Geo- und Ethnographisches zu Kelten und Germanen in C. Julius Caesar, De Bello Gallico[1] (58-51 v. Chr.)

 

Die Schilderung hält sich so eng wie möglich an den Text des Bellum Gallicum, dessen Belegstellen mit in Klammern gesetzten römischen und arabischen Ziffern angegeben sind  – ergänzt durch passende Passagen aus der Germania des Publius Cornelius Tacitus, auf die mit Fußnoten hingewiesen wird. Wörtliche Zitate aus den Übersetzungen ins Deutsche stehen in Anführungszeichen.

Quellen:

  1. Julius Caesar, Der Gallische Krieg, Lateinisch-Deutsch, Herausgeber: G. Dorminger. Artemis Verlag, Sammlung Tusculum (München – Zürich 81986)

      2. Tacitus, Germania. Lateinisch- Deutsch (Leipzig, Lizenz Wiesbaden o. J.)

 

Gallien als Ganzes gliedert sich in drei Teile; einen davon bewohnen die Belger, einen anderen die Aquitaner, einen dritten diejenigen, die in ihrer eigenen Sprache Kelten, in unserer Gallier genannt werden (I 1.1[2]). Sie unterscheiden sich in Sprache, Gebräuchen und staatlichen Einrichtungen. Gallien im engeren Sinne ist von Aquitanien, das zu dieser Zeit „nach Ausdehnung und Einwohnerzahl als ein Drittel ganz Galliens“ gelten konnte (III 20, 1), getrennt durch die Garunna (Garonne) und von den Belgern durch die Matrona (Marne) und die Sequana (Seine). Am tapfersten sind die Belger; sie wohnen nämlich am weitesten entfernt von der Kultur und Zivilisation der römischen Provinz, werden nicht durch eingeführte Luxusgegenstände verweichlicht und üben sich in ständiger Fehde mit ihren unmittelbaren Nachbarn, den rechtsrheinischen Germanen (I 1, 2.3). Ähnlich verhält es sich mit den keltischen Helvetiern, deren kleines Land, eingeengt zwischen dem breiten und tiefen Rhein (Rhenus), dem hoch ansteigenden Jura und der Rhone (Rhodanus) sowie dem Genfer See (Lacus Lemannus) sich fast täglich gegen die germanischen Nachbarn wehren muss (I 1, 4 und I 2. 3).

Beim Eintreffen Caesars – er spricht von sich stets in der dritten Person – wurden die gallischen Stämme durch Haeduer und Sequaner angeführt (VI 12, 1.2). Durch ihr Gebiet fließt die Saône (Arar), und zwar mit einer so geringen Strömungsgeschwindigkeit, dass man die Fließrichtung nicht wahrnehmen kann (I 12, 1[3]).

Geltung und Ansehen genießen in Gallien nur die Druiden und Ritter; alle übrigen Bevölkerungsteile sind rechtlos (VI 13). Den Druiden obliegen Götterdienst, Opfer und die Auslegung der religiösen Satzungen. Als härteste Strafe gilt der Ausschluss vom Gottesdienst. Verlockt durch die großen Vorrechte der Druiden gehen viele junge Männer freiwillig bei ihnen in die Lehre. Angeblich lernen sie dort Verse in großer Zahl auswendig. Es gilt nämlich bei ihnen als Sünde, etwas schriftlich niederzulegen, denn sie wollen nicht, dass ihre Lehre unter die Menge verbreitet werde, noch dass die Schüler sich auf das Geschriebene verlassen und das Gedächtnis weniger üben. Vor allem wollen sie davon überzeugen, dass die Seelen nicht vergehen, sondern nach dem Tode von einem zum anderen wandern. In Staats- und Privatangelegenheiten benützen sie die griechische Schrift (VI 14).

Den Rittern kommt als einzige Aufgabe die Kriegführung zu. Ihre Bedeutung ist abhängig von der Anzahl der Gefolgsleute (VI 15).

Die Gallier sind sehr religiös. Gewöhnlich opfern sie ihren Göttern Tiere, bei schwerer Krankheit, Kampf und Gefahr aber auch Menschen. Wenn die Zahl der Verbrecher dazu nicht ausreicht, müssen auch Unschuldige herhalten (VI 16).

Die Leichenbegängnisse sind aufwendig und prächtig. Was dem Verstorbenen im Leben teuer war, wird im Feuer mit verbrannt, „kurz vor unserer Zeit sogar Sklaven und Hörige“ (VI 19).

Von allen Göttern genießt Merkur (keltisch Teutates) das größte Ansehen. Dann folgen Apollo (Belenos), Mars (Esus), Jupiter (Taranis) und Minerva, deren keltischer Name anscheinend nicht bekannt ist. Ähnlich wie bei anderen Völkern gilt Apollo als heilkundig, Minerva vertritt Handwerk und Künste, Mars ist Kriegsgott und Jupiter herrscht über die anderen Götter (VI, 17). Auf  den „Vater Dis“ – Pluto, den Gott der Unterwelt – führen die Gallier ihre Abstammung zurück (VI 18).

Sie leben in Einzelgehöften, Dörfern und Städten (I 5, 2). Als ein von Natur aus hervorragend geeigneter Wohnsitz gilt ihnen eine Stadt mit steilen abschüssigen Felsabhängen ringsum, sowie mit einem sanft ansteigenden Zugang, den eine sehr hohe  doppelte Mauer mit gewaltigen Steinen und Palisaden schützt (II 29, 3).

Zum Haushalt steuern Mann und Frau gleich viel bei, aber der Mann hat Gewalt über Leben und Tod der Frauen, Kinder und Sklaven. Zutritt zum Vater erhalten in der Öffentlichkeit nur die erwachsenen Söhne.

Von Charakter sind die Gallier neugierig und unbeständig, in ihren Beschlüssen wankelmütig und auf Umsturz bedacht (II 1, 3; IV 5, 1. 2 und 13, 2.). Ihrer Neugierde tragen die Behörden Rechnung, indem sie Gerüchte, die den Staat betreffen, nur der Obrigkeit melden oder in der Volksversammlung berichten lassen und niemandem sonst (VI 20, 2).

Ganz anders ist die Lebensweise der Germanen (I 31, 11). Sie haben keine Druiden und halten nicht sehr viel von Opfern. Als Götter gelten ihnen Sonne, Mond und Feuer, deren Eingreifen sie „sichtbar wahrnehmen“ und „augenscheinlich erfahren“ (VI 21, 2). Tacitus schildert ihren Glauben differenzierter. Wieder sei es Merkur, den sie am meisten verehren und „dem sie an bestimmten Tagen auch Menschenopfer darbringen zu müssen glauben“. Dann folgen Herkules und Mars. „Ein Teil der Sueben opfert auch der Isis“, deren heiliges Zeichen, eine Barke, auf die Einführung ihres Kultes auf dem Seewege hinweise. Im Übrigen „glauben die Germanen, dass es mit der Hoheit der Himmlischen unvereinbar sei“, sie mit menschlichen Zügen auszustatten; sie weihen „Lichtungen und Haine“[4].

Bei den Sueben, dem bei Weitem größten und kriegerischsten Stamm, stehen die erwachsenen Männer ständig unter Waffen. „Agri culturae non student“. Nur ein Jahr lang bleiben sie an einem Ort, dann ziehen sie weiter. Während Caesar den Germanen eine Art Agrarkommunismus zubilligt (VI 22, 1-3), berichtet Tacitus rund 150 Jahre später von einer Aufteilung des ackerbaufähigen Landes nach Rang und Würde[5].

Ungebundenes Leben, Abhärtung, tägliche körperliche Übung und Keuschheit, wenigstens bis zum 20. Lebensjahr lassen „ungeheuer große Menschen heranwachsen“ (IV 1, 9. VI 21, 4), deren Miene und stechenden Blick die Gallier kaum ertragen könnten (I 39, 1). Im kältesten Klima tragen die Germanen ausschließlich Felle, die einen großen Teil des Körpers unbedeckt lassen, und sie baden in den Flüssen. Ihre kleinen unansehnlichen Pferde reiten sie ohne Sattel.

Bei der Ernährung spielt Brot keine große Rolle. Sie leben von Milch, Kleinvieh und Jagdbeute. Wein lassen sie nicht einführen, da dieser die Widerstandskraft breche und die Männer so schwächlich wie Frauen mache (IV 1. 2). Wieder  äußert sich Tacitus abweichend: Als Getränk dient ihnen eine Flüssigkeit aus vergorenem Getreide; „die Anwohner des Rhein- und Donauufers kaufen sich auch richtigen Wein“…Wenn man ihnen so viel zu trinken gibt wie sie wollen, „wird man sie ebenso leicht durch ihre eigenen Laster wie durch Waffengewalt bezwingen können“[6].

In Friedenszeiten gibt es keine zentrale Führung, nur im Kriegszustand werden militärische Oberbefehlshaber gewählt (VI 23, 5-8). Auch herrsche der Brauch, dass die Frauen (matres familiae) den Ausgang einer Schlacht vorhersagen. Vor dem Neumond zu kämpfen sei zu vermeiden, denn dann stehen die Zeichen schlecht (I, 50, 4 f.[7]).

Mit breiten Flächen unbebauten Landes versuchen die Germanen ihre Grenzen zu sichern (IV 3, 1-3). „Daher liegt, wie es heißt, auf der einen Seite des Suebenlandes das Land ungefähr 600 Meilen breit brach. An der andern Seite schließen sich die Ubier an[8]… Sie sind etwas zivilisierter als [die anderen Stämme], weil sie am Rhein wohnen … und sie sich wegen der Nachbarschaft an gallische Sitten gewöhnt haben.“

„Die fruchtbarsten Gegenden Germaniens [liegen] um das Herzynische Waldgebirge“, das sich „vom Gebiet der Helvetier, Nemeter und Rauraker parallel mit dem Donaulauf bis zum Gebiet der Daker“, also etwa bis an die Theiss, erstreckt (VI 25, 3). Die Schilderung der phantastischen Tierwelt, „Arten, die man anderswo nicht sieht“, wird zumeist als Interpolation und  Kolportage betrachtet, da sie einem nüchternen Staatsmann und Heerführer wie Caesar nicht anstehe. Der Absatz über die gelenklosen Elche, die an Bäume gelehnt im Stehen schlafen und durch Ansägen dieser Bäume leicht gefangen werden können, ist weiterhin geeignet, Wissenschaftler und Laien zu amüsieren (VI 27, Anm. 256-258 und S. 521: Caesars Glaubwürdigkeit).

Ein anderes „unermesslich großes  Waldgebirge“, der Bacenische Wald, umfasst das Hessische Bergland, den Harz, den Thüringer Wald und das Erzgebirge (VI 10, 5 Anm. 235).

Ein Schicksalsstrom schon zur Zeit Caesars:

„Der Rhein entspringt im Gebiet der Lepontier, eines Alpenstammes, und fließt reißend in einer langen Strecke durch das Land der Nemeter, Helvetier, Sequaner…und Treverer, teilt sich in Meeresnähe in mehrere Arme, bildet zahlreiche große Inseln, von denen ein großer Teil von wilden Völkern bewohnt wird, darunter einigen, die von Fischen und Vogeleiern leben sollen, und fließt in vielen Armen in den Ozean“ (IV 10, 2-5).

Für Caesar ist die Rheingrenze, „Germani qui trans Rhenum incolunt“ (I  1, 3), eine ständige Herausforderung, wie man heute zu sagen pflegt. Während in Gallien die Haeduer und Averner um den Vorrang streiten, „sei es dazu gekommen,“ dass von beiden Stämmen „Germanen als Söldner angeworben wurden. Von diesen hätten anfangs nur ungefähr 15 000  den Rhein überschritten. Als aber diese wilden Barbaren am Lande, an der Kultur und Wohlhabenheit der Gallier Geschmack gefunden hätten, seien mehr übergesetzt. Jetzt seien in Gallien schon an die 120 000 Mann. Gegen diese …hätten sie eine schwere Niederlage erlitten…In wenigen Jahren werde es so weit sein, dass sie alle vom gallischen Boden vertrieben würden und alle Germanen den Rhein überschritten“. (I  31, 3-6 und10 f.) Es sei nämlich so, dass „die Germanen sich allmählich daran gewöhnten, … in großen Massen nach Gallien zu kommen“. Darin sah auch Caesar eine nicht zu unterschätzende „Gefahr für das römische Volk“, da „die wilden Barbaren, wenn sie erst einmal ganz Gallien besetzt hätten, sich nicht zurückhalten würden … in die Provinz [Provence] einzudringen und von dort nach Italien zu ziehen, zumal nur die Rhône das Land der Sequaner von unserer Provinz  trenne“. (I 33, 3.4)

„Nach Beendigung des Germanenkrieges beschloss Caesar … den Rhein zu überschreiten“ (IV 16, 1). Auf seine Forderung an die Sugambrer, einen germanischen Stamm zwischen Sieg, Lippe und Rhein, ihm die Gegner, die bei ihnen Schutz gesucht hatten, auszuliefern, erhielt er zur Antwort: „Der Rhein sei die Grenze der Herrschaft des römischen Volkes…warum fordere er [Caesar] da überhaupt etwas an Macht und Herrschaft rechts des Rheines?“ (IV 16, 4). Da entschließt sich der Feldherr, „den Germanen Schrecken einzujagen, an den Sugambrern Rache zu nehmen und die Ubier von ihrer Bedrängnis zu befreien“. Letztere hatten ihn darum gebeten, „wenigstens ein Heer über den Rhein“ zu setzen. So ließ er, etwa bei Neuwied oder Köln, eine Brücke über den reißenden Strom schlagen (IV 16, 7-8. 17, Anm. 160). Nach einem Aufenthalt von nur wenigen Tagen „im Feindesland“, wo er nach eigenen Aussagen hemmungslos gewütet hatte, erfuhr er, dass sich die Germanen im Gebiet der Sueben zusammenrotteten und zur Entscheidungsschlacht entschlossen waren. Er marschierte daraufhin „nach Gallien zurück und ließ die Brücke wieder abbrechen“, seinen Misserfolg verschleiernd (IV 19, Anm. 162).

Als er aber ins Land der Treverer gekommen war, „beschloss er“ neuerdings, „den Rhein zu überschreiten“ …und ließ  „etwas oberhalb der Stelle, an der er schon einmal das Heer hinübergeführt hatte, eine Brücke schlagen“ (VI  9, 1-4, in der Nähe von Bonn, Anm. 234). Die Treverer, ein keltischer Stamm mit rechtsrheinischen Kontakten und germanischen Wurzeln[9], die sich ebenso wie die Ubier auf das Taktieren verstanden, baten Caesar um Schonung, „damit nicht bei dem allgemeinen Hass gegen die Germanen Unschuldige statt Schuldiger büßten“ (VI  9, 7). Als Caesar nun „durch die ubischen Spähtrupps erfuhr, dass die Sueben sich in die Wälder zurückgezogen hatten, beschloss er aus Furcht vor Proviantmangel – die Germanen kümmern sich allesamt, wie erwähnt, sehr wenig um Ackerbau – nicht weiter vorzurücken“ (VI 29, 1). Zwar blieb der  Brückenbau erhalten, doch ihren „letzten Teil … am ubischen [rechtsrheinischen]  Ufer“ lässt er einreißen (VI 29, 3), indem er den Brückenkopf am linken Rheinufer gleichzeitig verstärkt.

Von nun an konzentriert er alle militärischen Kräfte, seine Anwesenheit mehrfach durch dringende Verpflichtungen in der Hauptstadt unterbrechend, gegen die Gallier in Gallien (VI 29, 4-VIII).

 

[1] C. Julius Caesar, Der Gallische Krieg, erschienen ca. 52 v. Chr. .

[2] Gallia est omnis divisa in partes tres, quarum unam incolunt Belgae, alteram Aquitani, tertiam qui ipsorum lingua Keltae nostra Galli apellantur.

[3] Flumen est Arar, quod per fines Haeduorum et Sequanorum in Rhodanum influit, incredibili lenitate, ita ut oculis, in quem partem ruit, iudicari non possit.

 

[4] Tacitus, Germania, 9.

[5] Germania 26.

[6] Germania 23.

[7] Germania 8. 10.

[8] „Die Ubier, ein germanischer Stamm, sesshaft am rechten Rheinufer von der Lahn bis in die Kölner Gegend. Den Sueben tributpflichtig, sympathisierten sie mit Caesar und waren bei den übrigen Germanen verhasst“, Bellum Gallicum IV 3, 3 Anm. 147, S. 474..

[9] Tacitus, Germania 28.