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Mittagssonne
schoss brennende Pfeile in die Dürre
der glühende Himmel sengte erloschenes Leben
und die Luft flimmerte über staubigem Boden

Da trieb ich in einer Feluke
auf dem trüben Wasser des Nils
kein Windhauch kräuselte die Oberfläche
und die Segel hingen schlaff am Mast
Tiefstes Schweigen herrschte rundum
die Welt schien verstummt

Vergilbten Papyrusstreifen gleich
rollten ockerfarbene Ufer vorüber
gigantische Propyläen
Pylone mit Kapitellen
kauernde Sphinxe spiegelten sich im Fluss
massige Paläste mit wulstigen Säulen und Obelisken
Tempelbauten voll gemeißelter Hieroglyphen
wechselten in trostloser Öde
keine Oase erquickte den Blick
nur rostbraune Gebirgskämme verdrängten den Horizont

Wie ein lodernder Sargdeckel
wölbte sich das Firmament
über die Altreiche der schlummernden Toten
Übermannt von der lähmenden Hitze
vernahm ich in der schläfrigen Müdigkeit des Mittags
plötzlich eine unbekannte Stimme:

Es ist genug mein Freund
Steh auf und komm
Du hattest eine angemessene Zeit
doch Deine Uhr läuft aus
und Ruhe, endlos langer Schlaf
befreit Dich von der hohen Jahre Last
 

Du gehst zurück woher Du kamst
Du gibst zurück
was man zum Sein Dir einst gewährte
drum löse Dich aus Deinem Ich
und sei bereit
 

War es Anubis
der mich rief
während ich tief
auf der Feluke schlief?

Das Gedicht stammt aus dem Buch „Jahr greift in Jahr“ von Orlando M., erschienen 2013