Beitrag zur Lesung „Gärten“, Moderation Jürgen Rogge, Würzburg 2016

 

Mein Freund Ralph führte bis zu seiner Pensionierung vor zwei Jahren eine Allgemeinarztpraxis im benachbarten Renningen. Jetzt ist er wie ich regelmäßig in der Notfallpraxis Leonberg tätig. Bei dieser Gelegenheit kamen wir im vergangenen Sommer auf meine Fotografien von Blumen und Tieren zu sprechen. Er fragte mich: „Weißt du eigentlich, dass wir im Umkreis von zwanzig Kilometern einige kleine Naturschutzgebiete haben, in denen du sehr seltene Pflanzen und sogar fast alle deutsche Wild-Orchideen sehen kannst?“

Nein, das wusste ich nicht, aber ich bat ihn, mich dorthin zu führen, denn ich wusste, dass Ralph ein exzellenter Hobby-Botaniker ist, der immer wieder Führungen durch diese Biotope leitet. Deshalb vereinbarten wir rasch einen Termin für eine gemeinsame Wanderung. Aus diesem einen Vormittag sind inzwischen mehrere für mich sehr lehrreiche Spaziergänge durch Wald und Flur geworden. Jedes Mal führte mich Ralph an eine andere Wiese, in einen anderen Wald, auf eine andere Heidelandschaft. Ich bekam meinen Privat-Unterricht, gespickt mit lateinischen Namen und am Beispiel erklärten Wesen der Pflanzen.

Er zog aus seiner Tasche eine Lupe heraus. „Schau mal, dieses Johanniskrautblatt (Hypericum perforatum). Siehst du die winzigen kleinen Löcher in diesem Blatt? Die Blätter sind aber gar nicht perforiert, sondern sie haben kleine Bläschen, in denen Hypericin erhalten ist. Du verschreibst doch auch Johanniskrautextrakt in der Praxis gegen depressive Verstimmung.“ Ich war so begeistert von dem Blatt unter der Lupe, dass ich es durch das Vergrößerungsglas mit der Makrolinse fotografierte.

„Kennst du den Unterschied zwischen einer echten Kamille (Matricaria chamomilla) und den anderen Formen der Kamille?“ Er holte aus seinem Umhängebeutel ein Taschenmesser und schnitt den Blütenboden der Pflanze auf: „Das ist eine echte! Der Blütenboden ist hohl! Dieser Blütenboden ist bei allen anderen Formen gefüllt!“

„Ach, schau mal, hier steht Salbei (Salvia offinialis).“ Er nahm eine Blüte, riss einen kleinen Strohhalm aus der Wiese, führte ihn langsam in die Blüte und erklärte: „Wenn die Biene anfliegt – das ist jetzt der Strohhalm – und auf den Blütenboden drückt, gibt es hier einen Mechanismus, der die Blütenstängel aus der Blüte heraus auf den Rücken der Biene kippt und den Blütenstaub aufträgt. Dann fliegt die Biene mit Salbeinektar im Magen und Blütenpollen auf den Flügeln wieder fort und bestäubt andere Pflanzen.“

Bei jedem der Spaziergänge sah und hörte ich mehr, als ich mir manchmal nicht merken konnte. Deshalb fragte Ralph mich immer wieder nach den Namen und Unterschieden der Pflanzen. Ich habe den Eindruck, er kennt jede mit Vor- und Nachnamen und die lateinische Bezeichnung sowieso. Nebenbei erklärte Ralph mir viele medizinische Anwendungen der Phytotherapie, die ich noch nicht wusste und die er in seiner Praxis oft angewendet hatte.

Beim nächsten Spaziergang schlenderten wir am späten Vormittag über eine am Südhang in einem Wäldchen gelegene Sonnenwiese mit Wachholdersträuchern. Hier zeigte Ralph mir eine überwältigende Sammlung von wilden Orchideen: Knabenkraut, Stendelwurz, Mücken-Händelwurz, Bocksriemenzunge, Hummel-Ragwurz, Bienen-Ragwurz, Pyramidenorchis. Und da stand noch einer großer Busch Schwarze Tollkirsche in voller Blüte. Herrliche Bläulinge und Zitronenfalter flatterten von Duft zu Duft, die Heuschrecken hüpften von Halm zu Halm. Ich kam gar nicht nach mit Fotografieren, Anschauen, Zuhören, Staunen. Dann setzten wir uns auf eine Bank und waren einfach dankbar, dass wir es uns leisten können, am hellen Werktag mit so viel Genuss mitten in der Natur uns an ihrem Schätzen zu freuen. Und wenn Ralph sich nicht sicher ist, welche Blume er da in der Hand hat, schlägt er in seinem Pflanzenbuch nach, das er immer in der Tasche mit sich trägt.

Diese Orchideen-Wiese besuchten wir auch an einem kalten und sonnigen Wintertag. In der funkelnden Schneedecke sahen wir Fuchsspuren, die typisch in einer geraden Linie in den Schnee gedrückt waren. An einem Wacholder schaffte ich es, mit Schnellbildfunktion die Sonne in einem fallenden Schneewassertropfen einzufangen.

Eines Tages im Sommer rief mich Ralph an: „Ich habe eine Schwanenblume gefunden – ganz hier in der Nähe! Die ist ganz selten. Du musst kommen, ich zeig sie Dir!“ Er brachte mich an einen kleinen Bachlauf, und natürlich hätte ich die schöne Blume nicht gesehen und schon gar nicht wertzuschätzen gewusst, wenn Ralph mir die Rarität nicht gezeigt hätte.

Das nächste Mal brachte er mich zu einer Herkulesstaude, auch als Riesenbärenklau bekannt, am Rand einer viel befahrenen Straße. Wir standen vor der mannshohen Staude, und ich wollte sie anfassen, da stoppte Ralph mich gerade noch rechtzeitig: „Nicht anfassen! Um Himmelwillen, das macht schreckliche Hautausschläge!“

Ralph und ich genossen inzwischen mehrere stundenlange Spaziergänge. Ihm verdanke ich die Bekanntschaft mit der großartigen und vielseitigen Landschaft in unserer unmittelbaren Nähe, die ich nicht kannte, obwohl ich hier immer gelebt habe. Deshalb habe ich mir inzwischen einige Pflanzenbestimmungsbücher gekauft und freue mich daran, nachzuschlagen und Neues zu lernen.

Nach unseren Touren kamen wir zurück in Ralphs Haus. Dort hat seine Frau einen wunderbaren Garten angelegt. Ralph sagte: „Gudrun ist für den Garten zuständig, da kennt sie jede Pflanze persönlich. Und ich weiß hier nicht so gut Bescheid wie in Wald und Wiese.“

Das Faszinierende für mich als Gast in diesem Garten ist die Harmonie, die er ausstrahlt. Da gibt es Ruheplätze, Arbeitsplätze, einen Nutzgarten und einen Ziergarten – alles schön gestaltet als eine Einheit. Da Ralph auch ein sehr vielseitig begabter Handwerker mit hervorragend eingerichteter Werkstatt ist und Gudrun neben ihrem Schuldienst viele künstlerische Arbeiten macht mit eigenem Brennofen für den Ton, haben die Eheleute einige gemeinsame handwerklich-künstlerische Projekte geschaffen. Am selbst gebauten Gartenhaus hängt zum Beispiel eine Leiter. Sie sieht aus wie eine Drahtleiter, besteht aber aus Sprossen, die aus verschieden farbigem Ton gebrannt sind. Eine witzige Umdeutung des Wortes Tonleiter.

Zuhause lud ich meine Bilder in den PC, und Ralph bot sich immer an, alle mit mir zu beschriften. Das begeisterte ihn so, dass er sich sogar eine neue Kamera kaufte, um bessere Makroaufnahmen machen zu können.

Als Ralph sich an seine neue Kamera gewöhnt hatte, schlug ich ihm vor, mit mir in die Wilhelma zu gehen, das ist der botanisch-zoologische Garten in Stuttgart. Hier kannte ich mich aus und zeigte Ralph meine Lieblingsplätze. Die Landschaft dort verbindet in einzigartiger Weise die Fülle von Tierwelt und Botanik. Der kleine Wald aus Mammutbäumen (Sequoia gigantea), die reichhaltig mit seltenen Pflanzen bestückten Gewächshäuser und die neue Primaten-Anlage mit ihrem Gorilla-Kinder-garten sind meine Hauptziele. Bei jedem Besuch entdecke ich etwas Neues und freue mich darüber.

Wir haben jetzt ein gemeinsames Projekt vereinbart. Jeder hat sich einen Baum gesucht, den wir mindestens einmal im Monat fotografieren wollen, um die jahreszeitlichen Veränderungen bewusst zu erleben und zu dokumentieren. Ich beobachte eine weit ausladende Eiche, die allein und mitten in einem großen Feld steht. Ralph hat einen mächtigen Apfelbaum entdeckt, vom dem er schon jetzt ein leuchtend buntes Herbstbild vergrößert in der Wohnung aufgehängt hat.

Ralph plant zurzeit ein eigenes Pflanzenbuch mit Fotos und medizinischem Wissen. Ich fotografiere mehr und freue mich daran, dass Ralph mir den großen Garten der Naturschutzgebiete in unserer Gegend gezeigt hat. Aber wenn wir zu zweit durch die Landschaft schlendern, lerne ich mehr über Botanik. Sie ist das Ziel meiner gelegentlichen Fotostunden, auch wenn Ralph nicht mitgehen kann. Ich bin dankbar, dass wir die Freude an der Natur gemeinsam genießen können. Das ist eine willkommene Abwechslung zu unserer Praxisarbeit und für mich eine Entdeckung im Alter.