Malteser Blut

Von Dr. Sigurd Göttlicher

 

Herr Rossi, langjähriger Hafenkapitän in Castiglione und Besitzer eines stattlichen Motorbootes in der Darsena von Castiglione, erschrak, als sein Telefon klingelte. Von der Siesta noch etwas verschlafen, hob er ab: »Hier Adriano Rossi, Hafenkapitän von Castiglione. Was gibt es?« Da hörte er eine extrem nervöse Stimme am anderen Ende: »Ja, wir sind hier und haben eine Leiche gesehen!« »Das müssen Sie«, sagte Herr Rossi, langsam wachwerdend, »der Polizei melden!« »Das geht nicht!« »Weshalb nicht?« »Die Leiche schwimmt hier im Wasser!« »Wo hier?« »Na hier, gleich vor unserem Boot!« Nun war Rossi wach und fragte, wo sich das Boot denn genau befinde. »Genau, was heißt genau: Wir sind vor ca. 30 Minuten von Porto Azzurro losgefahren und wollen nach Giglio Porto. Vor einer Minute sahen wir eine Leiche im Wasser liegend rechts vor uns. Wir hielten an beziehungsweise wendeten und befinden uns jetzt genau an der Leiche!« »Können Sie uns Ihre Position genauer angeben! Wir werden sofort kommen!« – »Unser Navi hat seinen Geist aufgegeben, doch können wir eine große weiße Fahne hissen, sodass Sie uns – die Sicht ist gut – schon von weitem sehen können!« – »Gut, wir kommen!«

Im Nu oder sagen wir besser nach 10–15, vielleicht 20 Minuten, fuhren zwei Boote von der Darsena aus aufs Meer in Richtung des ungefähren Ortes des Bootes und der Leiche. Nach kurzer Zeit sah der Bootsführer von Boot Eins eine weiße Fahne am Horizont. »Das wird das Boot unseres Anrufers sein«, rief er seinen Leuten im Boot zu. »Beeilt Euch!« Es gab nichts zum Beeilen, das Boot hatte längst die Höchstgeschwindigkeit, ca. 40 Knoten, erreicht. Nach wenigen Minuten waren die beiden Boote an Ort und Stelle angelangt. Doch zu ihrem großen Erstaunen gab es an der vermuteten Stelle kein Boot, keine Menschen. Nur einen Rettungsring mit einer kleinen weißen Fahne, mittels Bambusstöckchen in den Rettungsring gesteckt. Die Herren wunderten sich. Als sie sich dann etwas ratlos umherschauten, sahen sie in einiger Entfernung einen leblosen Körper im Wasser treiben. Es war kaum Wellengang, die Leiche schwamm ganz ruhig dahin, kaum Drift. Den Kopf sahen sie nicht, der war unter Wasser, auch die Beine waren nur schemenhaft zu erkennen, ein seltsamer Anblick. Keiner der Bootsbesatzungen hatte so etwas je gesehen. Mit leichtem Schaudern sowie einem Mut einflößenden »avanti« fuhr man längsseits des leblosen Körpers und hievte ihn behutsam an Bord. Da lag er nun, der Leichnam eines offensichtlich jungen Mannes. Er sah weder besonders sportlich noch schmächtig aus, und war – von einer Freundschaftskette um das linke Fußgelenk herum abgesehen – splitterfasernackt.

 

 

Adelaide hatte das Gespräch mitgehört und fragte neugierig: »Was ist mit der Blutgruppe? Das klang so geheimnisvoll und scheint Dir ja sehr wichtig zu sein!«

Francesco druckste ein wenig herum, bis er endlich mit der Sprache herausrückte: »Weißt Du, Schwesterherz, ich hatte mir schon Sorgen gemacht, dass unsere Wasserleiche Dein Sohn sein könnte!« – »Das schließt Du aus der Tatsache, dass er in der Leiste am Oberschenkel links ein Malteserkreuz eintätowiert hat?« – »Wohl, und auch das Alter stimmt in etwa! Leonardo ist 26 Jahre alt, wird bald 27.«

»Und Leos Blutgruppe?« »Nun, die ist A negativ!« – »Was heißt das?« – »Ich würde sagen, dass er dann nicht Dein Sohn sein kann: Du hast die Blutgruppe Null negativ. Dein Mann hat B positiv. Wie könnte dann Euer Sohn A negativ sein? Das beruhigt mich doch mächtig!« – »Na also, dann hast Du Dir doch unnötige Sorgen gemacht!« – »Na, hoffentlich!«

 

 

»Sie fahren jetzt los. Und behalten Sie die ganze Zeit ihr Handy im Auto eingeschaltet, damit wir Sie da hin führen können!«

»Wohin?« »Fragen Sie nicht, fahren Sie los! Ich hoffe, Sie haben das Geld in gebrauchten, nicht registrierten Scheinen dabei: Nehmen Sie einen Lederkoffer, tragen Sie keine Sonnenbrille! Ist das klar?« – »Klar.« – »Also dann! Und bedenken Sie, dass wir Sie beobachten.«

Wie abgesprochen fuhren die drei Autos los. Vor Leo fuhr Alfredo, hinter ihm Francesco. In gehörigem Abstand, aber doch ausreichendem Sichtabstand.

Nach kaum 100 Metern Fahrstrecke ertönte es – wie von einem Navi – mit harter und deutlicher Stimme: »Sie fahren Richtung Floriana, auf dem kürzesten Weg!«

Leo fuhr zügig, doch nicht so schnell, dass ihn die beiden anderen nicht im Auge behalten konnten. Nach einer Weile kam er zu dem Brückenbogen an der Einfahrt nach Floriana.

»Jetzt bei der nächsten Wendemöglichkeit zurück Richtung Sliema!«

Das war nun ein fieser Trick, da Alfredo nicht sofort mitbekam, dass Leo umgekehrt war. Francesco konnte ebenfalls umkehren und Alfredo von der Wende benachrichtigen. So waren die drei Autos für eine Weile weiter auseinander.

»Jetzt abbiegen Richtung Tarxien, zum Hypogäum!«

Am Hypogäum angekommen, schaute sich Leo nach einem Parkplatz um. Betont langsam, dass er von Francesco und Alfredo gesehen werden konnte. Hier war es ein Kommen und Gehen: Aus etlichen Bussen stiegen Besucher, die zum Hypogäum eilten. Andere kamen von der Besichtigung dieses Bauwerks zurück, erstanden noch Ansichtskarten, um dann in ihrem Bus zum nächsten Besichtigungspunkt der Insel weiterzufahren. Hier konnten durchaus in dem Getümmel Menschen verloren gehen.

»Geh’ jetzt ins Hypogäum hinein!«, kam nun der Befehl aus dem Handy. Leo kaufte eine Eintrittskarte und ging ins Hypogäum. Gerade als er eintrat, sagte die Stimme aus dem Handy:

»Geh’ ganz nach unten. Dann leg’ den Geldkoffer in die dritte rechte seitliche Aussparung des Hypogäums, bleib einige Sekunden mit dem Rücken zum Geldkoffer dort stehen und komm dann wieder heraus!« So tat es Leo.

Alfredo und Francesco kamen erst einige Augenblicke später, da vor ihnen noch ein paar andere Touristen ihre Eintrittskarte kauften, und stiegen dann die Treppe in die Tiefe des Hypogäums hinab. Auf der Treppe begegneten sie sich. Im Vorbeigehen flüsterte Leo ihnen zu: »Schaut in die dritte rechte Aussparung seitlich ganz unten!«

Als Leo wieder das Hypogäum verließ, waren Alfredo und Francesco gerade an besagter Stelle angekommen. Doch war niemand hier, und in der Aussparung in der Wand stand auch kein Koffer mit dem Geld!

So gingen sie nach kurzem Zögern wieder hinauf und sahen Leo in seinem Auto sitzen und telefonieren. »Das werden die Kidnapper sein, die Leo mitteilen, dass sie das Geld haben und dass sein Vater nun bald freigelassen werde oder schon frei sei!«

»Hoffentlich!«, sagte Francesco. Doch Leos Gesicht, sie gingen gerade ein paarmal an seinem Auto vorbei und taten so, als wenn sie zu irgendeinem der Busse gingen, die hier zahlreich und dicht gedrängt nebeneinander standen, war nicht glücklich. Er schrieb auf einen Zettel die Worte »Es ist schief gegangen!« und heftete den Zettel so an die Fensterscheibe, dass Alfredo und Francesco den Text lesen konnten.

Was nun?

Sie setzten sich in ihre Autos und fuhren hinter Leonardo her, heimwärts. Die Stimmung auf dem Tiefpunkt; Hoffnungslosigkeit, Wut und Enttäuschung überfiel sie.

Da klingelte Leos Handy: »Sie haben uns betrügen wollen. Das werden Sie büßen! Der Koffer war weg!«

»Das kann nicht sein, ich habe die 300.000 Euro selbst in den Koffer getan. Das müssen Sie mir glauben!«

»Das kann jeder sagen! Sie hören von uns, und dann können Sie sich aber auf etwas gefasst machen!«

 

Dr. Sigurd Göttlicher

 

Mit freundlicher Genehmigung des Erich Weiß Verlags, Bamberg