Rollende Statuetten (Waltrud-Wamser-Kraznai)

Wamser-Krasznai Dr. med. Dr. phil. Waltrud 21. Mai 2019

 

Was rollt denn da?

Fahrzeuge natürlich, aber auch Lebewesen. Wie sind die im Altertum entstandenen rollenden Objekte zu deuten? Als Spielzeug, Kultgegenstände, Grabbeigaben? Sehen wir uns rollende Statuetten der Antike daraufhin an und versuchen uns selbst eine Meinung zu bilden.

Karren und Wagen sind seit vorgeschichtlicher Zeit mit Hilfe von Rädern beweglich. Auf sie wollen wir hier nicht näher eingehen[1]. Doch es gibt auch Wasserfahrzeuge mit Rädern. Die altertümlichen Raddampfer auf dem Mississippi sind berühmt. Vitruv  beschrieb im 1. Jh. v. Chr. das Schaufelrad.

 

                           Abb. 1: Räderschiff aus dem römischen Ägypten, 2.-3. Jh. n. Chr.
Nach Andres 2000, 218 f. Kat. Abb. 141

 

Räderschiff:

Die Räder (Abb. 1) symbolisieren einen Wagen, auf dem das Boot gezogen werden konnte; doch aus der Darstellung im Relief lässt sich schließen, dass die Funktion als Fahrzeug nicht beabsichtigt war. Das kleine Schiff hatte eher eine Bedeutung im privaten Kult bzw. im Totenkult, etwa als Medium zur Überfahrt der Sterblichen in die andere Welt. Die Tonfarbe weist in den Fayum, wo ähnliche Terrakotta-Boote in Wandnischen gefunden wurden[2]. Auf einigen der aus dem römischen Ägypten stammenden Vergleichsexemplare befindet sich ein ‚Passagier‘, den man mit der jugendlichen Gestalt des Harpokrates (des kleinen Horus) verband. Vielleicht handelt es sich bei der stilisierten Figur am Heck des Räderschiffs (Abb. 1) um eine Anspielung auf diesen Kindgott[3].

 

Kriegsschiff auf Rädern:

Nach einer Scholie des Eustathios zu Ilias XI, 20  hatte der zyprische König Kinyras einer griechischen Gesandtschaft 50 Schiffe gegen Troia versprochen; davon lief aber nur eines vom Stapel. Die anderen ließ der doppelzüngige Herrscher aus Ton verfertigen und mit tönernen Kriegern bemannen. In einem Terrakotta-Fragment aus Salamis/Zypern, das aus einem Schiffsbug mit Rammsporn und Schild sowie einer Durchbohrung für die Räder besteht, könnte sich dieser Mythos spiegeln[4].

 

Rollenden Lebewesen wurden viel häufiger tierische Formen als menschliche oder menschenähnliche Gestalt gegeben. In Mesopotamien und in den Ländern am östlichen Mittelmeer stellte man schon seit dem Ende des 3. Jahrtausends v. Chr. Tiere auf Rädern, vor allem Widder, dar[5]. Auch rollbare  Gefäße in Tiergestalt haben eine lange Tradition[6]. Da sie zumeist in Heiligtümern gefunden wurden, liegt es nah, sie mit der Libatio, der Trankspende für eine Gottheit, zu verbinden. Eine einfache Vorrichtung[7] ermöglichte, die Tiergefäße hin und her zu ziehen, bevor man aus ihnen spendete.

Tierfiguren und Gegenstände auf Rädern, mit einer Zugvorrichtung und aus verschiedenen Werkstoffen hergestellt finden sich bis heute in Kinderzimmern; so lassen entsprechende antike Statuetten ebenfalls fast automatisch an Spielerisches denken[8]. Ist es aber statthaft, von beweglichen Geräten unserer Zeit auf die Situation im Altertum zu schließen? Waren Material und Konstruktion der auf uns gekommenen antiken Figuren robust genug für den bekanntlich oft rauen Umgang von Kindern mit einem Spielgerät?[9]. Allenfalls ein hölzernes Räderpferd aus dem spätantik-frühbyzantinischen Ägypten[10] hätte den kindlichen Spielen widerstehen können.

Anders ist es bei einem Reiter auf Rädern (Abb. 2), der in unmittelbarer Nähe des Aphrodite-Altars von Tamassos/Zypern geborgen wurde. Die aus massivem Kalkstein bestehende Figur ist wegen ihres Gewichts und der Höhe und Länge von jeweils knapp 20 cm kaum als Spielzeug geeignet. Auch der Fundort spricht für einen sakralen Aspekt[11].

                             Abb. 2: Tamassos/Zypern, Fund-Nr. 485/1975
Nach Buchholz – Nobis 1978, 300 Abb. 7

 

Nicht nur Pferde mit und ohne Reiter[12], auch andere Tierfiguren hat man mit Rädern ausgestattet. Gelegentlich sitzt das Wesen auf einem Sockel, durch den die Achse führt[13].

 

Vögel:

Woher die Taube auf Rädern stammt (Abb. 3) wissen wir nicht. Zwar ist die Knubbe[14] zum Einfädeln einer Zugschnur durchbohrt, doch eignen sich die tönernen Räder nicht zum häufigen Gebrauch. Auch dieser Statuette kommt wohl eher kultische Bedeutung zu. Nicht zufällig sind Tauben der Göttin Aphrodite heilig.

                        Abb. 3 Taube auf Rädern, Unteritalien, 4.-3. Jh. v. Chr.
Nach Andres 2000, 132 Kat. Abb. 90

Eine vom Rücken schräg nach vorn zur Brust führende Bohrung  macht den  Wasservogel auf Rädern (Abb. 4) zum Aufhängen geeignet. Vermutlich hingen derartige Vögel (Gesamthöhe 6,8 cm) an den Ästen heiliger Bäume in Kultbezirken unter freiem Himmel. Die Sitte war in der frühen Eisenzeit im Gebiet des südlichen Balkans und in Nordgriechenland heimisch; einen Schwerpunkt gab es in Pherais/Thessalien[15]. Als Amulett scheint der Gegenstand nicht fungiert zu haben; entsprechende Hinweise fehlen.

                   Abb. 4: Thessalische (?) Bronze, 2. Hälfte des 8. Jhs. v. Chr.
Prähistorische Staatssammlung München, nach Zaalhaas 1996, 72 Abb. 52

 

Rollende anthropomorphe Figuren sind selten. Wir haben wenige Beispiele von Sterblichen, einzelnen dämonischen Wesen und göttlichen Gestalten.

 

Sterbliche: Krieger-Figuren

Eine Gruppe von etwa 24 archaischen Terrakotta-Statuetten aus Salamis/Zypern ist durch Bärte als männlich, durch spitze helmartige Kopfbedeckungen und Wangenklappen als kriegerisch ausgewiesen. Die Arme sind angehoben, die Beine durch Räder ersetzt, wobei die Radachse quer durch das untere Ende der offenbar mit einem langen Gewand bekleideten Körper führt[16] (Abb. 5). Der Thorax weist eine weitere, größere, Öffnung auf. Durch diese konnte ein Stab, an dem die Figur „wie ein Spielzeug“[17] zu bewegen war, geschoben werden. Ob derartige Statuetten eine, wie V. Karageorghis meint, zweifache Bedeutung hatten, nämlich als Spielgerät und als Votivgabe im Heiligtum[18], ist allerdings  offen.

                              Abb. 5: Aus Salamis/Zypern, 6. Jh. v. Chr.
Nach V. Karageorghis 1995, 142 f. Taf. 82, 1

 

Dämonische Mischwesen:

In Etrurien entstand bereits im 8. Jh. v. Chr. aus Bronze eine Räucherpfanne auf Rädern. Sie stellt einen geschwänzten, als flaches Deckelgefäß gebildeten Vogelkörper dar, überragt von zwei Hirschköpfen mit langen Hälsen[19].

In der römischen Kaiserzeit fertigte man ein Mischwesen auf vier Rädern an, den Rosshahn, dessen Pferdekörper in einem Hahnenschwanz endet. Auch der Reiter ist eine dämonische Erscheinung[20].

Gottheit:

Aus der Nord-Nekropole von Knossos stammt ein Pithos (großes Vorratsgefäß) mit dem Relief einer weiblichen Naturgottheit, auf einer Platte mit Rollen[21] (Abb.6). Die Vorderseite des Gefäßes zeigt die Göttin mit je einem Vogel in den erhobenen Händen, auf der Rückseite sind die Arme gesenkt. Von den Ästen der flankierenden Bäume wird das Motiv aufgenommen. Handelt es sich um eine Darstellung des Werdens und Vergehens in der Natur?[22]

       Abb. 6: Naturgottheit auf Rollen, Pithos aus der Nord-Nekropole von

                          Knossos. Nach Matthäus 2005, 327 f. Abb. 17

Wie wir sehen, fungierten die rollenden Statuetten, so weit wir ihren Fundkontext kennen oder auf ihren Fundort schließen können, in der Antike zumeist als Kultobjekte und Grabbeigaben[23]. Die Verwendung als Amulett ist fraglich. Kinderspielzeug dagegen setzt ein weit widerstandfähigeres Material voraus als Kalkstein oder Terrakotta zu bieten vermögen.

 

Abgekürzt zitierte Literatur und Bildnachweis:

Andres 2000: M. Andres, Die Antikensammlung. Hessisches Puppenmuseum Hanau-Wilhelmsbad (Hanau 2000)     Abb. 1. 3

Bianco – Tagliente 1993: S. Bianco – M. Taglienete, Il Museo Nazionale della Siritide di Policoro (Bari 1993)

Borger 1977: H. Borger, Das Römisch-Germanische Museum Köln (München 1977)

Brouskari 1985: M. Brouskari, The Paul und Alexandra Canellopulos‘ Museum (Athens 1985)

Buchholz 1978: H.-G. Buchholz, Tamassos, Zypern, 1974-1976. 3. Bericht, Archäologischer  Anzeiger 1978, 155-230

Buchholz 1980: H.-G. Buchholz, Grabungen in Tamassos und Liste der ausgestellten Stücke, Anhang II in: Schätze aus Zypern. Ausstellung 5. November bis 7. Dezember 1980, Akademisches Kunstmuseum der Universität (Bonn 1980) Nr. 217

Buchholz – Nobis 1976/77: H.-G. Buchholz – G. Nobis, Tierreste aus Tamassos auf Zypern, Acta praehistorica et archaeologica 7/8,1976/77 271- 300     Abb. 2

Buchholz – Untiedt 1996: G.-G. Buchholz – K. Untiedt, Tamassos. Ein antikes Königreich auf Zypern (Jonsered 1996)

Buchholz – Wamser-Krasznai 2017: H.-G. Buchholz  – W. Wamser-Krasznai, Tiere – Reiter – Wagen. Aus den Heiligtümern von Tamassos, in: W. Wamser-Krasznai, Streufunde  (Filderstadt 2017) 23-26

Cholidis 1989: N. Cholidis, Tiere und tierförmige Gefäße auf Rädern. Gedanken zum Spielzeug im Alten Orient, Mitteilungen der Deutschen Orient-Gesellschaft 121,1989, 197-220

Crouwel 1985: J. H. Crouwel, Carts in Iron Age Cyprus, RDAC 1985, 203-221

Crouwel 1992: J. H. Crouwel, Chariots and other Wheeled Vehicles in Iron Age Greece (Amsterdam 1992)

Crouwel – Tatton-Brown 1988:  J. H. Crouwel – V. Tatton-Brown, Ridden Horses in Iron Age Cyprus, RDAC 1988 II, 77-87 Taf. 24-26

Fittà 1998: M. Fittà, Spiele und Spielzeug in der Antike (Darmstadt 1998)

Guggisberg 1996: M. A. Guggisberg, Frühgriechische Tierkeramik (Mainz 1996)

Karageorghis 2002: V. Karageorghis, Ancient Art from Cyprus in the Collection of George and Nifeli Giabra Pierides (Athen 2002)

Karageorghis 1995: V. Karageorghis, The Coroplastic Art of Ancient Cyprus 4. The Cypro-Archaic Period, Small Male Figurines (Nicosia 1995)    Abb. 5

Lembke 2004: K. Lembke, Die Skulpturen aus dem Quellheiligtum von Amrit (Mainz 2004)

Lubsen-Admiraal – Crouwel 1989: St. Lubsen-Admiraal – J. Crouwel, Cyprus & Aphrodite (s‘ Gravenhage 1989)

Matthäus 2005: H. Matthäus, Toreutik und Vasenmalerei im früheisenzeitlichen Kreta: Minoisches Erbe, lokale Traditionen und Fremdeinflüsse, in: C. E. Suter – Chr. Uehlinger (Hrsg.), Crafts and Images in Contact. Orbis Biblicus et Orientalis 210 (Fribourg – Göttingen 2005) 291-350      Abb. 6

Th. Monloups, Figurines à roulettes, Salamine de Chypre XII. Les figurines de

terre cuite de tradition archaique (Paris 1984) 151-169

Rühfel 1984: H. Rühfel, Das Kind in der griechischen Kunst (Mainz 1984)

Schefold 1993: K. Schefold, Götter- und Heldensagen der Griechen in der Früh-

und Hocharchaischen Kunst (München 1993)

  1. Strøm, The Early Sanctuary of the Argive Heraion and its External Relations

(8th.- Early 6th. Cent. BC.) Proceedings of the Danish Institute at Athens I

(Athens 1995) 37-128

  1. A. Trofimova, Greeks on the Black Sea (Los Angeles 2007)

Ulbrich 2008: A. Ulbrich, Kypris. Heiligtümer und Kulte weiblicher Gottheiten auf Zypern in der kyproarchaischen und kyproklassischen Epoche. Königszeit (Münster 2008)

Vierneisel-Schlörb 1997: B. Vierneisel-Schlörb, Kerameikos 15. Die

Figürlichen Terrakotten I. (München 1997)

Zahlhaas 1996: G. Zahlhaas, Aus Noahs Arche. Tierbilder der Sammlung

Mildenberg aus fünf Jahrtausenden (Mainz 1996)    Abb. 4

 

[1] Z. B.  Fragment eines tönernen Wagenmodells aus dem Aphrodite-Heiligtum in Tamassos, Buchholz-Untiedt 1996, 129 Abb. 69 a; Crouwel 1985, 204-212 Taf. 31-34; V. Karageorghis 1995, 121-123 Taf. 73. 74, 1-3..

[2] Andres 2000, 218 f. Kat.-Nr. 141.

[3] LIMC IV (1988) 431 f. Nr. 230 a. d. e. f Taf. 253 f. s. v. Harpokrates (Tram Tan Tin – B. Jaeger – S. Poulin).

[4] Monloups 1984, 158 f. Abb. 601.Taf. 29.

[5] Andres 2000, 33 Kat.-Nr. 10; Cholidis 1989, 204. 215 Abb. 6;  Fittà 1998, 74 Abb. 132.

[6] Cholidis 1989, 199.

[7] Eine Öse, durch die man eine Schnur ziehen konnte, oder ein Gefäßhals, um den man ein Band legte, Cholidis 1989, 202.

[8] Andres 2000, 16. 205.

[9] Verneinend: Cholidis 1989, 197-205; ebenso Guggisberg 1996, 299 f. Anm. 1405. 1409. Beispiele für den mehr als rauen Umgang von  Kindern mit lebenden Spieltieren: Schildkröte, Fittà 1998, 66 Abb. 105; „Gans-Würger“, Rühfel 1984, 255 Abb. 108.

[10] Andres 2000, 229.

[11] Buchholz – Wamser-Krasznai 2017,  23-26 Bild 7; Terrakottastatuette eines reitenden Kriegers auf Rädern aus dem Quellheiligtum von Amrit, Lembke 2004, 154, Nr. 14 Taf. 3 f.;  Reiter auf Räderpferd aus dem Heiligtum von Ayia Irini, Lubsen-Admiraal – Crouwel 1989, 170 f. Nr. 178 Farbtafel 77; zur Wahrscheinlichkeit des sakralen Gebrauchs: Cholidis 1989, 204; „Groupe sacrificiel (?)“ Monloup 1984, 157 f. Nr. 599 Taf. 29; attisch-subgeometrisches Räderpferd vom Kerameikos, Athen, Vierneisel-Schlörb 1997, 167 Nr. 526 Taf. 26.

[12] Terrakottafigur eines Reiters auf Rädern, Attika, Brouskari 1985, 24 f.; Borger 1977, 90 Abb. 29; attisch-geometrisches Pferd auf Rädern, Zahlhaas 1996, 121f. 127 Abb. 101  Holzpferd auf Rädern aus Ägypten, 235.

[13] Andres 2000, 46 Nr. 23; Löwe auf Standplatte mit vier Rädern, 203 Nr. 126; ebenso Lasttier, 206 Nr. 127;  Widder, Cholidis 1989, 203 f. 207 Abb. 6. 7. 215 Abb. 20-31; Stier, Trofimova 2007, 207 Abb. 106; Tiere auf Rädern in Gräbern der frühen Eisenzeit, Basilicata, Bianco – Tagliente 1993, 56; kleine Ton-Ferkel aus einem Heiligtum von Salamis/Zypern, Monloups 11. 165 Nr. 613. 614 Taf. 30; Maus, Krokodil, Huhn, Fittà 1998, 69 f. Abb. 114. 117.

[14] Andres 2000, 16. 132 Katn Nr. 90.

[15] Zaalhaas 1996, 28. 72 Abb. 52; gleichartige Vogelfiguren aus Bronze ohne Räder, mit  prismenförmigem Stempelfuß im argivischen Heraion, Strøm 1995, 62-68 Abb. 26; auf hohem zylindrischem Fuß mit zwei eingeschalteten Kugeln, Brouskari 1985, 27 f.

[16] Monloups 1984, 23. 151-160

[17] „De mouvoir le personnage sur ses roulettes, comme un jouet“, Monloups 1984, 152.

[18] Karageorghis 1995, 142 f. Taf. 82, 1; zur Deutung und zur zypern- bzw. salamis-spezifischen Entstehung der Statuetten v. a. Monloups 1984, 18-23.

[19] Aus der Monterozzi-Nekropole von Tarquinia, Bianchi Bandinelli – Giuliano 1974, 30. 404 Abb. 29.

[20] Reiter im Kapuzenmantel, Telesphoros? Andres 2000, 205 Kat.-Nr. 128; ohne Kopfbedeckung, Fittà, 1998, 74 Abb. 130.

[21] Matthäus 2005, 327 f. Abb. 17; Schefold 1993, 59 Abb. 37 a. b.

[22] Schefold 1993, 59.

[23] Mylonas 2003, 67 und Anm. 52; Senff 1993, 62 und Anm. 51; Andres 2000, 16; Fittà 1998, 70; Cholidis 1989, 197f.;  s.; Monloup 1984, 152-157; zur möglicherweise verkürzten Darstellung von Pferd und Wagen durch Pferde mit Rädern, sowie zum trojanischen Pferd auf Rädern: Meyer 2010, 20-22.

ZUM MUTTERTAG:

Danke, Aldi, dass Du nicht Edeka bist

 

Es ist Mai 2019. Rechtzeitig zum Muttertag hat „Edeka“ ein Video präsentiert, das die Väter als Erzieher in ein ganz mieses Licht rückt und in dem Satz endet: „Danke Mama, dass Du nicht Papa bist“.

Es ist ein Muttertagsvideo auf Kosten der Väter.

Dieses Video hat einen „Shitstorm“ ausgelöst und wurde tags darauf vom Spiegel und vom Weser Kurier vorgelegt.

Der Kommentar im Spiegel war kritisch und hat mir gut gefallen.

Der Spiegel hatte thematisiert, dass auch unsere Gesellschaft dafür sorgt, dass viele Väter  arbeiten gehen (müssen) und bei der Kinderbetreuung eine untergeordnete Rolle spielen:

Weil tradierte Familienstrukturen noch immer vorrangig sind in Deutschland. In der Regel ist der Vater der, der das Geld verdient und morgens aus dem Haus geht.

Das war bei uns auch immer so. Seit 35 Jahren bin ich Alleinverdiener für unsere Familie, und natürlich habe ich in der Erziehung unserer Kinder eine nachrangige Rolle gespielt. Dass mich Edeka dafür nun verarscht hat, fand ich sehr ungerecht.

Spontan viel mir die Replique ein:

Ich postete auf Facebook: „Danke Aldi, dass Du nicht Edeka bist“.

Das ist offensichtlich ganz gut angekommen, umgehend fand ich diesen Satz in verschiedenen deutschen Medien, zum Beispiel auch im Rheinischen Merkur.

Im Weserkurier wurde der Satz vom Chef des Kulturressorts, Hendrik Werner, kommentiert.

Mein Satz wurde als „dümmere Protestnote“ apostrophiert, die als Boykottdrohung gegen Edeka gerichtet sei.

Diese Einschätzung hat mich nun nicht so sehr getroffen wie das Edeka-Video, aber ich möchte sie kommentieren:
Ich empfinde den Satz weder als dumm, noch als dümmer, noch als Boykottaufruf.

Es ist eine „Danke“ an Aldi, dass man dort auf derlei sexistische Werbevideos verzichtet.

Der Boykottgedanke des Journalisten darf aber weitergesponnen werden: Edeka ist ein Akronym, das aus der „Einkaufsgemeinschaft der Kolonialwarenhändler“ entstanden ist. Herr Werner: Kolonialwaren, das sind Produkte aus Kolonien.

Im Namen Edeka steckt die koloniale Tradition, von der sich Bremen mit großer Eindeutigkeit distanziert. Bremen hat sogar ein Anti-Kolonial-Denkmal.

Gehen Sie aber gerne weiter dort einkaufen.

Edeka sagt: „Wir lieben Lebensmittel“. Ein Bremer Wahlkampfspruch sagt: „Wir lieben Bremen.“

Da hat doch jemand abgeschrieben.

Willy Brandt sagte einmal: „Es wächst zusammen, was zusammen gehört.“ Das wäre in diesem Fall richtig dumm.

Heiner Wenk, Muttertag 2019