Die Paul Boesch Stiftung zeichnet das Werk von Edit Oderbolz aus und lädt zu einer Vernissage ein.

Das Titelbild der Einladung trägt den Titel The naked man, Der nackte Mann.

Edit Oderbolz: Naked Man (Rosa), 2018. Armierungsstahl, Lack, Stoff. 100 x 75 x 14 cm, Courtesy the Artist)

 

Alles kann Kunst sein, man muss es nur dazu machen  (Jürgen von Troschke)

„Wenn es so etwas gibt, dann gibt es sicher auch Menschen, die damit etwas anfangen können“, sagt Frauke v. Troschke. Und recht hat sie. Wie zumeist – mit ihren Kommentaren des Weltgeschehens.

Doch was ist es, was könnte es sein, was  „Kunstexperten“ dazu sagen, wie sie diese Entscheidung begründen können? Immerhin ist es die Direktorin der Kunsthalle Bern, die  – an meinem Geburtstag – die Laudatio zu der Preisverleihung halten wird.

Allzu gerne hätte ich ihr zugehört und das „ausgezeichnete“ Kunstwerk im Original betrachtet. Doch mein Gesundheitszustand erlaubt mir nicht, eine Reise nach Bern zu planen. So bin ich – wieder einmal – darauf angewiesen, mir meine eigenen Gedanken dazu zu machen.

Was kann man sehen?

Ich sehe ein schwarz angemaltes Eisengestell, über das ein weißes Oberhemd (wie es Männer, zumeist mit einer Krawatte, zu Anzügen tragen) zum Trocknen aufgehängt wurde.

Das Hemd ist leicht rosa verfärbt – wahrscheinlich waren auch rote Kleidungsstücke in der Waschmaschine.

Wir können spekulieren, dass die Künstlerin das Ober-Hemd, derart zum Trocknen aufgehängt, gesehen und spontan eine ästhetische Spannung zwischen dem Gestell, der an einen Bilderrahmen erinnernden, schwarzen Eisenstäbe und den typischen Falten des, natürlich, an der Luft, getrockneten Baumwollstoffes erkannt hat.

Wenn man sich auf die Imagination eines Bilderrahmens einlässt, dann greift das eigentliche, monochrom Bild an allen vier Seiten darüber hinaus. Im übertragenen Sinn „sprengt das Bild“ den vorgegebenen Rahmen.

Natürlich erkennt der Kenner in der weißen Monochromie des Bildes sofort eine Reminiszenz an Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch.

Man kann sich auch an die traditionelle Gestalt eines Triptychon erinnert fühlen und in diesen säkularen Flügelaltar die Vorstellung einer Entsprechung von Himmel und Hölle (mit der These der Gleichheit aller Menschen nach dem Tod) hinein projizieren.

Der Faltenwurf des Hemdes zitiert selbstverständlich die Kunst der Malerei der Renaissance, in der die handwerkliche Kompetenz des Malers sich dadurch zum Ausdruck bringen konnte, diesen so realitätsgetreu wie möglich – „Tromp le’œil“ – abzubilden.

Das Kunstwerk steht offenkundig in der Tradition der „Objet trouvé“ von Marcel Duchamp, die als „Readymades“ bekannt geworden sind.

Wäre die Künstlerin Partnerin des Mannes, dem das Oberhemd gehört, hätte sie sich darüber ärgern können, dass dieser, wieder einmal – wie gottgewollt – von ihr als Frau erwarten könnte, das Hemd glatt zu bügeln. Damit wäre dann ein typischer Geschlechter-Rollen-Konflikt der Moderne thematisiert.

 

Kurzum, es handelt sich in der Tat um ein raffiniert gesehenes und gestaltetes Kunstwerk, an dem der Experte seine Kennerschaft demonstrieren kann. Nach dem Motto: Die besten Kunstwerke sind die, an denen der Kunstkritiker zeigen kann, wozu er fähig ist. In der Gegenwartskunst kann alles zur Kunst erklärt werden – man muss es nur können.

 

 

 

Und nun eine mögliche Laudatio bei der Vernissage (Dietrich Weller)

Meine Damen und Herren, liebe Gäste dieser hohen Feierstunde!

Wir sind hier und heute glückliche, ja vom Schicksal auserwählte Zeitzeugen einer Schöpfung, die in gleichem Ausmaß Wahrheit und Originalität, Vermischung aus Form, Farbe und schwindenden Linien, die eine feingliedrige Starrheit umschmeicheln, in unser Blickfeld katapultieren. Eine geradezu epochale und einmalige Symbiose von Wellen und Falten, die in ihrer Rosaheit dem Kunstwerk einen ganz außergewöhnlichen Reiz verleihen.

Das Wort Rosaheit habe ich in einem blitzartigen Geniestreich extra kreatiert für diesen exzeptionellen Event, auf dass es in die Art- und Word-History der erhabenen deutschen Sprache eingehen möge und die Linguisten und Verbologen noch lange beschäftige! Nur mit solch einem Neuwort können wir wenigstens annähernd die Genialiät des Kunstwerks mit verbalen Hilfsmitteln erfassen.

Die besondere Geniuserleuchtung der Künstlerin besteht natürlich darin (aber das erkennen leider nur wenige auserlesene Kunstsachverständige), dass die Künstlerin ein Hemd und nicht etwa ein anderes Kleidungsstück für diesen künstlerischen Geniewurf ausgewählt hat. Man stelle sich  vor, wie banal eine Jeanshose auf dem geradezu in seiner künstlerisch beispielhaften Schlichtheit unübertrefflichen Hintergrund aussehen würde. Nein, das könnte man niemals als Kunst bezeichnen!

Das Hemd hingegen, das als herzbedeckendes Dekor die Innigkeit der Seele, ja die Gottgeschaffenheit des Humanen symbolisiert, enthält in der Rosaheit das drohend verblassende Merkmal der schwindenden Kunstwelt, die doch mit aller Macht aufrecht erhalten werden muss. Weil das Hemd eben nicht symmetrisch aufgehängt ist, sondern zu fallen droht, zeigt es in so unnachahmlicher Weise den drohenden Verfall der Körperlichkeit und den kurz bevorstehenden Verlust künstlerischer Haltung. Es fordert uns geradezu heraus, die Kunst wieder hoch zu hängen, sie zu stabilisieren, sie wertzuschätzen. Dafür sind wir heute hier!

Deshalb ist auch der Preis so historisch wichtig. Ja, darüber hinaus muss ausdrücklich betont werden, wie sehr die Rosaheit uns hinein führt in die Problematik unserer sich umwälzenden Weltbewusstheit um die durch die Genderszene verbildlichten Identitätskonflikte, die erst hier mit diesem grandiosen Kunstwerk so richtig in das Bewusstsein der Öffentlichkeit hinein geworfen wird, damit endlich das nicht so kunstbeflissene Volk der herausragenden und epochalen Schicksalswelt der Anders- und Ungeschlechtlichen gewahr wird.

Aber dieses Kunstwerk enthält ja eine noch viel wichtigere Botschaft, die wir erkennen und uns vergegenwärtigen müssen. Ja, sie gehört zur Gegenwart – wie das Hemd zum Körper. Der Mann ist nicht mehr sichtbar. Nur sein Markenzeichen ist da: das Hemd. Ungebügelt zwar, aber es ist offen. Der Mann ist schutzlos ausgeliefert! Wem? Vielleicht den Frauen oder der Frauenquote? Jedenfalls ist er nach Sicht der Künstlerin so offen sichtlich erkennbar -aber wahrscheinlich nur für die wirklich Kunstverständigen unter uns!-, dass man ihn gar nicht mehr zeigen muss.

Und das ist das wirklich Wesentliche, da Wesenhafte, das Sein und das Seiende des Wesens eines Kunstwerkes: Man muss die Botschaft erkennen, auch wenn das Subjekt, das dargestellt werden soll, gar nicht gezeigt wird. Der wahrhaft Kunstverständige weiß und erkennt es. Deshalb sind Sie auch heute ein so erlesenes Publikum, weil sie das Bild lesen können. Sie verstehen die verborgene, überaus künstlerische und kunstvolle Sprache der Künstlerin!

Sie, meine sehr geschätzten Gäste, verinnerlichen jetzt, was uns Frau Oderbolz mit diesem Jahrhundertkunstwerk sagen will: Der Mann ist ein Nichts! Wenn man ihn anschauen oder sein Wesen darstellen will, bleibt ein nur banales, aber überaus rosa gefärbtes Hemd übrig. Das ist wahrer Feminismus.

Insofern ist es den Stiftern des Preises nicht hoch genug zu danken, dass sie uns heute wieder einmal die Gelegenheit schenken, die Kunst in ihrer hemdumfassenden und doch so weltumfangeneen Bedeutung zu erfassen.

Ein Hoch auf die Stifter und die heute so eminent ausgezeichnete Künstlerin! Wir möchten von hier aus einen dringenden Appell an das Nobelkomitee in Stockholm richten, doch endlich einen Nobelpreis für banalitätssublimierende Kunst zu schaffen. Und natürlich schlagen wir die heute schon von uns so reich ausgezeichnete Künstlerin als erste Kunst-Nobelpreisträgerin vor!

Ich darf Sie jetzt noch zu einem kalten Meat-And Fish-Finger-Food-Meeting im Sinne eines künstlerisch erfüllten  Get-Together mit musikalischem Framing einladen.

Ich wünsche Ihnen einen erholsamen und erbaulichen, ja geradezu identitätswegweisenden Abend.

BRAVO, BRAVO!! WAS FÜR EIN ABEND!

Dietrich Weller