Diese Gedichte wurden vorgetragen bei der BDSÄ-Jahrestagung 2015 in Bremen in der Lesung mit dem Thema „Fehler“

 

Hymne an den Stacheldraht 

Stacheltier, du ausgerolltes
Borstenvieh, du ungewolltes,
von Tyrannen festgenagelt,
dir sei jetzt ein Lied spektakelt!

Von dem Volk, das du umfasst,
von dem Volke, das dich hasst,
von dem Land, das du umringst
und in deinen Kerker zwingst.

Wer kann deine Stachel zählen,
die Millionen Menschen quälen,
die Millionen tiefe Wunden
in das Menschenherz geschunden?

Magst du wie ein Tiger beißen
und die Welt in Stücke reißen.
Magst du deine Zähne wetzen
und uns das Gedärm zerfetzen.

Wie bestialisch du auch bist!
Wie der Rost dein Eisen frisst,
frisst der Freiheitshunger auch
dich in seinen großen Bauch.

Blumen um die Stirn der Braut,
Schellen um die Hand, die klaut,
und um den Tyrannenstaat
Stacheldraht, Stacheldraht. –

Copyright Prof. Dr. Paul Rother,  1970

 

Heinrich Heine Herbst 1989 in Leipzig

  1. Der 9. Oktober

Im traurigen Monat Oktober war’s,
die Tage wurden trüber,
Paris hört’ grad mit Feiern auf,
da fuhr ich nach Leipzig hinüber.

Was dort zweihundert Jahr’ vorbei,
hier war es aktueller.
Der eingelullte Weltenlauf
ging plötzlich wieder schneller.

Zwar Tyrannei, vergreist und stur,
sprach noch mit schriller Stimme
von 40 Jahren DDR
voll Stolz, und auch im Grimme

Über ein zweites deutsches Land,
durch das ich grad gereiset,
und wo ich mich sehr wohl befand
und auch recht gut gespeiset.

Da spielten Siebzigtausend dann
am Abend Ringelreihn
und schlossen, wie im Kinderspiel,
die alte Staatsmacht ein.

Viel schöne Sprüche hört’ ich sie
im Chore laut zitieren.
Auch auf Bettlaken standen sie.
Ich werde sie notieren

Und wenn ich wieder in Paris,
daraus ein Epos machen,
worüber hoffentlich sodann
allhier die Leute lachen.

 

  1. Stasi

Ja, sie sind unverkennbar froh,
auch wenn sie noch im Drecke,
doch ihre Fröhlichkeit verfliegt
an jener „runden Ecke“,

An Leipzigs Reichskanzlei, in der
sich jene tief verschanzten,
die als Staatssicherheit  frech auf
des Volkes Nase tanzten.

Hier, schwer bewaffnet, lagen sie
der Freiheit auf der Lauer,
rund vierzig Jahre war ihr Bau
ein Monument der Trauer.

Dann kam das Wunder: Tausendfach
Kerzen in bloßen Händen
räucherten  die Tschekisten aus,
konnten den Spuk beenden.

 

  1. Die Elster

Die Weiße Elster ist ein Fluss,
einst Leipzigs Wasserstraße.
Ihr Wasser ist jedoch ganz schwarz
und fährt mir in die Nase.

Hätte sie 1813 schon
so mörderisch gestunken,
Napoleons Heer wär’ schnell gefloh’n
und nicht in ihr ertrunken.

Aus Schaum war Venus einst gebor’n,
die Muse meiner Lieder.
In diesem Chemikalienflaum,
ich glaub, da stirbt sie wieder.

Im Munde knirscht’s, ich spucke aus,
die Spucke schwimmt zur Elbe
und schwimmt durch Ost- und Westdeutschland,
als wär’ es schon dasselbe.

Ja, sicher wird es das, sie zanken
nicht mehr um eine Grenze
im Elbelauf  bei Magdeburg,
nein, sie wird deutsch zur Gänze.

 

4. St. Nikolai

Den Spott über den Kölner Dom,
den muss ich schnell vergessen,
seit ich am Montagabend in
Sankt Nikolai gesessen.

Was mir zu Köln noch Zwingburg schien,
des Geists Bastille und Kerker –
hier macht die Kirche Menschen frei,
gewitzt, furchtlos und stärker.

Nach dem Gebet begann sie hier,
die große Prozession,
und nahm von hier den Siegeslauf,
die Revolution.

Dank unsern Glaubensbrüdern, die
Sowjetbürger beglückten,
indem sie Bibeln tonnenweis’
ins Erbreich Stalins schickten!

Ihr ließet euern Opfermut
im Westen nie erkalten
und habet auch den Menschen hier
manch Kirchenbau erhalten.

Erschreckt nicht vor der neuen Pflicht,
sie noch zu unterstützen.
Die Leute hier bedanken sich
mit Kommunistenwitzen.

 

Copyright Prof. Dr. Paul Rother