Wir alle fragen uns – immer wieder einmal – im Rückblick auf unser Leben, ob es uns gelungen ist, unsere Chancen zu nutzen. Jedes Leben hat seine Chancen. Die meisten werden vertan.

Wenn wir von unserem Leben berichten, erzählen wir erlebte Geschichten. Wenn wir über andere Menschen reden, erzählen wir Geschichten, die sich mit der jeweiligen Person verbinden.

Kurzum – die Antwort ist einfach: ein gelungenes Leben ist eine gute Geschichte.

Und was ist eine „gute Geschichte“?

Eine „gute“ Geschichte berichtet anschaulich aus dem Leben.

So einfach ist das.

Und, wie bin ich denn darauf gekommen?

Nun, diese Erkenntnis hat mir Paul Auster vermittelt. Paul Auster ist ein amerikanischer Jude, der „verdammt gute“ Geschichten erzählen kann.

Seine beste Geschichte ist eine Weihnachtsgeschichte, aus deren Veröffentlichung in der „New York Times“ ein Film über die Menschen in Brooklyn entstanden ist, den ich mir gestern Abend –  wieder einmal – angesehen habe. Der Film hat den Titel „Smoke“ und damit Bezüge zu meinem eigenen Leben. Doch das ist eine andere Geschichte, auf die ich erst später eingehen will.

Thema sind die Schwächen und Fehler von ganz gewöhnlichen Menschen. Die Möglichkeit zum Verzeihen im Umgang miteinander. Und die Kunst der wechselseitigen Wahrnehmung.

In einer Szene des Filmes erzählt ein Schriftsteller (Paul Benjamin, gespielt von William Hurt) im Tabakladen seines Freundes (Augustus „Auggie“ Wren, dargestellt von Harvey Keitel) die Geschichte, wie im 17.Jahrhundert der englische Seefahrer Sir Walter Raleigh eine Wette gewonnen hat. In einem Tabakskollegium am Hofe der Königin Elisabeth I. stellte er die Behauptung auf, das Gewicht des Rauches einer Zigarre messen zu können. Natürlich erntet er Widerspruch. Rauch messen – wie soll das möglich sein? Heutzutage vielleicht – aber mit der Technologie des 17.Jahrhunderts? Und doch sei es ihm gelungen, die Wette zu gewinnen. Wie? Nun, ganz einfach. Er nahm eine Zigarre und maß ihr Gewicht auf einer Waage. Dann zündete er sie an und begann, mit Genuss zu rauchen. Die Asche legte er sorgsam auf die Waage. Ebenso den Zigarrenstummel, nachdem er zu Ende geraucht hatte. Alles, was zum Schluss übrig geblieben war, wurde genau gewogen. Die Differenz war – das Gewicht des Rauches. Wahrlich eine schöne Geschichte.

Die verblüffende Lösung eines Rätsels. Ebenso wie die (aus dem Film „Das Leben ist schön“), „Was verschwindet, wenn man es ausspricht?“ Nun? Na klar, die richtige Antwort ist – „das Schweigen“!

Bei Paul Auster wird vor allem erzählt – verblüffende Geschichten, die nachdenklich stimmen können. Und alles wird nicht nur einfach erzählt – sondern „verdammt gut“ („damn good“,wie die Amerikaner sagen).

Das gilt vor allem in Bezug auf die Art und Weise „wie“ die, für den Film „Smoke“ zentrale, Weihnachtsgeschichte erzählt wird. Zuerst erfahren wir, dass der sympathische Schriftsteller, der regelmäßig im Tabakladen seines Freundes seine Zigaretten kauft, sich in einer Krise befindet, nachdem er seine geliebte Frau verloren hat. Sie war das Zufallsopfer einer in diesem Stadtteil von New York gar nicht so seltenen, Schießerei auf belebter Straße. „Wenn ich nur etwas länger gebraucht hätte, ihr das Wechselgeld heraus zu geben, hätte sie mein Geschäft einige Minuten später verlassen und wäre dann nicht von der verirrten Kugel getroffen worden“, grämt sich Auggie, der Besitzer des Tabakladens. Die alte Frage „Was wäre wenn?“

In einer anderen Szene entdeckt der Schriftsteller auf dem Tresen seines Freundes eine dort liegen gebliebene Kamera. Er fragt, wem die wohl gehört. Auggie sagt ihm – und uns, den Betrachtern dieses Filmes – es sei „seine Kamera“, mit der er jeden Morgen, genau um 8:00 Uhr, vor seinem Laden immer wieder das gleiche Foto macht. Die Abzüge klebt er in ein Fotoalbum. Über 4000 Bilder hat er mit der Zeit gemacht. Paul Benjamin blättert desinteressiert in den Alben – immer wieder das gleiche Motiv, von der gleichen Stelle, alles in „schwarz-weiß“. Dann macht Auggie ihn darauf aufmerksam, dass das Motiv zwar das gleiche ist, die Bilder aber nicht dieselben. Die Jahreszeiten wechseln und mit ihnen das Licht. Der Ausschnitt zeigt immer wieder den gleichen Blick über eine Straßenkreuzung, mit den Fassaden von Geschäften auf der anderen Seite. Und doch wechseln die zufällig abgebildeten Personen und Fahrzeuge. Immer wieder der gleiche Blick – doch jedesmal ein anderes Bild.

Dann wird es Advent. Der Schriftsteller erhält den Auftrag für eine Zeitung eine Weihnachtsgeschichte zu schreiben. Doch ihm fällt nichts ein. Er fragt seinen Freund, ob der ihm helfen kann. „Na klar!“ Antwortet dieser „ich kenne viele Weihnachtsgeschichten. Wenn Du mich zum Essen einlädst, erzähle ich Dir eine – eine wirklich wahre Geschichte.“ Gesagt – getan. Und dann folgt eine für einen modernen Spielfilm ungewöhnliche Einstellung. An einem Tisch in einer Imbissstube sehen wir Harvey Keitel, wie er – fast zehn Minuten lang – dem Freund, der ihm aufmerksam zuhört, seine Weihnachtsgeschichte erzählt. Ohne Rückblenden zu dem berichteten Geschehen. Und doch hören wir ihm konzentriert zu – weil er seine Geschichte so verdammt gut erzählt. Zum Schluss fragt er seinen Freund, ob der zufrieden ist und die Geschichte gebrauchen kann und dieser antwortet bedächtig: „Ich glaube –  ja.“

Damit ist der Film zu Ende und im Abspann wird, mit schwarz-weißen Filmaufnahmen unterlegt, die vorher erzählte Weihnachtsgeschichte noch einmal – wie in einem Stummfilm – vorgeführt. Einfach genial! Der Betrachter erinnert sich, beim Ansehen der sprachlosen Filmszenen, an die dazu gehörige Erzählung.

Das ist gute Literatur. Das sind lebendige Geschichten. Das ist gelungenes Leben.

Und was hat das mit mir zu tun?

Nun, ich habe „meine persönliche Tabakgeschichte“ bisher verdrängt, weil diese so folgenreich und unangenehm für mich war. Vielleicht sollte ich mich einmal aufraffen, um meine Erinnerungen daran, in Worte zu fassen und ihr, mit einer guten Geschichte, die Form geben, die sie verdient? Vielleicht …