Diese Seite besteht aus fünf Teilen:

  1. Der Initiativaufsatz von Jürgen von Troschke
  2. Meine Einladung zur Diskussion, ob wir im BDSÄ nach bestimmten Lesungen und auf unserer Homepage auch Lob und Verbesserungsvorschläge zu Wort kommen lassen wollen / sollen.
  3. Ihre Meinungen dazu
  4. Je eine Bemerkung von Jürgen von Troschke und mir zum derzeitigen Stand der Diskussion
  5. Neue zusätzliche Meinungen von Mitgliedern

 

Kann die „Gruppe 47″ ein Modell sein – für den BDSÄ?

(Prof. Dr. med. J. v. Troschke)

Wir alle werden schon einmal von der „Gruppe 47″ gehört haben und mehr oder weniger über deren Bedeutung für die deutschsprachige Literatur nach dem zweiten Weltkrieg informiert sein. Um es noch einmal kurz zusammenzufassen: Von 1947 bis 1990 versammelte sich – alle Jahre wieder – ein Kreis von anfangs noch unbekannten Schriftstellern, um für eine knappe Woche irgendwo in Deutschland in einem kleinen Hotel auf dem Land sich wechselseitig ihre Texte vorzulesen und diese zu diskutieren.

In einer Fernsehsendung des BR hat Peter Voss vor einiger Zeit den bekannten Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki zur Erfolgsgeschichte der Gruppe 47 befragt. Beim Ansehen und Hören der Aufzeichnung dieser Sendung auf YouTube (https://youtu.be/_otGipmxIf0) habe ich mich gefragt, ob – und wenn inwieweit – wir daraus etwas für den BDSÄ lernen können.

Deshalb habe ich unserem Präsidenten Dr. Dietrich Weller den Vorschlag gemacht, diese Frage auf unserer nächsten Jahresversammlung zur Diskussion zu stellen. Da ich selber – krankheitsbedingt – zu schwach bin, persönlich meine diesbezüglichen Ideen begründen zu können, habe ich ihn gebeten, den von mir dazu verfassten Text vorzustellen.

Uns allen geht es wahrscheinlich ebenso, wie es der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki von professionellen Dichtern beschrieben hat: „Die allermeisten Schriftsteller interessieren sich nicht wirklich für die Werke ihrer Kollegen. Bezogen auf ihre eigenen Arbeiten wollen sie nur gelobt werden. Selbst auf marginale Kritik reagieren sie oft mit emotionaler Abwehr.“

Das scheint mir nachvollziehbar. Auch ich bin mir – bezogen auf die Qualität der von mir verfassten Texte – allzu oft sehr unsicher. Deshalb freue ich mich über Lektoren in Verlagen, die sich diesen Luxus noch leisten können, die mir das, was verbessert werden sollte, möglichst unauffällig korrigieren.

Als Schriftleiter von mehreren wissenschaftlichen Zeitschriften – insbesondere aber als Herausgeber von Sammelbänden – habe ich gelernt, dass es für alle Beteiligten am einfachsten war, wenn ich die mir zur Verfügung gestellten Texte soweit notwendig verbessere und anschließend den Autoren zur GzD (Genehmigung zum Druck) zugeschickt habe.

Anfangs hatte ich meine redaktionellen Korrekturen sichtbar gemacht und ausführlich begründet. Die Folge waren wütende Protestbriefe und Auseinandersetzungen, die für alle Beteiligten sehr unangenehm werden konnten. Sogar gute Freundschaften sind daran zerbrochen.

Dann habe ich meine Strategie geändert.

Ich habe zwar weiterhin meine „Verbesserungen“ vorgenommen, diese aber nicht mehr sichtbar gemacht oder begründet. Mit erstaunlichem Erfolg. In den allermeisten Fällen erhielt ich problemlos die erbetene GzD. Vielen Autoren waren die Korrekturen gar nicht aufgefallen. Diejenigen, die die Verbesserungen bemerkt hatten, waren zumeist dankbar – auch wenn sie nicht die Souveränität hatten, ihren Dank mitzuteilen. Einigen wenigen war es wichtig, ihre Großzügigkeit zu demonstrieren: „Natürlich habe ich die von Ihnen in meinem Text vorgenommenen Veränderungen bemerkt – aber bin ja nicht so eitel, dass ich deshalb einen Streit anfangen würde. Das ist nicht mein Stil …“

Kurzum, wir Schriftsteller sind unsichere Narzissten, die ebenso begierig auf Lob angewiesen sind, wie wir bei der kleinsten Kritik allergisch, mit emotionaler Abwehr, reagieren.

Natürlich gilt das auch für mich.

Bei wissenschaftlichen Texten war es einfacher als bei meinen Gedichten, Erzählungen oder Essays. Als Schriftleiter von wissenschaftlichen Zeitschriften hatte ich schnell zu begründen gelernt, warum ich qualitativ schlechte Arbeiten an den Autor zurückschicken musste. Aber – wie begründet man ein Qualitätsurteil bei einem belletristischen Text? Es ist zwar relativ einfach festzustellen, ob einem ein Text gut gefällt oder nicht, aber selbst professionelle Lektoren tun sich schwer, das nachvollziehbar zu begründen. Man behilft sich dann gerne mit der Standardformel: „Leider passt ihr Text nicht in unser Programm.“

Trotzdem sehnen wir uns nach einem „ehrlichen“ Feed-back, dass uns helfen kann, die Qualität unserer Texte immer mehr zu verbessern.

Als ich Mitte der 1980-er Jahre Mitglied im BDSÄ wurde, hatte ich im Kontext meiner Berufstätigkeit Gerhard Vescovi (1922—1998) kennen gelernt und fühlte mich von seiner Persönlichkeit, aber auch von seinen Romanen sehr angesprochen. Er motivierte mich, an einigen Treffen teilzunehmen und dabei auch einige meiner literarischen Versuche vorzustellen. Ich muss bekennen, dass ich dabei, für mich ungewöhnlich, große Angst davor hatte, kritisiert zu werden.

Erst sehr viel später habe ich damit angefangen, Kunstkritiken zu veröffentlichen. Als ich davon mehr als hundert für zwei verschiedene Zeitschriften verfasst hatte und vom Internationalen Kunstkritikerverband AICA zur Mitgliedschaft aufgefordert worden war, hatte ich das nötige Selbstbewusstsein entwickelt, um mich auch auf die Diskussion der Qualität meiner Beiträge einlassen zu können.

Kurzum – wir, die wir literarische Texte verfassen, sehnen uns nach „offener“ Kritik und haben hohe Qualitätsansprüche (nicht nur an die Werke von Kollegen), sind aber gleichermaßen unsicher und vermeiden Situationen, in denen wir negativ beurteilt werden könnten. Wir suchen vor allem Bestätigung und haben, bedingt durch unseren „Hauptberuf“, viele Möglichkeiten, Settings zu nutzen, in denen wir bewundert werden, weil wir nicht nur „gute Ärzte“, sondern auch „so gebildet“ sind, dass wir unterhaltsam-besinnliche Texte verfassen können.

Reicht das nicht völlig aus …?

Ich meine nicht. Wir sollten die uns gegebene Chance nutzen, noch besser zu werden, als wir eh schon sind. Wir könnten den BDSÄ nutzen, um zusammen mit Gleichgesinnten unsere Fähigkeiten zur Kommunikation über die Qualität literarischer Arbeiten weiter zu entwickeln. Und wir könnten dabei auch die Qualität unserer eigenen Gedichte, Erzählungen, Essays etc. verbessern.

Wie sollte das möglich sein? Nun, mein Vorschlag ist: „Lasst es uns einmal probieren!“.

Dazu bräuchte es Spielregeln für eine „Extra-Lesung“ auf unseren Tagungen.

  1. Zuerst und vor allem – gilt das Prinzip der Freiwilligkeit, d.h. nur wer das wirklich will, sollte sich der Kritik stellen.
  2. Dann wäre es gut, zumindest am Anfang, das Prinzip der Anonymität zu praktizieren, dergestalt, dass Mitglieder für eine besonders ausgewiesene Lesung, anonym ihre Werke einreichen können, die dann nach dem Zufallsprinzip von einem „wohlwollenden“ Kollegen vorgetragen werden.
  3. Die Zeit des Vortrages sollte auf maximal 15 Minuten begrenzt
  4. Die anschließende Diskussion sollte moderiert werden und sich unterteilen in 10 Minuten „nur Lob“ und anschließend 10 Minuten „Vorschläge für Verbesserungen“.

Eine Möglichkeit könnte auch sein, dass wir auf der BDSÄ Website eine Kategorie „Mit der Bitte um Kritik“ einrichten, in die diejenigen, die das wollen, ihre Beiträge (ggf. anonym) einstellen können, damit diese dann von BDSÄ-Mitgliedern kommentiert werden können.

Dazu will ich den Anfang machen.

Ich würde mich freuen, wenn dieser Text auf der BDSÄ-Website zur Kommentierung freigestellt würde, um dann auf unserem nächsten Kongress diskutiert zu werden.

Bitte schreiben Sie alles auf, was Ihnen dazu einfällt – sowohl zum Inhalt, wie zum Stil. Anonym oder mit „offenem Visier“ – wie es Ihnen gefällt. Jede Art von Rückmeldung ist willkommen!

www.juergenvontroschke.de

 

2. Meine Einladung zur Diskussion

Immer wieder haben wir im Vorstand darüber diskutiert, ob wir auch eine Form der Literaturkritik über unsere eigenen Texte einführen sollen. Und immer wieder ist das Vorhabens schon im Ansatz gescheitert, weil wir einigen wenigen kritische Stimmen nachgegeben haben, ohne die Mehrheit der Mitglieder zu befragen. Deshalb möchte ich nach der Anregung durch Jürgen von Troschke einen neuen Versuch machen und die Diskussion auf ein breites Mitglieder-Quorum ausdehnen.

Mein Vorschlag:

Bitte gehen Sie die folgenden Fragen durch, und antworten Sie mir bitte möglichst per E-Mail  an weller.leonberg@t-online.de. Ich möchte gern im Anschluss an diese Einladung Ihre Antworten veröffentlichen.

Wohl gemerkt: Es handelt sich hier nicht um eine verbindliche Abstimmung!

Jürgen von Troschke und ich möchten  möchten nur eine Sammlung von Eindrücken, Einstellungen und Stimmungen erfahren. Und ich stelle mir vor, darüber bei der Mitgliederversammlung in Bad Herrenalb zu berichten. Dann können wir dort entscheiden,  was wir tun.

Voraussetzung ist auch hier die freiwillige Teilnahme an der Umfrage.

  • Halten Sie es für sinnvoll, ein Forum für Lob und Verbesserungsvorschläge einzurichten, um unsere eigenen Texte von den Mitgliedern beurteilen zu lassen, wenn die Teilnahme freiwillig ist? (Sie können freiwillig und anonym Ihren Text liefern und freiwillig Lob und Verbesserungsvorschläge äußern.)
  • Wir könnten bei unseren Kongressen zum Beispiel eine Lesung mit zwei Texten von Freiwilligen  veranstalten nach dem oben angeführten Beispiel.  Was halten Sie davon?
  • Wir könnten auch hier in der Homepage jedem Einsender von Texten freistellen, ob er seinen Text zur Kritik freigibt, d.h. jeder Leser darf seinen Kommentar an mich schicken, und ich veröffentliche den Kommentar unter dem Text. Lob und Verbesserungsvorschläge müssen sachlich und konstruktiv sein, dürfen nicht beleidigend oder verletzend sein. Ich könnte zum Beispiel das Schlagwort Lob und Verbesserungsvorschlag einführen und die entsprechenden Texte damit versehen, dann sind diese Texte rasch zu finden. Was halten Sie davon?
  • Wären Sie bereit, ab und zu einen Ihrer eigenen Texte in der Homepage oder bei unseren Kongress den Mitgliedern für Lob und Verbesserungsvorschläge zur Verfügung zu stellen?
  • Bitte schreiben Sie mir Ihre Meinung über Jürgen von Troschkes Vorschlag. Ich möchte Ihre Meinung hier veröffentlichen. Wenn Sie Ihre Meinung  nicht veröffentlicht haben  möchten, schreiben Sie es mir das bitte auch.

Vielen Dank für Ihre Mitarbeit! Herzliche Grüße,

Dietrich Weller

 

3. Ihre Meinungen. Hier möchte ich Ihre Antworten sammeln.

Am 25.03.2019: Antwort von Dr. André Simon,

Lieber Dietrich,

Dem Vorschlag von Professor Jürgen von Troschke  kann ich nur zustimmen.
Ich wäre froh, wenn man meine Texte beurteilt. Ich habe schon meine Originaltexte in Papierform zahlreichen Professoren (nicht nur der Medizin), Kollegen, sogar dem Ex-Rektor der Uni Zürich bis zu dem langjährigen Leibarzt von HM the Queen (den habe ich in Zürich kennengelernt) gegeben.
Leider war immer  das Pflicht-Lob da (very charming usw.) ohne sachmäßige Beurteilung, ohne Verbesserungsvorschläge.
Seit drei Jahren gebe ich meine Texte niemanden in Papierform und sende nicht mehr die Links.
Deshalb wäre ich froh, dass man meine übersetzten Texte beurteilt in der Rubrik Lob und Verbesserungsvorschlag.. …

Bis zu der nächsten Übersetzung,

Herzliche Grüsse, André

 

25.03.2019, Antwort von Prof. Dr. Heiner Wenk

Lieber Dietrich,

ich halte das für eine gute Initiative.

Auch ich kenne das Peer Review Verfahren für wissenschaftliche Publikationen und ärgere mich manchmal über Besserwisserei, habe mich aber auch schon gefreut, als ich bemerkt hatte, wie jemand einen Fortbildungsartikel für eine Zeitschrift einfach (wirklich) verbessert hatte. Und der Artikel war dann auch besser.

Das ist die Ambivalenz der Kritik, die natürlich mit unserer „Selbstverliebtheit“ zu tun hat, aber eben auch damit, wie sie vorgebracht wird.

Darum ist das „wie“ ein entscheidender Aspekt.

Dass im Text von Jürgen von Troschke auf die Gruppe 47 Bezug genommen wird, ist ein sehr positives Zeichen.

Ich erinnere mich an „Das Treffen in Telgte“ von Günter Grass.

Ich erinnere mich aber auch, dass es „Das Vermächtnis“ von Heinrich Böll -das ist mir sehr nahegegangen, wegen des „Gefreiten Wenk“ als Hauptfigur- trotz einer „Gruppe 47“ unendlich schwer hatte, und dass Siegfried Lenz’ bester Roman zunächst in der jungen Bundesrepublik gar keinen Verleger fand und erst nach seinem Tode im Jahre 2016 erschien. Was zeigt, dass andere Dinge wichtiger sind als wir, nämlich das politische Umfeld, die gesellschaftliche Befindlichkeit und das Geld.

Ich möchte damit sagen, dass wir unsere Erwartungen und den Ball  „flach halten“ sollten. Aber: Es ist gut.

Herzliche Grüße, Dein Heiner

heiner.wenk@gmx.de

 

Am 25.03. kam eine Antwort von einer Einsenderin, die ihre Meinung nicht veröffentlicht haben wollte. Sie sprach sich gegen eine öffentliche Diskussion ihrer Texte aus.

 

Am 26.03. schrieb Frau Prof. Dr. Hartmann-Kottek

Sehr geehrter Herr Kollege Weller!

Als ich eben Ihren Aufruf las, bekam ich einesteils den Eindruck von frischem Wind und Aufbruch, andererseits ging bei mir eine dunkelgelbe (noch keine ganz rote) Warnlampe an. Für die Kritik von sachbezogenen Fachartikeln lassen sich vermutlich eher konsensfähige Kriterien finden als für Lyrik und Prosa. Die Kriterien lassen sich meiner Meinung nach nicht übertragen. Wenn Sie nach „Resonanz“ gefragt hätten, hätte ich das für angemessener gehalten.

Denn wer ist wirklich befugt, für die Liebhaber-Dichter dieses Vereins die Kriterien festzulegen, und wer darf sich erlauben, in die Literaturwissenschaftliche Kritiker-Rolle zu gehen, zumal wenn die Toleranz für verschiedene Spiel- und Stilarten beibehalten werden soll. Oder soll ein Einheitsbrei-Stil gefördert werden? Wer bekommt die Definitionsmacht? Oder: wer will sie sich zuerkennen?

Sie waren so mutig und haben den Wunsch nach Lob und die Angst vor verletzender Kritik angesprochen. Sie möchten aus dem Hobby-Spielplatz eine Wettkampf-Arena machen. Oder? – Wem dient das? Ist das der Sinn des BDSÄ? Welcher innere Anteil lechzt dabei nach Lob? Das innere (Schul)kind? Kreative Reformpädagogik hat aus gutem Grunde in der frühen Schulzeit die Benotungen ausgesetzt, um die kreative Eigenaktivität anzufachen, um nicht durch Normen einzuengen und nicht zu entmutigen. Wer sich mit Berufs-Schriftstellern konkurrenzfähig wähnt und sich darin bestätigen lassen möchte, der kann sich parallel oder alternativ doch den entsprechenden Autoren-Kreisen anschließen. Ich halte den BSDÄ für einen förderlichen Schutzraum, in dem schlafende Talente der i.a. leistungsmäßig lebenslang überforderten Mediziner-Kollegen aufwachen und bezüglich ihrer Kreativität erste Gehversuche machen können.

Ich habe Herrn Vescovi und den Geist, den er verbreitete, auch noch in bester Erinnerung, bin aber leider schon lange nicht mehr beim BDSÄ aufgetaucht. Ich habe andere Prioritäten setzen müssen. Alles läßt sich nicht gleichzeitig leben. Ich finde es aber sehr sinnvoll, dass der BDSÄ diesen kreativen Raum für die Kollegenschaft vorhält. –

Mit freundlichen Grüssen
Lotte Hartmann-Kottek (Prof. Dr. med., Dipl. Psych.) Kassel

 

Am 25.03. schrieb Eberhard Grundmann

Lieber Dietrich,

zutreffend beschreibt Jürgen von Troschke das Spannungsfeld, in welchem sich eine Werkbesprechung bewegt. Auf einer Seite stehen die Chancen, ja die Notwendigkeit, im Austausch die eigene Entwicklung zu befördern. Auf der anderen Seite sind die Risiken der Verletzlichkeit. Die Gratwanderung kann gelingen durch kluge Einrichtung. Dazu sind in deinem Begleittext und von Troschkes Beitrag schon Elemente genannt. Ich stelle zusammen:

1)    Etikette: Sachlichkeit und Höflichkeit.

2)    Ein Moderator leitet die Sitzung.

3)    Auf Wunsch (oder verpflichtend?) Anonymität des Textes.

4)    Im Format unserer Jahreskongresse würde dieser Punkt eine Lesung umfassen.

  1. Name: der «Workshop» sollte in deutscher Sprache auftreten, zB «Werkstatt», «Drehbank» o.ä.
  2. Zeittakt: 10 min Lesen, 20 min Gespräch = 4 Texte in 2 Stunden.
  3. Wahrscheinlich ist es hilfreich, wenn der Text vorab – zB ab Eröffnungsabend – schriftlich zur Verfügung steht, und dann die Sitzung nicht am selben Abend stattfindet.

5)    Im Format der Website würde man die «Drehbank» als Diskussionsforum einrichten. Auch hier kann der Text mit Autorennamen oder anonym eingestellt werden, die Disputanten können mit Klarnamen oder Alias auftreten.

So können wir das Thema der Mitgliederversammlung vorlegen.

Herzliche Grüsse, Eb

 

Am 25.03. schrieb Uta Hoeß

Sehr geehrte Kollegen,

Ich begrüße sehr die Idee der Einführung einer Textkritik im BDSÄ. Die Idee einer anonymen Lesung bzw. einer Autoren-Lesung und anschließender Diskussionen gefällt mir persönlich am besten, da man dem Gegenüber Fragen stellen kann  … letztendlich soll ein Text für sich allein sprechen, ohne Erläuterungen … In Nachfragen und Reflexionen liegen aber auch Keimpool für neue Literatur(-formen).

In der Autorengruppe Wortwerk Erlangen besprechen wir sehr intensiv unsere Texte, oft auch leidenschaftlich und sehr kritisch, letztendlich machen wir dies für den „perfekten Text“. Na klar muss man da ab und zu sein eigenes Ego ablegen, jedoch sprechen steigende Zuhörerzahlen bei unseren Lesumgen vor Ort , internationale Publikationen und Preise für die konstruktive, produktive Arbeit in der Autorengruppe.

Oft habe ich mir jedoch schon gewünscht, dass auch ein weiterer Mediziner anwesend ist bei den Treffen, dass man kritisch auf fachliche Details sieht, dass man Medizinisches und Literatur auf die Spitze treibt und beide Fachgebiete abstrus kafkaesk vervollkommt usw.

…ich fände es gut, mich mit Medizinern auszutauschen.

Reine Text-Online-Plattformen sind mir jedoch zu anonym und zu wenig als Austausch am Text geeignet, da kann man auch gleich einen Lektor fragen und bekommt Text mit Markierungen zurück. Textarbeit lebt für mich v.a. durch Gespräche. Persönlich oder online .. so z.B. läuft aktuell eine Online-Gesprächsrunde mit einem Autor aus Dänemark und zwei deutschen Autorinnen über Thriller und Krimis, in der die Teilnehmer jeweils lesen und danach diskutieren. Vielleicht auch eine Idee?

Danke für das Anstoßen dieser Diskussion.

Dr. URHoess

 

Am 26.03. schrieb Paul Kokott

Lieber Kollege Weller,

eine beachtenswerte und durchaus hilfreiche Initiative, die durchaus zur weiteren Verbesserung der literarischen Texte beitragen kann.

Mit kollegialen Grüßen, Paul Kokott

 

Am 27.03. schrieb unser neues schweizerisches Mitglied Peter Marko 

Lieber Dietrich, in der Beilage befindet sich meine Stellungnahme. Ich bewundere Deine Aktivität und danke dafür. HErzlich grüßt Peter

 

Sehr geehrte, liebe (neue) Kolleginnen und Kollegen,

eigentlich ist es eine Frechheit, dass ich mir erlaube, als  noch nicht Kenner des BDSÄ, in diese Diskussion einzugreifen. Wenn etwas von meinem Beitrag nicht stimmt, bitte schreiben Sie es diesem Umstand zu.

Ich finde den Vorschlag von Herrn Professor von Troschke ausgezeichnet, und er erfüllt vermutlich Wünsche etlicher Mitglieder. Es wäre eine Art von Werkstatt zum Ziselieren, anspruchsvoll an Aufwand, Organisation und Zeit. Gerne würde ich auch dort meine Produkte zur Prüfung und Verbesserung schicken.

In diesem Zusammenhang  erlaube ich mir auch, einen Vorschlag vorzulegen:

Eigentlich wäre es natürlich, nach jedem vorgelesenen Beitrag zu diskutieren. Es ist uns von Fachveranstaltungen gut bekannt, und es war früher mindestens in UMEM und ASEM die Regel. Die Gefahr, dass es zu bösen, verletzenden Diskussionen führen könnte (s. nicht nur Gruppe 47), konnten die Vorsitzenden der jeweiligen Sitzungen verbannen, indem sie auch zu guten älteren Gepflogenheiten zurück kehren würden. Eigentlich ist es nicht ihre Aufgabe, mit einem eigenen (langem) Diskussionsbeitrag zu beginnen (bei Schriftstellern noch nicht in Mode) und damit die weiteren Meldungen aus dem Publikum zeitlich und inhaltlich zu begrenzen, sondern die Diskussion der Zuhörer mit  der Autorin, dem Autor (auch zeitlich) zu lenken. Die positive Folge wäre eventuell eine Fortsetzung der Diskussion in den Pausen und der freien Zeit, womit  Sinn, Zweck und Wirkung der Veranstaltungen erweitert würden. Sicher ein grosser Nachteil wäre, dass die Sitzungen länger wären und man die Zeit für interessante Exkursionen in der Umgebung der Veranstaltung verkürzen müsste.

Peter Marko, Allgemeinpraktiker i.R., St. Gallen, Schweiz

 

Brief von Frau Dr. Pauline Abt am 30.03.2019

Sehr geehrter Herr Kollege Weller!

Heute bekam ich Ihr Schreiben vom 25. 03. 2019. Leider kann ich Ihnen nicht im Internet antworten, ich bin nicht im Internet. So etwas gibt es auch heute noch. Ich antworte Ihnen daher schriftlich.

Ich bin 96 Jahre alt, behindert und konnte ja leider schon viele Jahre nicht zu  unseren Treffen kommen. Ich habe mich immer auf die Treffen der Schriftsteller-Ärzte gefreut, auch weil ich da meine liebe Freundin Godula Bornheim traf. Auf all diesen Treffen herrschte Freundlichkeit, Fröhlichkeit, Leichtigkeit. Diese gute Stimmung, diese Leichtigkeit wird nicht mehr herrschen, wenn jeder von uns denken muss, dass seine Arbeit, sein Gedicht, zerpflückt  und durchgehechelt wird. Natürlich ist alles freiwillig, aber ich denke, Kritik wird immer als Damoklesschwert über uns hängen und uns die Fröhlichkeit und Leichtigkeit nehmen. Ich lehne Ihren Vorschlag also ab.

Mit freundlichen Grüßen,
Pauline Abt.

 

4. Abschließende Stellungnahme eines der „Vorschlagenden“- (J. v. Troschke)

(bezogen auf die auf der BDSÄ-Website dokumentierten Reaktionen von Mitgliedern auf „unsere Anregung“.) 

Warum probieren wir es nicht einmal ?

Immer wieder einmal haben wir (die beiden „Vorschlagenden“) uns selbstkritisch gefragt, ob die von uns selbst verfassten Texte den Ansprüchen genügen, die wir bei Beiträgen der anderen so selbstverständlich anzulegen gewohnt sind. Dann haben wir damit angefangen uns – nach verständlichem Zögern – wechselseitig unsere Beiträge „zu verbessern“. Manche der Bemerkungen des anderen haben wir übernommen,  andere nicht. Spannend war es in jedem Fall, den eigenen Text mit „anderen Augen“ zu lesen. Wenn man erst einmal die Angst vor der narzisstischen Kränkung überwunden hat, ist es in jedem Fall „bereichernd“. Allerdings kann es ganz schön viel Arbeit machen, einen Text „zu verbessern“ – da ist es oft leichter, selber einen neuen Text zu verfassen … Und das gilt nicht nur für die Korrektur von Doktorarbeiten.

Nun denn. Unsere positiven Erfahrungen bei der wechselseitigen Lektorierung unserer literarischen Texte hat uns veranlasst, so etwas allgemein – als Angebot des BDSÄ an seine Mitglieder – vorzuschlagen. „To whom it may concern“ (frei übersetzt „Wie es Euch gefällt“)

Deshalb habe ich einen motivierenden Text zu schreiben versucht und Dietrich Weller hat den Vorschlag allen BDSÄ-Mitgliedern auf der Website zur Diskussion gestellt.

Von 9o Mitgliedern (abzüglich den beiden „Vorschlagenden“) haben 9 ihre Meinung dazu schriftlich mitgeteilt und wurden auf der BDSÄ-Website veröffentlicht. Darauf kann ich mich mit diesem Text beziehen.

Zur Ordnung habe ich 4 Kategorien gebildet:

1) Eindeutig ja („… Dem Vorschlag … kann ich nur zustimmen“)

2) Vielleicht – eher ja. („… Auf einer Seite stehen die Chancen, ja die Notwendigkeit, im Austausch die eigene Entwicklung zu befördern. Auf der anderen Seite sind die Risiken der Verletzlichkeit.“)

3) Vielleicht – eher nein („… einesteils den Eindruck von frischem Wind … andererseits ging bei mir eine dunkelgelbe … Warnlampe an“)

4) Eindeutig nein („…ich denke, Kritik wird immer als Damoklesschwert über uns hängen und uns die Fröhlichkeit und Leichtigkeit nehmen. Ich lehne Ihren Vorschlag also ab.“)

Die auf der BDSÄ-Website dokumentierten Stellungnahmen lassen sich (m.E. – der Leser, oder die Leserin kann das überprüfen) diesen Kategorien zuordnen:

1) Eindeutig ja               = x, x, x, x, x
2) Vielleicht – eher ja     = x
3) Vielleicht – eher nein = x
4) Eindeutig nein           = y, x

(insgesamt  N= 9 Stellungnahmen zu dem Vorschlag von 2 Mitglieder)

———————————————————————————————

( x = mit Namensnennung,
y = Anonym, mit Hinweis darauf, die Meinung von weiteren Mitgliedern zu vertreten)

Wie kann man das beurteilen?

Die einzige namentliche und ausführlich begründete Ablehnung wurde von einem weiblichen Mitglied verfasst, deren Haltung möglicherweise die Skepsis der „schweigenden Mehrheit“  wiedergibt und deshalb ausführlicher zitiert werden soll:

Leider kann ich Ihnen nicht im Internet antworten, ich bin nicht im Internet. So etwas gibt es auch heute noch.

Ich antworte Ihnen daher schriftlich. Ich bin 96 Jahre alt, behindert und konnte ja leider schon viele Jahre nicht zu  unseren Treffen kommen. Ich habe mich immer auf die Treffen der Schriftsteller-Ärzte gefreut, auch weil ich da meine liebe Freundin Godula Bornheim traf. Auf all diesen Treffen herrschte Freundlichkeit, Fröhlichkeit, Leichtigkeit. Diese gute Stimmung, diese Leichtigkeit wird nicht mehr herrschen, wenn jeder von uns denken muss, dass seine Arbeit, sein Gedicht, zerpflückt  und durchgehechelt wird. Natürlich ist alles freiwillig, aber ich denke, Kritik wird immer als Damoklesschwert über uns hängen und uns die Fröhlichkeit und Leichtigkeit nehmen. Ich lehne Ihren Vorschlag also ab.“ 

Auf meine Anfrage hin teilte mir unser Präsident mit, dass der BDSÄ derzeit 92 Mitglieder hat. Davon haben sich insgesamt 8 positiv geäußert (5 + die 2 Autoren = 7 „eindeutige“ und 1 „eher positive“ Stellungnahmen). Eine Einsendung war ambivalent, mit eher negativer Tendenz. 2 sind eindeutig gegen den Vorschlag, wovon die anonyme Stellungnahme (nach Auskunft von Dietrich Weller) angibt, „weitere Mitglieder“ (ich schätze maximal 6) zu repräsentieren.

Als empirischer Sozialforscher weiß ich, nur allzu gut, um die Probleme von Rücklaufquoten bei Fragebogen-Erhebungen.

Besonders schwierig ist es, wenn es um die Beurteilung von Wahlbeteiligungen zur Interessenvertretung der Studierenden an deutschen Hochschulen geht. Die Prozentwerte liegen zumeist klar unter 20%. Wenn man sich einmal vorstellt, das wäre die Wahlbeteiligung bei politischen Wahlen, kann man sich leicht denken, wie die Kommentierung in den öffentlichen Medien ausfallen würde.

Die übliche Reaktion auf geringe Teilnahmequoten bei Befragungen ist gemeinhin die, diese „im Vorwort“ kurz zu problematisieren und im folgenden Text, bei der ausführlichen Darstellung der Ergebnisse, nur noch relative Prozentwerte zu präsentieren.

Bezogen auf unsere Befragung könnte man – je nach „Voreingenommenheit“ des Berichterstatters – zwei, gänzlich verschiedene, scheinbar „objektive Darstellungen“ vornehmen:

  • bei negativem Vorurteil: „Insgesamt 2+maximal „geschätzt“ 6 = 8, d.h. 57,143 % der Mitglieder die sich beteiligt haben (bezogen auf, zusammen genommen, N=14 Stellungnahmen), und somit eindeutig die Mehrheit, sind dagegen„. 
  • bei positivem Vorurteil: „Insgesamt 6+2 = 8 (derjenigen die sich positiv geäußert haben + die beiden Autoren), d.h. 57,143 % der Mitglieder, die sich beteiligt haben, und somit eindeutig die Mehrheit, sind dafür.“

Bei differenzierter Auswertung könnte man dann noch unterteilen nach „aktiven“ und „passiven“ Mitgliedern oder verschiedenen „Altersgruppen“ etc.

Viel zu viele, angeblich objektive, empirische Untersuchungen arbeiten – wie wir als Ärzte selbstverständlich alle wissen – mit derartigen Tricks.

Halten wir fest – insgesamt 11 (9 Stellungnahmen und die 2 Autoren) der insgesamt 92 Mitglieder haben sich – bezogen auf den Vorschlag – persönlich mit einem eigenen (auf der BDSÄ-Website dokumentierten Beitrag) positioniert. Das sind 12%.

Wie unser Präsident klar und unmissverständlich vorgegeben hat, sollte die Befragung keine „Abstimmung“ sein, sondern lediglich ein „Meinungsbild“ ergeben.

Dabei haben insgesamt 9 aktive Mitglieder (5+2+2) die Vorteile einer solchen Vorschlages gesehen.

Was spricht dagegen, dass diese das einmal im Rahmen des BDSÄ ausprobieren?

Dann kann man ja sehen, ob und wie das funktioniert. Ich jedenfalls würde mich über jede Stellungnahme für die, auf der BDSÄ-Website, von mir veröffentlichten Beiträge (und somit auch zu diesem) sehr freuen und hätte nichts dagegen, wenn die dort auch dokumentiert würden.

Ursprünglich wollte ich an dieser Stelle auch noch auf einige – in diesem Zusammenhang interessante – grundsätzliche Probleme eingehen. (Wie z.B. die ausgesprochen emotionale Abwehr von „veröffentlichten Leistungsbewertungen der eigenen Person“ in einer Leistungsgesellschaft, in der es jedem und jeder selbstverständlich erscheint, die Leistungen anderer ständig zu kritisieren…) Doch darauf will ich hier verzichten, weil das alles nur noch mehr komplizieren würde.

So lasse ich es dabei, festzustellen, dass wir uns sehr darüber freuen, dass einige Kollegen und Kolleginnen unserem Vorschlag „etwas abgewinnen“ können.

Deshalb mein Vorschlag: „Lasst es uns doch einmal ausprobieren!“

Die „Skeptiker“ könnten sich das ja anschauen und beobachten, ob sich ihre Vorbehalte bestätigen oder – wie ich hoffe – nicht.

 

Meine Meinung (Dietrich Weller)

Ich danke allen Mitgliedern, die sich an der Umfrage bis jetzt beteiligt haben, sehr herzlich. Die Diskussion zeigt auch bei relativ kleinen Anzahl der Antwortenden die Breite der Meinungen.

Um einen Vorschlag zu machen, der von allen angenommen werden kann, biete ich folgende Vorgehensweise an:

  1. Jedes Mitglied kann / darf (selbstverständlich freiwillig!) sich die Texte von Jürgen von Troschke und mir, die in der BDSÄ-Homepage veröffentlicht sind, vornehmen und mit Kritik und Verbesserungsvorschlägen versehen. Wenn diese Meinung an mich geschickt wird, werde ich sie unter dem jeweiligen Text mit Namensnennung veröffentlichen.  Anonyme Kritik werde ich nicht veröffentlichen.
  2. Die Kritik muss fair, sachlich und konstruktiv sein.
  3. Wenn ein Mitglied seine Texte ebenfalls zur Meinungsäußerung freigeben möchte, bitte ich um Nachricht. Dann werde ich das unter den jeweiligen Texten vermerken und die dann folgende Äußerung eines anderen Mitglieds ebenfalls veröffentlichen.
  4. Es muss sichergestellt sein, dass nur Texte von Mitgliedern beurteilt werden dürfen, wenn die jeweiligen Autoren die Texte ausdrücklich zu diesem Zweck „Lob und Verbesserungsvorschläge“ freigegeben haben.
  5. Ich habe jetzt ein neues Schlagwort „Lob und Verbesserungsvorschlag“ eingerichtet, sodass die entsprechenden Texte damit rasch gefunden werden können.

Ich hoffe, dass wir hiermit eine Möglichkeit geschaffen haben, die allen Interessen gerecht wird.

Über den weiteren Verlauf der Aktion werde ich beim Kongress in Bad Herrenalb berichten. Trotzdem lade ich alle Mitglieder ein, den weiteren Verlauf der Homepage zu beobachten. Dazu ist sie da!!). –

Herzliche Grüße,

Dietrich Weller

 

5. Weitere Meinungen der Mitglieder 

Ein Brief von Helga Thomas aus Lörrach, 12.4.19

Lieber Dietrich,

Den Brief habe ich am 2. April auf dem Weg zu meiner 96-jährigen Freundin in Basel im Tram geschrieben, kann ihn aber erst heute in den Mac schreiben.

Als ich deine Mail erhielt und mich nur rasch oberflächlich informierte, traten sehr ambivalente Gefühle auf. Ja, ich möchte auch gerne ein Feedback auf meine Arbeiten, aber Verbesserungsvorschläge? Zwei sehr unangenehme Erlebnisse fielen mir ein… Warum bin ich so ambivalent? Ich bin doch keine Mimose und kann Kritik vertragen (vor allem, wenn sie konstruktiv sind). Im Gegenteil… Ja, bei wissenschaftlichen Arbeiten und Vorträgen, aber bei meinem dichterischen Schaffen? Wegen ungewöhnlicher Stresssituationen kam ich weder zum Lesen noch zum Antworten. Ich schob es auf, aber innerlich arbeitete es weiter. Feedback ja, aber kein (Ab)Urteilen, kein schulmeisterliches Belehren! Und ich selbst? Eigentlich versuche ich immer, dem Autor, den ich gelesen habe, zu sagen, was mir gefällt und welches seiner Gedanken, Worte Verse bei mir was bewirkt hat. Aber Verbesserungsvorschläge? Allenfalls, wenn man mich konkret um meine Meinung bittet in Bezug auf klare Fragen oder wenn es sich um eine Bitte um redaktionelles Mitlesen handelt. Ich bin kein Lektor! Und ich selber habe alle drei Möglichkeiten (die ich kenne) erlebt: Dank für die Äußerung, Ablehnung (bis hin zu dem Ergebnis, dass dann mein Gedicht eben nicht aufgenommen wurde), Gleichgültigkeit (wenn es dem Lektor so wichtig ist, dann soll er es halt  so schreiben). Ich merkte dann, dass ich sehr unterschiedlich reagiere, je nachdem, ob es meine Prosaarbeiten betrifft oder meine Gedichte.

Da schickte mir Paulina Abt ihren Antwortbrief. Sie hatte mir aus der Seele gesprochen, was ich ihr telefonisch gleich mitteilte. Daran hat sich in der kurzen Zeit danach nichts geändert, aber irgendwie spüre ich den Wunsch, mich genauer mitzuteilen. Der Unterschied zwischen Prosa und Lyrik… sehr kurz gesagt: Prosa mache ich, Lyrik wächst! Und ich mag nicht, wenn Wachstumsprozesse gestört werden. Gut es gibt Züchtungen und Spalierobst… Vielleicht wäre das ein Thema, wo wir ins Gespräch kommen könnten? Ich meine das Thema: wie verlaufen bei mir die schöpferischen Prozesse? Welche Arten kenne ich? Ein Beispiel: eine Dichterfreundin schreibt lange an einem Gedicht, bis sie alle Bilder, Gedanken Worte notiert hat, sie schreibt es auf, ändert es, verändert die Reihenfolge und irgendwann ist sie zufrieden und dann ist es auch fertig. Bei mir wächst es innerlich. Der Auslöser kann ein Bild, eine Stimmung, ein Gedanke, eine Frage sein. Es wächst… und vergeht… mündet vielleicht in etwas anderes… Ich muss es mir innerlich aufsagen, innerlich auf Klang und Rhythmus achten, wenn es fertig ist, wird es aufgeschrieben. Manchmal gefällt mir selbst etwas auch unfertig, ich will es nicht vergessen, dann schreibe ich es auf, auch auf die Gefahr, dass es ein Fragment bleibt.

Ich hatte eigentlich noch von den beiden Erlebnissen schreiben wollen … Wer es wissen mag, kann mich bei unserem Treffen danach fragen. Und jetzt denke ich, dass ich den Brief abschicke, ohne den Fragebogen auszufüllen.

Nur noch eine Anmerkung: die Gruppe 47 wurde erwähnt. Wisst Ihr eigentlich (also jetzt meine ich alle, keineswegs nur Dich, Dietrich), was manche Mitglieder der Gruppe mit ihren (Fehl)Urteilen angerichtet haben? 

Liebe Grüsse
Helga

 

Antwort von Frau Dr. Mykteniuk vom 15.04.2019

Lieber Herr Weller, mit Ihrem Vorschlag bin ich einverstanden. Aber ich bin zzt. nicht in der Lage,  etwas zu unternehmen. Warum: Am 21.03. Fahrradsturz, re. Oberschenkel defekt, TEP + Schienen des Knochens, Claviculafraktur rechts … Aber mein Kopf ist bewahrt geblieben, kein Ausfall.

Herzliche Grüße, Renate Mykteniuk

 

Antwort von Frau Wamser-Krasznai am 17.04.2019

Lieber Herr Weller,

Lob und Verbesserungsvorschlag ist gut.

Schöne Ostern!

Waltrud Wamser-Krasznai