Aus dem Chaos eine neue Ordnung zu schaffen, ist das möglich? Die so genannte Systemtheorie hat dazu Antworten. Die Systemtheorie lehrt uns, dass Ordnung und Chaos miteinander vernetzt sind. Nach der Systemtheorie bestehen drei verschiedene Kategorien von Systemen.

Die einfachen Systeme folgen einem linearen Ursache-Wirkungs-Schema, wie zum Beispiel ein Pendel. Komplizierte Systeme beste­hen aus einer Vielzahl mechanisch gekoppelter Teile, deren Zusam­menspiel berechenbar ist, wie bei einer Uhr oder einem Automotor. Komplexe Systeme zeichnen sich durch eine nichtlineare Dynamik aus und sind nicht berechenbar, wie Wetter, Börse oder Marktwirt­schaft.

Sowohl einfache als auch komplexe Systeme können Energie in Wär­me und Bewegung umwandeln und haben generell die Tendenz, sich selbst aufzulösen.

Komplexe Systeme, wie zum Beispiel lebende Organismen, sind in der Lage, sich zu reproduzieren. Die Fähigkeit, eine spontane Ord­nung zu erstellen, sich zu reparieren oder zu reproduzieren, wird mit dem Begriff Selbstorganisation bezeichnet.

Komplexe Systeme sind jedoch gar nicht so chaotisch, wie sie auf den ersten Blick scheinen. Es liegen in ihnen verdeckte Gesetze der Selbstorganisation vor, die zu höheren Ordnungen führen können. Charakteristisch für komplexe Systeme ist, dass es hinsichtlich der Richtungen, in welche sie sich entwickeln, bei ihnen keine Sicherheit, sondern nur Wahrscheinlichkeiten gibt. Grund dafür sind so genannte Rückkopplungs- und Wiederholungseffekte.

Ein Beispiel für das Entstehen von Ordnungsprodukten aus Chaos sind die so genannten Bénard-Zellen. Diese Zellen bilden sich z.B. dann, wenn ein Behälter mit Flüssigkeit von unten her gleichmäßig erwärmt wird.  Die  Flüssigkeit  bleibt

zu Anfang ruhig und glatt. Nach kurzer Zeit bilden sich Strudel und Wirbel. Gleich danach entwickelt sich aus der scheinbaren Unordnung durch Selbstorganisation ein gleichmäßiges, wabenförmiges Strömungsmuster. Dabei weist das System einen weit höheren Ordnungsgrad auf als zu Beginn der Wärmezufuhr.

Auch in der Natur können wir selbstorganisierende Systeme finden. Zum Beispiel können Bienen, Wespen oder Ameisen soziale Struk­turen bilden, die man als biologische Einheiten höherer Ordnung be­zeichnen kann.

Diese spontane Ordnungsbildung funktioniert auch in unserer Gesell­schaft. Nach einem Konzert oder Theaterstück drücken die Besucher ihre Zufriedenheit aus, indem sie klatschen. Zuerst ertönt der Applaus chaotisch. Auf einmal synchronisieren sich die Hände, der Beifall rhythmisiert sich und wandelt sich in einen geordneten Takt. Man kann sagen, dass sich der Applaus selbst organisiert hat.

Bei der Straßenverkehrsregelung haben wir auch ein Beispiel dafür. Früher wurde der Verkehr an Kreuzungen grundsätzlich mit Ampeln reguliert, heute werden immer mehr Kreisel gebaut. Dabei hat je­der Fahrzeuglenker eine erhöhte Eigenverantwortung erhalten, da er selbst entscheiden muss, wann er in den Kreisel hineinfährt. Damit entsteht durch Selbstorganisation eine neue Ordnung und ein besserer Ablauf des Verkehrsflusses.

Der Begründer des klassischen Wirtschaftsliberalismus Adam Smith, hat die Selbstorganisation auch im wirtschaftlichen Bereich schon 1776 erkannt. Er hat sie in seinem Buch als effizientes Organisations­prinzip der Selbststeuerung der Märkte im System der Gesamtwirtschaft bezeichnet. Nach ihm führt eine unsichtbare Hand das freie Wechselspiel von Angebot und Nachfrage hin zu stetigem, sozialem und wirtschaftlichem Erfolg. Aus diesen Beispielen lässt sich erkennen, dass komplexe Systeme selbstorganisierend aus Unordnung Ordnung schaffen können. Somit sind Chaos und Ordnung zwei Seiten unserer Welt, die in einer dynamischen Beziehung zu einander stehen. Das erlaubt den Schluss, dass die meisten nichtlinearen, dynamischen Systeme instabil sind. Und die Welt scheint gegenüber ständiger Erneuerung offen zu sein, wobei aus alten Formen neue entstehen. Diese Systeme weisen den Tendenz auf, sich weit weg vom Gleichgewicht selbst zu organisieren, um komplexe Strukturen und Formen zu bilden.

Damit sind sie in der Lage, sich den Veränderungen der Umwelt fle­xibel anzupassen. Selbstorganisation ist zum universellen Prinzip ge­worden. Es könnte sogar sein, dass die Evolution sich dahin entwi­ckelt hat, dass sie durch intensivere Vernetzung komplexer Systeme und durch ständige Erneuerung derselben zu immer höherer Komple­xität führt, die als höhere Ordnung bezeichnet werden kann.

In den sechziger Jahren hat der Atmosphärechemiker James Love­lock die Theorie aufgestellt, dass der Planet Erde als Ganzes ein le­bendes, sich selbst organisierendes System ist. Bei der Beschäftigung mit diesem Problem ging Lovelock davon aus, dass alle lebenden Or­ganismen Energie und Materie aufnehmen und Abfallprodukte von sich geben. Pflanzen produzieren Sauerstoff und andere Organismen produzieren andere Gase, die ständig miteinander reagieren. Außer­dem war ihm auch bekannt, dass die Sonnenwärme um 25 Prozent zugenommen hat, seit das Leben auf der Erde begann. Trotz dieser Zunahme sind die Oberflächentemperatur der Erde, die Zusammen­setzung ihrer Atmosphäre und der Salzgehalt ihrer Ozeane konstant geblieben. Diese Vorgänge regulieren sich auf die gleiche Art und Weise wie      z.B.  lebende Organismen, die sich dahingehend selbst regulieren,­ dass Körpertemperatur und andere Variablen konstant blei­ben. Seine Hypothese präsentierte James Lovelock erstmals auf einer wissenschaftlichen Konferenz 1969 in Princeton. Sie wurde damals als Wiedergeburt eines antiken Mythos belächelt.

Später hat er zusammen mit Lynn Margulis eine Hypothese entwi­ckelt, die die Selbstregelung des planetarischen Systems durch Rück­kopplungsschleifen zwischen lebenden (Pflanzen, Mikroorganismen und Tieren) und nicht lebenden (Gesteinen, Ozeanen und Atmosphä­re) Systemen erklären konnte. Zum besseren Verständnis hilft uns die Erklärung des Kohlendioxidzyklus, der besagt, dass seit Millionen von Jahren die Vulkane der Erde riesige Menge von Kohlendioxid (CO2) von sich geben. Da CO2 eines der Haupttreibhausgase ist, muss es aus der Atmosphäre beseitigt und recycelt (neu in Umlauf gebracht) werden, sonst würde es für das Leben auf der Erde zu heiß werden (Treibhauseffekt). Während des Verwitterungsprozesses verbinden sich Gesteine mit Regenwasser und Kohlendioxid zu verschiedenen Chemikalien, so genannten Karbonaten. Auf diese Weise wird das CO2 der Atmosphäre entzogen und in flüssigen Lösungen gebunden. Das Vorhandensein von Bodenbakterien beschleunigt das Tempo der Gesteinsverwitterung erheblich. Die Bodenbakterien agieren als Ka­talysatoren bei diesem Prozess. Die Karbonate werden im Weiteren ins Meer gespült, wo sie von Algen absorbiert werden, die aus ihnen Kalk erzeugen. Beim Absterben der Algen bilden sich aus ihren Scha­len massive Kalksteinsedimente (Korallenriffe) aus.

Aufgrund ihres enormen Gewichts sinken die Kalksteinsedimente allmählich in den Erdmantel ab, wo sie schmelzen und sogar Bewe­gungen von tektonischen Platten auslösen können. Schließlich wird ein Teil des in den geschmolzenen Gesteinen enthaltenen CO2 wieder von den Vulkanen ausgeworfen und in eine weitere Runde des so genannten großen „Gäa“-Zyklus (Gäa – griechische Religion) ent­lassen. Wenn dadurch die Temperatur der Erdatmosphäre steigt, wird die Bakterientätigkeit im Boden angeregt und das Tempo der Verwit­terung beschleunigt sich, was zur Folge hat, dass wiederum mehr CO 2 aus der Atmosphäre abgepumpt wird, womit sich der Planet wieder abkühlt. Die „Gäa“- Hypothese besagt, dass die Erdoberfläche, die wir bislang immer für die Umwelt des Lebens gehalten haben, in Wirklichkeit Teil des Lebens ist.

In diesem Kreislaufsystem darf die Rolle der Ozeane nicht außer Acht gelassen werden. Die Ozeane spielen in diesem Prozess sogar die wichtigste Rolle. Mit ihrer gewaltigen Wassermasse dämpfen sie die extrem hohen Temperaturwerte wie eine große Saugpumpe. Sie schlucken vor allem einen großen Teil des Treibhausgases Kohlendi­oxid, das die Industrienationen in die Atmosphäre feuern. Ohne den Riesenspeicher Ozean wäre das Klima der Erde noch schwerer ge­schädigt, als es bereits ist.

Kohlendioxidreiche, enorme Wassermengen, sinken in der Nähe der Pole in die Tiefe und durchlaufen das Becken des Atlantiks von Nord nach Süd und umrunden den antarktischen Kontinent ostwärts. In sehr langsamem Tempo, aber stetig durchmischt sich auf diese Art das gesamte Ozeanwasser mit Kohlendioxid.

Ein weiteres Element des Kreislaufs sind die Wälder der nördlichen Hemisphäre – grüne Lunge der Erde genannt –, die in ihrem Holz sehr viel Kohlendioxid gespeichert haben. Kohlendioxid ist der Haupt­nährstoff der Pflanzen, weil sie ihn benötigen, um ihn während des Prozesses der Photosynthese in Kohlenhydrate und Sauerstoff umzu­wandeln. Sie wachsen schneller, wenn sich mehr Kohlendioxid in der Luft befindet. Das wissen auch die Gärtner, die deshalb zum Beispiel Tomaten und andere Gemüsesorten in Gewächshäusern züchten‚ in denen die Konzentration von Kohlendioxid erhöht ist.

Die Forscher sind der Meinung, dass nur die Hälfte des heute aus­gestoßenen Kohlendioxids produziert werden darf, damit das beste­hende Gleichgewicht in der Natur nicht kippt. Wenn aber alles beim Alten bleibt, dann wird sich das Erdklima so lange weiter erwärmen, bis die Ozeane die Kohlendioxid-Überschüsse aus der Luft absorbiert und ein neues Gleichgewicht zwischen Meer und Atmosphäre hergestellt haben.

Der gesamte Zyklus reguliert somit das Erdklima, den Salzgehalt der Ozeane und die anderen wichtigen planetarischen Bedingungen. Und dann wirkt diese „Umwelt“ auf das Leben zurück, das sich in ihr verändert, agiert und wächst. Da kommt es zu ständigen zyklischen Wechselwirkungen‚ die das Leben auf diesem Planeten Erde weiter ermöglichen.

Daraus kann man schließen, dass Ordnung die Grundvoraussetzung für ein ungestörtes und prosperierendes Leben ist. Das Fehlen einer solchen könnte aber bald ins Chaos führen. Die äußere Ordnung hängt wesentlich mit der sittlichen Ordnung zusammen. Unordnung ist häu-fig eben mit Unsittlichkeit verbunden. „Wer in allem Ordnung hält, spart sich Mühe, Zeit und Geld.“

Bei Menschen fängt die Ordnung schon in der Kindererziehung an. Spielsachen und andere Dinge, die sie gebraucht haben, sollen nach dem Gebrauch wieder an ihren Ort gebracht werden. Die Verstöße ge­gen die elterliche Aufforderung zum Zimmeraufräumen wurden frü­her mit Prügeln quittiert oder mit Mahlzeitentzug sanktioniert. Heute sind Handy- und Computerspiel-Verbot letzte Maßnahmen verzwei­felter Eltern im Kampf gegen das Chaos im Kinderzimmer.

Moderne Erziehungsratgeber sehen das mit der Ordnung nicht mehr so eng. Die Kinder selbst empfinden Ordnung als praktisch, aber nicht als besonderen Wert an sich. Es gibt aber auch Meinungen, dass man Kindern die freie Entwicklung ihrer Fantasie durch zu strenge Ord­nung prinzipiell nicht einschränken dürfe.

Kindererziehung, Haushalt und Ordnung sind eine Frauendomäne. Am höchsten ist das Engagement der Väter beim Spielen und Haus­aufgaben machen mit den Kindern.  Ordnung muss sein, weil dem Ordentlichen die Kompetenz zugesprochen wird, und die Chaoten werden belächelt. Im Geschäftsleben wird Ordnung gern zu Grundpfeilern des Erfolgs gezählt. Ordnungsliebe mag dem Menschen angeboren sein, aber die Fähig­keit Ordnung zu halten, muss er lernen.

Wie die Ordnung in der Praxis in einem Mietshaus funktioniert, hat Hugo Laetscher anhand der Macht der Hausordnung in seiner Erzäh­lung „Der Waschküchenschlüssel“ beschrieben. Wer die Regeln im Umgang mit dem Waschküchenschlüssel bricht, fällt schnell durch das Netz der sozialen Akzeptanz in diesem Mikrokosmos, weil der Waschküchenschlüssel auch ein Symbol für demokratisches Verhalten und ordnungsgerechte Gesinnung ist. In unserer heutigen Gesellschaft ist Ordnung neben altbekannten Tu­genden wie Menschenliebe, Toleranz, Humanität und Gerechtigkeit eine Sekundärtugend geworden. Wer von der Gesellschaft akzeptiert werden will, muss sich ein- oder unterordnen, eben eine ordnungsge­rechte Gesinnung zeigen, d. h. seine eigene gesellschaftliche Brauchbarkeit zur Verfügung stellen.

Zum Schluss möchte ich eine interessante Seltenheit erwähnen, näm­lich dass Brasilien das Land ist, das sich das Wort Ordnung auf die Fahne geschrieben hat. Brasilien war früher eine portugiesische Ko­lonie. Sie erlangte 1822 die Unabhängigkeit von Portugal, aber es dauerte noch 67 Jahre, bis Brasilien als Republik ausgerufen wurde. Die Gründer der Republik waren Anhänger des so genannten Posi­tivismus. Sie verewigten das positivistische Gedankengut mit dem Spruch „ordem e progresso“, Ordnung und Fortschritt, auf ihrer neu­en Nationalflagge.

Copyright Dr. Bunovic