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Metamorphosen (Waltrud Wamser-Krasznai)

    Groß ist die Zahl der mythischen Verwandlungen. Besonders im Umfeld der göttlichen Geschwister Artemis und Apollon finden eindrucksvolle  Metamorphosen statt. Beide Gottheiten richten und strafen beim Verstoß gegen Sitte und Recht. Ihre Gründe für die Verwandlung der Wesen mit denen sie jeweils in nähere Beziehung treten, sind aber durchaus unterschiedlich.

Artemis rächt Verletzungen ihrer jungfräulichen Integrität.

    Als Kallisto, die Schönste, sich dem Gefolge der Göttin anschließt, gelobt sie ebenso wie Artemis stetige Keuschheit. Als diese eines Tages die von Zeus verursachte Schwangerschaft der Gefährtin entdecken muss, lässt sie ihr im Zorn ein zottiges Bärenfell und Krallen wachsen.

                      

Abb. 1: Verwandlung der Kallisto, 390-380 v. Chr. 
                                   Nach Schefold 1981, 231 Abb. 322

    Was Kallisto dann zustößt, wird in verschiedenen Parallelmythen berichtet. Ob sie von den Pfeilen ihrer Herrin getötet wird, oder von Hera, der eifersüchtigen Gemahlin des Zeus – jedenfalls kreist sie seither als Große Bärin um den Polarstern.

    Den Jäger Aktaion, der Artemis unbekleidet beim Baden beobachtet hat, verwandelt sie in einen Hirsch. Seine eigenen Hunde erkennen ihn nicht mehr und stürzen sich auf ihn, um ihn zu zerreißen. Mit ihren „sanften Geschossen“[1] beendet die Göttin seine Qualen.

    

Abb. 2: Aktaion, während der Verwandlung von seinen Hunden angefallen.
                                    Nach Schefold 1981, 138 Abb. 180

    Mit Apollon ist es anders. Zwar wird er überall wegen seiner Schönheit gerühmt, aber in der Liebe hat er fortwährend Pech.

    Daphne, die anmutige Nymphe, flieht „schneller als der leichte Lufthauch“[2]  vor dem liebeskranken Gott und entzieht sich ihm endlich ganz durch die Verwandlung in einen Lorbeerbaum. Zu seinem Trost und um etwas von der Geliebten bei sich zu tragen, bekränzt Apollon seine Stirn mit dem heiligen Lorbeer. Musentöchter und- söhne, die es zu wissenschaftlichem oder künstlerischem Erfolg gebracht haben, tun es ihm nach.

                 

  Abb. 3: Daphne wird zum Lorbeer, augusteische Kopie
              eines hellenistischen Originals (?) Nach Schefold, 208, Abb. 283.

    Die schöne Koronis, bereits von Apollon schwanger, gibt sich auch noch einem Sterblichen hin. Flugs überbringt eine weiße Krähe dem Gott die kränkende Nachricht. Wie so oft trifft die Strafe zunächst den Überbringer der fatalen Botschaft. Das weiße Gefieder färbt sich rabenschwarz. Dabei ist es bekanntlich seither geblieben.                     

Abb. 4 und 5: Apollon mit weißer und schwarzer Krähe
                                 Nach Schefold 1981, 209  Abb. 284. 285

    Heilkundige, die gern ein wenig über den Tellerrand spähen, kennen den halbwegs versöhnlichen Schluss der Geschichte: Apollon tötet die treulose Koronis, wird aber von Reue gepackt und rettet das ungeborene Kind aus dem Leib der sterbenden Geliebten. Es ist der kleine Asklepios, der anschließend vom weisen Kentauren Chiron erzogen und höchst erfolgreich in den medizinischen Wissenschaften unterrichtet wird.

    Eine seiner Aufsehen erregenden Heilungen gelingt Asklepios beim Sohn des Theseus, Hippolytos[3]. Dieser, zur Keuschheit entschlossen, dient der jungfräulichen Artemis/Diana. Unschuldig-schuldig löst er eine Liebes- und Eifersuchtstragödie aus. Seine scheuenden Rosse schleifen ihn fast zu Tode,

Und allein die starke Arznei des apollinischen Sohnes  
gab mir das Leben zurück…
dann warf Cynthia [ein Beiname der Diana]
um mich ein dichtes Gewölk…gab mir ein höheres Alter und ließ
unkenntlich mein Antlitz werden…wies mich hierher [nach Aricia]
befahl mir zugleich den Namen niederzulegen,
warst du Hippolytus einst, sollst du nun Virbius sein.
Seither lebe ich hier im Hain als einer der minderen Götter,
und die Herrin gewährt mir als dem Ihrigen Schutz[4].

    Unter unseligen Vorzeichen stand die Ehe des barbarischen Thraker-Königs Tereus mit der athenischen Königstochter Prokne von Anfang an. Als er auf Bitten seiner Gattin aufbricht, um ihre Schwester Philomele zu einem Besuch abzuholen, entledigt er sich seiner Verantwortung auf die schändlichste Weise. Er hält Philomele gefangen, tut ihr Gewalt an und schneidet ihr, um sie am Verkünden der Untat zu hindern, die Zunge heraus. Doch Philomele versinkt nicht in Lethargie. Einfallsreich ist der Schmerz und Not macht erfinderisch[5]. Sie setzt sich an den Webstuhl und fügt zwischen das weiße Garn purpurne Schriftzeichen ein, die den Frevel anzeigen. Das fertige Werk lässt sie zu Prokne bringen. Diese versteht sogleich und gerät außer sich vor Wut und Schmerz. Sie mischt sich unter die Bachantinnen, befreit ihre Schwester und tötet ihren kleinen Sohn Itys, um den verbrecherischen Vater an seiner empfindlichsten Stelle zu treffen[6]. Bevor sich der König rasend vor Zorn auf die Frauen stürzen kann, verwandelt ihn Zeus in einen Wiedehopf, die Schwestern aber in Singvögel[7]

Literatur und Bildnachweis:

M. Bieber, Tereus, AM 50, 1925, 11-18  

A. Klöckner, Mordende Mütter. Medea, Prokne und das Motiv der furchtbaren Rache im klassischen Athen, in: G. Fischer – S. Moraw (Hrsg.), Die andere Seite der Klassik (Stuttgart 2005) 247-263

Ovid, Metamorphosen. Lateinisch/Deutsch (Reclam Stuttgart 22003)

Pausanias, Reisen in Griechenland I (Zürich – München 31986)

W. Schadewaldt, Die Sternsagen der Griechen (Frankfurt am Main – Hamburg 1956)

K. Schefold, Die Göttersage in der klassischen und hellenistischen Kunst (München 1981)    Abb. 1-5

E. Simon, Tereus. Zur Deutung der Würzburger Schauspieler-Scherbe.  Festschrift des Kronberg-Gymnasiums (Aschaffenburg 1968) 155-165

Th. v. Scheffer, Die Legenden der Sterne 

W. Wamser-Krasznai, Metamorphosen der Haut im antiken Mythos,

Aktuelle Dermatologie 33/2007, 92-95

Für Reproduktionen und Bildbearbeitung danke ich H. Zühlsdorf, Gießen.


[1] Hom. Od. 11, 172 f. 199.

[2] Ov. Met. 1, 502 f.

[3] Genannt nach seiner Mutter, der Amazonenkönigin Hippolyte.

[4] Ov. Met. 15, 533-547.

[5] Ov. Met. 6, 575.

[6] Klöckner 2005, 240 f. Anm. 12 Abb. 1. 2; Paus. I  5, 4. 24, 3.

[7] Ov. Met. 6, 423-674; Bieber 1925, 15 Anm. 4.

Published inAllgemeinProsa

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