Ein Gedicht von Mohammad Reza Shafi‘i Kadkani

Übersetzung aus dem Persischen von Afsane Bahar

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Der Tag bricht an, steh auf,
sagt der Hahnenruf.
Und lass los diesen Schlaf und diese Müdigkeit
im Fluss der Nacht.
Ein weiteres Mal mit lauter Stimme
ruf in den Gassen
nach den Trunkenen der Mitternacht,
nach den Wissenden mit durstenden Lippen.
Zerbrich den Schlaf der Fenster
mit dem Schrei des Steins.
Ein weiteres Mal mit Freude
öffne die Tore der Nacht
der Morgenröte entgegen.“

Der Hahnenruf sagt:
Stoß den Schrei der Leidenschaft aus.
Reiß dem Gefängnis der Worte
die Mauer und den Wall nieder.
Und mach durch Gesang
die Liebenden zu Gästen der Gassen.
Setz der Brise den Sattel auf,
um dieses Meer zu durchqueren.
Und durch jene beiden Fenster des Tagesanbruchs hindurch,
auf dem Gartenpfad der Trunkenheit,
verwandle den morgendlichen Regen
auf dem Ast der Akazie
in den Spiegel des Gottes.“

Betrachte die Blattknospen, diese Ehrwürdigen,
da der fruchtlose gestrige Garten voller Schmutz
jetzt junge Triebe hervorgebracht hat.
Betrachte die wilden Rosen auf den Schultern der Mauern,
durchmisch den Schlaf der Veilchen mit einer Melodie.
Und gib der Erleuchtung der Morgenröte,
in der Poesie des Baches,
vom Sein, Dichten und Singen
eine freundliche Deutung.

Besing laut mit mir
die Wachheit der Zeit.
Und solltest du ein Mensch des Schlafes und der Schläfrigkeit sein,
geh, leg den Kopf auf das Kissen,
und lass mich allein.*

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Bemerkung

(*) Hier wird ein Vers des iranischen Dichters Molavi aus dem 13. Jahrhundert zitiert.