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Der Wasserfall (Thomas Krieg)

Ich fließe den ganzen Tag. Das ist alles, was ich mache. Das ist alles, was notwendig ist. Mein Bach ist der einzige, dem ich Abhängigkeit und Rechenschaft schulde. Er ist nicht so unbeharrlich wie ich und bleibt stets in seinem Bett. Er gibt die gleichen Geräusche von sich, er ist nicht unstet. Er unterliegt keinen Schwankungen, er wandelt sich nie, er ist immer der Gleiche. Man kann sich auf ihn verlassen. Hin und wieder schenkt er mir einen Stein, den er vorher glatt geschliffen hat. Ich bekomme nichts, das ausschließlich durch meine Hände gegangen ist. Ich bekomme nichts, das nur mir gehört. Es wäre selbstsüchtig so etwas zu verlangen.
Bevor mein Wasser mich erreicht, spiegelt es Wolken, als ob sie echter Himmel wären. Kommt es zu mir, erlischt sein Schweigen und für einen Moment traut es sich aufzubegehren gegen die Wolken, die den Himmel verdecken. Es begehrt auf gegen Ungerechtigkeit, die es gezwungen ist zu spiegeln. Doch  jemandem, der immer schweigt, hört niemand mehr zu, wenn er sich Sprechen angewöhnt. Wer zu viel schweigt, der verstummt auch dann, wenn er redet.
Meine Quelle ist ein mir fremder Gletscher oben in den Bergen. Gefroren und erhaben. Alle die ihn sahen, vergaßen ihn, bevor sie zu mir kamen. Man erzählt mir nichts, was mich in Unruhe bringen könnte. Doch der Gletscher speist mich und erweist mir gute Dienste. Mein Wasser wird nie versiegen. Niemand interessiert sich für schneeverhangene Berge, die weit genug entfernt sind. Es kommt nur zu Beschwerden über die Temperatur meines Wassers. Es kommt nicht zu Fragen, woher mein Wasser kommt. Mein Wasser wird nicht in Frage gestellt, nur angenommen. Kälte, die meinen Bach nicht austrocknen lässt, ist das einzige auf das ich vertrauen kann. Die Kälte schmelzenden Eises gibt mir Wasser, so dass ich nie gefährdet bin zu verstummen. Ich gebe Laute von mir, die zwar gehört, aber doch nur wahrgenommen werden.
Ich habe keine Pflichten. Ich muss nicht lügen und ich muss niemandem schmeicheln. Tagein und tagaus muss ich mich im Fluss halten. Das ist alles, was ich mache. Das ist alles, was notwendig ist.

Wenn der Frühling in Sommer übergeht und Seelen in Flammen aufgehen, waschen die Menschen ihr Fleisch in mir. Sie hoffen durchsichtig zu werden, so wie ich es bin. Sie werden davon hässlich. Ich habe nie einem von ihnen gedient, selbst wenn ich es gewollt hätte. Ich diene nicht, ich schweige in einem nie endenden Gurgeln.
Mein Wasser fällt seit jeher auf harten Stein. Das ist es gewohnt. Ich muss mich nicht sorgen. Nein. Ich muss es nicht. Nur die Wolken stören mich, doch sie sind zu weit weg, als dass ich etwas gegen sie unternehmen würde. Darum habe ich sie akzeptiert. Das war das Einfachste. Zwischen mir und den Wolken herrscht Frieden. Wir ignorieren einander. Meinem Wasser schenke ich Glauben und höre ihm nicht zu. Und meine Stimme gebe ich nicht an mein Wasser weiter. Ich gurgele allein für mich. Das ist die beste Lösung um sich sagen zu können, dass man sich glücklich fühlt. Die Wolken existieren sowieso nur an einer Oberfläche, die längst unkenntlich ist, wenn sie mich erreicht. Und da Oberfläche alles ist, was Menschen interessiert, habe ich keine Sorgen. Selbst wenn sie mir etwas ansehen könnten, wäre es ihnen unmöglich mich zu verstoßen. Sie müssen ihr Fleisch in mir waschen. Sie müssen sich sagen, dass sie rein sind. Sie brauchen mich und ich – ich muss bloß fließen. Tagein und tagaus.

Manchmal regnet es. Dann ist mein Wasser weniger kalt. Da aber aus Tradition niemand den Regen schätzt, werde ich gemieden, wenn mein Wasser angenehm wird. Allein zu sein ist dann eine Gewohnheit, die anderen Jahreszeiten gleicht. Menschen interessieren sich doch nicht für Wolken, die sich auf Wasser spiegelten – sie interessieren sich für Schmutz, den sie verlieren wollen. Ich spüre keinen Frust, ich spüre keine Wut. Ich fließe und werde durch kaltes, neues Wasser aus den Bergen durchsichtig und klar. Mein Schmutzwasser verstoße ich, wenn es die Steine erreicht. Ich vergesse es.
Wonach ich strebe, weiß ich nicht. Ich bin bloß ein Wasserfall, dessen Wasser zu kalt ist um hitzige Gedanken zu erlauben. Die Berge sind wahrscheinlich meine Heimat, aber ich werde sie nie sehen. Sie liegen flussaufwärts und ich bin Teil dessen, was sich flussabwärts bewegt. Ordnung und Ruhe sind mehr wert als Hitze. Auf Unordnung habe ich nie einen Gedanken verwendet. Menschen, Steine und Wolken – sie brauchen mich. Aber ich diene keinem von ihnen. Ich habe meinen Platz, ich muss mich nicht fortbewegen.

Wenn mein Wasser auf Steine fällt, dann verflüchtigt es sich aus meinem Bewusstsein. Daraus gewinne ich Kraft um weiter zu fließen. Natürlich bin ich mir bewusst, dass ich gar keinen Einfluss auf mein Dasein habe und dass mein Bewusstsein deshalb auch keine Richtung hat. Der Gletscher speist mich, mein Bach schenkt mir manchmal einen Stein, meinem Wasser höre ich nicht zu. Aber eigentlich habe ich an all dem keinen Anteil. Verwandlung und Veränderung werden mir zugeschrieben, sind aber nicht meine Aufgabe. Ich wasche nichts rein, ich fließe den ganzen Tag. Das ist alles, was ich mache. Das ist alles, was notwendig ist.

Published inAllgemeinNeuzugängeProsa

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