Gezeiten –

Über die Bedeutung von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft im Lebenslauf

Die Gewichtung der drei Dimensionen von Zeit verändert sich im Verlauf eines Menschenlebens:

Ganz am Anfang und ganz am Ende beherrscht das „Jetzt“ das Bewusstsein. Der gerade Geborene scheint, ebenso wie der Sterbende, ausschließlich in der Gegenwart zu leben – soweit Außenstehende das beurteilen können. Deshalb lassen sich beide kurzfristig leicht von dem ablenken, was gerade unangenehm ist.

Zuerst wächst die Bedeutung des Zukünftigen – vor allem, bezogen auf die Erfüllung von Wünschen und die Hoffnung auf Geschenke an Geburtstage, zum Weihnachtsfest. Man freut sich auf die Wochenenden, die Ferien und andere Versprechungen von Belohnungen aller Art.

Dabei wächst allmählich das Volumen an Vergangenem, wobei man sich vor allem an das Erfreuliche erinnert.

Mit dem Ende der Kindheit dominiert die Zukunft – der Auszug aus dem Elternhaus, Beginn und Abschluss der Ausbildung und die Verwirklichung einer Berufskarriere, eine Heirat, die eigenen Kinder, das eigene Haus etc.

In der so genannten „Midlife crisis“ wird bewusst, dass das eigene Leben endlich ist. Die bisher attraktiven Perspektiven von Zukunft werden zunehmend als bedrohlich erlebt. Man muss sich damit abfinden, dass das bisher Erreichte sich wahrscheinlich nicht weiter steigern lässt. Deshalb konzentriert man sich in seinem Leben wieder stärker auf die Gegenwart.

Nach dem Auszug der eigenen Kinder aus der häuslichen Lebensgemeinschaft müssen Eltern sich damit abfinden, dass wieder ein Lebensabschnitt zu Ende geht.

Wenn das Berufsleben seinem Ende entgegen geht, ist eine Bilanzierung unvermeidbar. Dem entsprechend beginnt eine Zeit der Ehrungen von Leistungen in der Vergangenheit.

Eine neue Erfahrung von Gegenwart kann sich aus dem Zusammensein mit Enkelkindern ergeben, woraus sich auch neue Perspektiven für Zukünftiges herleiten lassen. Der alte Mensch kann sich als Teil einer Folge von Generationen verstehen und somit Vergangenheit und Zukunft miteinander versöhnen.

Im so genannten Ruhestand angekommen, wollen viele zuerst ein neues Leben beginnen, was nur wenigen gelingen kann. Mit der vergehenden Zeit wird Zukunft zunehmend als bedrohlich erlebt. Dagegen wächst die Bedeutung der Vergangenheit. Man erfreut sich an Fotos vergangener Erlebnisse. Gerne erzählt man von früheren Zeiten. Man beginnt, sich für Historisches zu interessieren. Manch einer versucht sich mit dem Aufschreiben von Erinnerungen.

Und so schließt sich der Kreis. Das jeweilige „Jetzt“ aktueller Befindlichkeiten wird dominant und beherrscht zunehmend das Selbsterleben. Gerne flieht man in „schöne Erinnerungen“ und leidet darunter, wie viel man vergessen hat.

Im Greisenalter verringern sich die Perspektiven. Gegenwart wird bestimmend. Zukunft wird verdrängt. Vergangenheit reduziert sich auf immer wieder gern erzählte Anekdoten – bevorzugt aus der Kindheit und Jugend.

Und wo bist Du – in diesen Gezeiten zwischen Ebbe und Flut?

 

(J.v.Troschke)