BDSÄ-Kongress in Bad Herrenalb,

Mein Beitrag zur Lesung Nach 50 Jahren,

  1. Juni 2019, Moderator Klaus Kayser

 

Vor 50 Jahren

… im Sommersemester 1969 war ich nach bestandenem Physikum mit meinen drei Freunden aus unserer Prüfungsgruppe in Wien. Das hatten wir uns vorgenommen als Belohnung für den Erfolg. Natürlich immatrikulierten wir uns zum Medizinstudium und nützen die günstigen Bedingungen aus: In vielen Instituten und Kliniken musste man sogar zweimal erscheinen: das erste Mal zum Einschreiben in einen Kurs und das zweite Mal zum Abholen des Scheins, der unsere erfolgreiche Teilnahme bestätigte. Auf diese Weise habe ich neun Scheine erworben. Ich war sogar in einigen Vorlesungen, wenn es in der Nacht vorher nicht zu spät geworden war.

Dabei sind mir ein paar beeindruckende Stunden mit dem berühmten Prof. Asperger in Erinnerung, diesem weltberühmten Kinderarzt, der besonders den Insel-Begabungen unter den Kindern seinen Namen gegeben hat: das Asperger-Syndrom. Ein großer, sehr schlanker Mann, dessen äußere Erscheinung sofort an ein Marfan-Syndrom erinnert. Seine feine Art, mit Kindern umzugehen, und seine eindringliche Vortragsweise sind mir immer noch gegenwärtig.

Ich weiß auch noch, wie der Gerichtsmediziner detaillierte Fotos eines geschlachteten Kindes zeigte – ja, geschlachtet! Das ist kein Wortfehler! Ein Metzgergeselle hatte ein Kind getötet und dann sorgfältig alle Glieder in den Gelenken voneinander getrennt. Zynischer Kommentar des Dozenten: „Also das muss man ihm lassen: Sein Handwerk hat er verstanden!“

Mein eigentliches Studienziel habe ich erst in Wien richtig erkannt, nachdem mir klar wurde, dass in diesem Sommersemester 1969 die Wiener Festwochen und 100-jähriges Ballettjubiläum gefeiert wurden. Ich beschloss, den ganz großen Konzert- und Opern-Schein zu machen. Da war ich sehr fleißig und konsequent. Mein Tagebuch zeigte mir am Semesterende, dass ich jeden Abend in einem anderen Konzert oder einer anderen Opernvorstellung war, manchmal auch im Theater. Oft auf den Stehplätzen. Aber ich war dabei.

Von fast allen Mozart-Opern, die ich hörte, blieb mir die eine Szene in lebhafter Erinnerung: Cesare Siepi als Don Giovanni schmetterte eine laszive und von Testosteron strotzende Champagner-Arie.

Ich erlebte alle Strauß-Opern. Besonderer Moment: Die Elektra von Birgit Nilsson mit ihrer voluminösen und dramatischen Stimme! Sie riss das Publikum so in ihren Bann, dass sogar die feinen High-Society-Damen nach der Vorstellung so frenetisch im Takt klatschten und „Nilsson, Nilsson!“ schrien und ihnen dabei die Nerzstolen (im Hochsommer!) von den Schultern fielen!

Bei einem vollständigen Zyklus aller 32 Beethoven-Klaviersonaten an acht Abenden, gespielt von Friedrich Gulda, der in diesem Sommer den Beethoven–Ring bekommen sollte und ihn ablehnte, war ich fasziniert von der feingliedrigen und doch zupackenden Virtuosität und Vielseitigkeit des Spiels. Ich hatte mir die Noten als Taschenpartitur gekauft und las über lange Strecken mit. Gulda kombinierte an jedem Abend frühe, mittlere und späte Sonaten. Das machte die Entwicklung der Werke deutlich. Bei den Dreingaben teilte sich manchmal das Publikum in die Konservativen und die Progressiven. Denn Gulda wagte es, als Dreingaben auch Jazz zu spielen. So auch an einem Abend, als nach der letzten späten, geradezu heiligen Sonate noch einen seiner Boogie-Woogies in den Flügel hämmerte. Das war der fetzigste und mitreißendste Boogie-Woogie, den ich bis heute gehört habe. Das Publikum reagierte gespalten. Die eine Gruppe, zu der ich gehörte, jubelte und applaudierte, und das umso lauter, je mehr die anderen Zuhörern buhten, weil sie diesen Stilbruch als unentschuldbaren Affront empfanden. Auch die Presse am nächsten Tag war geteilter Meinung.

Eines der größten Erlebnisse war für mich, am Ostermontag in einer Matinee im Wiener Musikvereinssaal die Missa solemnis von Beethoven zu hören. Leonard Bernstein dirigierte die Wiener Philharmoniker, das Gesangsquartett bestand aus Gundula Janowitz, Christa Ludwig, Walter Berry und Waldemar Kmentt. Die Wucht der Musik, die grandiose Interpretation und Bernsteins elastisch-begeisterten Sprünge auf dem Podium waren mitreißend und werden mir für immer wie ein Film im Gedächtnis bleiben.

Die Namen, die ich mit diesem Wien-Aufenthalt verbinde, lesen sich wie ein Lexikon der Musikgrößen: Horst Stein, der neue Generalmusikdirektor des Hauses, und Josef Krips dirigierten in der Oper. Karl Böhm eröffnete mir die Gurre-Lieder und Verklärte Nacht von Arnold Schönberg. Otto Klemperer versank in seinem Dirigentenstuhl und gab nur spärliche Gesten an das Orchester. Obwohl er teilweise gelähmt war von einer früheren Hirnoperation und beeinträchtigt von den Verbrennungen, die er sich zugezogen hatte, weil er im Bett rauchend eingeschlafen war, entwickelten die Wiener Philharmoniker aus den minimalen Zeichen eine wunderbare Musik, tief empfunden, besinnlich.

Unbedingt erzählen muss ich, dass wir meist nach der Oper im Café Hawelka saßen, dem berühmten Künstlercafé hinter der Oper. Das war der Treffpunkt der Begeisterten, die inmitten der vielen vergilbten Fotos von weltbekannten Musikern und verrauchten Polstersesseln noch einen kleinen Platz an den Tischen suchten, um dort die köstlichsten Buchteln in ganz Wien zu genießen, die jeden Abend immer wieder frisch gebacken wurden. Wir mussten sie vorbestellen, damit wenigstens ein paar davon unseren Tisch erreichten.

Eine Alternative nach der Oper waren die guten und gemütlichen Keller, in denen wir für ein paar Schilling genügend Veltliner und Gorgonzola mit Butter und Brot bekamen, um satt und bettschwer zu werden.

Eines Abends waren wir zu viert unterwegs und etwas ziellos, da wir nicht wussten, was wir heute Abend hören und sehen könnten. Da kamen wir am Theater der Josefstadt vorbei, wo ein Plakat unsere Aufmerksamkeit anzog. Michael las es zuerst: „Das ist ja heute!“, rief er, „Beginnt in ein paar Minuten! Da müssen wir sofort rein!“ Wir bekamen zu unserer Verblüffung tatsächlich noch Karten für diese Ein-Mann-Vorstellung und erlebten einen tief beeindruckenden Schauspieler mit sonorer Stimme, imponierender körperlicher Größe und überwältigender Schauspielkraft und Bühnenpräsenz, der als Richter sich Gedanken über sein eigenes Leben und eine Gerichtsverhandlung macht, die er am nächsten Tag leiten muss. Ein Schreibtisch mit Lampe, ein Stuhl – das war das ganze Bühnenbild. Und Curd Jürgens allein auf der Bühne – ein Kleinod in meiner Schatzkiste der herausragenden Kunsterlebnisse!

Während des Semesters hatte mein Vater 50. Geburtstag. Er wollte mit Mutter und meiner Oma den verpflichtenden Einladungen zuhause entfliehen und ein paar Tage bei mir in Wien verbringen. Ich reservierte Hotelzimmer und bereitete ein vielseitiges Programm vor, aus dem die Eltern auswählen konnten. Im Nationalmuseum hatte ich vorher zweimal eine Führung in den Räumen der alten Niederländer besucht, um meinen Eltern die Kunstwerke präsentieren zu können, denn das ganze Museum ist ja nicht zu schaffen bei solch einem kurzen Aufenthalt. Wir waren beim Heurigen in Grinzing, machten einen Besuch in der staatlichen Grafiksammlung, erlebten am Geburtstagsabend Monteverdis Krönung der Poppea in der Oper, und die Eltern luden mich anschließend zum Essen ins Hotel Imperial ein. Die Hofreitschule mit einer festlichen Vorführung der Lippizaner war Pflicht, und Schloss Schönbrunn zeigte sich bei herrlichem Wetter. Nach dem Besuch im Stefansdom zelebrierten wir im Café des Hotel Sacher Café Creme und Sacher-Torte.

Von so vielen „Kunstverpflichtungen“ mussten wir Studenten uns natürlich erholen. Deshalb beschlossen wir, eine Woche an den Neusiedlersee und an den Plattensee zu fahren. Wir genossen das prächtige Wetter, ein paar heitere Segelstunden, mehrere Weinproben in Rust und in einem kleinen Gartenlokal inmitten eines Weinbergs am Plattensee in der warmen Abendsonne den weltbesten Zander in Paprikasauce.

Die nächsten beiden Semester studierte ich in Mannheim, weil ich die in Wien ohne Lernen eingeheimsten Scheine noch einmal richtig erarbeiten wollte. Außerdem schrieb ich dort meine Doktorarbeit und machte nebenbei Nachtschichten in der damals größten Spezialabteilung für Schwerverbrannte in der BG-Klinik Ludwigshafen. Ich erlebte erschütternde Schicksale und glückliche Heilungen. Seither bekomme ich sofort Herzklopfen und schweißnasse Hände, wenn ich jemand mit Feuer zündeln sehe.

Beglückend war für mich, dass wir vier Freunde uns nach diesen zwei Semestern wieder in Tübingen trafen, gemeinsam auf das Staatsexamen lernten und es wie beim Physikum als Prüfungsgruppe Nr. 13 auch sehr gut bestanden.