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Resignieren und hoffen (Waltrud Wamser-Krasznai)

Nach Entwürfen zur Lesung „Eigene Gedanken und Taten“, Moderation H. Ganz, beim Kongress des Bundesverbandes Deutscher Schriftsteller-Ärzte, Stralsund 2020 (wegen Corona Pandemie vertagt)

Zur eigenen Tat gibt es keine Alternative, wenn eine Sache, die mich selbst betrifft und mir nahe geht, getan werden muss. Auch wenn die Idee zu einer Tat auf fremdem Mist gewachsen ist, so kann mir niemand sonst etwas abnehmen, was ich nun einmal auf mich nehmen muss. Ich bin einem anderen Menschenkind nahe getreten und habe mich jetzt zu entschuldigen – da  kann ich doch keinen anderen schicken, der die Sache für mich erledigt?

Wie war das mit der „Bürgschaft“? Damon hatte sich zum Tyrannen geschlichen, den Dolch im Gewande. Das soll er nun am Kreuze bereuen. Zum Sterben ist er bereit, doch will er vorher noch seine Schwester unter die Haube bringen. Der Freund bleibt als Bürge zurück in Syrakus. Dramatische Tage voller Hindernisse vergehen, bis der Todgeweihte wieder vor dem Despoten erscheinen kann, um sein Wort einzulösen. Auch hier gilt: Wenn man zum Tode verurteilt ist, muss man den eigenen Kopf auf den Richtblock legen, nicht wahr? Wir wissen, dass die Sache gut ausgeht. 

Ich soll auf einen Knopf drücken und einen elektrischen Impuls auslösen, der ein menschliches Wesen, das ich nicht sehen, aber hören kann, vor Schmerzen schreien lässt. Ich drücke, es schreit. Bin ich jetzt ein Täter? Natürlich. Ist derjenige, der mir das angeschafft hat, ein Täter? Selbstverständlich. Ein Schreibtischtäter. Begeht er eine weniger gravierende Tat? Das hätten wir gern. Die Milgram-Studie ist bekannt und berüchtigt, doch wir wissen alle, dass es weit schlimmere Experimente gibt.   

Und nun gar eigene Gedanken! Wo es doch so viele kluge Aussprüche gibt, hinter denen man sich verstecken kann. Selbst denken – vielleicht ein kleines bisschen reflektieren, zum Beispiel über Corona und kein Ende? 

Sind wir nicht eine Schafherde, die den Gehorsam auf die Spitze treibt? Die Kneipen haben unter Auflagen wieder geöffnet. Man sollte meinen, dass sich jetzt lange Schlangen bilden, um endlich ein anständiges Schnitzel zu essen, ein Osso buco beim Italiener, Rinderleber beim Kroaten, Schweinelendchen mit Metaxa-Soße beim Griechen und zwar am Ort, damit die Gastwirt*innen wenigstens an den Getränken etwas verdienen. Man sollte meinen, die Telefone der Restaurants seien ständig besetzt, weil sich die Anmeldungen nur so häufen. Weit gefehlt.

Es ist vielmehr so: Man kann sich unter den auf Abstand reduzierten leeren Tischen einen Lieblingsplatz aussuchen, wird nach Strich und Faden verwöhnt und zahlt, von Ausnahmen abgesehen, nicht mehr als sonst.  

Wir sind erschrockene, eingeschüchterte Lämmer und trauen uns nicht. Punkt. Dabei haben die Vorsichtsmaßnahmen ihren Sinn und werden von einsichtigen Leuten akzeptiert. Schon gibt es die ersten Rückschläge in Form erneuter Schließungen, weil sich angeblich ganze Gruppen in den Armen gelegen und abgeküsst haben. Müssen wir das eigentlich – küssen und umarmen um jeden Preis? Und auch gleich noch dieses allgemeine Corona- Geduze, wo unsere  angelsächsischen Vorbilder doch auch das „Sie“ nicht kennen!  

Gestern bin ich eine Strecke mit der Regionalbahn gefahren. Dort ist Abstand halten sogar bei dem derzeit geringen Personenaufkommen kaum möglich. Alle hatten ihre Mund-Nasen-Klappen an. Zwei schwarze Männer brüllten sich gegenseitig in einer mir unbekannten Sprache an, ich glaube weil einer seine Nase nicht mit bedeckt hatte. Ein einziges deutsches Wort verirrte sich dazwischen, bezeichnender Weise ein hässliches, das mit Sch… beginnt und   noch immer keinen Eingang in mein Vokabular gefunden hat. Immerhin wurden die beiden Kontrahenten nicht tätlich.  

Meine Friseurin hat wieder ganze Arbeit geleistet, die Buchläden sind geöffnet, in den Bibliotheken funktioniert die Ausleihe. Aber was, wenn bestimmte Bücher nur im Lesesaal benutzt werden dürfen? Auf diese Frage waren die freundlichen technischen Angestellten nicht gefasst, sie murmelten etwas von Ausnahmen …  Aber jetzt können wir hoffen: Vom 2. Juni an wird es wieder  Leseplätze geben! Bis dahin muss ich altes Frauenzimmer mit meinem zwiespältigen Verhältnis zur digitalen Welt frei schwebend zwischen den Regalen herumturnen, in der einen Hand den Laptop, in der anderen einen Folianten, denn noch darf man sich nirgendwo hinsetzen. Dabei bin ich  privilegierte Eigentümerin vieler Bücher und habe zu Hause einen guten Arbeitsplatz.  

Es zu Hause gut haben – das kann eine namhafte Zahl von Kindern nicht von sich sagen. Niemand unterstützt sie in ihrem Lerneifer oder sorgt für Anregungen. Düsteren Prognosen zufolge müssen sie mit einem Rückstand von mindestens zwei Halbjahren rechnen. Derartige Probleme – häusliche Gewalt ist noch gar nicht berücksichtigt – sind nicht auf die Vor- und Grundschulstufen beschränkt. Auch von den Studierenden werden nur die besonders hellen, entschlossenen, ehrgeizigen und Internet-tauglichen ohne Zeitverlust durch die Krise kommen.

Sind wir nicht schon genügend verdummt? Nehmt einem Volk seine Sprache, und der Effekt wird größer und dauerhafter sein als die Annexion seines Terrains  – so ähnlich äußerte sich 1943 Winston Churchill (Robert Phillipson, Linguistic Imperialism Continued, New York – London 2009, 114). Die nicht nur vom damaligen britischen Premierminister vorgeschlagenen Maßnahmen, nicht anstelle sondern neben der Eroberung der Territorien, sind längst umgesetzt und werden durch fortwährende Infiltration erfolgreich vertieft. Schlimmer, wir sind es selbst, die in vorauseilendem Gehorsam und weil wir von uns selbst nicht besonders viel halten, unsere eigene Sprache, unsere eigene Musik aufgegeben haben. ‚Musik‘ besteht jetzt aus gesundheitsschädlichem Krach, allen Arten von Körperwerbung, glitzernden Farben, gleißenden Lichteffekten und englisch-amerikanischem Gegröle. Man nehme einen albernen Text, übersetze ihn ins Englische und schon bricht frenetischer Jubel aus. Eine Melodie ist nicht erforderlich, eher störend; allenfalls darf etwas Rhythmus sein.

Wo bleibt – so fragen Sie jetzt – das obligatorische Eingeständnis meiner eigenen Schuld an dieser Situation? Hier ist es: Mea Culpa (natürlich im Rahmen des Kollektivs).

Noch einmal zurück zu den Privilegien. Dazu gehört auch, dass ich mir diesen infernalischen Krach, genannt Musik, nicht anhören muss. Außerdem hatte ich 13 Jahre lang einen Schulweg von fünf Minuten und einen Vater, den wir schon beim Mittagessen sprechen und fragen konnten. Eine meiner Freundinnen wohnte im hohen Vogelsberg. Das über 22 km Luftlinie entfernte Gymnasium war nur auf Landstraßen 4. Ordnung zu erreichen. Der Bus fuhr nachmittags nicht bis hinauf. Für den zweiten Teil des Heimwegs konnte sie auf eine Mitfahrgelegenheit auf einem Leiterwagen oder einem Milchfuhrwerk hoffen. Der Ort für die Hausaufgaben war die väterliche Gastwirtschaft. Kam ein Gast, so unterbrach die Tochter ihre mathematischen Studien und zapfte ein Bier. Sie war natürlich fleißig und klug, dazu eine begabte Schauspielerin, die in manchen Schüler-Aufführungen brillierte. Dann ist sie Lehrerin geworden und hat später ihren Mann, einen Pfarrer, tatkräftig in der Gemeindearbeit unterstützt. Jetzt steht sie allein einer problematischen Familie aus vier Generationen vor; alle Fäden laufen bei ihr zusammen. In ihrem Leben wie in ihrer anrührenden Autobiographie hat der christliche Glaube einen hohen Stellenwert.

Und wir? Was wollen, können, sollten wir tun? Weiterhin ein bisschen schreiben vielleicht!

Published inProsa

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