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Kurvormittag

Um sechs Uhr Wecken früh im ersten Dämmern
Rasieren, Zahnputz, Stuhlsitz, Wannenbad
Dann Ergometertritt bis hundert Watt
Im Morgenfrack geschieht das erste Schlemmern

Im Kopfe klopft der Bässe dröhnend Hämmern
Die edle Rohkost macht vorzeitig satt
Gymnastik setzt den Körper dann schachmatt
dann will der Psychofritze dich belämmern

Er dichtet dir das an, was du nicht spürst
will, dass du tief in Kindheitswolken rührst
statt das zu lösen, was real dich drückt

wie Bauchweh, Mobbing, Amts- und Ehestreit
Migräne, Geldnot, Alzheimsfehlbarkeit
Das hat der Heiler nicht zurechtgerückt.

 

Kurmittag

Grün ist der Grünkohl wie der Rosenkohl
grün auch das zweigeteilte Laufgewand
perfekt gewebt wie routiniert vom Band
gestiftet zu des Sportlers Gunst und Wohl

Doch mancher trägt die Kleidung als Symbol
aus feinstem Tuch, Schmuckketten an der Hand
verziert mit Schleifchen noch an jedem Rand
zudem frisurtoupiert fast schon frivol.

Bewunderst du die exklusiven Farben
die einen üppig, während andre darben?
– das gilt so für den Mann wie für die Frau –

Verwandelt sich am eklatanten Ort
genesungszugedachter Reha-Sport
zur Leistungs- oder Luxusmodenschau?

 

Kurnachmittag

Von Biokräuterkraut dich zu erholen
auch von des Vormittages Seelenwühlung
dem dient der Mittagsruhe sanfte Kühlung
vielleicht auch Fernsehshow mit Dieter Bohlen

Für Modenechtschau fehlen Lust und Kohlen
Ein Kumpel zeigt dir freundschaftliche Fühlung
und lädt dich ein zur Speiseröhren-Spülung
ihr schleicht vom Training fort auf leisen Sohlen

Doch abends musst du noch nach den Massagen
anhören des Professors Drohpassagen
wie sehr doch Torte, Rauch, Rausch, Schokoladen

dem Körper, Geist und Wohlbefinden schaden
Vom programmierten Kurstress ohne Pause
erholst du leichter dich doch wohl zu Hause.

 

Kurnacht

Wer kurt, muss außer Sonnenschein auch Schatten
berücksichtigen ernst und wohlbedacht
den unter Wolken und den in der Nacht
den manche Gäste gerne sich gestatten

der außerehelich auf weiche Matten
sich legt und über den man schelmisch lacht
Doch nachher, wenn‘s zu Hause heftig kracht
bei den Debattenmit den holden Gatten

dann ist das Unheil doch zuweilen groß
dann ist daheim die hellste Hölle los
und Licht und Schatten sind schnell beide weg

Die Wonne war nur wenig Honigseim
der Kurgast wird verjagt aus seinem Heim
und größer als das Glück haust jetzt der Schreck.

 

Copyright Dr. Hans-Joachim Behnen