Eine Brise aus dem Land der Versöhnung

 

Fereydoun Moshiri (1926-2000)

Übersetzung aus dem Persischen von Afsane Bahar

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Also, sollte mir eines Tages jemand die Frage stellen:
„Was hast du in deiner Zeit auf der Erde gemacht?“,
schlage ich ihm meine Akte auf,
weinend und lachend, erhebe ich mein Haupt,
dann sage ich: „Er hat neues Samenkorn ausgesät,
bis es erblüht, bis es Früchte trägt, wird noch viel Zeit vergehen.“

Unter diesem unendlichen blauen Himmel,
soweit ich die Kraft hatte, in jedem Gesang,
wiederholte ich den erhabenen Namen der Liebe.
Mit dieser müden Stimme habe ich, vielleicht, einen Schlafenden
in den vier Himmelsrichtungen dieser Welt aufgeweckt.

Ich verehrte die Liebe,
bekämpfte die Bosheit.

Ich litt beim „Verwelken eines Blumenzweiges“ 1,
trauerte den „Tod des Kanarienvogels im Käfig“ 1,
starb jede Nacht hundert Mal wegen des Leides der Menschen.

Ich schäme mich nicht, wenn ich wie Messias,
wenn man aus dem Herzen schreien muss,
mit Geduld den Kummer ertrug.

Aber im Gefecht mit den Törichten,
wenn ich das Schwert ergreifen musste,
– nimm es mir nicht übel –
ging ich den Weg der Liebe.
In meinen Augen bedeutet das Schwert in der Hand,
dass man jemanden umbringen kann.

Auf dem schmalen Pfad, den ich beschritt,
wütete die Finsternis des Unwissens.
Der Glaube an den Menschen war meine Leuchte,
das Schwert war in Ahrimans2  Hand.
Meine einzige Waffe auf diesem Schlachtfeld war das Wort.

Wenn mein Gedicht bei keinem das Feuer entfachte,
so verbrannte mein Herz von beiden Seiten, wie das nasse Holz.
Lies eine Seite aus dieser Akte, vielleicht wirst du dann sagen:
„Kann man noch mehr als das verglühen?“

Endlose Nächte schlief ich nicht,
die Botschaft des Menschen teilte ich dem Menschen mit.
Mein Gesagtes enthielt eine Brise aus dem Land der Versöhnung,
im Dornengestrüpp der Feindseligkeiten.
Vielleicht müsste ein starker Taifun auftreten,
um diese Bosheiten zu entwurzeln.

Unsere Weisen vor unserer Zeit sagten ermahnend:
„Es ist zu spät… es ist zu spät…,
der Finsternis der Erdenseele gegenüber
ist die Kraft Hunderter wie wir nur ein Schrei in der Wüste.
Ein neuer Noah ist von Nöten und eine neue Sintflut.“ 3
„Eine neue Welt muss erschaffen werden
und eine neue Menschheit auf jener Welt“ 3

Aber dieser einsame, geduldige Mann schreitet immer noch voran
mit seinem Rucksack voller Leidenschaft den Weg.
Um aus der Tiefe dieser Finsternis ein Licht hervorzuheben,
setzt in jede Ecke eine Kerze seines Gedichtes,
hofft immer noch auf das Wunder des Menschen.

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Anmerkungen:

1 Hier bezieht sich Fereydoun Moschiri auf seine Gedichte aus dem Band „Glaube dem Frühling“.

2 „Ahura Masdah“ und „Ahriman“ sind zwei Gestalten in der alten iranischen Religion stellvertretend für das Gute und das Böse.

3  Hier bezieht sich Fereydoun Moschiri auf Gedichte der iranischen Poeten Nimtaj Salmasi und Hafis.