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Heute war er etwas früher aufgestanden. Er wollte seinen Vater zur Arbeit begleiten. Vor drei Tagen hatte Hubertus Long Moller den Bachelor of Engineering gemacht. Sie hatten gefeiert im schwimmenden Restaurant „Ni Hao“ auf dem Goitzschesee. Es war ein schöner Abend mit Cyber-Music 6.0 und der neuen Droge LMA. Hubertus Long hatte noch am selben Abend mit seinem i-i-i zu Hause angerufen und dem Vater erklärt, dass er nun doch Interesse an dessen Berufsfeld habe. Dann hatte er mit seiner Freundin in Lilli Pilli über Videofone besprochen, ob sie sich nicht heuer zum ersten Mal treffen könnten. Es war schwieriger geworden, seit die Flugpreise nach Australien erneut gestiegen waren.

Vater Kevin Moller arbeitete seit zwei Jahren bei Xinhua Ltd. in Bitterfeld. Der Investor aus Nanjing hatte geduldig gewartet, bis der große deutsche IT- und Elektrokonzern im Strudel der Eurokrise zusammenbrach und für einen symbolischen Betrag zu erwerben war. Das war in den zwanziger Jahren. Chen Qiang, der neue Boss, hatte bald darauf eine spezielle Entwicklungsabteilung für i-Minding in Bitterfeld installiert. Die Wahl war auf diese Stadt gefallen, weil im Großraum Halle–Leipzig Satellitenstädte mit Migranten aus Indien, dem restlichen Asien und Afrika entstanden waren. Hier konnten bezahlbare Spezialisten für IT leicht je nach Bedarf rekrutiert und gefeuert werden.

Nach dem Frühstück brachen Vater und Sohn auf. Sie schnallten ihre Fußgänger-Airbags um, die im Zusammenhang mit dem neuen Gesetz zur Drogenfreigabe Pflicht geworden waren und machten sich auf den Weg zwei Blocks weiter zum Cab-Pool. Unterwegs trafen sie auf einen alten Bekannten. „Hi, Heckenreuther, wie geht es Ihnen?“ „Prächtig!“  „Sie sehen müde aus!“ „Kein Wunder. Bis sechs hatte ich Nachtschicht und dann wollte ich schlafen. Aber seit wir hier die Schulbushaltestelle haben, ist von Montag bis Freitag ein Höllenspektakel, die ganze Viertelstunde lang vor Abfahrt. Es sind nur zehn oder zwölf Kids so von sechs bis zwölf. Aber die drehen vielleicht auf! Minimum 100 Dezibel – dass die Kehlen das aushalten!“ „Ja, und seit dem Kinderlärmgesetz vom Anfang des Jahrtausends müssen wir das auch noch schön finden,“ sagte Kevin Moller. „Naja, Papa,“ meinte Hubertus, „ich glaube, wir haben es auch so gemacht.“ „Ich vermute“, antwortete Kevin mit einem Grinsen, „eure Eltern haben euch nichts beigebracht über Etikette und dass es Dinge gibt, die man einfach nicht tut.“ „So muss es gewesen sein – und wie war es bei dir?“ „Mea culpa – wir haben wohl genauso Randale gemacht.“ „Na, dann waren deine Eltern auch nicht besser – tröstet dich das?“ „Mich vielleicht, aber den armen Heckenreuther nicht. Versuchen Sie doch jetzt noch ein Nickerchen, bis die lieben Kleinen mittags zurückfluten.“ „Ja“, sagte Heckenreuther, „und dann schmeißen sie die Folien vom Pausenbrot und leere Getränke-Paks in unseren Vorgarten. Wozu schicken wir die eigentlich in die Schule?“ „Oh, da muss ich mal lange drüber nachdenken. Na, schönen Tag auch!“

Am Cab-Pool öffneten sie mit der Chipkarte eine der geparkten Elektro-Kabinen. Mit der fuhren sie zur S-Bahn und mit dieser zum Betrieb, den sie intern „Develocloud“ nannten. Vater Kevin hielt die linke Hand vor den Tür-Sanner. Der ID-Chip unter der Haut am Handrücken öffnete die Tür. Für den Sohn musste er einen Gästepass schreiben. Das ging problemlos, da Hubertus Long schon während des Studiums hier ein Praktikum absolviert hatte. Dann fuhren sie mit dem Lift zum 14. Geschoss und gingen ins Labor des Vaters.

Er arbeitete am Epikef. Das Projekt genoss die besondere Förderung des Politbüros. Es war eine Weiterentwicklung der Smart-Sheets, jener flexiblen Kleincomputer von der Größe eines Notizzettels. Die Besonderheit der neuen Maschine war ihre Ankoppelung an den Kopf des Benutzers. Die altmodischen Smartphones, die Hubertus Long noch von seinem Großvater kannte, hatten den Nachteil, dass man sie umständlich aus der Tasche kramen, anschalten, antippen und ablesen musste. Außerdem war andauernd der Strom verbraucht, man hätte am besten noch ein transportables Elektrizitätswerk mit sich schleppen müssen. Zudem hatten viele Besitzer das Problem, dass sie die Kästchen vergaßen, verlegten und den halben Tag lang suchen mussten. Oft fehlte das Gerät gerade dann, wenn es am nötigsten gebraucht wurde. Der Epikef sollte alles besser machen. Er wurde direkt am Kopf oder Nacken getragen und durch Körperwärme mit Energie versorgt. Die Befehle wurden über Sprache eingegeben, die Antworten kamen ebenfalls als Sprache über kleine Ohrhörer aus der Hörgerätetechnik. Das war schon ein bedeutender Fortschritt gegenüber archaischen Zeiten, von denen der Großvater zu berichten wusste. Damals, so erzählte er, hätten sie in der Schule noch Fakten auswendig pauken und in den Prüfungen hersagen müssen. Allerdings hatten sie schon – im Gegensatz zu ihren Vorfahren – kein einziges Gedicht mehr auswendig gelernt. Das war ihnen als Fortschritt verkauft worden. Erst in reiferen Jahren hatte er erkannt, dass es eher einen Mangel an geistigem Besitz bedeutet.

„Siehst du,“ sagte Kevin zu seinem Sohn, „in der vorigen Entwicklungsstufe ging es darum, nicht mehr den Schülern das Wissen nach Quantität ins Gedächtnis zu quälen, sondern sie fit zu machen im Gebrauch einer Maschinerie, die im entscheidenden Moment diejenigen Daten herbeiholt, die man gerade braucht.“ „Und natürlich auch,“ ergänzte Hubertus, „den Import kritisch zu filtern.“ „Genau! Aber jetzt gehen wir wieder einen Schritt weiter. Die Ankoppelung muss lückenlos, unverlierbar und schnell sein.“ „Na ja,“ entgegnete Hubertus, „eure Sprachausgabe ist ja noch ziemlich holprig.“ „Ja, und deshalb beschreiten wir neue Wege. Einen Teil der Information übertragen wir über Hautelektroden, dort oder in der Nähe, wo der Epikef aufgeklebt ist. Es erfordert zwar ein bisschen Training, der Nutzer muss konditioniert werden. Aber das gab es ja früher auch schon. Denk nur mal daran, wie mühsam sich unsere Urahnen an Tastaturen gewöhnen mussten.“ „Schön, nur allzu viel Information werdet ihr über die Haut nicht übertragen können.“ „Ja, da werden noch andere Möglichkeiten gesucht. Darüber kann ich jetzt nicht sprechen.“

Hubertus schaute sich im Labor ausgiebig um. An den Wänden waren wunderschöne Blumen auf Screen-Folien zu sehen. Pünktlich zu bestimmten Zeiten wurde Blumengießen simuliert – vollautomatisch und ganz von allein. Man konnte aber auch andere Programme je nach Stimmung wählen.  Zuletzt verabredete er sich mit dem Vater für die Mittagspause im Park am See und ging. Auf dem Korridor wäre er fast mit dem Reinigungsroboter zusammengestoßen, der rechnergesteuert und leise schnurrend seine Bahnen zog.

Mittags trafen sie sich. Sie schlenderten durch den Park und bogen in den Wirtschaftsweg zu den Komposthaufen ab. „Hier gibt es wahrscheinlich keine Mikrofone und Kameras“, sagte Kevin. „Was ich dir vorhin im Labor nicht sagen konnte, ist dieses. Wir haben einen Body in der Neurochirurgie Halle, der an einem direkten Zugangs-Port zum Hirn arbeitet. Das Ganze läuft natürlich unter Tarnung. Offiziell geht es darum, defekte Sinnesorgane wie Auge und Ohr zu ersetzen durch elektronische Prothesen. Die koppeln über operativ eingepflanzte Leitungen direkt ans Hirn an. Damit es keine Infektionen gibt, wird die Empfangsantenne dicht unter die Haut gelegt.“ „Ah, verstehe, es gibt also keine offene Stelle. Raffiniert! Und wo ist der Sender?“ „Der sitzt direkt darüber und überträgt drahtlos durch die Haut.“ „Und euer neuer Epikef hat den Sender vermutlich integriert?“ „Genau so ist es. Wir haben jetzt zwei Aufgaben. Die Mediziner müssen für die Elektroden neue Koppelpunkte im Gehirn finden – je nach Verwendungszweck ganz verschiedene Stellen. Und zweitens werden wir die passenden Programme und Algorithmen entwickeln.“ „Das Dumme ist nur, dass die Installation der Elektrode einen Eingriff bedeutet.“ „Ja,“ sagte Kevin, „das ist nur für die Pilotphase. Wenn wir die richtigen Orte kennen, schicken wir die Signale drahtlos über Interferenzwellen von zwei Epikefs direkt ans Ziel. Die nächste Generation wird der Epikef/!\Twin® sein.“ „Hört sich großartig an. Ich glaube, ich kann mir vorstellen, bei dir mitzuarbeiten.“ Der Vater hörte das nicht ungern. Er schwieg eine Weile, während sie in ein Wiesengelände außerhalb des Parks wanderten. „Ja“, begann er nachdenklich, „es eröffnen sich neue Möglichkeiten. Bei der heutigen Relaisdichte hast du praktisch überall web-Verbindung und kannst auf den weltweiten Datenschatz zugreifen. Wenn die Provider noch ein bisschen an Bandbreite und Tempo zulegen, geht das ganz ordentlich. Nur…“ Hubertus horchte auf: „Nur was?“ „Wer herrscht über die Datenbanken und Provider? Es gibt im Politbüro eine Gruppe um Mao Chun Dong, die schon angefangen hat, in vielen Ländern über Beteiligungen und Aufkauf ganzer Firmen, die Hoheit an sich zu bringen. Das läuft alles über das SID.“  „SID?“ „Strategic Investment Department in der Bank of Chinchan. Die haben Kohle ohne Ende.“ „Meinst du, sie schaffen es?“ „Na ja, das geht langsam und lächelnd und schön im Verborgenen… und dann ist da noch etwas…“ „Was denn nun noch?“ „Sie haben schon eine Schnittstelle vorbereitet, wo sie direkt auf die ethische und politische Haltung der User Einfluss nehmen.“ „Donnerwetter“, Hubertus kratzte sich hinter dem Ohr, „dann möchte ich da doch lieber nicht mitmachen. Andererseits…“ „Andererseits was?“ „Wenn man nicht dabei ist, kann man keinen Einfluss nehmen, wenn, dann doch – vielleicht?“ „Vielleicht, ja, und vielleicht, nein, sogar wahrscheinlich kannst du eines: mit schuldig werden.“ „Du denkst wohl jetzt an den einen Urgroßvater, der bei den Nazis mitmachte in der naiven Erwartung, er könnte irgendetwas zum Besseren wenden?“ „Ja, und an den anderen, dem dasselbe bei den Kommunisten passierte. Die Diktaturen, oder allgemeiner: das Böse im Menschen ist immer gleich, vor fünfzig Jahren, heute und in fünfzig Jahren wieder.“ „Und das Gute, das sich dagegen stemmt, aber auch.“ „Natürlich, da hast du Recht, Hubertus. Anders wäre es ungerecht gegenüber allen Generationen vor und nach uns – wobei nirgends geschrieben steht, dass Geschichte oder Schicksal gerecht sein müssten. In diesem Punkt aber scheint es tatsächlich so zu sein.“ „Ach Papa, man müsste in die Zukunft sehen können.“ „Ich weiss nicht, ob du dir das wirklich wünschen willst. Prognosen bleiben jedenfalls unsicher, weil Veränderungen nicht geradlinig laufen. Nur die ernsten Dinge des Lebens bleiben immer die selben, die Rahmen und die Torheiten wechseln. – So, mein Jung, ich muss jetzt wieder in meine Klitsche, ciao bis heute Abend!“ „Mach’s gut, Papa.“

Auf dem Heimweg fuhr Hubertus Long über Chinatown zu seiner Mutter Wang Feng. Sie war die dritte Frau seines Vaters und lebte in zweiter Partnerschaft mit Tenzin Tashi mit vier Kindern aus drei Beziehungen. Es war ein fröhlicher Haushalt, alle verstanden sich ganz gut und ließen einander ziemlich viel Freiheit. Allerdings waren zwei seiner Achtel-Schwippgeschwister in Psychotherapie. Irgendwie fühlten sie sich durch den Rost gefallen und hatten Verhaltensstörungen. Bei der Hälfte ihrer Schulfreunde war es nicht anders. Der viel jüngere Felix hatte mal zu Hubertus gesagt: „Ich beneide dich um deinen Vater.“ „Na gut, Felix, du hast dafür Muttern.“ „Könnte man nicht beide haben?“ „Früher kam das öfter vor. Aber heute … kennst du noch eine Archefamilie mit Vater, Mutter, Kind, Kind, Kind?“ „Nee, bestenfalls Mann, Frau, Drittauto, Motorboot, Harley und drei Haustiere.“  „Felix, das kann ich dir sagen, ein freundliches Patchwork ist immer noch besser als eine kranke Zwangsgemeinde. – Schau doch mal, ob der Lieferwagen noch vor der Haustür steht.“ Felix ging Blumen gießen und schaute nebenbei nach unten. „Ja, «Facility Service Grötzschke» steht da.“ „Steht der im Branchenbuch?“ Felix tippte ins i-i-i und sagte nach wenigen Sekunden „Fehlanzeige.“ Dann flüsterte er: „Klarer Fall, deshalb dreht sich auch der Werbewürfel auf dem Dach nicht mehr.“ Er zwinkerte Hubertus zu und lief auf leisen Sohlen die Treppe hinunter. Vom Hinterhaus gelangte er in die Kanalisation und von dort zu dem Gully direkt unter dem Wagen. Die Spezialausrüstung für derartige Fälle hatte er dabei. Er befestigte eine Schnur mit leeren Blechdosen und einen angebohrten Topf mit hellroter Leuchtfarbe unter dem Wagen. Als Draufgabe presste er eine Kartoffel in den Auspuff. Dann verschwand er, wie er gekommen war, lief zur nächsten Straßenecke und gab der Politesse einen Hinweis wegen des Parkverbots. Als sie sich dem Wagen näherte, ergriffen die Kerle mit dunklen Brillen und falschen Bärten die Flucht. Der Wagen startete mit einem Knall und fuhr mit Getöse und gut sichtbarer Farbspur zum Depot. Der Boss der Außenstelle von Büro 610, zuständig für Tibeter, sonstige Minderheiten und Dissidenten, war stinksauer.

„Magst du etwas essen, Hubertus?“ fragte Wang Feng. „Ja, gerne.“ „Ich habe noch etwas Chop Suey übrig. Lass dir’s schmecken.“ Tenzin Tashi setzte sich zu ihm. „Na, mein Junge, was wirst du jetzt machen, als frisch gebackener Bakkalaureus?“ „Ich gehe vielleicht in den Develocloud. Der neue Epikef ist eine spannende Sache. Was meinst du, wie lange wird die Branche noch wachsen? Davon hängt ja wohl die Zukunft ab.“ „Wenn du in die Zukunft schauen möchtest, denke zuerst an das alte Gedicht:

Prognose

Meistens ist nicht völlig klar,
wie es einst gewesen war,
und es herrscht der grösste Zwist
ob der Lage, wie sie ist.
Um so mehr ein jeder irrt,
der voraussagt, wie es wird.

Wenn du nun Wachstum in die Höhe meinst, was die Gewinne betrifft, wird es nicht bis in den Himmel gehen. Was wir längst mehr brauchen, ist, wenn du so willst, Wachstum in die Breite, Wachstum an gerechter oder sogar humaner Verteilung. Aber die Philosophie unserer Führungsmacht lernt in diese Richtung nur langsam. Die sind noch beim vorigen Kapitel: Wenn du sieben Schnitzel hast, kämpfe um das achte. Dabei täte es ihnen selber besser, wenn sie für das erste Schnitzel des armen Nachbarn eintreten würden.“ „Ja, ihr Tibeter könnt ein Lied davon singen.“ „Die lieben Nachbarn denken so: wenn es einem schlecht geht, ist er selber schuld, vielleicht wegen eines früheren Lebens. Wenn überhaupt jemand helfen soll, dann die Familie. Soziales Denken im größeren Rahmen fällt ihnen schwer.“ „Das sind aber keine rosigen Aussichten!“ „Na ja, wie man’s nimmt. Es werden immer nur die Kinder gerettet, die in den Brunnen gefallen sind – da liegt schon noch Hoffnung.“ „Im Brunnen? Du meinst, es muss erst schlimmer werden, ehe es besser wird?“ „In gewisser Weise ja. Wenn sie erkennen, dass eine andere Ordnung ihnen selber nützt, kann es statt nur vorwärts auch aufwärts gehen.“ „Was meinst du, wo haben wir den größten Nachholbedarf mit dem, was du Breitenwachstum nennst?“ „Die fünf wichtigsten Baustellen, auf denen wir schon seit – sagen wir mal – über 250 Jahren strampeln, sind: wirtschaftliche Gerechtigkeit, Gleichachtung der Frauen, Respekt gegenüber den Menschenrechten, ein bisschen mehr Wahrhaftigkeit und…“  „…und die Bewahrung der Natur?“ „Genau, Ökologie. Einfacher gesagt: Säge nicht an dem Ast, auf dem du sitzt.“ „Ich glaube, da liegst du richtig. Wenn ich die Rückschritte und bescheidenen Fortschritte der letzten fünfzig Jahre anschaue, werden wir wohl auch in den nächsten fünfzig nicht allzu weit kommen.“ „Ach, mein lieber Long, wir werden nie damit fertig werden. Trotzdem ist es das einzige, was sich lohnt, jeden Tag neu anzupacken.“ „Komisch, so etwas Ähnliches hat mein Vater heute Mittag auch gesagt.“  „Ein kluger Mann, ich mag ihn. Grüß ihn von mir.“  „Klar, ciao Tashi, ciao Mama, danke für das Essen, bis bald mal wieder.“

Hubertus Long fuhr nach Hause. Als er bei Heckenreuther vorbeikam, sammelte er aus dem Vorgarten sechs Kugeln zusammengeknüllte Alufolie und vier leere Paks Blue Bull. Vielleicht hat er eine kleine Freude, dachte sich Hubertus – oder er ist enttäuscht, weil seine Welt nicht mehr stimmt.

Zu Hause angekommen setzte er sein Bewerbungsschreiben an Xinhua Ltd. auf. Abends kam Kevin nach Hause. „Was wollen wir essen?“ „Du, ich hab schon bestellt. In zehn Minuten kommt über den Pneumotube eine Käseplatte mit Salat.“ Fast auf die Minute genau bekam Hubertus ein Signal auf das i-i-i. Er fuhr in den dritten Stock zur Rohrpostzentrale und holte das Essen. Nach dem Mahl schauten sich beide einen uralten Film aus der Mottenkiste an. Sie schalteten den 4D-TV spherosense um auf Flachbild-2-Ton und genossen nostalgische 109 Minuten bei „Zettl“. Dazu tranken sie Wippraer Bier. Das war wegen seiner Wasserqualität inzwischen zum Geheimtipp geworden. Der Film handelte von Charakterlosigkeit und Karrieregeilheit im Politikbetrieb. Als er seinerzeit herauskam, war er verrissen worden, dann wurde er Kult. Scheinbar traf er doch mehrere Nägel auf die Köpfe. „Sag mal, Vater, der Streifen ist doch jetzt um die fünfzig Jahre alt?“ „Ja, das kommt hin.“ „Und es hat sich nichts geändert?“ „Nichts Wesentliches jedenfalls.“ „Na, dann gute Nacht – für die nächsten fünfzig!“

 

Erschienen in: 2062: Eine Anthologie. Halle: 2012, Projekte-Verlag Cornelius
Mit freundlicher Genehmigung des Verlages.