Die Würde des Menschen ist unantastbar

Unser Grundgesetz ist gut. Es ist vorbildlich. Was der Parlamentarische Rat der noch nicht konstituierten Bundesrepublik erarbeitet hat, war neu, so kannte man die Wertschätzung des Individuums, der Freiheit, des Rechts eigentlich bisher nicht.

Der Artikel 1

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“

wird gerade landauf, landab, im Weserkurier und in den Kieler Nachrichten, seitenlang gefeiert.’Man meint zu erkennen, was die Herrschaften damals sagen wollten.

Es ist aber auch eine sehr diplomatische Formulierung.
Man kann das auch ganz anders verstehen.

Die Würde des Menschen ist nämlich durchaus antastbar.

Die Weisheit „Kleider machen Leute“ deutet schon darauf hin.

Mit guter Kleidung strahlt man Würde aus. Mit schlechter eben nicht.

Der Chefarzt im Eppendorfkittel mit Goldknöpfen, der Oberarzt mit (nur) Silberknöpfen, der Assistenzarzt im Kasack,

der Viersternegeneral und der Hauptfeldwebel, alle mit ihren hirarchiegerechten Sternchen und Rauten und Fähnchen und Anstecknadeln.

Der Häftling im Streifenanzug.

Bei der Einlieferung ins Konzentrationslager wurden den Insassen die Köpfe kahlgeschoren. Was hat das mit ihrer Würde gemacht?

Das wussten die Herren im Parlamentarischen Rat genau. Die hatten diese Zeit alle miterlebt.

Und doch haben sie diesen Satz formuliert.

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Wir wollen den Satz so stehen lassen. Es gibt ihn seit 70 Jahren. Jeder weiß, wie er gemeint ist.

Aber wir wollen daran denken, wie leicht die Würde des Menschen antastbar ist: Durch Prügelstrafe, Missachtung, Missbrauch, Mobbing.

Und wir wollen diesen Satz nie, und nie wieder, als Entschuldigung gelten lassen.

Heiner Wenk, Mai 2019