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Innereien (Waltrud Wamser-Krasznai)

Die Überlegungen zu einigen Exemplaren anatomischer Votive aus der Sammlung Stieda sind als Ergänzung zu dem kleinen Band „Kultische Anatomie“, der 2008 die Ausstellung im Medizinhistorischen Museum Ingolstadt begleitete, gedacht. Seit dieser Zeit hatten mich als Medizinerin die in anatomischer Hinsicht spärlichen Deutungsversuche nicht ruhen lassen. Das große Intervall zwischen dem Erscheinungsjahr und dem jetzigen Beitrag ist ohne mein Zutun entstanden.

    Im Gegensatz zu den leichter interpretierbaren Darstellungen von Extremitäten, Sinnes- und Geschlechtsorganen geben die etruskischen Votive in Form der inneren Organe manches Rätsel auf. Ohne den Anspruch, wegweisende Deutungen gefunden zu haben denke ich es mir lohnend, offene Fragen, die sich der Ordinarius für Anatomie Ludwig Stieda in den ersten Publikationen zu seiner außergewöhnlichen Sammlung bereits gestellt hatte, neuerdings aufzugreifen[1].

    Zunächst wollen wir uns mit zwei isolierten Organen befassen, T III-16 und T III-17. Wir halten sie, um das gleich vorweg zu nehmen, für Harnblasen[2] (Abb. 1).    

Aufnahmen: M. Recke, Gießen/Frankfurt am Main

    Inv. T III-16  Birnen – oder beutelförmiger Gegenstand (Abb. 1 links)

Lit.: Recke 2008, 3. 56-63. hier 61 Abb. 7; Recke, Neues aus der Antikensammlung – Jahresbericht 2009, 8 c; Recke 2010, 8 Abb. 8c (um 1800 gedreht); Recke – Wamser-Krasznai 2008, 24 Abb. 4, 24. S. 65 f. und S. 109, Kat. Nr. 19 Abb. 34; Recke – Wamser-Krasznai 2008 Begleitheft, 11 Abb. 22 (um 1800 gedreht); Stieda 1899, 242; Stieda 1901, 109-111 Taf. 4/5, 24.

Stark glimmerhaltiger, hell rötlicher (2.5 YR 7/5) im Bruch rotbrauner Ton (2.5 YR 5/7). Reste von Engobe, keine Farbspuren.

L: 10,5 cm; B: 5,4 cm; H: 4,5 cm

Parallelen: Aus dem Depot der Minerva Medica Rom, Gatti lo Guzzo 1978, 138 Nr. 14 Taf. 51(unsere Abb. 4); C. Martini 1990, 18. 24 Abb. 9a (um 90o gegen den Uhrzeigersinn gedreht: „Placenta“; Holländer 1912 198 f. Abb. 108 „Herz oder Wasserblase“; ferner ders. Florenz Archäol. Mus. 198 Abb. 106. 107 (alle um 180o gedreht; ebenso Bartoloni 1970, 266 f. Nr. 33 Taf. 21c („Teil des männlichen Geschlechtsorgans“); Bartoloni – Benedettini 2011,566 f.Taf. 72 h-l (Vesciche/Blasen); Museum von Modena, Alexander 1905, 179 Abb. 10. 11 Taf. 1/2; ders. ebenda Abb. 106. 107 (alle um 180o gedreht): „Skrotum“; Decouflé 1964, 26f. Abb. 14. 15 „Uterus“; Schauerte 2010, 54 Abb. 7(unsere Abb. 3); Holländer 1912 198 f. Abb. 108; ferner ebenda Abb. 106. 107 (alle um 1800 gedreht).

    Kommentar: Stieda hatte das Objekt, Abb. 1 links, zunächst als Hoden gedeutet, wie auch Alexander, der diese Auffassung weiterhin vertrat[3] als Stieda längst davon abgekommen war. Neuerdings lebte die Interpretation als männliches Geschlechtsorgan oder als Teil desselben wieder auf. Auch die Verfasserin dachte anfänglich an Hoden mit den anliegenden Nebenhoden (Abb. 2)[4].

           Abb. 2: Männliche Genitalien und Harnwege nach Spalteholz 1907. Hier: Caput und Cauda epididymidis, Ureteren. 


[1] Stieda 1899, 230-243; Stieda 1901; Recke – Wamser-Krasznai 2008.  Die beiden menschlichen Torsen mit geöffneter Leibeshöhle sind zwischen 2008 und 2015 von M. Recke weiter intensiv bearbeitet worden. Zu den „pyramidalen Objekten“: W. Wamser-Krasznai, Herzen? 2021, Homepage des Bundesverbandes Deutscher Schriftstellerärzte.  

[2] Recke – Wamser-Krasznai 2008, 24 Abb. 4, 24. S. 65 f. und S. 109.

[3] Vgl. Alexander 1905, 179 Taf. 1, 10. 11 („Skrotum“);

[4] Epididymis nach Spalteholz 1907, W. Wamser-Krasznai, Ungedruckte Magisterarbeit 1996, 42-44. „Probabilmente testicolo con vaso spermatico“,  Baggieri 1996, 62 Abb. 57; MacIntosh Turfa 1994, 226 Abb. 20.1 D („Testis“).


    Stieda, der sich gründlich mit der einschlägigen Literatur und den Stellungnahmen seiner Zeitgenossen befasst hatte, erkannte die Ähnlichkeit der ‚Beutel‘ mit den von ihm so genannten Nebenkörpern an Gebärmuttervotiven[5]. Allerdings irritierten ihn bei den Uterus-Nachbildungen die quer verlaufenden Runzeln, Falten und Streifen, sodass er sich in deren Einschätzung keineswegs sicher war. Am Ende hielt er sowohl seine „Nebenkörper“ als auch deren isolierte Exemplare für Harnblasen. Decouflé dagegen sah in den kleinen glatten ‚Beuteln‘ den Uterus. Das geht klar aus seiner Umzeichnung einer Eingeweidetafel[6] hervor, neben die er noch zwei Details skizzierte, Larynx und „Uterus“. Dabei weist er auf die Ähnlichkeit des letzteren mit Stiedas Nr. 24 hin (Abb. 1 links), ohne freilich dessen Deutung als Harnblase zu übernehmen.  


[5] Stieda 1901, 108-120.

[6] Schauerte 2010, 54 Abb. 7; Decouflé 1964, 27 Abb. 14. 15 Taf. 11-12; Fabbri 2019, 33 Abb. 9; Lehmann 2006, 92 Abb. 35c; Kiderlen – Strocka 2006, 142 f. Nr. 60; „Etrusker in Berlin“ 2010, 73-75 Abb. 6.7; Parallele aus Falerii veteres, Tabanelli 1962, 44 Abb. 15.


                 Abb. 3  Heutiger Zustand der Tafel in Berlin, Inv. Tc 1333  Aufnahme der Verfasserin

Eine gut erhaltene Parallele aus dem Votivdepot des „Tempels der Minerva Medica“ in Rom wurde von Gatti Lo Guzzo und C. Martini als Mutterkuchen[7] gesehen, doch ist diesem Vergleich wegen des amorphen Zustandes der Säugetier-Placenta kaum zu folgen (Abb. 4).  

Abb. 4: Aus dem Votivdepot der Minerva Medica.    Nach E. Holländer 1912, 198 f. Abb. 108 (um 1800 gedreht


[7] Gatti lo Guzzo 1978, 138 Nr. 14 Taf. 51; C. Martini 1990, 18. 24 Abb. 9a (um 90o gegen den Uhrzeigersinn gedreht); anders Baggieri 1996, 62 Abb. 57; Holländer 1912, 198 f. Abb. 108.


    Inv. T III-17  Flacher birnförmiger Gegenstand (Abb. 1 rechts)

Lit.: Recke – Wamser-Krasznai 2008, 67 und 109 f. Kat. Nr. 20 Abb. 35; Stieda 1899, 242; Stieda 1901, 109-112, S. 110; Pensabene  2001, 277 f. Nr. 284, Taf. 58 (um 1800 gedreht).

Stark glimmerhaltiger hellbrauner (7.5 YR 7/4), im Bruch mittelbrauner Ton (7.5 YR 6/5) mit grob sandigen Einschlüssen. Keine Reste von Engobe oder Bemalung.

L: 7,9 cm; B: 5,0 cm; T: 3,2 cm

Parallelen: Collezione Kircheriana, Pensabene 2001, 277 f. Nr. 284, Taf. 58 („Blase“); aus Fregellae, Ferrea1986, 138 Nr. 5.6 Taf. 83 („Votivblase“).

Über den Rücken des Objekts, das breiter und flacher ist als das Exemplar T III-16, läuft eine schmale Furche von geringer Tiefe.

    Wir[8] halten also beide Objekte (Abb. 1) für Harnblasen. Die gewundenen ‚Schnüre‘, die sich bei besser erhaltenen Exemplaren des Typus T III-16 auf dem Rücken abzeichnen (Abb. 4) könnten auf ein Venengeflecht hindeuten[9]; die längs verlaufende Furche bei T III-17 wurde möglicherweise durch ein Ligament hervorgerufen.

    Die ebenfalls häufigen Darstellungen des Organs in Kugelform geben vermutlich einen höheren Füllungsgrad der Blase wieder, an den sich das außerordentlich dehnbare Organ anpasst[10].

    Dass es sich bei den Objekten um eine Vesica fellea (Gallenblase) handeln könnte, war von Stieda gar nicht erst erwogen worden. Er hatte Wiedergaben der Gallenblase in Darstellungen der Leberschau nur als lang gestreckt und dünn kennengelernt[11].

    Wir wenden uns jetzt den Eingeweidetafeln zu.

In der Sammlung Stieda sind zwei Typen vertreten, die sich nach Form und Anordnung der Organe unterscheiden, sowie zwei menschliche Torsen, in deren Öffnungen innere Organe zu erkennen sind (Abb. 5[5]).


[8] Recke – Wamser-Krasznai 2008, 65 f. 109 f. ; Bartoloni – Benedettini 2011, 566 f. Taf. 72 h-l.

[9] Gatti lo Guzzo 1978, 138 Nr. 14 Taf. 51; C. Martini 1990, 18. 24 Abb. 9a; Baggieri 1996, 62 Abb. 57.

[10] Z. B. aus Lavinium, Fenelli 1975, 265 Abb. 358; Decouflé 1964, 28 f. Abb. 19. 20; Stieda 1901, 101 Nr. 11. 15. 26; Recke – Wamser-Krasznai 2008, 112 f. Abb. 38. 39.

[11] F. P. Moog, in: Recke – Wamser-Krasznai 2008, 142-144 Abb. 60-62.

[12] Weibliches Gegenstück s. Recke – Wamser-Krasznai 2008, 120 Nr. 25 Abb. 47.


              Abb. 5: Männertorso mit Fenster zum Leibesinneren T III-9

                         Aufnahme M. Recke, Gießen/Frankfurt am Main

    Eingeweidetafel Typ 1:

Instruktive Beispiele für komplette Tafeln dieses Typs zeigt Tabanelli 1962, 65 Abb. 30 b und 31 a[13].

    Oberer Teil einer Eingeweidetafel,  Inv. T III-34

Lit.: Lewis 2016/2017, 126 Abb. S. 35; M. Recke, Auf Herz und Niere, Spiegel der Forschung 25. 2, 2008, 58 Abb. 3a; Recke – Wamser-Krasznai 2008, 24 Abb. 4,14.  S. 67. 110 Kat. Nr. 21a Abb. 36; Stieda 1901, 70 f. Taf. 4/5, 14; Tabanelli 1962, 70 f. Nr. 17.

Hellbrauner (7.5 YR 7/5) glimmerhaltiger Ton mit vielen Einschlüssen. Keine Spuren von Farbe oder Engobe.

H: 14,4 cm; B. 13,9 cm

    Mittlerer Teil eines Eingeweidevotivs, Inv. T III-12 (Abb. 6)

Lit.: Recke 2008, 58 Abb. 3b; Recke – Wamser-Krasznai 2008, 111 Kat. Nr. 21 b Abb. 37; Recke – Wamser-Krasznai 2008 Begleitheft,13 Abb. 25; Stieda 1901, 100 f; Tabanelli 1962, 70 f.

Hell rotbrauner Ton (5 YR 7/5) mit Spuren von Glimmer und vielen feinen dunkleren Einschlüssen. Keine Reste von Bemalung oder Engobe.

H: 14,4 cm; B: 12,1 cm


[13] Deutsches Archäologisches Insitut  Rom; gleiche Anordnung der Organe bei einem männlichen Torso mit Einblick in die Leibeshöhle, Rom, Sambon 1895, 148 Abb. 5.


                                                   Abb. 6: T III-12

                       Aufnahme: M. Recke, Gießen/Frankfurt am Main


                                                   Abb. 7: T III-33

                         Aufnahme: M. Recke, Gießen/Frankfurt am Main

  Mittlerer und unterer Teil eines Eingeweidevotivs, Inv. T III-33 (Abb. 7)

Lit.: Lewis 2016/2017, 126 Abb. S. 35; Recke – Wamser-Krasznai 2008, 24. 111-112 Kat. Nr. 21c  Abb. 4, 11. 38; Stieda 1901, 100 f. Taf. 4/5, 11.Hell beige-rötlich brauner (10 YR 7/3-10 R 7/5) glimmerhaltiger Ton mit dunkleren Einschlüssen. Blaue Bemalung der `Gallenblase´. H: 11,5; B: 14,0  cm.

    Unterer Teil einer Eingeweidetafel, Inv. T III-13

Lit.: Recke 2012-13, 402 Abb. 3; Recke – Wamser-Krasznai 2008, 113 Kat. Nr. 21d Abb. 39; Stieda 1901, 100 f. Nr. 15 Taf. IV/V.

Glimmerhaltiger hellbrauner Ton (5 YR 7/5) mit dunklen Einschlüssen. Keine Engobe- oder Farbspuren.

H: 9,5 cm; B: 13,0 cm

Recke konnte dem Fragment ein Teilstück aus dem Fundus der über Jahrzehnte in den Kriegs- und Nachkriegswirren verschollen geglaubten Objekte zuordnen,  Neues aus der Antikensammlung – Jahresbericht 2012-2013, 402,  Abb 3.

Parallele: Votivdepot Minerva Medica Rom, C. Martini 1990, 18 Abb. 9 b (um 180o gedreht).

    Mittlerer und unterer Abschnitt einer verschollenen Eingeweidetafel (Abb. 8)

Stieda 1901, 100 Abb. 26 Taf. IV/V; Recke – Wamser-Krasznai 2008, 24 Abb. 4. 114 Kat. Nr. 21 e Abb. 40; Tabanelli 1962, 70 f. Nr. 19. 

H: 20,9 cm; B: 20,2 cm (nach Abbildung)  

                              Abb. 8 nach Stieda 1901, 100 Taf. IV/V, 26

    Kommentar zu Typ 1: Die Tafeln schließen nach oben als annähernd gleichseitige Dreiecke mit einer Spitze ab. Zwei darunter liegende Wülste bilden ebenfalls einen spitzen Winkel miteinander und nehmen eine kleine Kugel in die Mitte, ein Ensemble, das übereinstimmend als Herz mit den Lungenflügeln erkannt worden ist. Nach unten folgen zwei Paar langgezogene Wülste, die jeweils durch stumpfe Winkel miteinander verbunden sind. Das erste Paar stellt anscheinend das Zwerchfell dar[14], das zweite die „dreilappige Leber“, deren kleinerer mittlerer „Lappen auf dem verhältnismäßig großen Magen“ ruhe[15].


[14] Stieda 1901, 100.

[15] Stieda ebenda; de Lait – Desittere 1969, 23 f. Nr. 19 Taf. 7 Zeichnung.


Gegen diese Interpretation aber sprechen die tropfenförmige Gestalt des „Lappens“ und seine farbige Fassung, die ihn deutlich von der Umgebung absetzt (T III-33 Abb. 7[16]).  

    Im nächst tieferen Register schließt eine Sequenz von C-Schlingen an eine Sigma-Form an. Offenbar handelt es sich um Darmwindungen. Am unteren Rand sitzt ein kugeliges Objekt, darüber liegt horizontal ein breiter Wulst, der symmetrisch von zwei spindelförmigen Körpern flankiert wird. Stieda bezeichnet die kleine Kugel als Harnblase, die drei übrigen Gegenstände im untersten Register deutet er nicht. Andere Autoren sehen in den symmetrischen Organen die beiden Harnleiter (Ureteren), in dem breiten Gebilde dazwischen die Harnblase (Vesica urinaria) und in der kleinen Kugel am unteren Rand die Harnröhre (Urethra). Das weiter oben gelegene glatte Dreieck mit leicht abgerundetem Unterrand und aufliegendem ‚Tropfen‘ bezeichnen sie ebenso wie Stieda als „Magen“[17].

    Wir schlagen stattdessen vor: der ‚Tropfen‘ mit seiner blauen, ursprünglich wohl grünen Farbe bietet sich förmlich als Gallenblase an, die sich vom großen Leberlappen, Stiedas „Magen“, wirkungsvoll abhebt[18]. Der Magen selbst und auch die Nieren sind bei diesem Modell nicht dargestellt, wie überhaupt die Eingeweide-Votive kein vollständig getreues Abbild der Natur geben. Bisweilen wird, wie bei unserem Typ 1, auf den Magen, die Milz und die Nieren verzichtet. Koroplast und Käufer bzw. Besteller setzten gewiss Prioritäten. So zeigt sich ja auch die Unterseite der Leber mit der Gallenblase in Frontansicht, d. h. nach oben herumgedreht. Die „intestinale Seite“ der Leber war und ist ja auch interessanter[19]! In der Sammlung Decouflé befindet sich der Torso eines jungen Mannes, der in der großen Öffnung seines Leibes eine vertikal positionierte Leber erkennen lässt, die aus zwei mächtigen Lappen, zwei kleinen Lobuli und der Gallenblase besteht, ein Ensemble, das die Nähe zu einer Terrakotta-Leber aus Falerii (Abb. 9) und dem Modell in der Hand eines Haruspex aus Volterra deutlich macht[20], wenn man es um 90o im Uhrzeigersinn dreht.


[16] Recke – Wamser-Krasznai 2008, 111 f. Abb. 38; eine dreilappige Leber (ohne Gallenblase) zeigt die  männliche Figur mit geöffneter Leibeshöhle Stieda 1901 Taf. II, 5, hier  unsere Abb. 3.  

[17] de Laet – Desittere 1969, 23 f. Nr. 19 Taf. 7.

[18] Beim Menschen Lobus dexter, beim Schaf, das vielleicht für die etruskischen Terrakotta-Nachbildungen der inneren Organe Modell gestanden hat, sind die beiden Hauptlappen etwa gleich groß.

[19] Decouflé 1964, 28.  

[20] Decouflé 1964, 28 f. Abb. 19- 21; Cristofani 1985, 141 mit Abb.


       Abb. 9: Terrakotta-Leber aus Falerii Nach Cristofani 1985, 141 Abb. B

Auch der poliviscerale Torso Malibu[21] zeigt eine mehrlappige Leber mit der auf die Ansichtsseite projizierten Gallenblase. Magen, Milz und Nieren sind nicht dargestellt.      Problematisch ist das unterste Register. Die paarigen Organe können nicht die Nieren darstellen, denn diese sind weiter oben positioniert und meist bohnenartig  kurz und dick wiedergegeben (vgl. unseren Typ 2 Abb. 10). De Laet – Desittere bezeichnen sie als Ureteren, was jedoch ihrer Form als lange dünne Schläuche im Situs des gesunden Säugers widerspricht[22]. Decouflé freilich deutet einen voluminösen gebogenen Schlauch im linken Unterbauch seines Terrakotta-Jünglings als den linken Ureter, der scheinbar vom größten Leberlappen nach unten zur kugeligen Harnblase führt[23]. Könnte eine Harnleiter-Entzündung (Ureteritis) zu dieser Auftreibung geführt haben? Darstellungen krankhafter Veränderungen an Körperteilvotiven sind zwar bekanntlich eine Rarität, doch fällt dieser Einwand hier kaum ins Gewicht, weil nach Decouflé die tönernen Körperteile eher als Lehrmaterial an etruskisch-italischen Medizinschulen taugten denn als Kollektion anatomischer Votive[24]. Wie auch immer – Decouflés asymmetrischer „Harnleiter“, der eher einen Abschnitt des Darmes vertritt, steht den paarigen Organen im Unterbauch (Abb. 7) als Vergleichsbeispiel allzu fern. Sollten knöcherne Beckenteile, die Schambeine (Ossa pubis) etwa, als Rahmen der ableitenden Harnwege dienen? Unvorstellbar ist das nicht. Die kleine Kugel am Unterrand der Tafeln überzeugt als Harnblase, aber nicht als Harnröhre (Urethra) oder deren Mündung (Orificium urethae). Das oberhalb der Kugel gelegene Element könnte sowohl eine Harnblase vorstellen wie einen Darmabschnitt, beim weiblichen Situs sogar einen Uterus. Was bliebe dann für die kleine Kugel? Die Symphyse?          


[21] s. F. P. Moog, in: Recke – Wamser-Krasznai 2008,131 -148, Abb. 57.

[22] de Laet – Desittere 1969, 23 f. Nr. 19 Taf. 7. Dagegen der „Ureter“ nach Spalteholz 1907, unsere Abb. 2.

[23] Decouflé 1964, 28 Abb. 20.

[24] Decouflé 1964, 19-24.


Typ 2:

Vollständige Tafeln dieses Typs, leicht variiert, in Modena: Tabanelli 1962, 69 Nr. 14 Abb. 35[25]; aus Veji: Bartoloni – Benedettini 2011, 577 f. Taf. 78 g.

    Unterer Teil einer Eingeweidetafel, Inv. T III-10 (Abb. 10)

Lit.: Korobili 2016/2017, 127 Abb. S. 75; Recke – Wamser-Krasznai 2008, 24. 68. 114 f.  Abb. 4, 27. Kat. Nr. 22 a Abb. 42; Stieda 1901, 101 f. Taf. 4/5, 27; Tabanelli 1962, 71 Nr. 20

Glimmerhaltiger hell rötlich-brauner Ton (5 YR 6/5) mit feinen sandigen Einschlüssen. Keine Engobe, Spuren dunkelbrauner Bemalung am linken Rand.

H: 10,4 cm; B: 18,0 cm; Stärke der Platte 0,7 cm – 1,2 cm, mit Relief 2,5 cm.

                                                    Abb. 10:  T III-10

                            Aufnahme M. Recke/Gießen-Frankfurt am Main

    Kommentar: Das horizontal gelagerte birnförmige Element setzt sich in Zick-Zack-Schlingen bis zum unteren Rand der Tafel fort. Damit sind offenbar  Magen und Darm gemeint. Die paarigen nach innen konkaven Organe entsprechen den Nieren, von denen die rechte etwas höher positioniert ist als ihr schlankeres Gegenstück. Das pyramidale Gebilde links vor dem Ende des Darmes entspricht wohl der Harnblase. Für den spindelförmigen Wulst am rechten Rand kommt kaum etwas anderes in Frage als die Milz[26].   


[25] Alexander 1905, 181 f. 184 Abb.18 Taf. 1/2; Fabbri 2019, 107 Abb. 60c..

[26] Bartoloni – Bendettini 2011, 577 Taf. 78 g;  Stieda 1901, 101 f. Nr. 27. 28 Taf. IV/V; Alexander 1905, 182. 184  Taf. 1/2, 18.


    Fragment einer stark verschliffenen Eingeweidetafel, Inv. T III-11

Lit.: Recke – Wamser-Krasznai 2008, 116 Kat. Nr. 22 b Abb. 43; Stieda 1901, 101 f. Taf. 4/5, 28.

Sandgemagerter glimmerhaltiger Ton, an der Oberfläche beige (10 YR 7/3), im Bruch mittelbraun (10 YR 6/4), im Kern grau (6/1).

H: 8,1 cm; B: 15,8 cm; Stärke der Platte 1,3 cm – 1,6 cm, mit Relief 2,3 cm.                Kommentar: Hier sind lediglich einige vertikal angeordnete Schlingen zu erkennen (Darm). Davor deutet sich die Kegelform der ‚Blase‘ an. Links erscheint der untere Pol der rechten Niere, während die linke nur schemenhaft erhalten ist, ebenso wie der untere Abschnitt der ‚Milz‘. 

    Fragment einer verschollenen Eingeweidetafel (Abb. 11)

Lit. Recke – Wamser-Krasznai 2008, 117 Nr. 23 a Abb. 45; Stieda 1901, 102 Abb. 28 Taf. IV/V. Tabanelli 1962, 71 f.

H: 15,4 cm; B: 17,7 cm (nach Abbildung)

                   Abb.11: Nach Stieda 1901, Taf. 4/5, 28 

    Kommentar: Leicht variiert präsentieren sich die Abdominalorgane auf der  nur als Abbildung vorhandenen Eingeweidetafel. An den runden ‚Magen‘ schließen sich die Darmschlingen an, Zick-zack-artig vertikal. Die paarigen ‚Nieren‘ sind auf gleicher Höhe positioniert. Unmittelbar oberhalb der linken Niere (auf der Abbildung rechts) folgt die fragmentierte spindelförmige ‚Milz‘. Der Abstand zwischen rechter Niere (auf der Abbildung links) und  ‚Harnblase‘ ist geringer als bei T III-10.  

Es zeigt sich, dass genügend Fragen offen bleiben.

Als die etruskisch-italischen Kunsthandwerker Körperteile und innere Organe formten, bedienten sie sich des Tones, eines billigen überall verfügbaren Werkstoffs, den sich auch ärmere Bevölkerungsschichten leisten konnten. Ihre Aufgabe bestand nicht darin, Werke von hoher wissenschaftlicher Präzision zu schaffen. Sie verfertigten Devotionalien, die ihre potentiellen Käufer erkennen konnten, da sie ungefähr, im Großen und Ganzen, die Bestandteile und das Innere eines vierfüßigen Wesens wiedergaben. Dabei waren die Wünsche der Kunden zu berücksichtigen, denen die Koroplasten die Qualität ihrer Arbeit und das  günstige Preis-Leistungsverhältnis zu suggerieren versuchten.  

Noch heute besteht keine Gewissheit darüber, ob und wann die antike Medizin auf dem Gebiet der Anatomie ein Niveau erreichte, das dem der Neuzeit annähernd entsprach. Die Kenntnis eines Handwerkers und das Verständnis des Käufers für die Verhältnisse im Inneren des Körpers gingen gewiss nicht so weit[27]. Der  Koroplast musste vom Ertrag seiner Arbeit leben, der Offrant hingegen wollte seine Gottheit durch eine bescheidene Gabe erfreuen, wenn er sie um Hilfe bat oder für ihren Beistand dankte. Ob die Terrakotta-Organe den Ort des Leidens bezeichneten oder ähnlich wie Fußstapfen im Heiligtum die Anwesenheit des Gläubigen dokumentierten oder ob sie gar, wie Decouflé vermutete, den Anatomie-Schülern als Lehrmaterial dienten – werden wir das jemals wissen? Wenn wir der Bedeutung der nachgebildeten Organe so weit wie möglich näher kommen wollen, haben wir weiterhin mit derartigen Unsicherheiten zu rechnen.    


[27] Fabbri 2019, 34 f.; Tabanelli 1962, 87-89.


Literatur:

Alexander 1905: G. Alexander, Zur Kenntnis der etruskischen Weihgeschenke, Anatomische Hefte Wien 90, 1905, 157-198

Baggieri 1996: G. Baggieri (Hrsg.), Speranza e sofferenza nei votivi anatomici della antichità (Roma 1996)

Bartoloni 1970: G. Bartoloni, Alcune terrecotte votive delle Collezioni Medicee ora al Museo Archeologico di Firenze, StEtr 38, 1970, 257-270

Bartoloni – Benedettini 2011: G. Bartoloni – M. G. Benedettini, Veio (Roma 2011)

Cristofani 1985: M. Cristofani, Die Etrusker (Stuttgart und Zürich 1985)

Decouflé 1964: P. Decouflé, La notion d’ex-voto anatomique chez les Étrusco-Romains, Latomus 72, 1964, 15-42    

Fabbri 2019: F. Fabbri, Votovi anatomici fittili (Bologna 2019)

Ferrea – Pinna 1986: L. Ferrea – A. Pinna, Il deposito votivo, in: F. Coarelli (Hrsg.), Fregellae 2. Il Santuario di Esculapio (Roma 1986) 89-144

Gatti Lo Guzzo 1978: L. Gatti Lo Guzzo, Il deposito votivo dall‘ Esquilino detto di Minerva Medica (Firenze 1978)

Holländer 1912: E. Holländer, Plastik und Medizin (Stuttgart 1912)

Korobili 2016/2017: G. Korobili, Ernährung  Leben und Gesundheit des beseelten Körpers, in: Die Seele ist ein Oktopus. Antike Vorstellungen vom belebten Körper (Berlin/Ingolstadt 2016/2017) 127 Abb. S. 75

S. J. de Laet – M. Desittere, Ex voto anatomici di Palestrina del Museo Archeologico dell‘ Università di Gand, L’Antiquité classique 38, 1969, 16-25

Lewis 2017: O. Lewis, Gehirn und Herz als Organe der Seele, in: Die Seele ist ein Oktopus. Antike Vorstellungen vom belebten Körper (Berlin – Ingolstadt 2017) 37-45

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Stieda 1899: L. Stieda, Über alt-Italische Weihgeschenke, RM 14, 1899, 230-243

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Tabanelli 1962: M. Tabanelli, Gli ex-voto poliviscerali etruschi e romani (1962)

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