Was bedeutet das Leben?

Ein Gedicht von Sohrab Sepehri (1928 – 1980)
Übersetzung aus dem Persischen von Afsane Bahar

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Es war eine ruhige Nacht.
Ich ging auf die Terrasse,
um mir die Frage zu stellen,
was das Leben bedeutet.
Meine Mutter,
ein Tablett mit Teegläsern in der Hand,
pflückte eine Blume des Lächelns
und schenkte sie mir.
Meine Schwester holte ein Stück Brot,
setzte sich dort an den Rand des Beckens,
wo man sich die Füße wäscht.
Um von den Fischen etwas zu erfahren,
tauchte sie ihre Hände in das Wasser.
Mit den Händen bildete sie eine Schüssel,
widerspiegelte ein warmes Gesicht in dieser Schüssel,
verzierte es mit einem Lächeln
und schenkte es den aufnehmenden Augen meines Herzens.
Mein Vater holte ein Gedichtbuch,
lehnte sich an das Kissen,
las ein wundervolles Gedicht vor
und führte mich
zum wunderbaren Frieden der Gewissheit.
Ich sprach zu mir,
das Leben ist ein großes Geheimnis,
das in uns fließt.
Das Leben ist der Abstand
zwischen unserem Kommen und Gehen.
Der Fluss der Welt ist in Bewegung.
Das Leben ist das Schwimmen in diesem Fluss.
Zum Zeitpunkt des Gehens sind wir so nackt,
wie wir beim Eintreten gekommen sind.
Die Geschichte unseres Kommens und Gehens
ist ein sich wiederholendes Stück.
Manche treten weinend ein,
manche sind beschäftigt mit den Unruhen dieses Flusses,
manche, Trauer auf den Lippen,
beabsichtigen das Austreten.
Der Unterschied zwischen uns
ist die Länge dieses Schwimmens,
oder vielleicht die Art und Weise des Eintauchens.
Wonach sucht unsere Hand am Bett dieses Flusses,
nach Nichts?
Das Leben ist der Glaube an Umwandlung der Zeit in Lebensgedanken.
Das Leben ist die Summe der Herzschläge.
Das Leben ist das Gewicht eines Blickes,
der in Erinnerungen fortbesteht.
Das Leben ist das vereitelte Spiel,
in dem du Sachen anhäufst,
die man nicht mitnehmen darf.
Und dabei vergessen wir,
was unsere Wegzehrung ist.
Vielleicht wird diese sinnlose Wehmut,
die du in deinem Herzen trägst,
die Wärme der Flammen deiner Hoffnung vernichten.
Das Leben ist das Begreifen eben dieser Gegenwart.
Das Leben ist die Freude des Erreichens jenes morgigen Tages,
der nicht kommen wird.
Du befindest dich
weder im vergangenen noch im kommenden Tag.
Die Schale des Heute
ist voll deiner Anwesenheit.
Vielleicht ist das Lachen,
das du heute verweigert hast,
die letzte Gelegenheit gewesen,
um die Hoffnung zu begleiten.
Das Leben ist eine zarte Fessel,
die sich um den Hals der Seele gelegt hat.
Das Leben ist die Gelegenheit für das Zusammengehen des Körpers und der Seele:
die Seele mit einer Beschaffenheit wie Gott;
und der Körper:
eine zusammengefügte Welt aus Vergänglichem.
Das Leben ist eine seltsame Erinnerung, die im Gedächtnis der Erde fortbesteht.
Das Leben ist die Gelegenheit für eine Erfahrung.
Damit es alle wissen,
solange es die Geburt gibt,
kann gesagt werden,
dass Gottes Hoffnung auf Befreiung der Menschen besteht.
Das Leben ist das höchste Zeichen für das Grüne
in den Gedanken eines Blattes.
Das Leben ist die Sehnsucht eines Wassertropfens nach Meer
in der Stille des Flusses.
Das Leben ist die Empfindung des Aufblühens eines Feldes
im Glauben eines Korns.
Das Leben ist der Glaube eines Fisches an das Meer,
gefangen in einem Glas.
Das Leben ist das leuchtende Abbild der Erde
im Spiegel der Liebe.
Das Leben ist das Begreifen des Unbegreiflichen.
Das Leben ist ein offenes Fenster zum Universum.
Solange dieses Fenster offen ist,
ist die Welt mit uns,
sind Himmel, Licht, Gott, Liebe und Glück mit uns.
Verpassen wir nicht die Chance,
wenn dieses Fenster offen steht.
Schlagen wir dem Lichte die Tür nicht zu.
Schlagen wir dem liebevollen Frieden der Brise die Tür nicht zu.
Enthüllen wir unsere Herzen,
das Gesicht diesem Fenster entgegen,
sprechen wir mit Freude einen Gruß aus.
Das Leben ist die Gastfreundschaft
Was das Schicksal mir beschert,
was es auch sein mag,
daran denke ich nicht.
Das Ausmaß meines Glücks
ist das Ausmaß meiner Zufriedenheit.
Vielleicht ist dieses Geheimnis
das Geheimnis des Annehmens des Schicksals
und des Eingehens von Kompromissen mit ihm.
Das Leben ist vielleicht das Gedicht meines Vaters,
das er vorlas,
der Tee meiner Mutter,
der mich erwärmte,
das Brot meiner Schwester,
mit dem sie die Fische speiste.
Das Leben ist vielleicht jenes Lachen,
das wir verwehrten.
Das Leben ist der reine Gesang des Lebendigen
zwischen zwei Stillen.
Das Leben ist die Erinnerung
an unser Kommen und Gehen.
Im Moment unseres Kommens und Gehens
besteht die Einsamkeit.
Und ich wünsche,
dass wir diese Erinnerung wertschätzen.

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