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Bundesverband Deutscher Schriftstellerärzte (BDSÄ) Posts

Sankt Annen (Jürgen Rogge)

  Unsere Seniorengruppe „Hirnjogging“ lässt ihre Mitglieder auch immer mal von Ausflügen oder Urlauben berichten, die sie gemacht haben. Wir treffen uns an jedem Donnertag. Die Leitung hat Frau Ziegenbein übernommen, die, wie ich finde, auch noch so aussieht wie sie heißt. Heute berichtete Frau Ziegenbein selbst von einem Ausflug am 1. Advent zum Weihnachtsmarkt nach Annaberg-Buchholz. Das liegt gleich hinter Chemnitz im Erzgebirge, wo vor ein paar hundert Jahren Silber gefördert wurde. Frau Ziegenbein besuchte auch die Kirche Sankt…

Meine ersten Lehrer (Jürgen Rogge)

  1. Wohin man sich auch wendet, man trifft immer wieder auf Lehrer. Es gibt kein Entrinnen. Meine ersten Lehrer waren Frau Barth und Herr Möller in einem kleinen Dorf nahe einer kleinen Kreisstadt. Wir schrieben das Jahr 1947. Sie unterrichteten die erste und zweite Klasse in einem Raum, insgesamt wohl etwa 60 Schüler. Wenn sie der ersten Klasse etwas beibrachten, beschäftigten sie die zweite Klasse zum Beispiel mit Schreiben. Und umgekehrt. Die guten Schüler der ersten Klasse beherrschten dann…

Denn Alles ist nur relativ (Paul Peter Kokott)

Denn Alles ist nur relativ Die Dinge laufen hin und wieder dem Plan der Ausführung zuwider. Manches gelingt und Vieles nicht, betrachtet man es recht bei Licht. Doch bleib entspannt, läuft etwas schief, denn Alles ist nur relativ. Ob Reichtum, Macht, ob Gut und Geld; Allein das Leben wirklich zählt. Lass nicht betören Dich vom Schein, bestimmend ist Dein Selbst, Dein Sein. Nur dies ist solide und konstitutiv, denn Alles ist nur relativ. Ob schlecht, ob gut, arm oder reich;…

Gerechtigkeit (Paul Peter Kokott)

Gerechtigkeit Gerechtigkeit wolln alle gern, doch was bedeutet es im Kern. Denn allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die keiner kann. Man mag es drehen oder wenden, das Ganze wird wohl wieder enden in neuem Frust und neuem Gram. Wo bleibt das Recht, das ich bekam? Was ist gerecht, was angemessen, geht´s um selbstsüchtige Interessen. Verdienst hat Dienen im Wortstamm, das ist es, was uns helfen kann. Der Maßstab ist das Menschenleben, das in Gemeinschaft uns gegeben. Im Füreinander…

Fünfzig Jahre Abitur (Paul Peter Kokott)

Fünfzig Jahre Abitur   Fünfzig Jahre Abitur erinnern uns an Eid und Schwur. Dem eitlen Wunsch im Sturm und Drang durch uns das Wohl der Welt gelang. Fünfzig Jahre Abitur blickt man nicht allein retour, was die Zeit am Werk vollbracht, uns vergönnt war, wir geschafft. Fünfzig Jahre Abitur gewinnt dann manches an Kontur. Mit Talent, Fleiß und Bestreben lässt sich vieles doch bewegen. Fünfzig Jahre Abitur tickt wie die Unruh einer Uhr; die Jahre mit Leben zu erfüllen, gestalten…

Eine Lappalie (Paul Peter Kokott)

  Eine Lappalie   Ist es nur eine Lappalie oder gar nur Marginalie, Wörter korrekt hinzuschreiben, Fehler möglichst zu vermeiden, Sinn und Klarheit anzugeben, danach lasst uns ständig streben. Nur wer richtig spricht und schreibt, den versteht man jederzeit!     

Zwei Schwestern (Jürgen Rogge)

  Es waren einmal zwei Schwestern, die saßen unter einer Platane am See. Da kamen kräftige Jäger geritten und verliebten sich sogleich in die beiden Schönen. Den Schwestern gefielen die Waidmänner zwar, aber ihr Hochmut ließ eine solche Regung nicht zu. „Schau mal“, rief die eine der anderen zu, „die haben wohl eben erst Reitunterricht genommen. Gleich werden sie vom Pferd fallen.“ Und die andere lachte und antwortete: „Mit Pfeil und Bogen können sie gewiss auch nicht umgehen. Sie haben…

Engelchen sprach zu Engelchen (Klaus Kayser)

Engelchen sprach zu Engelchen: Wir fliegen in die Höh. Wenn ich nach unten seh, sehe ich die Erde rund und schön, sehe Menschen froh spazieren gehen. Sehe Kamele dort im Wüstensand, Sehe Affen hier am Dschungelrand. Sehe blaue Meere, Wälder grün: Warum müssen wir zum Himmel ziehn?  Engelchen nahm vom Engelchen Das Händchen in die Hand: Die Städte dort, das böse Land Dort leben Menschen, die im frommen Mordgewand zum Himmel  kommen. Erkoren waren sie zu Leben, Sie können Hass…

Die Ballade vom treuen Kurden (Klaus Kayser)

  Es war schwarz und es war sein Sonntagskleid. Die Klinge war geschliffen und war scharf. Die Augen lagen tief und sie waren bereit Zu töten bei Befehl und Bedarf. Oh Allaf, die Wüste kennt Nur Sand, keine Rosen, kein Herz! Oh Allaf, die Seele brennt Und tötet den ehrvollen Schmerz! Sie war schön und war jung und war achtzehn Jahr. Ihr Kleid war so kurz und so bunt. Locker und wild war ihr nachtschwarzes Haar Und kirschrot der lockende…

Der Ring (Klaus Kayser)

  Der Ring – eine italienische Ballade aus dem großen Krieg   Befehl war kämpfen bis zum Sieg Spricht Enkel eins zu Enkel zwei. Es ging um Tod im großen Krieg. Mein Großvater war auch dabei. Dein Großvater war mit Gewehr, spricht Enkel zwei zu Enkel eins. Mein Großvater war nicht im Heer. Er kämpfte nicht, er hatte keins. Fünf Kameraden auf dem Feld, spricht Enkel eins, ein Hinterhalt, hat Großvater mir einst erzählt, Partisanentod in Kriegsgestalt. Bauern nur und…

Das Lazarett (Klaus Kayser)

Ein nahezu rhythmisches Stöhnen schwang in dem sauber geweißten, mit dicht an dicht gestellten Betten gefüllten Saal: drei lange Reihen quer gestellter Pritschen, von denen jeweils zwei direkt aneinander stießen und dann einen kleinen Gang freiließen. In jedem Bett lagen junge Männer, teilweise nahezu regungslos und am Verdämmern. Einige wenige versuchten sich mit Lesen oder einer leisen Unterhaltung mit dem Nachbarn Abwechslung zu verschaffen. Die Bettdecken lagen lose und achtlos hingeworfen über den Verletzten. Viele trugen neu angelegte, blutdurchtränkte Binden…

Ein Mann wie ein Baum (Dietrich Weller)

  Siegmund Kraft wurde 1945 in Bremen geboren. Sein Vater fiel kurz vor Siegmunds Geburt in Russland. Die Mutter, eine Lehrerin, zog den Jungen liebevoll auf. Siegmund entdeckte früh seine Liebe zum Langlauf und lief ein Jahr vor dem Abitur den ersten Marathon. Auch dadurch lernte er, mit Disziplin schwierige Momente zu bewältigen und gegen innere Widerstände bis zum selbst gesetzten Ziel auszuhalten. Seine Mutter erzog ihn im ehrenden Gedanken an den Vater, der ihr immer wie starker Baum erschienen…

Warum eigentlich nicht? (Dietrich Weller)

  Schon als Kind litt Peter unter den gnadenlosen Hänseleien seiner Mitschüler. Bei jeder Gelegenheit verspotteten sie ihn wegen seines Übergewichts. Er versuchte, seine Vorliebe für Marzipan zu verbergen. Aber einmal, als er kurzatmig hinter dem Fußball herlief, rief ein Klassenkamerad: „Du brauchst noch ein paar Marzipankugeln, dann wirst du schneller!“ – So hatte Peter seinen Spitznamen weg. Und als dann auch noch einer der Kameraden mit ihm in die Hotelfachschule ging und Peters empfindlichsten Punkt preisgab, wurde Peter dort…

Ein Angriff aus der Vergangenheit (Dietrich Weller)

  Heinrich Klarsen wurde im August 1890 auf einem kleinen Gehöft in Holstein geboren. Die Frau des Gutsbesitzers half Heinrichs Mutter Klara bei der Geburt. Klara Klarsen war ein paar Monate vorher als Magd auf den Hof gekommen, nachdem ihr Arbeitgeber in Hamburg, ein junger und wohlhabender Bankier, ihre Dienste als Hausangestellte zu sehr in Anspruch genommen hatte und Klara schwanger geworden war. Da der Schein der untadeligen Familienverhältnisse gewahrt werden musste, sorgte die Bankiersfrau für den Umzug der Schwangeren…

Zwiespältige Erwartung (Dietrich Weller)

 

Hartmut Haller fährt zu seinem Postfach. Da er heute 65. Geburtstag hat, findet er sogar mehrere Briefe und Karten in dem Fach. Er schaut sie rasch durch. Da steht auf einem Brief seine Anschrift mit grüner Tinte geschrieben, kein Absender. Aber sofort erkennt er diese charakteristische Schrift! ELISABETH!

Er spürt eine Welle der Freude und gleichzeitig einen Schauer, der wie ein eiskalter Wasserguss die auflodernde Begeisterung löscht. Das Zittern in seinen Händen wird stärker. Während er mit dem Aufzug in die fünfte Etage des Seniorenheims fährt, sind seine Augen geschlossen. Bilder fliegen vorbei: Elisabeth vor 40 Jahren bei dem Hauskonzert von Professor Weise, als sie einander kennen lernten. Elisabeth, die bildhübsche Studentin, schlank mit lockenden Rundungen und eleganten Bewegungen; die schwarzen langen Haare, das bezaubernde Lächeln und die Grübchen in den Wangen! Damals war er schüchtern und unsicher. Doch dann hörte der Professor ihn Violine spielen und ermunterte ihn, sein Jurastudium aufzugeben und Musiker zu werden. Der Professor und Elisabeth entschieden über sein Leben! Haller wurde Musiker und überwand viele Selbstzweifel.

✎ 2020 Bundesverband Deutscher Schriftstellerärzte (BDSÄ)