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Augen, meine lieben Fensterlein (Waltrud Wamser-Krasznai)

Augen, meine lieben Fensterlein…

    Vor einigen Jahren entstand ein Aufsatz: „Alte Augen“. Damit meinte ich Augen-Darstellungen aus dem Altertum und ihre Bedeutung von der Antike bis heute[1]. Wie schnell kann doch ein solches Thema persönlich werden, wenn Sinnesorgane an Prägnanz verlieren und allerlei Phänomene auftreten, die man so nicht oder nicht so schnell erwartet hätte, kurz wenn die eigenen Augen alt werden. Da treten Symptome auf wie „mouches volantes“, zuckende Blitze, entzündete Lidränder und Schleimhäute, Fremdkörpergefühl, rasche Ermüdbarkeit beim Lesen und beim Arbeiten am Bildschirm. Klar, dass man sich irgendwann entschließen muss, den grauen Star, die Katarakt, operieren zu lassen, aber man schiebt es doch gern ein wenig vor sich her, wartet z. B. auf das Ende einer Krisensituation oder so.

    Dann fangen die alten Augen an zu jucken und zu brennen und sie gucken einen aus dem Spiegel heraus gerötet und verschwollen an. Jetzt wird’s Zeit. Natürlich ist gerade Wochenende. Die Sache duldet keinen Aufschub bis Montag oder gar bis zum nächsten Untersuchungstermin. Es gibt ja eine Notfallsprechstunde in der Augenklinik.

    Also gut. Man kommt irgendwann dran. Die Kollegin ist mir sympathisch, hilft mir auch fürs Erste. Aber: Notfälle haben mit der Klinik/Poliklinik nichts zu tun, lerne ich jetzt. Infolgedessen bleiben die Untersuchungsergebnisse Eigentum der Kassenärztin, die am Feiertag die Notfallvertretung übernommen hat, und werden nicht an die Poliklinik weitergegeben. Nun will ich die Kollegin in ihrer Sprechstunde, 71 km von uns entfernt. aufsuchen und konsultieren, rufe also wegen eines Termins an. Nach kurzer Warteschleife fragt mich eine Angestellte, noch bevor ich einen für mich möglichen Zeitpunkt nennen kann, bis auf‘ s Hemd aus. Als ich dazu komme, ihr zu sagen, wann ich „kann“, antwortet sie: ja, da ist die Frau Doktor im Urlaub. Jetzt bin ich bös, schreibe der Kollegin einen deutlichen Brief, ob es ihr recht wäre, wenn ihr Personal die Patienten auf diese Art vertreibt. Bis heute keine Antwort.

    Inzwischen nehme ich zwei langfristig anberaumte Termine bei meinen beiden  augenärztlichen Praxisgemeinschaften wahr (eine im Süd-Osten und eine in der Mitte unseres Landes). Mit beiden bin ich eigentlich ganz zufrieden. Die Katarakt hat natürlich zugenommen. Allmählich ist die OP angezeigt. WV in 1/2 Jahr.

    Es kommt die nächste Notfallsituation: Rötung, Schwellung, Juckreiz. Abendliche Notfallsprechstunde in der Poliklinik. Da genügt sogar die Chipkarte, ohne Überweisung vom Augenarzt. Gründliche Untersuchung und Beratung. Ich erfahre, dass ich eine „Sicca“ habe, eine Kerato-Conjunctivitis sicca. Daher die rezidivierenden Beschwerden und Symptome. Ich muss die Augen regelmäßig benetzen. Das machen wir nun. Wieder erfährt die Klinik nicht, was in der Notfall-Sprechstunde vor sich gegangen ist. Ja, wo sind wir denn eigentlich hier? In einer von allen Göttern verlassenen Bananenrepublik. Trotzdem muss ich mich bald operieren lassen (wenn die Krise abgeklungen ist). An der Klinik gibt es eine Katarakt-Sprechstunde. Um dorthin zu gelangen, benötige ich als Mitglied in einer ordinären, übrigens hinreichend teuren Krankenkasse nun wirklich eine Überweisung vom Ophthalmologen. Die bekomme ich aber nur in einer Praxis, die nicht selbst Star-Operationen durchführt. Meine operativ tätige Gemeinschaftspraxis in der Mitte des Landes hat bereits abgewunken, es sei denn, es lägen besonders schwerwiegende Gründe vor.

Nur Mut, ich werde mir schon zu helfen wissen.

Und inzwischen?

Trinkt, o Augen, was die Wimper hält,
Von dem gold´nen Überfluss der Welt![2]


[1] W. Wamser-Krasznai, Streufunde (2017) 61-70.

[2] Gottfried Keller, Abendlied, 1897.

Published inProsa

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