„Einsam kann man auch in Gesellschaft sein, insbesondere wenn man als Single nur mit Pärchen befreundet ist“, dachte Susanne, während sie gedankenverloren nach Hause ging. Sie stockte. Ein Pudel stand vor ihr und kläffte sie an. Ängstlich starrte sie auf das Tier und rührte sich nicht.

„Rudi, bei Fuß!“ Die Stimme klang angenehm sonor. Sie blickte auf. Ein schlanker junger Mann etwa in ihrem Alter stand vor ihr und griff nach dem Halsband des Hundes.

„Entschuldigen Sie, dass Rudi hat sie erschreckt hat. Er tut keinem was. Er bellt nur.“

„Ich mag Hunde nicht.“ Sie blickte in freundliche braune Augen. Wie konnte ein so netter Mensch einen so hässlichen Pudel haben?

„Es tut mir leid.“ Er hatte den Hund angeleint. „Sie wirkten so abwesend. Vielleicht hat Rudi das irritiert.“

„Abwesend? Ich habe nachgedacht. Einen schönen Tag noch.“

Sie machte eine rasche Kopfbewegung, so dass die blonden Locken nach hinten flogen und setzte ihren Weg mit schnellem Schritt fort, ohne sich nochmals umzuschauen.

„Ihnen auch“, sagte er leise und blickte ihr nach.

 

Susanne liebte ihren Beruf als medizinisch-technische Assistentin, aber nicht ihre Arbeit. Früher konnte sie Enzymuntersuchungen und Elektrolytbestimmungen selbst im Einzelversuch ansetzen und mit dem Photometer messen. Da waren noch Fertigkeit und Erfahrung gefragt. Sie waren damals mehr Leute im Labor. Da war was los, ein Geschnatter und Gezickel. Heute bestückte sie alleine den Autoanalyser, einen Automaten, der alles erledigte, so dass sie sich wie eine Fließbandarbeiterin fühlte. Nur wenige Untersuchungen waren für sie übrig geblieben, und ihr fehlte der soziale Kontakt.

„Ich habe noch etwas für Sie.“

Sie blickte auf und stutzte.

„Ach, der Herr mit dem Hund. Was machen Sie denn hier?.“

„Ich habe gestern als Assistenzarzt in der Inneren angefangen.“ Er legte einige Röhrchen mit Blut auf den Labortisch. „Dass Rudi Sie erschreckt hat, tut mir leid. Haben Sie einen Kaffee?“

„Dort neben dem Mikroskop steht die Kaffeemaschine, und dahinter im Regal sind Tassen, Milch und Zucker. Nehmen Sie sich, was sie mögen.“ Sie setze die letzten Proben in den Autoanalyzer und schaltete ihn ein.

„Wie lange sind Sie schon hier?“

Susanne nahm ihre Kaffeetasse und setzte sich auf einen Laborstuhl. „Seit sechs Jahren. Es hat sich seither viel verändert. Wo haben Sie studiert?“

„Hier in Freiburg. Es gefällt mir hier sehr gut, deshalb habe ich versucht, hier eine Stelle zu bekommen. Glücklicherweise hat es geklappt. Ich stamme aus dem Ruhrgebiet.“

„Ich habe eine Tante in Bochum. Bisher hatte ich noch keine Gelegenheit, sie zu besuchen. Freiburg ist nicht sehr groß. Es wundert mich, dass ich Ihnen nicht schon früher begegnet bin.“

Sie redeten noch einige Minuten und wunderten sich, dass sie an vielen Stellen in Freiburg beide schon gewesen sind, ohne sich zu begegnen. Er besuchte sie in den folgenden Wochen nahezu jeden Tag. Irgendwann gingen sie zum Du über und entdeckten, dass sie beide gerne ins Theater gingen, Krabben mochten und Tintenfischringe hassten. ‚Ich verstehe mich gut mit ihm‘, dachte sie überlegte, ob sie ihn näher kennenlernen wollte. Er hatte keinen Ring an, so dass er noch frei sein könnte. Ihn zu sich nach Hause einzuladen, fand sie aufgrund früherer Erfahrungen, sei zu früh. Vielleicht wäre ein Picknick eine gute Gelegenheit ihn näher kennenzulernen.

 

Bei einer Schönwetterlage im Mai, es war schon sommerlich warm, sagte sie „Paul, wir könnten doch bei dem schönen Wetter zu einem Picknick in den Kaiserstuhl fahren.“

„Ein Picknick, das wäre toll. Am Wochenende habe ich leider Dienst.“

„Wie wäre es am Freitag nachmittags. Da können wir früher raus kommen und gegen 15 Uhr los ziehen.“

„Ja das klappt. Ich gebe auf der Station Bescheid. Vor dem Wochenenddienst nimmt mir keiner übel, wenn ich früher Schluss mache.“ Paul stand auf. „Also dann bis Freitag.“

Am Donnerstag summte Susanne während der Arbeit alle fröhlichen Melodien, die ihr einfielen. Alles schien flotter von der Hand zu gehen. Am Abend richtete sie den Picknickkorb, eine Decke und schrieb einen Zettel, welche Dinge aus dem Kühlschrank am nächsten Morgen in die Kühltasche mussten. Paul wollte Getränke mitbringen. Da Männer eher an Alkoholisches dachten, richtete sie ihre Thermokanne für Tee. Am Freitagmorgen bewegte sich die Zeit wie eine Schnecke. Immer wenn Susanne auf die Uhr schaute, waren nur wenige Minuten um. Endlich war es 15 Uhr. Das Labor war tip-top, und Paul kam nur fünfMinuten später mit einer Flasche Müller-Thurgau.

„Mit welchem Auto fahren wir?“

„Ich habe alles in meinem Kadett“, sagte sie, „also fahre ich.“

Bei Vogtsburg im Kaiserstuhl bog sie rechts ab und erreichte einen Rastplatz, wo sie ihre Picknickuntensilien im Frühlingsgras ausbreiteten. Die Sonne strahlte warm. Die Worte flogen wir Schmetterlinge. Die Sätze kreuzten sich wie Liebesbriefe. Die Zeit verklang wie ein Kirchenglockenschlag.

 

Am Samstag ging Susanne auf der Kaiserstraße vorbei an der Herder’schen Buchhandlung in Richtung Martinstor. In Höhe der Sparkasse stockte ihr der Atem. Direkt auf sie zu kam Paul mit einem Kinderwagen. Neben ihm ging eine junge Dunkelhaarige mit einer geschwungenen grünen Brille. Paul war völlig entspannt.

„Darf ich vorstellen, meine Frau Marianne,“ Er zeigte auf den Kinderwagen, „mein Sohn Carsten, 3 Monate. Susanne Meier aus unserem Labor.“

„Ach, das Labortraining!“, sagte Marianne und musterte Susanne.

Susanne beugte sich zum Kinderwagen hinunter: „Ganz der Vater.“

Dann richtete sich abrupt auf und lächelte: „Einen schönen Tag noch.“

Sie machte eine rasche Kopfbewegung, so dass die blonden Locken nach hinten flogen, und setzte ihren Weg mit schnellem Schritt fort, ohne sich nochmals umzuschauen.

Copyright Dr. Walter-Uwe-Weitbrecht