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„Liebe Kinder“, sprach der Feuervogel zu seinen Enkeln. „Heute erzähle ich euch die Geschichte von der Entstehung der Diamanten.“

Die Kinder betrachteten aufmerksam das goldene Federkleid der Großmutter, die Phönix gerufen wurde. Großmutter erzählte in jedem Jahr am Abend vor dem Aschermittwoch, dem Tag des Neubeginns des Jahres, an dem ausgelassen gefeiert wurde, eine Geschichte.

Im letzten Jahr hatte sie von ihrem Bauch erzählt, der, so sagte sie jedenfalls, Zuverlässigkeit und Aufrichtigkeit widerspiegeln soll. Das konnten sich die Kinder gar nicht so richtig vorstellen. Aber es konnte schon sein, denn Großmutter ernährte sich ausschließlich von Tautropfen.

Im Jahr davor wurde die Bedeutung der Flügel erklärt. Sie stehen in Verbindung zum Wind und vertreiben dunkle Gedanken.

Und noch ein Jahr früher erfuhren die Kinder von den Füßen, die die Verbindung zur Erde herstellen, und sie erfuhren vom Kopf als Sitz der Tugenden.

Die Enkel wussten inzwischen, dass ihre Oma in der ihr eigenen Sanftmut und Friedfertigkeit die Gesamtheit der Gegensätze vereinigte und für Harmonie, Frieden und Weisheit einstand, weshalb ihre Gestalt in den alten Zeiten auch das Symbol für die gütige und gerechte Herrschaft der Könige war.

Die Kinder konnten auch die fünf verschiedenen Farben von Großmutters Federn deuten, die den Elementen zugeordnet waren: Wasser, Erde, Feuer, Luft und Äther. Letzteren, die Seele der Welt, symbolisiert durch die Mondsichel, über der sich eine Krone befindet, atmeten nur die Götter.

Am beeindruckendsten aber war für die Kleinen, dass Omas Tränen jede Wunde in kürzester Zeit zur Heilung brachten.

Großmutter fuhr in ihrer Rede fort: „Ihr habt euch bestimmt schon gewundert, dass ich trotzmeines Alters von Zeit zu Zeit jünger als zuvor bei euch erscheine. Das liegt daran, dass ich alle 57 Jahre einen Scheiterhaufen aus wohl riechenden Kräutern errichte, in welchem ich mich dann verbrenne. Bin ich vollständig verbrannt, also gereinigt und geläutert, steige ich aus der Asche verjüngt hervor. Als einmal in einem anderen Land viele große Feuer brannten und meterhoch Asche auftürmten, legten sich die Berge auf die Glut, um sie zu ersticken. Später, als die Natur nachgewachsen war und dort wieder Tiere und Menschen lebten, fand man statt der Asche die edelsten der Edelsteine: Diamanten. Sie sind das Licht der Sonne und der Sterne, unvergänglich, unbezwingbar, vollkommen vollkommen. Sie stehen für die seelische Ganzheit und für absolute Reinheit. Mit ihnen sind Krankheiten zu heilen und Gifte zu neutralisieren. Es gelingt sogar, mit ihrer Hilfe wilde Tiere und Hexen zu vertreiben. Gelegentlich kann ein Diamant seinen Träger unsichtbar machen, was mir allerdings noch nicht gelungen ist.

Ihr seht also, liebe Kinder, jeder, der verbrennt, wird zu Asche. Ab nicht jeder, der verbrennt, bleibt Asche. Mancher, wie ich, kehrt verjüngt zurück. Und andere werden zu Diamanten.“

 

Copyright Dr. Jürgen Rogge