Zur Ikonodiagnostik[1] antiker Bildwerke

Die Bilder von tönernen Gliedmaßen mit „Effloreszenzen“ sind wohlbekannt. Es handelt sich um ein Knie und einen Ellenbogen mit flachen, runden Erhebungen, die man unter anderem als Pusteln[2] oder Psoriasis[3] gedeutet hat.

Wamser-Krasznai - Bild 1 Terrakottafragmente

Bild 1 Terrakottafragmente
(nach Holländer 1912, Abb. 201. 202)

Den Ellenbogen fand 1895 Luigi Sambon auf einem Schutthaufen beim Museum des Botanischen Gartens in Rom[4], ganz in der Nähe des Heiligtums  der Minerva Medica. Dort kam auch ein gleichartiges Knie zu Tage[5]. Psoriasis und  „ähnliche“ Krankheiten seien den Alten unter dem Namen Lepra bekannt gewesen. Das bedeute Rauigkeit und sei nicht mit „leprosy“ (unserem heutigen Krankheitsbegriff  Lepra) zu verwechseln[6], kommentiert er seinen Fund.

Holländer, der im Allgemeinen nicht für seine Zurückhaltung bekannt ist, wenn es gilt, retrospektive Diagnosen zu stellen, vergleicht die beiden Extremitätenfragmentemit dem fellartigen Integument eines Silens aus der Villa Albani in Rom.

 

Wamser-Krasznai-Bild 2 Silen                                    

 

Bild 2. Silen, Rom Villa Albani
(nach Holländer 1912, Abb. 203)

Angesichts der „rundlichen Erhabenheiten“ könne man sich kaum vorsichtig genug äußern[7]. „Die rauhe Haut … solcher Waldmenschen … hat hier den ganzen Körper überzogen. Fände man einen solchen Ober- und Unterschenkel isoliert, so ist die pathologische Diagnose fertig.“ Auch Grmek und Gourevitch halten die Gliedmaßen für Körperteile eines Satyrn, relativieren diese Einschätzung aber durch den Hinweis auf die Bedeutung des Fundorts, eben das Votiv-Depot einer Heilgottheit[8]. Rein optisch drängt sich beim Anblick der flachen Plaques eher das Bild einer Borderline-Lepra auf als der Vergleich mit dem Fell eines Silens.

 

Wamser-Krasznai - Bild 3 Borderline Lepra                                 

 Bild 3.    Borderline-Lepra (nach G. Rassner[9], 93 Abb. 7.45)    

                           

Hier ist der Ort für einen Exkurs vom Bildwerk zu den antiken Schriftquellen.

In seinen „naturalis historiae“ äußert sich Plinius der Ältere zu den unterschiedlichen, die Haut nachhaltig verändernden Krankheitsbildern, die offenbar innerhalb von zwei verschiedenen Zeitabschnitten nach Italien eingeschleppt wurden[10]: „Das menschliche Gesicht wurde von neuen … Krankheiten befallen, die sich nirgendwo so stark ausbreiteten „als in Rom und seiner Umgebung; sie traten zwar ohne Schmerz oder Lebensbedrohung auf, waren aber so entstellend, dass jede andere Todesart vorzuziehen war. Die schwerste von ihnen hat man mit dem griechischen Namen leichen (Flechte) bezeichnet, im Lateinischen …, da sie zumeist am Kinn ihren Anfang nahm, “als „Kinnkrankheit“ – mentagra[11]. Sie habe sich „erst in der Mitte der Regierung des Kaisers Tiberius Claudius … in Italien“ eingeschlichen, wobei sie sich auf das Gesicht, „Hals, Brust und Hände“ ausbreitete, … „die Haut mit scheußlichen Schuppen bedeckend.“

Andererseits fand „man zur Zeit Pompeius‘ des Großen durch den zufälligen Versuch (eines Betroffenen) … der sich aus Scham das Gesicht“ mit den zerkauten Blättern der wilden Minze bestrich, ein Mittel gegen Elephantiasis graecorum, die Knotenlepra[12], bei der sich „… unter der Haut und den Schleimhäuten harte Knoten bilden, die später weich werden und in zerstörende Geschwüre übergehen“[13]. Minzeblätter scheinen bereits um 60 v. Chr. als Therapie gegen Elephantiasis oder Knotenlepra[14] angewandt worden zu sein. Der Begriff „ λειχήνες“  taucht erst um 26 n. Chr. auf. Im Übrigen gebe es neben der Lesart  „pudorem“ (aus Scham) noch eine weitere, nämlich „putorem“ (wegen des üblen Geruchs)[15].

In den Choephoren des Aischylos bedroht der delphische Apollon den Sohn des Agamemnon, Orest, mit dem Befall durch Aussatz, λειχήνες, falls er sich der Pflicht, den Mord an seinem Vater zu rächen[16], entziehe.

Aus den Fragmenten des Hesiod erfahren wir etwas mehr über die Symptome: … „die Gottheit goss ihnen schreckliche Krätze über ihre Häupter. Aussatz ergriff ihren ganzen Leib; ihr Haar fiel aus und ihre hübschen Köpfe wurden kahl“[17].

Das deutsche Wort Aussatz steht für griechisch αλφός, lateinisch albus, was so viel bedeutet wie weiße Hautflecken, Leukoderma. In der Tat führt die Lepra nicht selten zu Hypo-Pigmentierungen und auch zu Haarausfall. Doch in die kahlen Stellen auf den Köpfen antiker Terrakottafiguren eine Alopezie hineinzudeuten sei ferne, denn es handelt sich lediglich um die banale Folge des  mechanischen Abriebs[18]. Manchen tönernen Exemplaren ist anzusehen, dass sie sich aus Teilstücken zusammensetzen, die jeweils von verschiedenen Matrizen (Modeln) abgeformt sind. Nach dem Verstreichen der Übergänge können dann  Haarsträhnen oder ornamentale Hakenlocken (Bild 4) angefügt werden.

 

Wamser-Krasznai-Frauenkopf vom Quirinal

 

Bild 4.   Frauenkopf vom Quirinal, Rom
(nach Holländer 1912, S. 304 Abb. 196)

 

Die Seuche, so geht es bei Plinius weiter, „verbreitete sich dann aber auch auf Hals, Brust und Hände, die Haut mit scheußlichen Schuppen (furfure) bedeckend[19]“.

 

Wamser-Krasznai-Bild 5 Büstenfragment aus Cales

 

Bild 5.    Büstenfragment aus Cales
(nach Holländer 1912, 303 Abb. 195)

 

Ein aus Cales in Kampanien stammender bärtiger Terrakottakopf mit Büstenansatz (Bild 5) lässt, wenn man ihn vom Ästhetischen her betrachtet, manches – um nicht zu sagen alles – zu wünschen übrig. Ob der Koroplast eine Büste herstellen wollte oder ob das Stück zu einer Halbfigur bzw. einer ganzen Statuette gehört, bleibt offen; das Fragment reicht aus, den Spekulationen um verschiedene Krankheitsdiagnosen Raum zu geben: Sykosis barbae[20], Pocken[21] und die „mentagra – Kinnkrankheit“ der alten Autoren[22]. Trotz der rohen barbarischen Ausführung[23] entspricht die Art der Applikation von Tonpartikeln im Prinzip derjenigen des oben besprochenen Frauenkopfes. Haare und Bart sind als Teilchen von unterschiedlicher Form und Größe nachträglich angefügt, ebenso wie die Reihe kammartig nach oben gerichteter Borsten über der Stirn. Als klobige Trennwand ist die Nase zwischen die dreieckigen Augen gesetzt. Für die  bandförmig angeordneten ‚Plaques‘ im Bereich des Halses und der Brust hat man eine andere Technik angewendet. Die rundlichen Markierungen wurden offenbar in den Tongrund hinein ‚gestanzt‘. Ist Behaarung damit gemeint? Durch die willkürliche Anordnung der flachen runden Stanzlöcher wird die Deutung erschwert. Nun steht die kuriose Schöpfung nicht ganz allein in der koroplastischen Landschaft. Das archäologische Museum Bergamo bewahrt in seinen Sammlungen eine vergleichbare Terrakottabüste unbekannter Herkunft auf[24]. Bänder aus runden Stanzlöchern kreuzen sich auf der Brust. Derartige „Kreuzgürtungen“ auf scheinbar nackter Haut dienten vermutlich als Metapher für Schmuck und Bekleidung. Lepra werden wir jedoch weder im einen noch im anderen ‚Fall‘ diagnostizieren! Gerade die Augenregion ist beim Kopf aus Cales frei von Affektionen; sogar die Wimpern sind erhalten. Es bleiben noch die kleinen Ohren, die zu hoch sitzen und nach vorn geklappt sind, doch macht das ihren Eigentümer noch nicht zu einem verletzten Faustkämpfer. Auf Grund der Technik und der ausgeprägten Stilisierung ist zu vermuten, dass die Büste in Bergamo ebenso wie der Kopf aus Cales in Kampanien entstand, einer Landschaft mit ganz eigenwilligen künstlerischen Ausdrucksformen, die sich nur ausnahmsweise an griechischen Schönheitsidealen orientieren. Den kampanischen Kunsthandwerkern und ihrem Kundenkreis lag anscheinend Expressivität mehr am Herzen als glatte Ästhetik.

Für den Verlust der Nasenspitze endlich (Bild 5) ist kein anderes schleichendes Übel verantwortlich als der Zahn der Zeit.

 

Der Kuriosität halber sei noch ein kleiner Exkurs nach Zypern angeschlossen.

Wamser-Krasznai-Bild 6 Weibliche Brust mit Traube

Bild 6.   Weibliche  Brust mit Traube, Zypern
(nach Holländer 1912, 300 Abb. 192)

 

Dort entstand für das Heiligtum von Golgoi ein Kalksteinrelief mit Brüsten (?) und einem traubenartigen Gegenstand. Dieser galt, vor allem ohne den Stiel, den Sambon bei seiner Umzeichnung weggelassen hatte, als proliferatives Karzinom oder alsAktinomykose der Brust[25]. Tatsächlich ist aber eine Weintraube wiedergegeben, in einer durchaus ungewöhnlichen Kombination mit weiblichen Brüsten – falls diese Deutung denn Stand hält. Gerade die mutmaßliche Mammillen- (Brustwarzen-) Region beider Seiten ist nämlich beschädigt.

Angenommen, es handelt sich wirklich um Brüste, was könnte dann den Verfertiger des Votivs zu einer so ausgefallenen Zusammenstellung veranlasst haben? Wollte er sich die Heilgottheit in besonderer Weise gewogen machen, indem er sie außer mit einem Brustvotiv noch mit einem weiteren Fruchtbarkeitssymbol, einer Traube, erfreute?
Oder hat er gar nicht Brüste wiedergegeben, sondern eine Platte mit Früchten und – vielleicht – Cerealien?

Eines jedenfalls ist sicher: Auch hier handelt es sich nicht um eine Darstellung der Lepra!

 

Bildnachweis und abgekürzt verwendete Literatur:

Aisch. Ch.: Aischylos, Choephoroi, in: Aischylos, Tragödien. Übersetzt von O. Werner. (Düsseldorf – Zürich 2005)

Baggieri 1996: G. Baggieri – M. L. Rinaldi Veloccia, “Speranza e Sofferenza” nei votivi anatomici dell’Antichità (Rom 1999)

Bonghi Jovino 1965: M. Bonghi Jovino, Terrecotte votive. Teste isolate e mezzeteste. Capua preromana I (Florenz 1965)

Ciaghi 1993: S. Ciaghi, Le terrecotte figurate da Cales del Museo Nazionale di Napoli (Rom 1993)

Gatti lo Guzzo 1978: L. Gatti lo Guzzo, Il deposito votivo dall’ Esquilino detto di Minerva Medica (Florenz 1978)

Grmek – Gourevitch 1998: M. Grmek – D. Gourevitch, Les Maladies dans L’Art antique (Poitiers1998)

Guzzo – Moscati – Susini 1994: P. G. Guzzo – S. Moscati – G. Susini, Antiche genti d’Italia (Rom 1994)

Holländer 1912: E. Holländer, Plastik und Medizin (Stuttgart1912)  Bild 1 und 2 sowie 4-6.

Karageorghis 2003: V. Karageorghis, The Cyprus Collections in the Medelhavsmuseet Stockholm (Nicosia 2003)

Laser 1983: S. Laser, Medizin und Körperpflege, in: H.-G. Buchholz (Hrsg.), Archaeologia Homerica (Göttingen 1983)

C. Martini 1990: C. Martini, Il Deposito Votivo del Tempio di Minerva Medica (Rom1990)

Ongaro 1978: G. Ongaro, Tre Ex Voto Romani di interesse dermatologico, Chron. Derm. IX 6/1978, 749-754

Plin. nat.: C. Plinius secundus d. Ä. Naturkunde Buch 26, 1-5. Lateinisch-deutsch (München 1979) 12-17. 210-213

Rassner 82006: G. Rassner, Dermatologie (München 2006) Bild 3

Sambon 1895: L. Sambon, Donaria of Medical Interest, The British Medical Journal 1895, 2  146-150. 216-219

 

[1] Für eine Fragestellung, bei der das Bild ganz im Vordergrund steht, eignet sich die Bezeichnung „Ikonodiagnostik“ besser als der Begriff der retrospektiven Diagnose, s. Grmek – Gourevitch 1998, 27 f.

[2] „Pustole“, Gatti Lo Guzzo 1978, 139 S 8 Taf. 52; ebenso C. Martini 1990, 19 Abb. 10 b.

[3] „verosimilmente affetto da psoriasi“, Ongaro 1978, 751 Abb. 1 und 2.

[4] Sambon 1895, 216 f. Abb. 11.

[5] Gatti Lo Guzzo 1978, 139. Nr. 8 Taf. 52.

[6] „Psoriasis and other similar diseases were known to the ancients by the name of lepra, which meant roughness, and must not be confounded  with leprosy“, Sambon 1895, 217.

[7] Holländer 1912, 307-309 Abb. 201-203.

[8] Grmek – Gourevitch 1989, 344 f. Abb. 273. 274.

[9] G. Rassner, Dermatologie (München-Jena 82006). Ich danke dem Autor herzlich für die freundliche Genehmigung zur Publikation der Abbildung..

[10] Plin. nat. 26, 3. 3.

[11] Plin. nat. 26, 1. 2.

[12] Plin. nat. 20, 144.

[13] Erläuterungen zu Plin. nat. 20, 109, S. 229-230.

[14] Nicht zu verwechseln mit der tropischen „Elephantiasis Arabum, gekennzeichnet durch unförmiges Anschwellen … der Extremitäten“, die durch einen Fadenwurm verursacht wird, Erläuterungen zu Plin. nat. 20, 109  S. 229-230.

[15] Erläuterungen zu Plin. nat. 20, 144  S. 247.

[16] Aisch. Ch. 270-285; Laser 1983, S. 84 f. mit Anm. 212. 213.

[17] Hes. Fr. 28 Rz, zit. nach Laser 1983, S 84 ϑ; Ps. Plut., de fluv. 21, 4.

[18] Außer unserem Bild 4 s. auch Votivkopf aus Capua, mit applizierten, heute zum Teil verlorenen (abgeriebenen) Haarsträhnen,  Bonghi Jovino I, 1965, 84 Taf. 39. 1. 2.

[19] Plin. nat. 26, 2. 2.

[20] Holländer 1912, 304; Ongaro 1978, 753 Abb. 6.

[21] Baggieri 1996, 38, Abb. 3; „äußerst unwahrscheinlich“, Grmek – Gouerevitch 1998, 347.

[22] Grmek – Gouerevitch 1998, 347 Abb. 276.

[23] Ciaghi 1993, 253 f. Abb. 180.

[24] „Busto di Orobio“, Guzzo – Moscati – Susini 1994, 260 Abb. 741.

[25] Grmek – Gourevitch 1998, 322 f. mit Anm. 60-62 Abb. 257.

Der Aufsatz ist erschienen in „Fließende Grenzen – Zwischen Medizin, Literatur und (antiker) Kunst, Minerva Verlag Budapest,2015. Der Abdruck hier erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Meinerva Verlags.