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Die Frau hieß Shinje. Wenn eine Sukuma Shinje heißt, weiß man, dass sie als Steißlage zur Welt kam. Eine Steißgeburt verheißt nichts Gutes und die Sukuma müssen für solche Babys eine Kuh schlachten, um Unheil abzuwenden.

Zu ihrem Alter kann ich wenig sagen. Ein kleines verhutzeltes Frauchen halt. Auch wenn ihr Alter in ihrer Kurve mit 50 Jahren angegeben wurde. Sie lag in Zimmer 15 im dritten Bett rechts und bekam antiretrovirale Behandlung bei einer CD4 Zahl von nur noch 41. Gekommen war sie laut Kurve wegen allgemeiner Schwäche, Husten, Anämie und geschwollenen Beinen. Sputumuntersuchungen auf säurefeste Stäbchen (Tuberkelbazillen) waren negativ gewesen. Was natürlich nicht viel heißen will.

Bei irgendeiner Visite Anfang März fiel mir auf, dass in ihrer Kurve keine Einwilligungserklärung für die antiretrovirale Behandlung abgeheftet war. Ngumbuke und Bianca wussten von nichts. Sie würden Lusekelo fragen. Upendo, die kleine Stationsschwester, wusste natürlich auch von nichts.

»Zuständig ist der, der Visite macht«, sagte ich. »Das heißt, zuständig sind Sie beide. Das geht nicht, dass alles, was mit AIDS-Patienten zu tun hat, auf Lusekelo abgeschoben wird!«

»Außerdem drängt die Patientin bei jeder Visite, dass sie nach Hause will, um dort in Ruhe zu sterben«, sagte Bianca.

Oder vielleicht suchte ich auch nach der Einwilligungserklärung, weil Bianca sagte, die Patientin wolle entlassen werden – und sie dann nicht fand. Denn wieso wollte Shinje nach Hause, wenn sie unterschrieben hatte, mit einer antiretroviralen Behandlung anfangen zu wollen?

Auf meine Fragen antwortete Shinje nur sehr zweisilbig (nzuri), dass es ihr gut ginge.

Jedenfalls brachte ich am nächsten Morgen bei unserer Morgenrunde zur Sprache, dass in Shinjes Akte keine Einverständniserklärung zu finden gewesen war.

Lusekelo und Makassy drucksten ein wenig herum:

»Das ist so«, meinte Lusekelo schließlich, »die Angehörigen wollten, dass wir bei Shinje mit einer antiretroviralen Behandlung anfangen. Die Angehörigen sagten aber, wir sollten Oma nichts davon sagen, die würde sich sonst zu Tode grämen.«

Ich lachte. »Nun aber, so geht das doch nicht. Wir können und dürfen und sollten nicht mit einer antiretroviralen Behandlung anfangen, wenn der Patient nichts davon weiß. Das geht nicht. Das ist auch sinnlos. Der Patient wird doch später nie und nimmer regelmäßig für die Behandlung kommen.«

Lusekelo musste zugeben, dass sie etwas voreilig mit der Behandlung bei Shinje angefangen hatten.

»Also, entweder schenken Sie der Shinje jetzt reinen Wein ein, dass sie AIDS hat und sie unterschreibt, dass sie die Behandlung will. Oder wir müssen mit der Behandlung aufhören.«

Ich beauftragte Makassy dann damit, die Sache innerhalb der nächsten zwei Tage abzuklären. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich die Behandlung sofort abgebrochen und die Frau nach Hause gehen lassen, aber es war natürlich besser, die clinical officers trafen die Entscheidung selbst. Damit sie davon lernten. Wir mussten alle entscheiden lernen, auch mal keine antiretrovirale Behandlung anzufangen, wenn ein Patient alt war und lieber in Ruhe sterben wollte.

Das war wichtig.

Auf einer Röntgenaufnahme beider Lungen war nichts Pathologisches zu sehen. Also eher keine Tuberkulose. Eine Pneumocystis carinii Lungenentzündung konnte es natürlich trotzdem sein. Aber mir war nicht danach, bei Shinje eine Maximalbehandlung anzufangen.

Zwei Tage später wusste Makassy zu berichten, dass er mit Shinje und den Angehörigen gesprochen habe, und dass jetzt auch Shinje mit der antiretroviralen Behandlung einverstanden sei. Ihr Daumenabdruck war jetzt auf einem Einwilligungsformular. Ich hatte Makassy damit beauftragt, mit Shinje zu sprechen, weil er der älteste der clinical officers und auch Sukuma ist. Und ich hatte gehofft und auch irgendwie gedacht, er würde entscheiden, die Behandlung abzubrechen.

»Na ja, dann müssen wir halt weitermachen«, sagte ich ohne Überzeugung.

Ich hatte größte Zweifel daran, dass Shinje verstanden hatte, auf was für ein Formular sie da ihren Daumen gedrückt hatte.

Der Hämoglobinwert ging dann von 6,1 auf 4,1 g/dl herunter und wir mussten Shinje eine Bluttransfusion geben.

Shinje wurde verwirrt und wir mussten eine Lumbalpunktion machen. Der Liquor war dann freilich klar und frei von Entzündungszellen.

Wann hört man mit weiteren Behandlungen auf, wenn man einmal angefangen hat? Die Sünde ist immer der erste Schritt.

Shinje hellte wieder auf. Bekam stattdessen 39 Grad Fieber. Im Blutausstrich keine Malariaparasiten.

Shinje wurde urininkontinent. Wir mussten ihr einen Blasenkatheter legen.

Der Hämoglobinwert fiel auf 4,0 g/dl. Wir mussten Shinje eine weitere Bluttransfusion geben.

Shinje konnte nicht mehr gewogen werden, sie konnte nicht mehr stehen.

Shinje bekam eine Tachykardie, vermutlich weil sie nicht mehr genug trank. Es wurde eine Flexüle gelegt, um ihr intravenös Flüssigkeit zuführen zu können.

Alldieweil bekam Shinje weiter ihre antiretrovirale Behandlung. Stavudin, Lamivudin und Nevirapin.

Am 12. März verstarb Shinje endlich still und leise gegen 10 Uhr abends. In derselben Nacht starben auch zwei Kinder, das eine mit Malaria, das andere mit einer Lungenentzündung. Beide waren einfach zu spät von Mtimbira zu uns nach Lugala geschickt worden.

 

Pönnighaus.inddMit freundlicher Genehmigung des ATHENA-Verlags. Die Geschichte ist ein Auszuge aus: Jörg M. Pönnighaus: Bei abnehmendem Mond. Aufzeichnungen aus dem Lugala-Krankenhaus in Tansania. ATHENA-Verlag, Oberhausen 2013, ISBN 978-3-89896-540-8