Zum Inhalt springen

Schlagwort: Literatur

Eurydikes Klage (Thomas)

Endlich ist mir jemand begegnet, dem ich meine Schuldgefühle anvertrauen kann. Ich dachte, ich könne nie darüber sprechen, der Schmerz sei einfach zu stark. Doch der Schmerz darüber, dass die Welt weiterhin Jahr für Jahr, Jahrhundert für Jahrhundert, inzwischen sogar Jahrtausende lang meinem Geliebten Unrecht tut, ist noch größer, noch unerträglicher geworden. Ich weiß nicht, was mich trösten könnte. Vielleicht die Töne seiner Leier, die wie erfrischender Regen niedertropfen und manchmal aufsteigen wie Nebel in der Morgensonne. Aber er spielt…

Walther und der Alte aus Weimar (Klaus Kayser)

  Da sitz ich nun, ich armer Tor auf einem harten Steine. Ich bin so schlau als wie zuvor und denke Bein auf Beine: Was ich gewann, was ich verlor, was bleibt, was sei das meine. Was ich im Leben alles schwor, zu kennen, wissen um die kleine Ewigkeit, die mir jetzt sagt: Nichts ist gerade, nichts ist krumm. Der Alte so aus Weimar klagt, auch Vogelwalthers Lied bleibt stumm. Ich aber sage frech und frei: Gedanken können alles biegen.…

Schriftbilder (Siegbert Kardach)

  Über das Schriftbild der Ärzte – vornehmlich traditionelle Rezepte und Unterschriften betreffend – gehen die Meinungen auch wohlmeinender Betrachter nicht weit auseinander. Den Medizinern wird allgemein eine schlechte und vor allem unleserliche Handschrift attestiert. Das hat Ursachen in der Hatz des beruflichen Alltags, was das erwähnte Urteil allerdings auch nicht mildert. Doch es gibt rühmliche Ausnahmen. Mein verehrter klinischer Lehrer Professor August Sundermann – weit bekannter und strenger Ordinarius für Innere Medizin an Erfurts nunmehr erfolgreich beerdigter Medizinischer Akademie,…

Amboss oder Hammer sein (Siegbert Kardach)

  Auch unser tägliches Befinden ist gespalten. Einmal in unser eigenes Hoch und Leiden. Zum anderen werden wir stark beeinflusst vom Befinden anderer, die uns unmittelbar begegnen. Manchmal ist dann deren Befinden schon unser eigenes. Nicht, weil wir keinen Charakter hätten, sondern weil andere ihren nicht immer ausgeglichenen Charakter wie einen schweren Schmiedehammer auf unseren sensiblen Amboss der Empfindsamkeiten schlagen. Umgekehrt geschehen, würden diese seelischen Schlägertypen schon nach kurzer Zeit zusammenbrechen. Dann sähe wohl die kleine Welt um uns herum…

Ein merkwürdiges Volk (Siegbert Kardach)

  Der Deutsche hat zwei sehr unterschiedliche Charakterseiten, die aber eigentümlicherweise zusammengehören. Einesteils neigt er zum unkontrollierten Herrenmenschen, der Weltkriege vom Zaun bricht und menschenmordende, perfektionierte Massenvernichtungssysteme ausklügelt und zulässt. Zum anderen leidet er an einem gemischten Anbiederungs-Selbstaufgabe-Selbstverleugnungssyndrom, garniert mit erstaunlicher Klagfähigkeit und Selbstbemitleidsphasen. Trost – wenn auch keine Absolution – können wir Deutsche bei einigen bemerkenswerten Menschen unserer Geschichte finden, die sich in bestimmten, charakterfordernden Situationen politisch und privat verweigerten und Widerstand geleistet haben. Diesen verdanken wir eine angemessene…

In der Verseschmiede (Ute Reinhart-Kemm)

Dieser Vortrag wurde von Ute Reinhart-Kemm bei dem Jahreskongress des BDSÄ im Mai 2013 in Münster gehalten. Klicken Sie hier In der Verseschmiede, um den Vortrag anzuschauen. Ute Reinhart-KemmOberstudienrätin i.R. Geboren und aufgewachsen in der Hansestadt Bremen. Studium der Germanistik, Philosophie und Anglistik in Tübingen und Glasgow. Während des Studiums u.a. Volontariat bei Radio Bremen. Ein Hörspiel von mir wurde gesendet. Staatsexamen für das Höhere Lehramt in Baden-Württemberg in Deutsch und Englisch. Lehrerin in Tübingen, Reutlingen und Pfullingen für Deutsch,…

Hölzerne Texte (Paul Rother)

  Die Paläographie, die Schriftgeschichte oder genauer Lehre von der alten Schrift, ist eine etablierte Wissenschaft, ebenso ein Zweig davon, die Inschriftenkunde oder Epigraphik. Dazu ein kurzer Beitrag. Inschriften wurden und werden mit unterschiedlichen Schreibwerkzeugen angefertigt, mit Meißel, Messer, Feder, Pinsel, Stift et cetera, und entstehen auf ganz verschiedenen Beschreibstoffen: auf Tontafeln, Steinen, Metall, Glas, Papyrus, Leder, Haut, Holz. Um das letztere Medium geht es, um Holz, aus dem die Hörsaalbänke gemacht sind. Er hatte, nicht zum ersten Mal, die…

✎ 2020 Bundesverband Deutscher Schriftstellerärzte (BDSÄ)