Die folgenden Gedichte veröffentlichen wir hier mit freundlicher Genehmigung der edition exemplum (ATHENA-Verlag, Oberhausen). Die Texte stammen aus dem Gedichtband Tanzende Tage von Jörg M. Pönnighaus, ISBN 978-3-89896-640-5

 

 

1

»Und irgendwann sagte mein Bruder:
›Es reicht!‹
und aß
und trank nicht mehr
und starb
eine Woche später.«

 

2

Durch den Schleier
meiner Zweifel
sehe ich alles
Mild fließt Mondlicht
über die Hänge.

 

3

Südwestwind
verstreut Mohnblütenblätter,
die Erde
ist rot,
sommerrot
unter blauglühendem Himmel.

 

9

Ich habe viele Bäume gepflanzt
in diesem Frühjahr,
einen Birnbaum, einen Walnussbaum
Birken und Kiefern.
Zur Erinnerung
vielleicht auch an mich.

 

46

Verblühte Lupinen,
verblühender Fingerhut.
Der Tag ist leicht und licht
entlang dem Flößergraben.
In Pfützen
spiegelt sich nichts.

 

47

Hartheu und Habichtskraut.
Heidelbeerblau
der Himmel.

Auf dem Fuchskreuzkraut
frühe Mohrenfalter.
Friede auf Erden.

 

48

Gelegentlich
verteidige ich den alten Herrn,
wenn er angeklagt wird
wegen unterlassener Hilfeleistung.

Ich meine, er ist
einfach kein Wurststullen-Gott.

 

49

Es gibt eine Wasserscheide
zum Alter hin,
wenn neue Gedanken,
nicht mehr berühren,
keinen Zugang mehr finden.

Das ist das Ende.

 

50

Gegenlichter,
Irrlichter,
Um Mitternacht,
während ich versuche,
der Leere näher zu kommen.

 

51

Das Gras ist noch kalt
unter meinen Füßen,
aber der Sonnenwind
weht schon
über die geeggten Felder.
Weiß der Mond am Westhimmel.

 

 

Ohne zu zögern
riss Odin
sich ein Auge aus,
um in die Zukunft
blicken zu können.

Aber was er sah,
waren nur Möglichkeiten,
denn nichts ist gewiss,
nicht bei den Göttern,
nicht bei den Menschen.

 

*

 

Leise
raschelt der Regen
auf Eichenblättern
und Eiben.
Über Nacht
ist meine Heiterkeit
Ich weiß nicht, wie;
ich weiß nicht, warum.
Aber die Steine
singen wieder.

 

*

 

Nur heute
den ganzen Morgen
gehäckselt,
den Häcksler repariert,
weiter gehäckselt.
Den ganzen Morgen
meiner
nie bewusst,
ganz im Hier
und Jetzt
und Hier.
Mich erst viel später gefragt,
war ich –
womöglich –
den ganzen Morgen glücklich?

 

*

 

Am Westhimmel
der Vollmond
gestochen scharf
noch eine Handbreit
über dem Kamm,
über den geeggten Feldern
Frühdunst.
Glücklichsein
kommt nur in Säcken,
manchmal
sind zwei Katzen
in einem Sack.

 

*

 

Morgenlied

Die Wipfel der Fichten
rötet das Morgenlicht,
der Weg
ist müde.
Von Zeit zu Zeit
schließe ich meine Augen,
irgendwo
ein Milan,
irgendwann
eine Krähe.
Alles
kommt aus dem Nichts,
wenn du still wirst.

 

*

 

Früher Morgen
der Mond
ist einsam heute,
die Sterne
haben ihn verlassen,
sang- und klaglos
wird er untergehen.
Vergebens versuche ich
ihn ein Stück Wegs zu begleiten.