Krankheit und Kränkung antiker Götter 

 

Was bedeutet Krankheit für die Götter zur Zeit des trojanischen Krieges? Man denkt an die Söhne des Asklepios, Machaon und Podaleirios[1], die später von ihrem Vater, dem Heilgott schlechthin, bei Weitem an Ruhm übertroffen werden. Aber erleben Gottheiten auch selbst Unfälle und krankhafte Veränderungen, erfahren sie Kränkungen?  Nun, sie mischen sich in die kriegerischen Auseinandersetzungen der Menschen ein und übertragen, wie auf dem Schlachtfeld vor Troja, nicht nur ihre eigenen Zwistigkeiten auf die gegnerischen Parteien[2], sondern sie schlagen, noch dazu unter dem beifälligen Lachen des Göttervaters Zeus, heftig auf einander los[3]. Sie werden verwundet wie Menschen, dank ihrer Unsterblichkeit aber nicht tödlich, und sie beklagen ihre Verletzungen auf durchaus menschliche Art.

Auch von nichttraumatischen pathologischen Veränderungen bleiben sie, wie etwa der Gott Hephaistos mit seiner Gehbehinderung[4], nicht ganz verschont. Götter reagieren äußerst empfindlich, wenn sie sich nicht genügend geehrt fühlen[5], sind verärgert und gekränkt, wenn man ihnen mit Hybris – Anmaßung – begegnet. Dann strafen sie unnachsichtig, senden Krankheiten[6], Unfruchtbarkeit[7], Tod und Verderben.

  1. Verwundete Götter:

In seiner Ilias zeigt Homer die Götter in jener unmittelbaren, persönlichen Aktivität, wie sie sonst das Handeln der Menschen kennzeichnet[8].

Herakles verwundet die Gottheiten Hera und Hades. Erstere, die Königin der Götter, verfolgt den illegitimen Sprössling ihres Gemahls mit gnadenlosem Hass. Wir erinnern uns, dass der stets für sterbliche Frauen entflammbare Zeus sich der schönen Alkmene in Gestalt ihres abwesenden Gatten Amphitryon genähert und mit ihr den überragenden Helden Herakles gezeugt hatte. Diesen Fehltritt nimmt die ständig betrogene Hera ganz besonders übel. Darüber, wie es zum Angriff des Herakles auf seine göttliche „Stiefmutter“ kommt, erfahren wir wenig mehr als nichts[9].

Hera ertrug es, als sie des Amphitryon mächtiger Sprosse
Traf in die rechte Brust mit dem Pfeile, dem dreifachgezackten.
Damals ergriffen auch sie ganz unerträgliche Schmerzen[10].  

Andere antike Quellen zu diesem speziellen Ereignis fehlen[11]. Aus dem Wort „damals“ können wir auf Vorzeitigkeit schließen. In der Ilias wird mehrfach von früheren Geschehnissen berichtet.

In demselben Zusammenhang ist von der Verletzung des Hades die Rede. Anders als Hera, die den Schmerz einfach erträgt, lässt sich der Herr der Unterwelt von Paiéon behandeln[12].

Hades ertrug den schnellen Pfeil, der übergewaltge,
Als ihn derselbe Mann, des Zeus Sohn …
in Pylos traf und ihm Schmerzen bereitet‘
... es war ja der Pfeil ihm
 in seine wuchtige Schulter gedrungen...
Aber Paiéon heilte ihn dann mit lindernden Kräutern.

Diomedes, ein weiterer griechischer Heros und wie Herakles Schützling der Göttin Athena, verletzt Aphrodite[13] und Ares.

Von der lieblichen Aphrodite sagt Zeus: Dir sind nicht gegeben, mein Kind, die Werke des Krieges[14]. Dennoch hatte sie sich auf das Schlachtfeld gewagt, um ihren sterblichen Sohn Aeneas vor dem Schlimmsten zu bewahren. Der kampfesmutige Diomedes verfolgt sie.

Nachspringend  stieß er ihr dann mit dem scharfen Speer in das Ende ihrer so zarten Hand.. nahe der Wurzel …; es floss das ambrosische Blut … chor genannt, wie es fließt bei den seligen Göttern …. Sie aber schrie laut auf und ließ den Sohn dabei  fallen, doch den fasste … und barg ihn in schwarzblauer Wolke Phoibos Apollon. Er bringt Aeneas in seinen Tempel auf der Burg von Troja, wo sich Artemis und Leto seiner annehmen und die Verletzungen heilen[15].

Inzwischen wird die schmerzgeplagte Aphrodite von Iris mit windschnellen Füßen hinweg geführt. Ares stellt seiner Schwester (Geliebten, Gattin) seine Rosse zur Verfügung, Iris ergreift die Zügel … da flogen die Pferde

Doch Aphrodite … fiel in den Schoß der Dione, ihrer Mutter 
Halte es aus, mein Kind, rät diese, und fasse dich, wie du auch leidest!

Dann wischt sie das göttliche Blut ab und heil ward die Hand, und die schweren Schmerzen wurden gelindert.

Bei der Verwundung des Ares greift Athena entscheidend ein[16]:

Sie, mit strahlenden Augen … führt ihm die Lanze von Erz … gegen die Weichen am Bauch … dorthin traf sie stoßend und riss ihm die Haut auf

Klagend zeigt Ares dem Allvater das göttliche Blut, das nieder rann aus der Wunde[17],

Dann macht er seinem Unmut gegenüber Zeus und Athena gründlich Luft:

Immer müssen wir Götter doch das Ärgste ertragen…[18] [sic!]
Mit dir hadern wir alle; du zeugtest das sinnlose Mädchen,
das verderbliche, das stets denkt an gewaltsame Taten…[19]
Dieser wirfst du nie etwas vor mit Worten und Werken,
Sondern du lässt sie, da du sie geboren, die scheußliche Tochter…[20]

Diese Tochter, von Zeus selbst ausgetragen[21], steht ihm besonders nahe. Den „wimmernden“ Ares dagegen duldet er nicht länger in seiner Nähe[22] und beauftragt Paieon, ihn zu kurieren:

Und Paeion streute ihm auf schmerzlindernde Kräuter,
Und er heilte ihn
Wie wenn die weiße Milch von Feigenlabe gerinnet,
Erst noch flüssig, aber sehr rasch beim Rühren dann dick wird,
So wurde geschwinde geheilt der stürmische Ares.[23]

Doch dieser verzeiht seiner Schwester Athena die ihm in Diomedes‘ Namen zugefügte Verletzung nicht. Darum zahle ich dir jetzt heim  für das, was du tatest[24]. Athena jedoch ist nicht nur Kriegsgottheit wie ihr Bruder, sondern auch die Göttin der Weisheit und des Geistesblitzes, daher dem „stürmenden, blutbesudelten“ Ares weit überlegen. Sie weicht seiner Lanze aus und schlägt ihn lachend mit einem Grenzstein zu Boden[25].

 

  1. Nichttraumatische Krankheiten:

Hephaistos ist ein Gott mit – wie wir heute sagen würden – eingeschränkter Gehfähigkeit[26]. Doch statt sich zu bemitleiden und aus seiner Behinderung eine richtige Krankheit zu machen, nimmt er sie gelassen hin und legt als geschickter Kunsthandwerker und Waffenschmied  Ehre ein. Kränkung allerdings verträgt er ebenso wenig wie irgend ein anderer Gott. Dergleichen erfordert Rache. Seine Mutter Hera, die ihn ohne die Mitwirkung eines männlichen Wesens erzeugt hatte und ihn, entsetzt über seine verkrüppelten Füße (oder über seine Hässlichkeit), vom Olymp herab warf, nötigt er auf einen von ihm konstruierten Thronsessel, von dem sie sich ohne seine Hilfe nicht mehr erheben kann. Aphrodite, die treulose Gattin, die er mit ihrem Liebhaber Ares in flagranti erwischt, fängt er in seinem unzerreißbaren Netz ein[27].

 

  1. Götter senden Seuchen

Apollon, erzürnt wegen der Kränkung seines Priesters Chryses, schießt  Pestpfeile in das vor Troja befindliche Lager der Achäer[28].

Artemis, Herrin der Tiere[29], schützt kleine Mädchen und Parthenoi, die sie aber bestraft, wenn sie ihre Jungfräulichkeit verlieren. Sie ist Hüterin der Frauen, doch Zeus verlieh ihr auch, zu töten, wen du nur möchtest[30]. So steht neben der sichtbaren Krankheit Artemis‘ unsichtbares Geschoss als denkbare Todesursache[31]. Dass Artemis mit ihren Pfeilen – so wie Apollon die Pest verursachte – bei den Gebärenden das Puerperalfieber hervorgerufen haben könne, an dem doch so viele Wöchnerinnen nach kurzer Krankheit sterben, ist ein neuzeitlich- interessanter aber unbewiesener Gedanke[32].

 

  1. Heilende Götter:

Wir hören von Paiéon, dem Wundarzt der Götter. Die Ägypter sollen von ihm abstammen, denn sie sind kundiger im Umgang mit heilenden Kräutern als andere Menschen[33]. Der Paián ist aber auch ein Heilsgesang der jungen Griechen für Apollon. Bei Hesiod werden Paiéon und Apollon neben einander genannt als Ärzte, die Heilmittel gegen alles kennen und im Stande sind, vor dem Tode zu retten[34].

Ein Sohn des Apollon ist Asklepios. Sterblich zunächst, empfängt er bald göttliche Ehren. Die Kulte für seine Söhne Machaon und Podaleirios bleiben eher von lokaler Bedeutung[35].

Auf den Heiler der Krankheit Asklepios heb ich mein Lied an,
auf den Sohn Apollons; die hehre Koronis gebar ihn[36].

 

Abkürzungen:

DNP: Der Neue Pauly

Hom. h.: Homerische Hymnen

Il.: Hom. Il.: Homer, Ilias

Hom. Od.: Homer, Odyssee

 

[1] W. Wamser-Krasznai, Ärzte und Tod in der Alten Welt. Mythos, Magie und Metamorphosen, in dies., Streufunde (Filderstadt 2017) 71-74.

[2] Kein Krieg in Troja. Legende und Wirklichkeit in den Gedichten Homers (Würzburg 1997) 10.

[3] Il. 21, 390.

[4] W. Wamser-Krasznai, Hephaistos – ein  hinkender Künstler und Gott, in: dies., Auf schmalem Pfad (Budapest 2012/13) 72-82.

[5] Hesiod, Werke und Tage. Griechisch und deutsch (Darmstadt1991) 138 f.

[6] S. Laser, Medizin und Körperpflege, ArchHom S, 62 f.

[7] Laser a. O. 85 f.

[8] H. Jung, Thronende und sitzende Götter. Zum griechischen Götterbild und Menschenideal in geometrischer und früharchaischer Zeit (Diss.Bonn 1982) 18 Anm. 16.

[9] „Herakles…shot…Hera under unknown circumstances“,  J. Larson, The singularity of  Herakles, in: S. Albersmeier (Hrsg.), Heroes. Mortals and Myths in Ancient Greece. Walters Art Museum (Baltimore 2009) 32.

[10] Il. 5, 392-394.

[11] Wie Hera und Hades vom Pfeil des Herakles getroffen wurden, wird als bekannt vorausgesetzt, R. Hampe, Nachwort zur Ilias (Stuttgart 2007) 562. Larson a. O. 32. Der Trojanische Sagenkreis besteht ja nicht nur aus Ilias und Odyssee, sondern aus weiteren fragmentarisch erhaltenen Epen, die zum Teil erneut von späteren Dichtern erzählt wurden. Troja war bereits, bevor es den Achäern unter Agamemnon und Achilleus in zehnjährigem Kampf unterlag, durch Herakles berannt und geplündert worden. Vom Haus des Königs Laomedon überlebten  nur eine Tochter und ein Sohn, der spätere König Priamos, DNP 1138 f.; Il. 5, 636-642 und Il. 21, 442-457.

[12] Il. 5, 395-401.

[13] Il. 5, 336-382. 416.

[14] Il. 5, 428 f.

[15] Il. 5. 445-448.

[16] Il. 5, 856-858.

[17] Il. 5, 870.

[18] Il. 5, 873.

[19] Il. 5, 875 f.

[20] Il. 5, 879 f.

[21] Laser a. O. 168.

[22] Il. 5, 889.

[23] Il. 5, 899-904.

[24] Il. 21, 399.

[25] Il. 21, 402-408.

[26] Spekulative Diagnosen erstrecken sich von Klumpfüßen über posttraumatische Läsionen bis zur Lähmung als Berufskrankheit bei dem für einen Schmied ständig notwendigen Umgang mit Arsenbronzen, dazu Wamser-Krasznai a. O. 2012/23, 74-77.

[27] dies. a. O. 2012/13, 75. 80.

[28] Il. I 44-52; S. Laser, Medizin und Körperpflege, ArchHom Kap. S 62.

[29] Potnia theron, Il. 21, 470.

[30] Il. 21, 483 f.

[31] DNP 53; Hom.Od. 11, 171 f.

[32] G. Maggiulli, Artemide – Callisto, in: Mythos. Scripti in Honorem Marii Untersteiner (Genova 1970) 183.

[33] Hom. Od. 4, 229-232.

[34] Hes. Fr. 194 Rz, Laser a. O. S 94.

[35] Wamser-Krasznai a. O. 2017, 71-74.

[36] An Asklepios, Hom. h. 16.