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Die Sonne dümpelte in den Herbst
an den Weinstöcken strotzten die Reben
graue Burgen krallten in den Steilhängen
und spiegelten sich im trägen Strom
Von weißen Schiffen schallte Singen
hallte laute Fröhlichkeit über die Ufer
Alle Pracht dieser Erde
strahlte in der Wärme
eines goldenen Spätsommertages
Da schwebten wir
auf dem Gipfel der Zweisamkeit
träumten entrückt
von der Gnade der geschenkten Zeit
verloren uns in dionysischem Glücksgefühl
vergaßen alle Fragen
nach dem Sinn des Seins

Und wieder dümpelte die Sonne in den Herbst
versteckte ihre matte Helligkeit
hinter wogenden Dünenhalmen
kürzte schon den Tag
Kühler Nordwest zeigte seine Zähne
Wellen beugten ihre Köpfe wie wilde Stiere
stoben wütend gegen den Strand
trieben ihren weißen Schaum
über verrottete Buhnenreste

Verbohrt
stemmten wir uns gegen den Wind
folgten dem Schiffbruch im Nacken
verwehten Spuren im Sand
verdrängten verbittert
vergangene Glücksgefühle
und die verwirkte Zeit

Das Gedicht stammt aus dem Buch „Jahr greift in Jahr“ von Orlando M., erschienen 2013