Über die Grenzen der Empathie

Der Begriff Empathie wird u.a. benutzt, um Erwartungen an die Heilberufe zu beschreiben – im Hinblick auf das für notwendig gehaltene Mitgefühl mit leidenden Patienten. In meinen Seminaren mit Medizinstudenten habe ich immer wieder versucht, diese Fähigkeit anzusprechen und in Rollenspielen zu trainieren. Auch in meinem Buch über „Die Kunst ein guter Arzt zu werden“ (2001) war das ein zentrales Thema.

Derzeit, als alter und unheilbar kranker Mann, der ich nun einmal geworden bin, mache ich alltäglich die Erfahrung, dass es auch für wohlwollende Bezugspersonen nicht nur schwer, sondern scheinbar unmöglich ist, mich in meinem Selbsterleben zu verstehen. Natürlich erlebe ich unverdient viele Zuwendungen aller Art, für die ich sehr dankbar bin, und zu sein habe. Aber immer wieder mache ich die Erfahrung, dass mein Selbsterleben sich signifikant davon unterscheidet, wie andere mich wahrnehmen.

Gestern Abend haben wir uns im Fernsehen den vielfach ausgezeichneten Film „Am goldenen See“, aus dem Jahr 1981, mit Katharine Hepburn als alte Großmutter („Billy“) und Henry Fonda als ständig nörgelnden Großvater („Norman“) angesehen. Im Internet finde ich einen Hinweis zur Filmkritik, die Hellmuth Karasek (1934-2015) seinerzeit in der Zeitschrift „Der Spiegel“ (14/1982) geschrieben hatte:

Natürlich sind Schauspieler, die eine so große Vergangenheit mit sich herumschleppen wie das Paar Fonda/Hepburn in der Lage, so etwas … eindringlich zu spielen. Sie könnten auch das Telephonbuch spielen, das allerdings realistischer ist als das Kitschtheaterstück vom goldenen See. So bleibt zu bewundern, wie die beiden virtuos alle sich auch nur andeutenden Ehe- und Alterskonflikte niederbügeln; Gebrechlichkeit ist nur eine Marotte, und schon für ihr leichtes Kopfwackeln muß man die Hepburn einfach lieben.

Als er diese Kritik verfasste, war Karasek selber erst 48 Jahre alt. Es ist anzunehmen, dass er, nachdem er selber 80 alt geworden ist, sich weniger despektierlich über die Behinderungen alter Menschen geäußert hat.

Da fällt mir ein Erlebnis aus meiner Kindheit ein. Ich bin in der Zeit nach dem 2.Weltkrieg aufgewachsen, in der die vielen „geschlagenen Soldaten“ mit ihren offenkundigen Kriegsverletzungen im alltäglichen Straßenbild unübersehbar waren. In jeder Familie gab es Männer und Frauen, die unter den Folgen des verlorenen Krieges zu leiden hatten. Ich erinnere mich noch an Onkel Karl, den Bruder meiner Mutter, der in der Familie  „Karlchen“ genannt wurde, obwohl er schon etwa 40 Jahre alt war und im Krieg – wie man damals so sagte – „einen Arm verloren“ hatte. Mir wurde erzählt, dass er unter großen Schmerzen litt, zu deren Behandlung er mehrfach – ohne Erfolg – operiert werden musste. In diesem Zusammenhang hat mich die Bezeichnung „Phantomschmerz“ nachhaltig beeindruckt. Mir wurde berichtet, dass mein Onkel Karl darunter so sehr zu leiden hatte, dass er zum Alkoholiker geworden war. Ich bin diesem Onkel seltener begegnet, als von ihm berichtet wurde. So kann ich mich nur „sehr dunkel“ an ihn erinnern. Am meisten beeindruckt hat mich der leere Ärmel, der in die Tasche des Jacketts gesteckt war. Wie sich mein Onkel dabei gefühlt hat, darüber habe ich mir damals keine Gedanken gemacht.

So geht es auch den Protagonisten in dem Film, den wir gestern gesehen haben. Jeder lebt ausschließlich in „seiner Welt“ und kann die anderen nur aus dieser, seiner Perspektive wahrnehmen. Selbst wenn man sich große Mühe gibt, sich in andere Menschen hinein zu versetzen, ihre Gefühle nachzuempfinden, um sie und ihr Verhalten zu verstehen, sind unsere Möglichkeiten doch arg begrenzt.

Erst nachdem ich selber an und in mir die gleichen Behinderungen erlebe, die ich bei meinem Vater vor 20 Jahren wahrgenommen habe, ist es mir möglich einzuschätzen, wie er sich damals gefühlt haben mag.

Darüber hinaus muss ich feststellen, dass ich, in dem Maße, in dem ich selber  „betroffen bin“ einen Widerstand dagegen entwickele, mir – zur Unterhaltung – vergleichbare Betroffenheiten anderer Menschen anzusehen.

Mit anderen Worten – beim Betrachten des Filmes mit der Darstellung der Behinderungen des alten Mannes, fühlte ich mich derart empathisch hinein gezogen in dessen Selbsterleben, dass mir das unangenehm wurde.

Und die Moral von der Geschichte?

Nun, wie so oft, ist es wohl sehr viel leichter, gute Ratschläge zu formulieren, als diese für sich selber umzusetzen. Die Aufforderung zur Empathie ist mehr als plausibel. Doch, wenn es schon so schwer fällt, uns selber zu verstehen, wie soll uns das dann bei anderen Menschen gelingen?

J.v.T.,

am Morgen danach.