Sprache

Wie bin ich nur, ein gut-bürgerliches hessisches Frauenzimmer, in diesen östlichen Schlamassel hinein geraten? Mein Petúr und ich passen doch überhaupt nicht zusammen. Wir sind so verschieden, dass ständig die Fetzen fliegen. Wir halten einander nur aus, weil er so viel unterwegs ist und wir vollkommen unterschiedliche Freizeit-Interessen haben. Was verbindet uns dann überhaupt? Antwort: Wir sprechen dieselbe Sprache.

Ha, ha, ha, höre ich da. Der eine artikuliert sich zwar geläufig und endlos in fünf Sprachen, aber mit so schwerem Akzent als wäre er gerade von einer Operettenbühne heruntergesprungen. Die andere spricht außer deutsch, italienisch (und irgendwie auch englisch) ganz brauchbar eine Art Monarchie- Ungarisch. Das kann es also nicht sein.

Unsere gemeinsame Sprache ist vielmehr die einer verflossenen Generation und eines vergleichbaren familiären Hintergrundes. Wir kennen und gebrauchen dieselben Wörter und Fremdwörter und vermeiden dieselben Klischees wie:  „echt“, „gut aufgestellt“, „an dieser Stelle“(statt hier oder jetzt), „Sinn machen“ – das ist doch falsch, ganz falsch! „To make sense“ ist angelsächsisch, im Deutschen aber heißt es: Sinn haben (es hat – keinen – Sinn); nur sind wir Deutschen in unserem vorauseilenden Gehorsam Großverbraucher von Anglismen, die einem schon zu den Ohren herauskommen wie das allgegenwärtige „okay“  oder das lächerlicherweise nicht auf die Jugend beschränkte „cool“. Da lobe ich mir noch das niederbayrische „passt“!

Petúr und ich wechseln unsere Umgangssprache abhängig vom Thema, nach Lust, Laune und Vermögen. Interesse an Sprachen haben wir beide und wir verfügen wohl auch über ein gewisses Sprachgefühl.

Was das Schreiben angeht – da  ist es ein wenig anders. Einer der ersten Sätze, den ich von meinem Petúr hörte, betrifft die Unlust, um nicht zu sagen: die Unfähigkeit der Technokraten zu allem, was Schreiben heißt. So wurde ich denn eines Tages nicht ganz ohne Verdienst zur „Ober-Burgschreiberin“ ernannt, auf „Kraszna-Horka“, einem der vielen von der Kaiserin/Königin Maria Theresia an diese Krasznais verliehenen Stammsitze.

Was uns geprägt hat, hängt meiner Meinung und Erfahrung nach ganz entscheidend mit „Sprache“ zusammen. Im Gegensatz zur Situation bei meinen Klassenkamerad/inn/en, deren Väter gewöhnlich die einzigen Ernährer der Familie waren, abends spät und völlig erschöpft von der Arbeit kamen und nur noch ihre Ruhe haben wollten, saß mein Vater bereits mit uns am Mittagstisch, bereit zu hören, zu reden und Auskunft zu geben. Zu dieser Zeit herrschte  Mangel an Lateinlehrern, und Papa, der seinem Studium entsprechend  naturwissenschaftliche Fächer lehrte, als Schüler aber neun Jahre lang Lateinunterricht gehabt hatte, konnte einspringen. Ebenso begehrt war er als Nachhilfelehrer. An diesen Stunden durfte ich still-schweigend teilnehmen. Sie gerieten zu einer Fundgrube der Allgemeinbildung, denn mein Vater pflegte  lateinische (und griechische) Ausdrücke, die man damals noch in der Umgangssprache verwandte, bis zu ihrem Ursprung abzuleiten. Da gab es immer wieder freudige Überraschungen. Später hatte ich das Glück, bei der Vorbereitung auf das Graecum einen Lehrer zu treffen, der diese Methode ebenfalls anwandte und vom Alt-Griechischen bis zum Italienischen hin ableitete. Sehr einprägsam!

Als ich diesen Petúr kennenlernte, ärgerte ich mich anfangs gewaltig, wenn er mit anderen Ungarn stundenlang unverständliches Zeug redete. Als ich mich beschwerte, war die lakonische Antwort: „Dann lern‘ s halt“. Recht hat er gehabt. Auch ungarisch ist nicht un-lernbar.

Die Kehrseite der Medaille: Ich verstehe die Sprache der heutigen jungen Leute nur noch mühsam und unvollkommen, verabscheue ihre Abkürzungen und Amerikanismen und muss mich sehr bemühen, mich in meinem Alltag nicht gänzlich außerhalb der Lebenswelt wiederzufinden  –  eine „Gestrige“ also ganz gewiss, hoffentlich nicht eine „Ewig-Gestrige“!