Print Friendly

Doch, die Überschrift stimmt. Ich habe es am eigenen Leib erlebt und  möchte es – nach einigen sehr schweren Minuten – nicht mehr missen. Das Ereignis, einen Fehler gemacht zu haben.

Fehler gehören zum Leben, wird man sagen. Sind menschlich. Kommen einfach vor. Ja. Aber sie dürfen es nicht! Wir alle wollen doch gut sein, es richtig machen, unsere tägliche Pflicht, unsere Arbeit, sogar unsere Freizeitbeschäftigung. Womit ich bei der meinigen wäre. Ich spiele sonntags die Orgel in der Kirche. Schlicht und ergreifend, so, wie ich es kann, ohne  Schnörkel und Brimborium. Denn dort ist immer noch ein Platz für eine ältliche Alleinunterhalterin.

Ich habe mir diese Beschäftigung mit viel Liebe ausgesucht und tue meinen Dienst wirklich gern. Als Musiker – da können mir viele bejahend zunicken – sollte man möglichst keine Fehler machen. Und wenn ja, sie einfach überspielen. Im Chor oder Orchester ist das leicht: Da werden kleine Mißgeschicke in der Menge der Töne aufgefangen. An der Königin der Instrumente aber ist das ein Weltuntergang.

Nun ist man als Organistin ja nicht immer gut drauf. Und manchmal ärgert man sich auch über Dinge des Kirchenalltags, über Leute, die auch in diesen heiligen Hallen Ungutes im Schilde führen. Aber – man darf sich nie beeinflussen lassen, muss weiterspielen, auch wenn eine Bombe einfällt.

Beim allerletzten Gottesdienst des letzten Jahres war es dann soweit. Beim Schlusslied in der letzten Strophe nicht mehr momentan, sondern in Gedanken enteilt beim Sylvesterfeiern, aber ehrlicherweise noch mehr bei meinen „Feinden“ dort unten in der ersten Bank geschah es: Mitten im Lied rutschten mir Melodietöne und Begleitung ab, schnurrten  praktisch die Tasten hinunter, nichts war mehr, wie es

sein mußte. Ich hatte gefehlt! Sah keine Noten mehr vor Augen, wußte nicht mehr, wo ich war, erwachte aus meinen abwegigen Gedanken. Was tun? Im Schreck entscheiden: Ich brach die „kaputte“ Strophe ab, begann einfach von neuem und zwang die Gemeinde zum nochmaligen Singen der allerletzen Jahresstrophe. Segen, Amen, Orgelnachspiel.

„Was war denn das?“ fragte mein Mann, der mal an meiner Seite saß. Ich traute mich nicht mehr von der Orgelbank runter, wollte am liebsten im Erdboden versinken, warten, bis die Kirche gänzlich geleert war und hängenden Hauptes nach Hause schleichen. Aber das war unmöglich. Denn nun kamen sie alle hoch, die zwei Etagen zur Orgel, der Kirchenvorstand, die Freunde, die mir gut Gesonnenen …

Das ist doch life! Das kann doch passieren! Das macht doch nichts – einfach nur menschlich…   Ich schämte mich immer noch. Aber es tat auf einmal gut, freundliche Worte zu hören. Verständnis setzte ein: Nun war die Orgel nicht mehr ein Instrument, das spielte, während die Sängerin immer persönlich sang:  Plötzlich wurde bewusst,  dass da ein Mensch sitzt, der dem Instrument laute und leise, gute und schlechte Töne entlockt. Der meist in der Einsamkeit sein Werk verrichtet, während der Pfarrer seine Worte im Angesicht der Gemeinde spricht.

Ich habe noch lange an dem Fehler gelitten. Aber bis heute kommen immer wieder  Gottesdienstbesucher   zu mir hoch, zu dem Musiker mit menschlichen Zügen, und haben ein nettes Wort.  Ist das nicht schön?

 

Copyright Dr. Barbara Jordan

Der Text wurde beim BDSÄ-Jahreskongress 2015 in Bremen in der Lesung mit dem Thema „Fehler“ vorgetragen,