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Schlagwort: Märchen

Die Gans, die singen wollte (Walter-Uwe Weitbrecht

    Auf einem Hof bei Lindlar lebte eine Gruppe Gänse. Die Tochter des Bauers war ein Fan von Verdi-Opern. Vor allem die Musik der Oper Aida ließ sie oft bei offenem Fenster mit voller Lautstärke ertönen, so dass der Bauer, wenn er in der Nähe des Wohnhauses zu tun hatte, manchmal schimpfend rief: „Mach die Musik leiser. Das kann man ja nicht aushalten.“ Den Gänsen blieb die Musik nicht verborgen. Die meisten konnten nur wenig damit anfangen. Nur die…

Storchmigranten (Walter-Uwe Weitbrecht)

  Der Graureiher Elias stand am Ufer des Baches und begrüßte Hubert, den Storch, der aus seinem Winterurlaub in Ägypten zurückgekehrt war. Elias war die letzten Winter in Mecklenburg geblieben, da es nicht mehr so kalt war, so dass Bäche und Seen nicht mehr zugefroren waren. „Bist du in diesem Winter in Marokko gewesen, Hubert?“ „Ich war nicht in Marokko“, klapperte Hubert und durchforschte das Ufer nach Fröschen. „Warum?“ Elias versuchte einen Fisch zu schnappen, der zwischen den Halmen des…

Die Katze mit den seidenen Handschuhen (Walter-Uwe Weitbrecht)

  Eine schwarz-weiße Katze Paula lebte in einer Villa am Königsforst. Meist lag sie auf einer Heizung, schnurrte vor sich hin und genoss die Wärme. Sie bewunderte die apart gekleidete Hausherrin, die sie immer mit Seidenhandschuhen streichelte. Sie empfand dies als besonderen Genuss, auch wenn es manchmal funkte. Sie beschloss, ebenso vornehm zu werden. Sie trabte zum Maulbeerbaum und sprach mit den Seidenraupen: „Könnt ihr mir ein zartes, fast durchsichtiges Seidenkleid und Seidenhandschuhe für die Vorderpfoten spinnen?“ Die emsigen Seidenraupe…

Das Mottenprojekt (Walter-Uwe Weitbrecht)

  Mottenmutter Luise saß mit ihrem Mann Walter in einem alten Kleiderschrank zwischen den Wollpullovern und beobachtet ihre zarten, gelblichen Raupenkinder, die sich durch die Maschen fraßen. „Schafwolle schmeckt ihnen“, knispelte sie, „sie schauen richtig glücklich aus.“ „Wo sind denn die Großen?“, brummte Walter und machte es sich an der Knopfleiste bequem. „Du weißt doch, sie umsurren jetzt die Straßenleuchten und die Zimmerlampen und holen sich angesengte Flügel. In unserem Alter macht das Tanzen am Licht keinen Spaß mehr. Da…

Das rote Kaninchen (Walter-Uwe Weitbrecht)

Das rote Kaninchen Bauer Stertzenbach hatte Rüben geerntet und, da er keinen Lagerplatz in der Scheune hatte, als Rübenmiete am Rande des Ackers aufgestapelt und mit einer dicken Folie bedeckt, um die Rüben vor dem Regen zu schützen. Er hatte zwei Äcker bearbeitet mit verschiedenen Rübensorten, die einen kleiner, die anderen größer. Das Kaninchen Paul hatte das beobachtet und rannte ganz aufgeregt zu seinem Bruder Tim. „Es gibt Rüben“, hechelte er, „so viele Rüben, dass man Speck für den ganzen…

Traktat: Die zweite Prophezeihung (Gerhard Langenberger)

  Ich war ein Teufel bis ein Engel kam                                    und mich verführte,                                     nun sind wir beides:                                      viel Teufel und wenig Engelein Energisch schob ich die Bettdecke zur Seite…

Die Bremer Stadtmusikanten (Lieselotte Riedel)

Zu seinem Esel sprach der Bauer: „Ich sag dir offen, wie es ist, du bist nicht wert, mein alter Grauer, das Heu, das du tagtäglich frisst!“ Der Esel hörte es mit Schrecken, er dachte an so manches Jahr, als er mit korngefüllten Säcken auf seinem Weg zur Mühle war. Das ist der Lohn für Müh und Plage, wie einen Hund jagt man mich fort. Nun muss ich auf die alten Tage noch suchen einen andern Ort! Doch hilft kein Jammern…

Das Meer hat keine Ufer (Franz Jostberg)

Das Meer hat keine Ufer Ich saß schon eine ganze Weile auf einer der Bänke am Ufer des Flusses. Je länger ich der gleichförmigen Strömung zusah, umso müder wurde ich. Und obwohl die Holzbank nicht sonderlich bequem war, fielen mir schließlich die Augen zu und ich schlief ein. Es war schon dunkel, als ich wieder aufsah. Der Fluss führte Hochwasser inzwischen. Merkwürdigerweise überraschte mich das kaum. Die Uferwiese hatte der Fluss sich schon einverleibt, den schmalen Radweg bereits überschritten, nur…

Patience – Geduld (André Simon)

Am Ende dieser Geschichte steht die Übersetzung von Dietrich Weller PATIENCE                                          Many, many years ago, an old wise man was asked if patience gives one power. His answer was a tale about patience. “Once upon a time by the banks of a small tributary of the Yellow river 河蒙西) a well known Sage was fishing. As in every refined tale it is…

Bremer Stadtmusikanten (Eberhard Grundmann)

Diese Texte trug Eberhard Grundmann beim BDSÄ-Kongress 2015 in Bremen vor in der Lesung über Bremer Stadtmusikanten“ (Moderation Helga Thomas) Tagfreier Tag Herr Wennemann klappt den Kalender auf und sieht, dass in des ganzen Jahres Lauf sich ein Gedenktag an den andern drängt, auf manche Tage eine Vielzahl zwängt. Just siebenhundertfünfundvierzig Tage fand Wennemann, und das sind schliesslich sage und schreibe reichlich zwei pro Tag im Schnitt. Zählt man jedoch nur die globalen mit, so findet man zweihundertfünfzehn Treffer –…

✎ 2020 Bundesverband Deutscher Schriftstellerärzte (BDSÄ)