Medica patiens. Fünf Erlebnisse einer ‚Heldin‘ der Arbeit.

Der Untertitel ist reine Anmaßung. Schließlich war ich nie Bürgerin der Deutschen Demokratischen Republik. Aber gut ist der Titel schon und angesichts der folgenden Begebenheiten gar nicht so unpassend. Allerdings könnte man auch mit einigem Recht sagen: ein derartiger Workoholismus ist Dummheit…

1. Brixen 1977:

Kinderärztetag in Südtirol/Alto Adige. Ich nehme als Orthopädin daran teil, um den spektakulären Auftritt des Kollegen Vojta zu erleben. Dieser ist, abgesehen von allem anderen, ein ‚Kinderflüsterer‘. Er bringt brüllende Säuglinge zur Ruhe, indem er sie ganz nah an sein Ohr, ans Gesicht, hält und ruhig, leise mit ihnen spricht.

An einem dieser Tage, vermutlich nach dem Genuss lokalen Rotweines, fiel  ich in der Stadt auf die Nase und brach mir das rechte Radiusköpfchen. In Brixen verstehen sie sich auf solche Sachen; die Unfallchirurgische Abteilung des  Krankenhauses beruft sich immer noch gern auf Lorenz Böhler. Die Kollegen legten einen Ganzarmgips in Rechtwinkelstellung des Ellenbogengelenks an und diktierten mir vier Wochen Immobilisation. Das ist – Böhler hin oder her – zu lang. Eine hartnäckige Streckhemmung im Ellenbogengelenk, Fehlbelastung und Epicondylitis trotzten der intensiven Physiotherapie.

Während der schier endlosen Gips-Phase hatte ich in meiner damaligen Kasseler Praxis einen Vertreter, Facharzt für Orthopädie, kurz vor der eigenen Niederlassung. Nach 14 Tagen hielt ich es natürlich nicht mehr aus, war jeden Nachmittag am Tatort, um nach dem Rechten zu sehen. Fragt mich ein Patient: „Frau Doktor, können Sie nicht lieber selbst spritzen, mit der freien Hand?“ Gemeint war eine intraartikuläre Injektion. Ich konnte. Wozu bin ich eine umgepolte Linkshänderin?

 

2. Butzbach 1979:

Es ist Donnerstagnachmittag, mitten in der dicksten Sprechstunde. Ein Schnitt, ein Schrei, Blut schießt aus meinem rechten Daumen, in dem das Skalpell versehentlich gelandet war. Was tun? Das muss genäht werden, andererseits kann die Ambulanz nur für kurze Zeit unterbrochen werden. Ich setze mir eine Lokalanästhesie und mein geschickter, in vielen Dingen erfahrener Ehemann näht die blutende Wunde. Dann geht die Sprechstunde weiter…

 

3. Butzbach 1990:

Auf dem Weg zu einem Hausbesuch nimmt mir jemand die Vorfahrt und kracht mit seinem Kleinbus in die Fahrerseite meines Polo. Glas splittert, meine linke Seite schmerzt, auch beim Atmen. Das Auto ist noch fahrbar. Folge: Rippenserienfraktur links und Fraktur BWK 12. Brustkorbverband, Analgetika. Dann mache ich den Fehler, mich in unser Pflegebett mit sehr hoch gestelltem Kopfteil zu legen, kann dann aber vor Schmerzen zunächst nicht mehr aufstehen. Es kommt zu einer Notfallsprechstunde am Krankenbett – nur, wer ist hier der Notfall? Am anderen Tag geht es wieder, mit einem soliden Brustkorbverband, erhöhtem Sitz und erhöhtem Schreibpult. Anschließend KG über einen längeren Zeitraum; es ist ja ein BG-Fall. Osteoporose-Therapie.

 

4. In unserem Haus in Budapest 2002:

Beim Hochheben und Aufstell-Versuch einer Kühlschrank-Gefrierschrank-Kombination ein Knacks, ein Schrei, ich lande auf dem Bauch und kann nicht mehr hoch. Mühsame Lagerung, Analgetika, zirkulärer Verband. Dann kommt die beschwerliche Rückfahrt nach Butzbach. Die Röntgenaufnahme ergibt eine Fraktur des 4. Lendenwirbelkörpers. Die Kollegen wollen mich stationär aufnehmen und operieren. Sie halten mich für verrückt, als ich auf meine Sprechstunde am Nachmittag hinweise und ablehne. Dann wenigstens eine Kreuzstützbandage, meinetwegen. Aber sie passt nicht, ist völlig wirkungslos. Viel besser hilft ein Motorrad-Gurt meines Mannes, kombiniert mit einem Analgetikum. Wieder kommen der erhöhte Sitz, das erhöhte Pult zum Tragen. Die Sprechstunde geht ganz gut. Eine intensive Osteoporose-Therapie und KG schließen sich an. Das Bücken ist später, so wie auch heute noch, etwas mühsam und eingeschränkt. Aber ich würde es trotzdem immer wieder so machen.

 

5. Sprechen müssen, immer wieder Sprechen-Müssen in Phasen schwerer Erkältung mit Stimmlosigkeit!

Das ist ein ungelöstes Problem, leider mit bleibenden Folgen. Die Stimmbänder sind dauerhaft geschädigt. Zweimalige Logopädie über je 10 Sitzungen nützt nur kurzfristig, während der Therapiestunde. Ja, bei älteren Menschen hat die Logopädie nicht viel Sinn, ist die lapidare, wenig tröstliche Stellungnahme der HNO-Ärzte zu diesem Thema. Nach jeder schwereren Infektion der oberen Luftwege versagt mir die Stimme. Ich kann nur davor warnen, während solcher Phasen der Stimmlosigkeit zu sprechen, auch noch, wie es oft in der Sprechstunde erforderlich ist, unter Druck, mit erhobener Stimme! Aber was ist zu tun? Die Praxis schließen oder einen Vertreter nehmen, während man selbst eigentlich gesund ist? Man hat halt nur keine Stimme! Im nächsten Leben werde ich Beamtin, z. B. beim Versorgungsamt.

 

Copyright Dr. Dr. Waltrud Wamser-KRasznai