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Chandigarh,
Architektentraum
vor der Silhouette des Himalaya,
magisches Raumerlebnis
zwischen Utopie und Wirklichkeit.
Vision indischer Freiheit und Unabhängigkeit.

Chandigarh,
künstliche Kapitale des geteilten Punjabs,
abgezirkeltes Beamtenghetto
bewusster sozialer Distanz.
Wohlabgewogenes Sektorenkonstrukt
für den Auswuchs der indischen Bürokratie.

Chandigarh,
Reißbrettstadt aus brutalem Beton.
Freilichtmuseum der Ideen Corbusiers:
Skulpturale Wucht
massiver Solitäre als Tempel der Moderne.
Weiträumiges Rastersystem von Magistralen
und begrünten Wohngebieten.
 

Chandigarh,
geschaffen aus Blut Schweiß und Tränen,
ausgeliefert der unerbittlichen Sommerhitze,
malträtiert von den Peitschenhieben der Monsunregen,
zunehmend durchsetzt
von der farbigen Vitalität hinduistischen Lebens,
planlos umwuchert von wilden Siedlungen und Sums,
sucht weiter seine wahre indische Identität.

Das Gedicht stammt aus dem Buch „Jahr greift in Jahr“ von Orlando M., erschienen 2013