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Gespräch oder Gewalt

 

Dietrich Weller hat mir einen Link zu einem Video mit einer Rede von Eugen Drewermann geschickt, das ich mir gestern Abend vor dem Einschlafen angehört habe.

„Von Krieg zu Frieden“ – Vortrag von Dr. Eugen Drewermann im Rudolf-Steiner-Haus Hamburg

Die Nacht über hat mein Gehirn sich mit seinen Gedanken befasst. Heute Morgen schreibe ich auf, was dabei heraus gekommen ist. 

Was ist die Essenz, was ist die Botschaft dieser Rede, die Drewermann am 28.2.2018 in Hamburg gehalten hat? 

Eigentlich liegt „der langen Rede Sinn“ in einer einfachen These: Gespräch ist besser als Kampf. Soweit so gut. Statt gegeneinander zu kämpfen, sollten die Menschen miteinander reden, um zu verstehen, warum der Andere andere Positionen vertritt, andere Schlussfolgerungen zieht aus dem, was wir wahrnehmen können, andere Vorstellungen hat darüber, was „gut“ und „böse“ ist, andere Meinungen darüber, was getan werden muss, um Probleme zu lösen, Konflikte zu vermeiden, dem „Guten“ zum Sieg zu verhelfen. 

Dazu stellt er dem Krieger, der gewohnt ist, Meinungsunterschiede mit Gewalt zu lösen, den Arzt gegenüber, den er zum Repräsentanten friedlicher Problemlösung stilisiert. Der Arzt will das Störende heilen, während der Krieger das Störende zerstören will. 

Die Lösung die Drewermann propagiert, liegt im Gespräch, das darauf zielt, den Anderen in seiner Andersartigkeit zu verstehen. Er hat die Hoffnung, dass durch das Verstehen Bereitschaft entstehen und wachsen kann, die eigenen Überzeugungen zu relativieren und wechselseitig zumindest soweit denen der Anderen anzupassen, dass wir friedlich und ohne Gewaltausübung miteinander auskommen und leben können. 

Natürlich provoziert diese These spontanen Widerspruch. „Wenn es denn so einfach wäre!“. „So etwas kann doch nur funktionieren, wenn alle dazu bereit sind die eigenen Standpunkte zu relativieren und – wer ist das schon!“. „Warum sollten diejenigen, die etwas haben wollen, dazu bereit sein, anderen das gleiche Anrecht darauf einzugestehen?“. „Diese Forderungen sind zwar aller Ehren wert, aber in hohem Maße unrealistisch.“ 

Uns ist von der Natur vorgegeben, dass wir alle siegen wollen – die Niederlagen überlassen wir dann gerne den Anderen. 

Und doch fasziniert mich der Vortrag, des mir aus meiner Jugend wohl bekannten Kritikers der Machtstrukturen der christlichen Kirche, der inzwischen gelassener und auch ein bißchen weiser geworden ist. 

Es wäre zu schön, wenn wir alle Gewalt aus unserer Welt vertreiben könnten – allein durch das Bemühen um wechselseitiges Verstehen. 

Darin liegt denn auch die Faszination dieser Rede. Es klingt alles so überzeugend einfach. Und doch wissen wir aus eigener Erfahrung, dass es scheinbar unmöglich ist, mit gewalttätigen oder gewaltbereiten Menschen zu reden, diese zum Zuhören zu veranlassen und zur Bereitschaft, die eigenen, für selbstverständlich gehaltenen Überzeugungen, in Frage stellen zu lassen. Und wir wissen, wie schwer es uns selber fällt, auf „Schlagworte“ zu verzichten und ohne Vorbehalte, unseren Gesprächspartnern einfach nur zuzuhören. 

Die Psychologen haben den Zusammenhang erkannt, der darin besteht, dass die Bereitschaft sich auf andere Meinungen einzulassen, umgekehrt proportional zur Selbstsicherheit des Menschen ist, der sie vertritt. Oder mit anderen Worten : Wenn ich mir meiner Selbst sicher bin, dann brauche ich keine anderen Sicherheiten in der Welt, dann kann ich anderen Menschen ihre andersartigen Überzeugungen lassen – weil ich mich selbst dadurch in keiner Weise in Frage gestellt fühle. 

Wenn ich die Vorstellungen von Eugen Drewermann umsetzen will, dann hat das zwei Voraussetzungen. 

Erstens, muss ich mir meiner Selbst so sicher werden, dass ich „das mir Fremde“ nicht mehr als Bedrohung und Infragestellung meiner Person erleben muss. 

Und zweitens folgt daraus, dass ich, wenn unterschiedliche Positionierungen deutlich werden, darauf verzichten muss, meine Meinungen möglichst überzeugend zu vertreten und mich statt dessen darauf konzentrieren sollte, den Anderen in seinem Selbstwertgefühl so weit zu bestätigen, dass er sich stark genug fühlen kann, um auch andere Meinungen neben der eigenen zu akzeptieren. 

So gesehen, scheint es dann doch möglich, die hehren Forderungen von Herrn Drewermann umzusetzen. 

Auf denn, fangen wir damit an!

 

Jürgen von Troschke, am Dienstag, den 13. März 2018