Jaleh Esfahani

Dichterin der Zuversicht und Hoffnung

 

Am 29.12.2011 wurde in Zusammenarbeit mit Herrn Andreas Schmidt im Rahmen der Schriftenreihe „Bilder gegen den Krieg. Momentaufnahmen aus dem Iran“ bei der FriedensTreiberAgentur (FTA) ein Text über die iranische Dichterin Jaleh Esfahani veröffentlicht. Bei der vorliegenden Schrift handelt es sich um eine verkürzte Version.

Rotenburg an der Fulda, den 6.1.2017

Afsane Bahar

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Die iranische Dichterin Etel Soltani, die ab ihrem 13. Lebensjahr unter dem Pseudonym Jaleh Gedichte verfasste und auf dem ersten Kongress der iranischen Schriftsteller im Jahre 1946 in Teheran als Jaleh Esfahani vorgestellt wurde (1), gehörte zu den Menschen, die trotz vielfältiger Schicksalsschläge und der augenscheinlichen Macht der Gegner einer gerechten Welt trotzend aus gesellschaftlicher Verantwortung den Sinn für Ästhetik und Zuversicht schärften. Zur Anfertigung des vorliegenden Textes dienten unter anderem ihre Autobiographie „Schatten der Jahre“, die 1999 in London fertig gestellt und im Jahr 2000 in Deutschland veröffentlicht wurde, sowie ihre Gedichtsammlung „Abbildung der Welt“ aus dem Jahre 1981 (2,3).

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Jaleh wird in den 1920-er Jahren in Isfahan in einer wohlhabenden Familie geboren. Jalehs Mutter hat nach dem tragischen Tod ihres ersten Ehemannes wieder geheiratet und betreut neben ihren eigenen Kindern zusätzlich ihre verwaisten Geschwister. Ihr zweiter Ehemann, ein reicher Großgrundbesitzer, verbringt die meiste Zeit auf dem Lande, während die Familie in Isfahan wohnt. Jaleh beschreibt ihre Mutter als eine liebenswürdige, sehr beschäftigte, traurig gestimmte Frau mit Sinn für gesellschaftliche Gerechtigkeit, die oft keine ausreichende Zeit für ihre Kinder findet.

In der Nachbarschaft lebt eine alleinstehende, arme Frau, die ihren Lebensunterhalt unter anderem durch Rezitieren von Koranversen auf privaten Trauerveranstaltungen und während religiöser Zeremonien bestreitet. Während einer dieser Veranstaltungen wird Jaleh von der lieblichen Stimme dieser Frau so angezogen, dass sie einige Koranverse auswendig lernt. Diese alleinstehende Frau betreut tagsüber stundenweise die Kinder berufstätiger Eltern, die hauptsächlich aus den unteren Schichten stammen und bringt ihnen mündlich Koranverse bei. Jalehs Familie beschließt, sie vormittags zu dieser Frau zu schicken. So wird Jaleh Zeuge gesellschaftlicher Klüfte zwischen den Kindern und lernt die Verachtung, Ungerechtigkeiten und Feindseligkeiten kennen, denen ihre Betreuerin ausgesetzt ist.

Zusammen mit ihren Altersgenossen aus der Verwandtschaft und Nachbarschaft wächst Jaleh als spielerisches, neugieriges Kind auf und entdeckt früh ihr Interesse und ihre Liebe für Tiere und Pflanzen. Diese Begeisterung für die Natur wird sie lebenslang begleiten.

Als ihre Mutter Jaleh für die Grundschule anmeldet, kommt es zu ausgeprägten Streitigkeiten mit ihrem Vater. Gegen den Widerstand ihres Vaters besucht Jaleh die Schule. Unterstützt und gefördert durch ihren Großvater mütterlicherseits schließt sie die zweite und dritte Klasse innerhalb eines Schuljahres ab. Es handelt sich um eine moderne Schule (Grundschule und Gymnasium), die von einer Christin geleitet wird. Die Schulleiterin stammt von einer englischen Mutter und einem im Iran lebenden Armenier ab. Sie versucht den Unterricht sowie den Umgang mit den Schülerinnen und deren Familienangehörigen nach neuen pädagogischen Methoden zu gestalten. Die Schule genießt einen sehr guten Ruf, so dass Kinder reicher Familien aus anderen Landesteilen nach Isfahan geschickt werden, um in den Genuss der neuen Lehrmethoden zu kommen.

Einen besonderen Einfluss auf Jaleh übt eine ihrer iranischen Lehrerinnen aus, die sich für Astronomie, Erdkunde und Biologie interessiert und versucht, ihre Zöglinge anstelle von Aberglauben mit Hilfe von Wissen und logischem Denken zu erziehen. In Zusammenarbeit mit der Schulleiterin macht sie Jaleh und ihre Klassenkameradinnen durch karitative Unternehmungen und Krankenbesuche mit dem Leben außerhalb der Wände der wohlbehüteten Schule vertraut. So entwickelt sich bei Jaleh das Mitgefühl für andere Menschen und daraus folgend ein tief verwurzelter Sinn für gesellschaftliche Gerechtigkeit, der ihr Leben nachhaltig verändert.

Ein weiteres beeindruckendes Ereignis ihrer Kindheit ist die bittere Tatsache, dass ihre Schwester aufgrund mangelnder medizinischer Informationen und Möglichkeiten durch eine banale Erkrankung ihr Augenlicht verliert. Die ungebrochene Lebenslust und der Sinn für die Schönheit ihrer Schwester trotz dieses schweren Schicksalsschlages ist eine bleibende Lehre für Jaleh, die später selbst zu einem Fanal der Hoffnung und Zuversicht unter einschränkenden, zermürbenden Lebensumständen wird.

Durch Unterstützung und dank des heftigen Widerstandes ihrer Mutter kann sie als Grundschulkind einer traditionellen Ehe mit einem ihrer Verwandten väterlicherseits entgehen. Im Rahmen dieser Streitigkeiten und Auseinandersetzungen wird ihr ein Personalausweis ausgestellt, der bewusst als Geburtsjahr 1921 ohne Angabe eines Geburtstages ausweist, damit sie formal älter erscheint und heiratsfähig wirkt. Aus Sympathie zu einer Krankenschwester, die in einem englischen Krankenhaus arbeitet, wählte ihr Vater für Jaleh den Vornamen Etel. Etel Soltani und ihre Mutter bevorzugen jedoch den persischen Namen Mastane (‚berauscht‘; ‚betrunken‘; im weitesten Sinne auch ‚entzückt‘ bzw. ‚bezaubert‘). So nennt sich Jaleh auch in ihrer Autobiografie (4).

Im Sommer lebt Jaleh zeitweise auf dem Lande. Auch hier wird sie Zeuge der zum Himmel schreienden gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten und Unterschiede. Unter anderem erfährt sie Einzelschicksale der Frauen aus armen Familien in ländlichen Gebieten.

Neben dem Schulunterricht lernt Jaleh zusammen mit einer ihrer Freundinnen in Isfahan das Geigespiel. Zweimal pro Woche fahren die beiden Freundinnen mit der Kutsche in den armenischen Stadtteil von Isfahan, Jolfa, um dort von einer französisch-armenischen Lehrerin im Tanzen unterrichtet zu werden. Ab dem 13. Lebensjahr verfasst Jaleh Gedichte und Aufsätze, die durch gesellschaftskritische, die Natur verehrende, tiefgründige Gedanken ausgezeichnet sind. Gleichzeitig weisen diese Texte auf ihr wiederkehrendes Gefühl der Einsamkeit, begleitet von tiefer Trauer, hin.

Nach Abschluss des Gymnasiums arbeitet Jaleh gegen den Widerstand ihres Vaters, die Unterstützung ihrer Mutter genießend, als eine der ersten Frauen in Isfahan bei der Nationalbank (banke melli). In dieser Zeit besucht sie die Stadt Shiraz, wo ein früheres Gedicht von ihr über die mangelhafte Pflege der altpersischen Residenzstadt Persepolis in einer örtlichen Zeitschrift veröffentlicht wird. Diese Veröffentlichung verschafft ihr den Auftritt in einem Shirazer Dichter- und Schriftstellerverein. In den Folgejahren erscheinen ihre Gedichte in weiteren Zeitschriften sowohl in Isfahan als auch in Teheran.

Am 25. August 1941 marschieren die Streitkräfte der Alliierten zur Sicherung der iranischen Ölfelder und Einrichtung einer Nachschublinie für die Sowjetunion in den Iran ein. Der Gründer der Pahlavi-Dynastie muss abdanken und sein Sohn, Mohammad Reza Shah, wird zum neuen Herrscher auf dem Pfauenthron erkoren. Die Besatzungszeit stellt eine bedrückende Phase für die iranische Bevölkerung dar und ist von Unsicherheit, Unruhen und Hungersnöten begleitet. Jalehs Gedichte sind in dieser Zeit patriotisch geprägt. In diesen Jahren wird sie von einem schweren Schicksalsschlag heimgesucht, ihre Mutter stirbt.

1943 lernt sie in einem Englischkurs in Isfahan ihren späteren Ehemann, einen Luftwaffenangehörigen, kennen. Nach ihrer Hochzeit wird ihr Mann nach Teheran versetzt, so dass Jaleh Isfahan verlässt. In Teheran bekommt sie eine Anstellung bei der Nationalbank. 1944 erscheint ihr Gedichtband „Die wilden Blumen“. Der Aufenthalt in Teheran ermöglicht ihr die Ausweitung ihrer literarischen Tätigkeiten und den Ausbau ihrer Verbindungen mit iranischen Dichtern, Journalisten und Schriftstellern. So lernt sie Größen der iranischen Dichtung wie Mohammad Taqi Bahar und Nima (Ali Esfandiari) kennen und kann von ihrem reichen Erfahrungsschatz profitieren. Vor allem die Bekanntschaft mit Nima beindruckt und beeinflusst ihr Schaffen sehr.

Der II. Weltkrieg, das Abdanken des großen Diktators, Reza Shah Pahlavi, und die Anwesenheit ausländischer Truppen verändern die gesellschaftspolitischen Gegebenheiten. Vorübergehend entstehen begrenzte Möglichkeiten zur Bildung politischer Vereine und Parteien. In dieser Zeit wird ihr Ehemann als Mitglied der Tudeh-Partei Irans verhaftet und zusammen mit einigen anderen Armeeangehörigen nach Kerman (über 1000 km von Teheran entfernt) abgeführt.

Parallel zu ihrer Tätigkeit bei der Nationalbank nimmt Jaleh ihr Studium an der Fakultät für Literatur der Teheraner Universität auf. Außerdem lernt sie bei ihrem Schwiegervater Arabisch. Im Juni 1946 findet der erste landesweite Kongress der iranischen Schriftsteller in den Räumen des Vereins für kulturelle Beziehungen zwischen der Sowjetunion und dem Iran in Teheran in Anwesenheit ausländischer Politiker und Autoren statt. Jaleh erhält die Möglichkeit, eines ihrer Gedichte auf diesem Kongress vorzutragen.

1946 wird ihr Mann aus der Haft entlassen und kehrt nach Teheran zurück. Ihr erneutes gemeinsames Leben in Teheran dauert allerdings weniger als zwei Wochen. In dem iranischen Landesteil Azerbaijan wird im November 1945 – begünstigt durch die Anwesenheit der Sowjettruppen und auch als Folge der ethnischen Benachteiligungen unter  Reza Shah Pahlavi – von der Demokratischen Partei Azerbaijans eine autonome Volksrepublik ausgerufen, was dann von dem ersten Nationalkongress im Dezember 1945 bekräftigt wird. Die Organisation der Tudeh-Partei Irans in Azerbaijan hat sich bereits aufgelöst und der Demokratischen Partei Azerbaijans angeschlossen. Jalehs Ehemann und einige seiner Parteigenossen eilen aus Teheran nach Azerbaijan, um die ausgerufene Volksrepublik zu unterstützen. Trotz ihrer politischen Bedenken fährt später Jaleh zusammen mit ihrer Schwiegermutter ebenfalls nach Täbris in der Hoffnung, dort leben und studieren zu können, wobei sie zu diesem Zeitpunkt die Landessprache, Azari, noch nicht beherrscht. Der Aufenthalt in Täbris wird allerdings bald abrupt abgebrochen, da infolge politischer Verhandlungen die Sowjettruppen den Iran verlassen und die iranische Zentralregierung daraufhin die Kontrolle über den Landesteil Azerbaijan wiedererlangt. Im Dezember 1946 verlassen Jaleh und ihr Mann zusammen mit einer Vielzahl ihrer Schicksalsgenossen in einer Eilaktion den Iran; ihr Leben im Exil in der Sowjetunion nimmt seinen Lauf. In den folgenden Jahren entflammen heftige Diskussionen über die Gründe der Niederlage im Iran und die Bestimmung des weiteren politischen Weges der Partei mitten in der Stalin-Ära mit all den Verhaftungen, Vertreibungen und Hinrichtungen.

In Baku lernt Jaleh die Sprache Azari und studiert Literaturwissenschaften. Im Februar 1949 wird ihr erster Sohn geboren. Tausende Verse übersetzt sie aus dem Azari ins Persische. Ihre sozialkritischen Gedichte verschaffen ihr Ruhm, sie ist ein angesehener Gast auf den Literaturkongressen in Moskau, Dushanbe und Baku (Jahre später auch in Kabul und Prag). 1951 erleidet sie eine infektiöse Hepatitis, deren Folgen sie bis zum Lebensende begleiten und sie immer wieder in ihrem Alltag und ihrer schöpferischen Arbeit stark beeinträchtigen. Im März 1953 bringt sie ihren zweiten Sohn zur Welt. Trotz dieser Ereignisse und Hindernisse kann Jaleh ihr Studium mit einer Diplomarbeit über das Werk „Khosro und Shirin“ des iranischen Dichters Nezami Ganjavi beenden.

Nach sieben Jahren Aufenthalt in Baku siedelt sie nach Moskau über und promoviert in persischer Literatur, wofür sie auch Russisch lernen muss. Ihre Dissertation schreibt sie über das Leben und Werk des renommierten iranischen Dichters und Gelehrtern Mohammad Taqi Bahar. Trotz dieser Erfolge sind die Belastungen im Alltag und die Behinderungen durch die wiederholten Krankenhausaufenthalte wegen ihrer Lebererkrankung so groß, dass sie immer wieder von zeitweiligen tiefen Depressionen heimgesucht wird. Nur ein glücklicher Zufall verhindert 1960 einen Suizid.

1960 wird sie an dem Moskauer Maxim Gorki-Institut für Weltliteratur angestellt. In den 1960er Jahren werden ihre Gedichte ins Russische übersetzt. 1965 erscheint im Moskauer Progress-Verlag ihre zweite Gedichtsammlung mit dem Titel „Der lebendige Fluss“ (zende roud). In demselben Jahr wird sie als ordentliches Mitglied in die Vereinigung der Schriftsteller der Sowjetunion aufgenommen.

Nach dem Sturz der Monarchie 1979 kann sie erst im September 1980 endlich aus dem langjährigen Exil nach Teheran zurückfliegen. Nur kurze Zeit nach ihrer Rückkehr bricht allerdings am 22. September mit massiven irakischen Luftangriffen auf iranische Flughäfen der achtjährige Krieg zwischen Irak und Iran aus. In dieser bedrückenden Atmosphäre knüpft Jaleh Bekanntschaften und Freundschaften mit iranischen Künstlern, beteiligt sich an Literaturtagungen und Gedichtabenden. Sie wird Zeuge der ideologischen Kurzsichtigkeiten und zerstörerischen Streitigkeiten unter den iranischen Intellektuellen in Teheran und anderen Landesteilen.

Im Februar 1982 verlässt Jaleh Teheran, um ihre Schwester wegen einer geplanten Augenoperation in England zu begleiten und ihren jüngeren Sohn in London zu besuchen. Wenige Monate später wird die Führung der Tudeh-Partei Irans in Teheran verhaftet. Die iranische Regierung setzt den Mitgliedern und Sympathisanten dieser Partei eine Frist und fordert sie auf, sich freiwillig zu stellen. Unter solchen Bedingungen ist eine Rückkehr aus London nicht sinnvoll. So beginnt ihr zweites Exil.

In den folgenden Jahren setzt Jaleh ihre literarische Tätigkeit fort und beteiligt sich an Veranstaltungen und Lesungen in verschiedenen europäischen, zentralasiatischen und nordamerikanischen Städten. 1992 erscheint in Schweden ihr Gedichtband mit dem Titel „Khoroushe khamoushi“ („Aufbrausen der Stille“ bzw. „Schrei der Stille“). Ihre Autobiografie wird im Jahr 2000 in Deutschland veröffentlicht. Ende 2007 erliegt sie ihrem Krebsleiden in London. Im Dezember 2007 wird ihr zu Ehren in England ein Verein gegründet (5,6).

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Biografie

(1974)

Das rote Lachen der Tulpen des Frühlings,

die gelbe Träne der Bäume des Herbstes,

der Kuss der Vereinigung und die Freude der Begegnung,

die Trauer des Abschieds und das Unglück der Abwesenheit.

 

Lebenslang suchen,

warten,

wünschen

und in den Schöpfungen aufblühen:

Das ist Eure und meine Biografie …

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Jene Melodie

(1972)

Die Tulpe des Wunsches wird wieder aufblühen,

des Herzens verschlossene rote Knospe wird aufgehen.

Ich sage nicht, dass der vergangene Frühling zurückkehrt,

dass die abgelaufene Zeit beginnt.

Es gibt eine andere Zeit und einen anderen Frühling …

 

Es ist eine Kunst,

fröhlich zu sein.

Freude spenden ist eine noch erhabenere Kunst.

Jedoch werden wir es uns nie zubilligen,

wie eine leblose Figur Tag und Nacht

ohne Kenntnis der Lage aller anderen Menschen

fröhlich zu sein.

Sorglosigkeit ist ein großer Fehler,

der uns fern sein sollte.

 

Wie schön wäre es,

wenn es einen Spiegel gäbe,

der das Innere zeigen würde,

damit wir uns in ihm betrachten könnten,

all das sehen würden,

was den Spiegeln verborgen bleibt.

Wir würden uns jener erhabenen Kraft bewusst,

die uns lehrt,

zu leben,

Beständigkeit zu erlangen,

der Bote des Sieges und der Hoffnung zu werden …

 

Es ist eine Kunst, fröhlich zu sein,

wenn sich andere Herzen an deiner Freude ergötzen.

Das Leben ist die einzigartige Bühne unserer künstlerischen Tätigkeit.

Jeder trägt seine Melodie vor und verlässt die Bühne.

Die Bühne ist stets vorhanden.

Blühend ist jene Melodie,

die die Menschen in ihrer Erinnerung bewahren …

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Wer bin ich?

(1977)

Wer bin ich?

Wer?

Ein Komet,

der der Nacht entrissen ist,

der die Bekanntschaft mit der Morgenröte gemacht hat.

Ein Auge, das das Licht erblickt hat,

versöhnt sich nicht mit der Dunkelheit.

Der helle Geist und das reine Wesen

versöhnen sich nicht mit der Verderbnis.

Wenn es in der Welt Ungerechtigkeit, Dunkelheit und Gewalt gibt,

gibt es den Kampf,

der zum Land der Gerechtigkeit und des Lichts führt.

In der großen Inschrift des Lebens steht:

Wenn du nicht siegst, wirst du verlieren.

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Der Mensch und der Stein

(1965)

Die unendliche Einsamkeit ist das Schicksal des Steins.

Es ist das Schicksal des Steins, blind und stumm zu sein,

nie aus Trauer zu weinen,

nie zu lachen,

schmerzlos, hoffnungslos und wunschlos zu sein.

 

Manchmal bekommt er als Fels

Tag und Nacht Ohrfeigen von einem fernen Meer.

Manchmal liegt er auf einem Grab und sagt ohne Stimme,

wie der Mensch heißt, der nie wieder zurückkehren wird.

 

Aber wenn er zur Statue ewig lebender Personen wird,

streuen die Menschen Blumen auf sein Haupt.

Glücklich ist der Stein, der zum Menschen wird.

Schade, wenn ein unglücklicher Mensch versteinert.

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Ich bin kein Kanarienvogel

(1970)

Ich bin kein Kanarienvogel, der auf der Wiese singt.

Wieso verlangst du von mir ein zärtliches Liebesgedicht?

Frühlingswasserfälle strömen aus meinen Augen,

da ich ein Berg bin.

Jedes Wort meines Gedichtes setzt das Papier in Flammen.

Ich bin das wutentbrannte Lied einer Gruppe,

einer aufständischen Gruppe, müde vom Warten,

mit offenen Augen und verbundenen Händen.

Ihr Schmerz hat eine andere Farbe und einen anderen Klang …

 

Nicht einen Moment vernachlässige ich das Schicksal meiner Heimat,

obwohl ich von ihr entfernt bin.

Ich bin der Dichter der Epoche des Übergangs,

der Poet einer Generation,

die gegen Ungerechtigkeit und Niederträchtigkeit kämpft.

Erachte mich als stumm,

wenn meine Stimme kein Herz erreichen sollte.

Mit tausend Augen betrachte ich die Welt,

damit du nicht glaubst, ich bin blind.

Ich bin der Dichter der schweren Zeit des Übergangs,

der Zeuge einer Epoche,

in der ein neues Zeitalter entsteht.

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Die bessere Welt

 (1973)

Wenn man mich fragt,

was das Leben ist,

werde ich sagen,

stets auf der Suche sein,

eine bessere Welt ersehnen …

 

Heute bin ich aufmerksamer denn je,

in der Wachheit bin ich voller Gedanken,

im Schlaf bin ich wach.

Ich würdige die Zeit,

ich liebe die Erde.

Im Anblick eines jeden hellen Morgens werde ich so sehnsüchtig,

als wäre dies mein erster Tag,

als wäre dies mein letzter Tag.

In dieser verzaubernden Aufruhr

bin ich unruhig wie die Frühlingsvögel.

Mich bedrückt das Heim,

mich bedrücken sorglose Gedanken

und auch papageienhafte, sinnlose Gespräche.

Mich bedrücken die Tagesnachrichten,

wenn sie sich mit dem blühenden Markt des Einen

und dem kalten Krieg des Anderen beschäftigen

und nicht mit dem Geheimnis des Aufblühens menschlicher Kräfte.

Ich möchte einen offenen Raum,

der wie der Himmel grenzenlos ist …

und eine Welt,

die von dem Menschen weder Tod noch Opfer verlangt.

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Die Hand der Liebe

(1975)

Wenn der Vogel nicht singt,

das Wasser nicht tanzt,

das Grüne nicht wächst,

was wird die Erde machen?

 

Wie eintönig und armselig wird das Dasein sein,

wenn die Liebe nicht lacht,

die Hoffnung nicht leuchtet,

wenn die Freude fehlt

und gelegentlich der Schmerz.

 

Ich mache demjenigen Vorwürfe,

der Trübsal bläst

und wie der Winterschnee

die Umgebung in die Kälte treibt

überall, wo er sich hinsetzt.

 

Wie glanzvoll ist es,

die Hand der Liebe zu küssen.

Aber wie schmachvoll ist es,

wenn ein Mensch die Hand der Macht küsst.

Die Sonne und die Erde sind ineinander verliebt.

Wenn deine und meine Hände,

die wie grüne Zweige sind,

sich warm vereinigen,

werden sie tausende roter Blumen hervorbringen

und tausende gelber Früchte.

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Die goldene Nachtigall

(1968)

Du, goldene Nachtigall,

dich werde ich in meiner Dichtung,

in den warmen Händen der Freunde,

im Gesang des Lebens,

in den Ländern des Frühlings,

im Fleiß, der viele neue Triebe hervorbringt,

in der unruhigen Nacht der Wartenden,

beim Aufgang der ewigen Sonne,

goldene Nachtigall,

dich werde ich im Nest der Liebe finden,

damit du meines Herzens Garten

durch Licht und Gesang zum Blühen bringst.

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Die Erde grünt deinetwegen

(1974)

 

Die Erde grünt deinetwegen

und der Garten ist deinetwegen voller Farben geworden.

Vom wirren Singen der Vögel ist die Wiese voller Aufruhr.

Wieso sitzt du still?

Was betrübt dich?

Jetzt, wo ein neuer Frühling aufblüht,

pflückt die liebkosende Brise der Morgendämmerung Blüten

und wirft sie dem Wiedehopf zu Füßen.

Benimm dich wie junge Wesen,

wie die Bäume voller neuer Triebe.

Lebe froh, wenn sich die Gelegenheit ergibt.

Und schenke auch dem Nachbarn

einen Ast dieser Blume,

denn Schmerz und Trauer

begleiten uns wie der Schatten …

 

Der Frühling hat mir den Fleiß zum Erneuern beigebracht.

Wieso soll ich diesen Moment sinnlos verlieren,

denn das Jetzt ist ein Tropfen des Flusses meines Lebens,

und das verflossene Wasser wird in den Fluss nicht zurückkehren.

 

Wieso soll ich mit der Klinge der Traurigkeit den heutigen Tag enthaupten?

Wieso soll ich diese Geschichte akzeptieren,

dass das Leben erst am kommenden Tag ist?

Denn die Ewigkeit fängt mit jedem Moment an …

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Du fragst mich, woher ich stamme?

(1962)

Du fragst mich,

woher ich stamme?

Ich bin nicht sesshaft,

und ziehe umher.

Ich wurde erzogen durch Trauer und Schmerz.

Betrachte die Weltkarte,

mit einem Blick überquer die Ländergrenzen,

zweifelsohne wirst du kein Land finden,

in dem kein aus meiner Heimat Vertriebener lebt.

 

Ich bin der unruhige Geist des Schlafwandlers,

in Nächten mit Mondschein,

im Schlaf,

wandere ich auf den unendlichen Felsen der Sehnsüchte.

Mit der Frage,

woher ich stamme,

hast du mich aus diesem goldenen Traum geweckt.

Ich bin vom hohen Dach der Sehnsüchte heruntergefallen

und liege der Mauer der Wirklichkeit zu Füßen.

 

Du fragst mich,

woher ich stamme?

Ich komme aus dem Land des Reichtums und der Armut,

von den grünen Hängen des Elburs-Gebirges (7),

vom Ufer des prächtigen Zayanderud (8),

und aus den alten Palästen von Persepolis.

 

Du fragst mich,

woher ich stamme?

Ich komme aus dem Land der Dichtung, der Liebe und der Sonne,

aus dem Land des Kampfes, der Hoffnung und der Qual,

aus den Schützengräben der Opfer der Revolution.

 

In durstigem Warten brennen meine Augen.

Weißt du jetzt,

woher ich stamme?

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Hätte ich tausend Stifte

Hätte ich tausend Stifte,

tausend Federn,

jede mit tausend Wundern,

so würde ich jeden Tag tausend Mal

ein Epos und ein Lied für die Freiheit schreiben.

 

Wäre ich der Engel des Aufstands und des Zorns,

so würde ich schon tausend Jahre zuvor

die Stille und das traurige Warten der Sklaven durchbrechen;

ich würde in das Viertel der Sklavenhändler ziehen,

für die Versklavten Lieder singen,

damit die schönen Sklavinnen und die mutigen Sklaven

gegen die Sklaverei, Sklavenhalter und Sklavenhändler

sich in tausenden Aufständen zur Freiheit erheben,

dass niemand eines Anderen Knecht werde,

 die Knechtschaft aus der Erinnerung der Menschheit verschwinde,

und niemand nicht einmal der Freiheit zum Knecht werde.

 

Wenn ich tausend Zungen hätte – mächtige Zungen,

fähig eine Botschaft ins Ziel zu tragen –

so würde ich in allen Sprachen,

die es weltweit gibt,

den der Unterdrückung verfallenen Völkern sagen:

Wenn ihr die Wurzeln der Knechtschaft mit dem Beil zerhackt,

wird eure „Vergeltung“ die errungene Freiheit sein.

 

Schreibt mit Flammen auf meinen Grabstein,

dass diese nach Freiheit Dürstende auf der Suche starb,

und wie verliebt sie zur Begegnung mit der Sonne eilte,

auf dass die rötliche Morgendämmerung der Freiheit aufblühe.

 

Wenn ich nach tausend Jahren auferstehe,

werde ich meiner Epoche den Freiheitsgruß entbieten.

 

Nach tausend Jahren werden andere Menschengenerationen,

wenn sie auf Besuch

von einem Stern zum anderen ziehen,

aus den verbliebenen Wellen

die Botschaft der Freiheit

aus unserer stürmischen Epoche

zu Gehör bekommen.

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Wolke und Sonne

(1978)

Der Gang der Zeit

nimmt jeden Moment eine neue Farbe an …

Gestern war der Himmel bewölkt und weinerlich.

Ich war traurig wegen der Tränen des Regens.

Eine Weile später als ich aus dem Flugzeug sah,

dass unter meinen Füßen die Wolke weinte

und über meinem Kopf die Sonne lachte,

fragte ich mich,

weshalb ich kurzsichtig gewesen bin?

Ich war betrübt.

Wo habe ich eine ewig bleibende Wolke erblickt?

Wenn wir den Kopf hoch halten,

wenn wir den weiter entfernten Himmel betrachten,

sind hinter der Dunkelheit der fliehenden Wolke

die helle Sonne und das unendliche Universum.

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Farbenfrohe Momente

(1971)

Ich brauche die Farben des Frühlings,

die Farbe der Blumen,

dieser reinen Geschenke des Paradieses,

die Farbe der blauen Hyazinthe,

die Farbe der gelben Narzisse,

die rote Farbe der Anemone,

die auf dem Feld gewachsen ist.

die goldenen Tulpen,

die violetten Jasminpflanzen,

die Schattierungen der Wiesen mit ihren hundert Farben,

die Farbe jener zärtlichen,

an den Blumenblättern einen Saum tragenden Rose,

die glänzenden, geliebten Farben des Frühlings.

Ich brauche sogar jene Steinblume,

die seit Jahrhunderten im Schoß des Gebirges blüht.

Ich brauche den Farbkasten der Natur,

die magische Farbe der Liebe,

die Farbe des Fleißes und der Hoffnung,

damit ich jedem Moment eine neue Farbe verleihe,

die Nacht und den Tag nicht der Farblosigkeit überlasse,

denn außer Schwarz und Weiß es gibt noch viele Farben.

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Du kehrst zurück

(1975)

Eines Tages kehrst du zurück.

Du kommst zurück

mit dem morgendlichen Wind der Berge,

mit den Wellen der Meere,

mit dem Frühling.

Und ich warte sehnsüchtig.

 

Du bist ein Bote aus warmen Ländern und weißt,

wie verzweifelt und traurig der Mensch durch die Kälte wird.

Ich rede nicht von der Kälte des Wetters,

ich meine die Kälte der Herzen.

Du weißt, wie sehr ich,

selbst voller Glut,

verabscheue

die Kälte der Reden,

die im Ohr rauschen,

den Frost der Herzen,

deren Licht der Liebe erloschen ist.

 

In meinem Herzen

sagt ein stiller Schrei immer und immer wieder,

dass du wie ein leuchtender Funke,

wie ein Stern aus der Ferne,

umarmt von mitternächtlichen Kometen

zurückkommst.

Ich bin voller Hoffnung,

dein Gesicht zu erblicken.

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Teheran und der Krieg

(Winter 1981)

Die schwarzen, furchtbaren Flügel des Kriegsdämons

liegen bedrückend auf den Teheraner Nächten.

Das einzige brennende Licht der Stadt

ist der Mond,

der bernsteinfarbene Mond,

der auf dem unsichtbaren Dach Teherans leuchtet.

Teheran ist dunkel,

Teheran ist still,

Teheran ist eine schwarz bekleidete Schönheit …

 

Wenn die morgendliche Sonne das Elburs-Gebirge beleuchtet,

all den goldenen Schnee,

und das Herz sich nicht verrückt in Teheran verliebt,

ist es kein Herz,

sondern ein Stein.

 

Doch welchen Platz haben jetzt Liebkosungen mit der Natur?

Heute ist Krieg.

Vom Schicksal der Heimat und der Menschen sich fern zu halten,

ist eine Schande.

Es ist eine Schande.

Uns ist der Iran übrig geblieben,

ein Meer des Zorns, des Blutes und des Sturmes.

Es ist schmachvoll,

ein Stein am ruhigen Ufer zu sein

angesichts all der selbstlosen Handlungen der Aufständischen,

die ihr Leben riskieren.

Es ist eine Schande,

nur sich selbst und die eigenen Interessen im Blick zu haben.

 

Wer kann nachts zuhause beruhigt schlafen,

wenn tausende Landsleute obdachlos sind,

vertrieben durch den Krieg,

den erbarmungslosen Krieg.

 

Du,

Geschichte schreibendes Teheran,

stolzes Teheran,

es sei,

dass ich deine Nächte voller Licht sehe,

dass ich erblicke,

wie der ganze Iran des Sieges wegen

mit Lichterketten beschmückt ist.

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Mütter wollen den Frieden

(1950)

(für meinen Sohn Bijan)

Du, verführerisches, schönes Kind,

du, Frucht meines Lebens,

dein Gesicht ist wie ein heller Spiegel

meiner Kindheit und meiner Jugend.

Ich betrachte in deinem Gesicht

mein geliebtes vergangenes Leben

und erblicke aus den Fenstern deiner Augen

eine glückliche Zukunft.

Deine Augen sind zwei große Sterne,

leuchtend wie der Stern deines Glücks.

Der Duft deines wohlriechenden Atems

beruhigt das Herz und erleichtert das Leben.

Wenn deine beiden kleinen Hände

sich wie eine Schlinge um meinen Hals werfen,

ist es so, als würde ich die Welt umarmen,

deine Liebe bringt meinen Körper zum Beben.

Die Mutter ist ein seltsames, selbstloses Wesen,

sie opfert sich für ihr Kind.

Die Mutter opfert das Herz und die Seele des Lebens

liebevoll für ihr Kind.

Du, geliebtes, schönes Kind,

du, die neue Blume meines Lebens,

auch wenn ich sterben muss,

werde ich dich nicht einen Moment

dem Feind überlassen.

Wenn sich eine Mücke auf dein Gesicht setzt,

springe ich von der Stelle und bin entrüstet,

wie soll ich es dann aushalten,

dass du inmitten Feuers und Blutes fällst.

Wenn man mein Auge ausreißt,

wenn man mein Herz zerreißt,

werde ich es nicht zulassen,

dass die Flamme des Krieges

deine Wiege verbrennt.

So wie ich,

verabscheuen und hassen alle Mütter der Welt

den Krieg.

Der Fluch der Mütter der Welt gilt jedem,

der das Feuer des Krieges entfacht.

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Quellenangaben und Bemerkungen

(1) Der Buchstabe „j“ wird im Wort „Jaleh“ (ژاله) wie in „Journal“ ausgesprochen.

„Jaleh“ bedeutet Tau und steht symbolisch für Reinheit und Schönheit. Der Name der Stadt Isfahan wird auf Persisch Esfahan (اصفهان) ausgesprochen. Der Buchstabe „i“ am Ende des Wortes „Esfahani“ weist darauf hin, dass etwas oder jemand aus Isfahan stammt bzw. Isfahan zugehörig ist.

(2) Jaleh Esfahani: Schatten der Jahre (Sayehaye salha) . Nima Verlag, Essen, 2000.

(3) Jaleh: Abbildung der Welt (Naqshe jahan). Progress Verlag, Moskau, 1981.

„Naqshe jahan“ (نقشِ جهان) bedeutet Abbildung oder Darstellung der Welt. Ein berühmter, historischer Platz in Isfahan trägt diesen Namen.

(4) Nach ihrer Heirat und der unerwarteten Ausreise in die Sowjetunion trägt sie den Nachnamen ihres Ehemannes und heißt dann Jaleh Badi’zade(ژاله بدیع زاده). Ihre Bücher erscheinen in den Sowjetrepubliken unter dem Namen Jaleh Badi‘. In Afghanistan wird sie als Jaleh Zendehroudi bekannt, da eine ihrer in Moskau erschienenen Gedichtsammlungen den Titel „Zendeh roud“(Der lebendige Fluss) trägt.

(5)http://www.jalehesfahani.com/E/foundation.php

(6)Bilder von Jaleh Esfahani sind im Internet zugänglich unter:

http://www.iran-emrooz.net/index.php?/farhang/more/14834/

(7) Hochgebirge im nördlichen Iran

(8) Dieser Fluss fließt durch Isfahan.