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Ab und zu musste sie mal Stadtluft schnuppern, mal viele Menschen erleben, sich ins Gedränge begeben, sich berühren lassen, vielleicht nur mit den Augen. Menschen wahrnehmen, ganz offen sein für die kleinen Alltagsepisoden einer Stadt.

Sie konnte die Stadt gut mit der Bahn erreichen und lebte doch scheinbar weit weg von ihr in ihrer Art „Einsiedelei“. Das war der große Garten und der nahe Wald, das Zuhause ihrer Seele. Das kleine Haus nicht zu vergessen.

Heute war wieder so ein Stadt-Tag. Sie hatte sich „stadtfein“ angezogen und begutachtete sich im Spiegel. An ihre grauen Haare hatte sie sich gewöhnt. Manchmal fand sie diese sogar schön, wenn sie – frisch gewaschen – einen silbernen Schimmer hatten.

„Richtig wertvoll bin ich“, sagte sie dann mit einem Schmunzeln, „ich sollte mich hoch versichern lassen.“

Als sie dann in der Stadt war, schlenderte sie durch ihre Lieblings-Einkaufsstraße. Sie mochte die vielen kleinen Geschäfte, die Möglichkeiten an der Straße sitzend einen Kaffee zu trinken und einfach Leute zu beobachten. Und diese gab es in allen Größen und Farben.

Irgendwann stand sie an einer Fußgänger-Ampel, um nun auf der anderen Straßenseite weiter zu bummeln. Eine junge Frau ging vorbei mit ihrem schlanken, schönen Körper, langen mittelblonden Haaren und glatter Haut. Solche Haarfarbe hatte sie auch einmal. Sie dachte das ohne Wehmut und betrachtete die junge Frau mit einer Art Wohlwollen. Sie war einfach nett anzusehen.

Die Ampel hatte die Phase längst gewechselt. Sie hatte es ja nicht eilig. Sie hatte der jungen Frau lange hinterher geschaut.

Jetzt fuhren die Autos an. Das erste Auto, ein Kleintransporter, hielt kurz vor ihr. Der Fahrer drehte die Scheibe herunter, wandte ihr das Gesicht zu und sagte deutlich:

„Du bist doch schön!“, lachte sie an, drehte das Fenster wieder hoch und fuhr weiter.

Wann hatte sie zum letzten Mal solch einen roten Kopf gehabt? Sie wusste es nicht. Ein wenig benommen, doch mit einem ganz tiefen Glücksgefühl, drehte sie sich um, ging zurück zu dem kleinen Straßencafé, an dem sie grad vorbeigekommen war. Sie setzte sich an einen 2-er Tisch und bestellte einen Cappuccino. Sie wollte dieses Gefühl einfach genießen.

Für eine Weile blieben alle Menschen und Dinge „draußen“, ausgeschlossen von ihrem Lächeln. Wenn sie den Cappuccino ausgetrunken hatte, würde sie zu der kleinen Eckboutique zurückgehen und sich dieses auffallende Oberteil mit den verschiedenen aufeinander abgestimmten Rottönen kaufen, das sie vorhin schon eine Weile angehimmelt hatte. Ihre Schwester würde zwar wieder sagen: „In deinem Alter kannst du so was nicht mehr tragen!“

Doch sie konnte!

Manche Worte waren einfach so kostbar, dass sie in Samt und Seide gekleidet werden mussten.

Copyright Barbara Kromphardt