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„Ich ist ein Anderer“

 

„Je est un autre“ soll Arthur Rimbaud als pubertierender 16-Jähriger in einem Brief festgestellt haben, mit dem er seinen Entschluss, ein Dichter werden zu wollen, begründet hat. Die Aussage war derart originell, dass sie seitdem vielfach zitiert wurde.

„Gnothi seauton“ („Erkenne Dich selbst“) forderte eine, für die Menschen im antiken Griechenland richtungsweisende, Inschrift am Apollo-Tempel in Delphi – wobei umstritten ist, ob damit das Erforschen der eigenen Person oder die Akzeptanz der Allmacht des Gottes gemeint war.

Der kanadische Künstler Rodney Graham (geb. 1949) ist mit seinen raffiniert inszenierten Fotografien international berühmt geworden, auf denen er sich selbst in verschiedenen Rollen aus den Geschichten der amerikanischen Moderne dargestellt hat.

In einer Ausstellung seiner großformatigen Leuchtkästen im Museum Frieder Burda in Baden Baden beeindruckte mich insbesondere ein Foto aus dem Jahr 2006 mit dem Titel „Paradoxical Western Scene“, auf dem er sich selbst als steckbrieflich gesuchten Westernheld abgebildet hat. Scheinbar unbeteiligt und selbstbewusst geht er an einem Baum vorbei, an dem sein Steckbrief hängt. „Wanted“ steht über einem Foto, auf dem dasselbe Bild scheinbar unendlich gespiegelt ist. Zwischen den Lippen hält er einen verloschenen Zigarillo, der die Spiegelbilder miteinander verbindet. Eine Belohnung wird ausgelobt – ohne dass die Höhe des Kopfgeldes genannt wird. Wer ist dieser Mann? Kein Name wird genannt.

„Wer bin ich – und wenn ja, wieviele?“ ist der Titel eines Bestsellers von Richard David Precht, der in diesem Foto gespiegelt zu sein scheint. Das Bild von Rodney Graham habe ich in der Ausstellung in Baden Baden fotografiert. Zu Hause, beim sorgfältigen Betrachten, fiel mir ein, dass ich früher einmal ein vergleichbares Foto von mir gemacht hatte. Ich musste gar nicht lange in meiner Mediathek suchen, um es zu finden. Anschließend habe ich beide Fotos in einer Collage miteinander verbunden.

Der Eindruck der Gegenüberstellung war verblüffend und provozierte die bekannte Frage nach der eigenen Person. „Wer bin ich?“ Bin ich die auf dem Foto abgebildete Person? Bin ich der, den Andere auf diesem Foto zu erkennen glauben? Oder bin ich nur der, als den ich mich erlebe, wenn ich diese, meine Gedanken entwickle und aufschreibe?

In meinem langen Leben habe ich, in unterschiedlichen Zusammenhängen, viele verschiedene Rollen gespielt. Für meine jeweiligen Bezugspersonen war und bin ich immer nur derjenige, als den sie mich jeweils erleben. Ich selber habe dagegen das Gefühl, immer derselbe zu sein, auch wenn ich mich in verschiedenartigen Zusammenhängen unterschiedlich verhalte.

Die Anderen erleben mich immer nur in den jeweiligen Kontexten, in denen sie anwesend oder beteiligt sind. Sie gehen davon aus, dass ich auch in anderen Zusammenhängen derselbe oder zumindest dergleiche bin, als den sie mich zu kennen glauben. Sie haben sich ein Bild von mir gemacht und halten daran fest, selbst wenn ich mich einmal anders verhalten sollte.

Ich dagegen muss damit leben, mich selbst in verschiedenen Situationen unterschiedlich zu verhalten und auch zu erleben – je nachdem wie andere Menschen auf mich reagieren. Dem entsprechend stellt sich immer wieder die grundsätzliche Frage danach, wer ich denn eigentlich bin.

„That’s my real secret and you are the first man I ever told it to: I don’t know who I am“ hat der große Orson Welles in einem seiner Filme bekannt.

Immer wieder einmal habe ich das Gefühl, missverstanden zu werden. „Das bin ich nicht“, stelle ich dann gerne fest, wenn mir jemand etwas unterstellt, das meinem Selbsterleben nicht entspricht. Wir alle kennen die frustrierenden Situationen in Gesprächen, wenn der eine, dem anderen zu erklären versucht, was dieser gesagt haben soll. Wenn der dann darauf beharrt, das nicht gemeint zu haben, entscheidet sich schnell, ob das Gespräch konstruktiv weiter geführt werden kann. Allzu oft besteht man dann auf seinem Eindruck und ist nicht bereit, Korrekturen gelten zu lassen.

Ich habe lernen müssen, dass die Vorstellungen, die sich Andere von mir machen, häufig nicht mit meinem Selbstbildnis übereinstimmen – ebenso bei den negativen, wie den positiven Zuschreibungen.

Wer bin ich? Der, den andere glaube, in mir zu sehen oder derjenige, den ich glaube in mir zu erkennen?

Habe ich eine Chance, diese Frage zu beantworten ?

Oder muß man sich damit abfinden, dass man auf keine befriedigende Antwort hoffen kann?

 

 

Copyright J. v. Troschke, im Spätsommer 2017