Sonntag, der 24.12.2017

Heute ist Weihnachten. 

Was ist der Sinn von diesem Fest ?

Heute werden die Christen daran erinnert, dass der Sinn der Schöpfung darin besteht, dass der Mensch begreift, ein Teil von etwas unfassbar Großem, ein ganz kleiner Teil einer unendlichen Schöpfung zu sein.

Mit seiner Bewusst-Werdung, mit der Einverleibung der Früchte vom Baum der Erkenntnis, konnte sich der Mensch auf einen Gott beziehen, der alles geschaffen hat.

Diesem Schöpfer konnte der Mensch unterstellen, dass er sich etwas dabei gedacht haben muß, alles was ist, so zu schaffen, wie es nun einmal ist.

Der Sündenfall bestand darin, dass der Mensch für sich beanspruchen wollte, mehr als ein kleiner Teil eines unfassbar großen Ganzen zu sein. Er wollte etwas Besonderes sein. Das konnte er dadurch erreichen, dass er die vorgegebene Ganzheit zerteilte, dass er einen Unterschied machte zwischen „Liebe und Leid“, zwischen Erstrebenswertem und Vermeidbarem.

Damit hatte sich Adam – was da heißt, der Mensch – außerhalb der Ordnung gestellt.

Indem ihm das bewusst wurde, hatte er sich selbst aus dem Paradies vertrieben.

Die Selbstverständlichkeiten des Lebendigen erschienen ihm nicht mehr notwendig. Er wehrte sich gegen seine Schmerzen, wodurch diese nur noch schlimmer wurden.

Leben ist eine Ganzheit, die unvermeidbar aus einem vorgegebenen Zusammenhang von „Lieben und Leiden“ besteht. Indem der Mensch den Anspruch erhob, selber darüber entscheiden zu können, entfernte er sich vom Sinn seiner Existenz.

Und was sagt uns da die Geschichte von Weihnachten?

Nun, die Christen glauben, dass sie damit eine neue Chance erhalten haben. Gott hat mit Christus einen neuen Adam geschaffen, der vorbildlich sein Leiden anzunehmen bereit ist und dadurch erlöst und in den Urzustand zurück versetzt werden kann.

Das ist die frohe Botschaft: Indem der Mensch den nun einmal vorgegebenen und damit unauflösbaren Zusammenhang zwischen „Lieben und Leiden“ annimmt und akzeptiert, erlangt er in die Freiheit des Paradieses zurück.

Wenn er aufhört, sich vor Schmerzen zu fürchten, wenn er seine Leiden annehmen kann, verlieren diese ihre Bedrohung, werden sie zu einem selbstverständlichen Teil seiner Existenz.

Diese Gedanken sind mir gekommen in der Folge des Filmes, den wir gestern im Fernsehen gesehen haben. Er dokumentiert die unglaubliche Geschichte des Mont Saint-Michel, dieser kleinen Felseninsel in den Gezeiten des Atlantik, auf der die Gläubigen über die Jahrhunderte hinweg ihre großartigen Kirchen gebaut haben. Was mich besonders beeindruckt hat, war, dass – in der Folge der Aufklärung – die Machthaber der französischen Revolution die Sakralbauten in ein besonders grausames Gefängnis umgewandelt haben. Der Dokumentarfilm zeigte eine der Gefängniszellen, tief unter der Erde, in die der Gefangene von oben, durch ein Loch in der Decke, heruntergelassen wurde. Heute Nacht habe ich mir vorgestellt, was das für einen so bestraften Adam bedeutet haben muss.

Mir wurde bewusst, dass die einzige Chance, die dem Menschen bleibt, darin besteht, sein Schicksal anzunehmen – ohne wenn und aber.

Darin gleichen sich alle Religionen und philosophischen Erklärungen.

Das ist die frohe Botschaft, die die Christen heute – am 24. Dezember – feiern können: Mit der Geburt des neuen Adam gibt Gott den Menschen eine neue Chance, um endlich zu begreifen, worin der Sinn des Lebens besteht – es ist die Demut gegenüber dem was geschieht