Mann sprach mit sanfter Stimme ohne mich dabei anzusehen. „Haben Sie vielleicht Lust auf einen Kaffee aus dem Automaten?“ Erst jetzt drehte er sich ganz zu mir herum. In seinem Blick nicht die geringste Verwunderung über mein mädchenhaftes Gestammel. „Nein, danke …, ich muss …“

Der Mann sah wieder nach unten, tippte mit dem Fuß sacht auf den Zigarettenstummel am Boden.

„Ich habe eben meinen Sohn hier zum Zug gebracht“, mit Daumen und Zeigefinger fuhr er die Linie seiner schmalen Lippen nach. „Er hat ein Stipendium nach Montreal bekommen. Höchste Zeit, ich freu mich sehr für ihn. Auch wenn wir uns frühestens im nächsten Jahr wiedersehen werden. Aber wenn er jetzt nicht weggeht, dann vielleicht nie. Und dann geht’s ihm am Ende so wie mir.“ Mit einer ungeahnt schwungvollen Bewegung holte er eine Handvoll Münzen aus seiner Hosentasche hervor. „Ich glaube, dieses Land hat seine geistige Jugend nicht mehr verdient“, wie aus weiter Ferne musterte er das Kleingeld auf seiner flachen Hand, um sie mit einem Ruck zu schließen und die Arme vor der Brust zu verschränken. Ich schaute den Mann an, wie ein Kind, das einen Zaubertrick nicht kapiert.

„Jetzt ist er jedenfalls weg.“

„Das tut mir leid“, war alles, was mir dazu einfiel.

„Damals, da hat mein Vater das auch gemacht, mich zum Zug gebracht. Als ich nach dem Abitur nach Tübingen ging. Klingt vielleicht komisch, aber ich hab‘ ihn nie gefragt, was er getan hat, nachdem der Zug abgefahren war.“ Die Augen des Mannes wanderten an den leeren Gleislinien entlang. „Wozu auch, wer wegfährt, stellt solche Fragen nicht.“ Wieder blieb sein Blick wieder an dem Zigarettenstummel neben seinem Fuß hängen. Der Ansatz eines Lächelns huschte um seinen Mund. „Und jetzt habe ich nicht die geringste Ahnung, was ein Vater tut, nachdem er seinen Sohn zum Zug gebracht hat.“ Sein Gesicht schien vor Ratlosigkeit leer zu laufen. Wie um Zeit für etwas zu gewinnen, räusperte ich mich, während mir die Kälte dieser Oktobernacht über den Rücken kroch. Eine Weile standen wir uns schweigend gegenüber, dieser Mann, der den Eindruck machte, sich nicht mehr lange auf den Beinen halten zu können, und ich, die ich es aufgegeben hatte, mein Zittern verbergen zu wollen.

„Darf ich Ihnen jetzt vielleicht doch einen Kaffee anbieten?“ Er flüsterte fast, als wollte er sich entschuldigen für diese erneute Frage, deren Antwort schließlich schon fest stand.

„Gerne, vielen Dank. Es ist ja so schrecklich kalt hier.“

Copyright Franz Jostberg