Ilka blickte auf den Mauerspalt über ihnen, um die Wärme des Sonnenstrahls im Gesicht zu spüren. Sie zog mit dem rechten Arm ihren kleinen Bruder Sami an sich. Das linderte die Schmerzen im rechten Bein, das von einem Trümmerbrocken getroffen worden war. Die Sonne kam nur einmal am Tag für ein bis zwei Stunden durch den Spalt zwischen den eingestürzten Betonplatten, die einen schmalen zeltförmigen Raum in dem Trümmerhaufen des eingestürzten Hauses bildeten. Ilka konnte den Himmel sehen, der manchmal blau, aber meist durch dir aufgewirbelten Staubwolken verdeckt war. Immer wieder erschütterte das Grollen der Bomben die Trümmer, und es rieselten kleine Steine zu Ihnen hinunter. Wenn sie menschliche Stimmen hörten, riefen sie mit schwacher Stimme, aber keiner hörte sie. Jetzt riefen sie nicht mehr. Es fehlte ihnen die Kraft.

„Mama soll kommen“, flüsterte Sami und weinte, „ich habe Hunger, Durst.“

Ilka, die sich selbst die Mutter herbei wünschte, drückte ihn an sich und summte ein Lied. Sami beruhigte sich und weinte nur noch ganz leise. Ilkas Bein klopfte, und sie versuchte, an die Schule zu denken, die sie in den letzten Wochen wegen des häufigen Fliegeralarms nur sporadisch besuchen konnte. So weit sie sich erinnern konnte, war immer Krieg. Das Schulgebäude war von Bomben in einen Haufen Steine verwandelt worden. Tante Selina hatte daraufhin in ihrem Wohnzimmer Schule improvisiert. Das war viel lustiger, weil die Puppe mit lernen durfte. Auch dieser Unterricht wurde wegen der Bombenangriffe immer wieder unterbrochen.

Sie hörte wieder Rufe und versuchte, sich bemerkbar zu machen. Aber sie brachte nur ein Krächzen heraus. Sami war eingeschlafen und reagierte nicht. Das Licht schien jetzt nicht mehr nur über ihr durch den Mauerspalt zu kommen. Es breitete sich wie ein heller Nebel im gesamten Raum aus, so dass sie völlig geblendet war. In der Ferne durch den Nebel hörte sie ihre Mutter sprechen.

„Mama“, rief sie mit erstaunlich heller Stimme. Da kam ihre Mutter aus dem Nebel hervor wie eine wunderschöne Fee. Sie hatte ein Kleid in leuchtenden Farben an und streckte ihr lächelnd die Hände entgegen. Ilka reckte die Arme vor, spürte die kühlen Hände ihrer Mutter und schien mit ihr zu schweben. Als sie sah, dass Sami zurückblieb rief sie: „Sami, Sami! Wir müssen Sami mitnehmen.“

„Lass nur“, hauchte die Mutter, „ihn können wir später holen.“

Es wurde wieder dunkler, und sie schienen wie auf einer Achterbahn durch den Raum zu rasen. Mutter hielt sie mit festem Griff. Ilka lachte vor Glück.

Als die Retter die Trümmerplatten vorsichtig aufbrachen, riefen sie: „In dem Spalt sind noch zwei Kinder!“ Vorsichtig räumten sie Stück für Stück die Betonplatten und Steine zu Seite, bis sie die verschütteten Kinder erreichen konnten.

„Das Mädchen ist tot, aber der Junge lebt noch.“

 

Copyright Dr. Walter-Uwe Weitbrecht