Gedanken und Geschichten zur bildenden Kunst in Europa

Diese Gedanken sind mir zugeflogen, in einer Zeit, in der Krankheiten meinen Körper in seiner Beweglichkeit derart eingeschränkt haben, dass ich nicht mehr davon laufen konnte. Die Themen folgen keiner systematischen Gliederung. Es ist mir halt so eingefallen.

 

  1. Ja, das will ich sein – ein Vorurteilsbeurteiler

Der Kunstkritiker Hanno Rauterberg schreibt über seine Erwartungen an den Kunstkritiker:

„… Unbefangen kann er sich über die Kunstbetriebsvereinbarungen hinwegsetzen und auch die großen, meist unterschlagenen Fragen wieder stellen: Welchen Wert hat die Ästhetik für unser Leben? Was ist das eigentlich, was wir Kunst nennen? Welchen Regeln folgt sie? Und wie sinnvoll sind diese Regeln? All diese Fragen stellen sich plötzlich.

Der Kritiker muss sie nicht beantworten, es reicht, wenn er das kodifizierte Bewusstsein ins Schwingen bringt. Hier warten noch Aufgaben für den Kritiker, die nicht von Künstlern oder Kuratoren okkupiert worden sind: Er wird gebraucht als Vorurteilsbeurteiler, Erwartungsgeograf und Grenzschützer…

Als Vorurteilsbeurteiler muss er sich über unsere Lebens- und Kunstlügen hermachen, darf fragen, warum das eine gut und das andere schlecht genannt wird. Weshalb die schockierende Kunst oft positiv bewertet wird und das Milde und Unpolitische so selten Anerkennung findet…. “

(Hanno Rauterberg: Die Feigheit der Kunstkritiker ruiniert die Kunst, in DIE ZEIT , 22.1.2004

 

II . Vierzehn Antworten auf die eine Frage:

Was ist Kunst? 

Der Begriff „Kunst“ wird in unserer Zeit für alles Mögliche und wird für manches angewandt, das unseren Vorfahren fremd war.

Als Handwerker war der Maler in seiner Zunft ein anerkanntes Mitglied der Gesellschaft. Nach der Emanzipation der Künstler von den Auftraggebern wurde er für kurze Zeit zum Genie erklärt, das Gott gleich, Neues schaffen kann. Mit der Demokratisierung der Kunst wurde schließlich jedem das Recht zugesprochen, sich als Künstler zu fühlen. Heutzutage sind sich nur wenige sicher, wie man eigentlich erkennen kann, was ein „Kunstwerk“ ist und wie sich dessen Qualität bestimmen läßt. Viele Ratgeberbücher wurden veröffentlicht, die uns – dem Publikum – erklären wollen, was Kunst ist.  Andreas Mäckler hat sich die Mühe gemacht, 1460 Aussagen über die Kunst zu sammeln, ohne abschließend feststellen zu können, was denn die richtige sei. Eine Herausforderung, die ich annehmen will. Kurzum ich habe versucht, die Entwicklung, den historischen Prozess, der bildenden Kunst in Europa, von den Anfängen bis in unsere Zeit, zu skizzieren. Dazu habe ich 14 Thesen formuliert, die anschließend kurz erläutert werden.

 

  1. Kunst ist das, was der Mensch als Kunst bezeichnet.
  2. Kunst ist das, was ein Künstler geschaffen hat.
  3. Kunst ist das, was ein Auftraggeber als Kunst akzeptiert.
  4. Kunst ist das, was Machthaber als Kunst bewerten.
  5. Kunst ist das, was Priester und Gläubige als Kunst anerkennen.
  6. Kunst ist das, was den Philosophen dazu einfällt.
  7. Kunst ist das, mit dem sich die Menschen ihre Wohnräume “verschönern” wollen.
  8. Kunst ist das, was man als Kunst verkaufen kann.
  9. Kunst ist das, was Kunst-Sammler als Kunst wertschätzen.
  10. Kunst ist das, was Kunst-Museen als Kunst zeigen.
  11. Kunst ist das, was die Kunstwissenschaft als Kunst einordnet.
  12. Kunst ist das, was sich Besucher von Kunstausstellungen als Kunst ansehen.
  13. Kunst ist das, was in den öffentlichen Medien zu Kunst erklärt wird.
  14. Kunst ist das, was meiner Meinung nach Kunst ist.

 

Ad. 1. Kunst ist das, was der Mensch als Kunst bezeichnet.

Am Anfang der Menschheitsgeschichte gab es keine Kunst. Es ging ausschließlich ums Überleben. Dann machte ein Mensch die Entdeckung, dass Naturerscheinungen „schön“ sein können. Man machte sich wechselseitig darauf aufmerksam. Die Entdeckung des Schönen war der Beginn einer Geschichte der Kunst.

 

Ad. 2. Kunst ist das, was ein Künstler geschaffen hat.

Dann machte ein Mensch zufällig etwas, was er „schön“ fand. Andere stimmten ihm zu.   Sie wollten auch so etwas haben. Das Produkt nannte man „Kunst“. Die Bezeichnung verbreitete sich. Als „Künstler“ wurden Menschen bezeichnet, die über besondere Fähigkeiten verfügten, die es Ihnen ermöglichen, „Kunstwerke“ zu schaffen.

 

Ad. 3. Kunst ist das, was ein Auftraggeber als Kunst akzeptiert. 

Ursprünglich war das von einem Künstler geschaffene Werk sein eigenes, es war sein Eigentum. Dann wollten andere Menschen, die nicht über die Fähigkeiten eines Künstlers verfügten, auch Kunstwerke haben. Sie überredeten den Künstler, die von ihm geschaffenen Werke, gegen etwas anderes zu tauschen.

Später begannen Menschen, Künstler mit der Herstellung von Kunstwerken zu beauftragen. Wenn das vom Künstler zu diesem Zweck erstellte Werk den Ansprüchen des Auftraggebers genügte, wurde es akzeptiert. Wenn nicht, gab es Streit. Das war der Beginn der Diskussion über Qualität in der Kunst.

Daraus ergab sich die Unterscheidung zwischen „guten“ und „schlechten“ Kunstwerken, bzw. „guten“ und „schlechten“ Künstlern.

 

Ad. 4. Kunst ist das, was Machthaber als Kunst bewerten. 

Im Kampf uns Überleben waren bestimmte Menschen erfolgreicher als andere. Diesen wurde besondere Entscheidungsmacht zugestanden. Die Machthaber begannen ihren Einflussbereich auszuweiten, um schließlich über alles bestimmen zu können. Schließlich  beanspruchten Machthaber auch die Entscheidungshoheit über die Qualität von Kunst.

 

Ad. 5. Kunst ist das, was Priester und Gläubige als Kunst anerkennen. 

Zur Erklärung des für Menschen Unerklärlichen wurden Religionen mit der Vorstellung von allmächtigen Göttern entwickelt, die in der Welt der Menschen von Priestern vertreten wurden. Kunstwerke wurden als Symbole des Göttlichen herausgestellt und verehrt. Priester beanspruchten die Entscheidungsmacht über das Heilige in der Kunst. Nur sie konnten von Menschen geschaffene Kunstwerke heilig sprechen und damit den Status des Außerordentlichen verleihen.

 

Ad. 6. Kunst ist das, was den Philosophen dazu einfällt.

Erst relativ spät in der Menschheitsgeschichte entwickelte sich der Beruf der Philosophen, die anfingen, über die grundlegenden Fragen des Mensch-Seins und Sterben-Müssens nachzudenken, ihre Gedanken mitzuteilen und diese schließlich schriftlich festzuhalten.

Dabei fokussierten viele Philosophen auf das „Wahre“ (als die auf ewig geltenden Gesetzmäßigkeiten), das „Gute“ (als Verhaltensnorm für das erfolgreiche Zusammenleben von Menschen) und das „Schöne“ (als das eigentlich Zweck- und Nutzlose, das ein Menschenherz erfreuen kann).

Die Ästhetik wurde als Gedankengebäude entwickelt.

 

Ad. 7. Kunst ist das, mit dem sich die Menschen ihre Lebensräume “verschönern” 

Nachdem Kunstwerke etwas „Besonderes“ geworden waren, wollten diejenigen, die sich das leisten konnten, Kunst benutzen, um ihren besonderen sozialen Status heraus zu stellen. Kunstwerke wurden genutzt, um Kultstätten, Herrschaftshäuser und schließlich auch die Wohnungen von Wohlhabenden zu schmücken.

 

Ad. 8. Kunst ist das, was man als Kunst verkaufen kann. 

Ein Kunstmarkt entwickelte sich, auf dem Kunstwerke angeboten, gehandelt und zu möglichst hohen Preisen verkauft wurden. Auf den Märkten wurde der „Kunde zum König“ und konnte mit seinen Kaufentscheidungen das Angebot beeinflussen.

 

Ad. 9. Kunst ist das, was Kunst-Sammler als Kunst wertschätzen 

Mit steigendem Angebot differenzierte sich der Kunstmarkt. Qualität bestimmte sich durch die erzielten Verkaufspreise. Händler spezialisierten sich. Wohlhabende entwickelten sich zu Sammlern, die ihre Prestigeansprüche aus den von ihnen gesammelten Schätzen herzuleiten begannen.

 

Ad. 10. Kunst ist das, was Kunst-Museen als Kunst zeigen 

Erst relativ spät in der Menschheitsgeschichte wurde der Anspruch der Bevölkerung an der Teilhabe an dem Kunstgenuss anerkannt. Herrscher öffneten ihre Kunstkabinette für die Öffentlichkeit. Der Staat finanzierte Museen zur „Bildung“ der Bürger.

War für das „gemeine Volk“ Kunst bisher das, was sie in Kirchen und Schlössern bestaunen konnten, wurde nunmehr den Schulen und öffentlichen Museen die Aufgabe der „Erziehung“ zur Wahrnehmung des Schönen in der Kunst übertragen.

 

Ad. 11. Kunst ist das, was die Kunstwissenschaft als Kunst einordnet.

Eine Wissenschaft von der Kunst entstand, die sich anfangs vor allem als Kunst-Geschichte verstand. In der Folge wurde dem allein, das von den Kunstwissenschaftlern in den Kunst-Akademien als Kunst kategorisiert werden konnte, der hohe Status eines  Kunstwerkes zugesprochen.

 

Ad. 12. Kunst ist das, was sich Besucher von Kunstausstellungen als Kunst ansehen.

Erst im 19.Jahrhundert entwickelte sich in Europa das Institut der öffentlichen Kunstausstellung, von der anfangs niemand voraussehen konnte, welche Bedeutung diese als „Events“ in unserer Zeit bekommen würden. Derzeit bestimmt sich die Qualität öffentlich ausgestellter Kunst vor allem durch Besucherzahlen.

 

Ad.13. Kunst ist das, was in den öffentlichen Medien zu Kunst erklärt wird. 

In der Mediengesellschaft bestimmen vor allem soziale Medien darüber, was – auch in der Kunst – „angesagt“ ist. Dabei spielen die Kunstkritiker eine der Hauptrollen – die „guten“ bemühen sich redlich, dem Publikum die Kunst verständlich zu machen, die „bösen“ stilisieren sich selber mit unverständlichen Sprachfloskeln zu Experten und partizipieren am Kunstmarkt.

 

Ad.14. Kunst ist das, was meiner Meinung nach Kunst ist.

Entsprechend den Maximen der Individualgesellschaft kann heutzutage letztendlich jeder Mann und jede Frau für sich darüber entscheiden, was ihm oder ihr gefällt.

 

Und die Moral von der Geschichte?

Kunst ist immer nur das, was Menschen dafür halten – ob man sich Kunstwerke nun ansieht, anhört oder durchliest. 

 

Und meine persönliche Erwartung an die Kunst?

Ich unterscheide grundsätzlich zwischen „kleiner“ und „großer“ Kunst. Dem entsprechend variieren meine Ansprüche.

Ich achte jeden, der sich um die Kunst bemüht und bewundere außerordentliche Künstler für das, was sie (für uns) geschaffen haben.

Von einem Kunstwerk erwarte ich, dass es mir etwas vermittelt, mit dem ich weiter fühlen und denken kann. Dafür bin ich gerne bereit, mich immer wieder – auch auf bisher Unbekanntes – einzulassen.

Für mich ist Kunst das Elixier, welches ich brauche, um „lebendig“ zu sein, und bleiben zu können. Man kann es auch so fassen – letztlich sehne ich mich nach Kunst.

 

III.  „Das schönste Bild der Welt“

Was ist das schönste Bild der Welt ? Kann es so etwas überhaupt geben ? Und – welches der mir bekannten Bilder ist für mich „das Schönste“?

Der niederländische Kultur-Reisende Cees Nooteboom (geb.1933) – einer der wenigen Hinseher und Kunst-Versteher unserer Zeit – hat ein großartiges Buch mit dem Titel „Das Rätsel des Lichts“ veröffentlicht, in dem er einen der Beiträge Piero della Francesca (1410-1492) gewidmet hat. Einleitend bezieht er sich dabei auf Aldous Huxley (1894-1963), der 1925, das im Jahre 1465 von diesem Maler geschaffene, Gemälde „Die Auferstehung Christi“ als „the best picture“ bezeichnet hat. Cees Nooteboom bekennt, dass für ihn ein anderes Bild desselben Malers mit dem Titel „Die Geißelung Christi“ das Schönste sei.

Angeregt durch den Essay von Cees Nooteboom über den berühmten Renaissancemaler aus San Sepolcro erinnerte ich mich daran, dass auch ich mir, in meiner Jugend, sicher war, welches für mich das „schönste Gemälde“ sei.

Ich kannte das Bild nur aus Reproduktionen in den Kunstbüchern, die ich mir schon im Alter von 18 Jahren mit großem Interesse, immer wieder, angesehen habe. Lange hatte ich das Bild vergessen. Erst vor zwei Jahren ist es mir im neu eröffneten Rijksmuseum im Amsterdam wieder begegnet.

Es ist das 1630 von Rembrandt Harmenszoon van Rijn (1606-1669) auf Holz gemalte Ölgemälde mit dem Titel: „Jeremia beklagt die Zerstörung Jerusalems“.

 

Was sehe ich auf diesem Bild? Ich sehe viel Licht und Reflexe, farbige Schattierungen auf  Kleidern und Decken, auf und im Gesicht eines alt gewordenen Mannes. Und ich sehe die Finsternis. Eine helle Lichtquelle befindet sich links oben, außerhalb des Bildes. Der Kopf des Mannes wirft einen Schatten.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie es damals war, als ich es mir, in meiner Jugend,  immer wieder angesehen habe. Mich faszinierte die maltechnische Kunstfertigkeit mit der es gemalt worden war, und darüber hinaus, der Gesichtsausdruck und die Haltung des dargestellten, alten Mannes.

Heute, im Alter von 77 Jahren, sehe ich:

Aus dem Dunkel kommt das Licht und zaubert Farben in die Welt – warm, weich und funkelnd. Die Quelle des hellen Lichtes liegt – für mich als Betrachter unsichtbar – außerhalb des Bildes.

Die Schatten, scheinen sehr stark zu sein. Doch das Verhältnis der Kräfte ist ausgeglichen. Helle und dunkle Flächen halten sich die Waage.

Der Mensch befindet sich dazwischen. Machtlos. Der Mann – in der Bildmitte abgebildet –  ist alt geworden und schwach. Besiegt und resigniert liegt er ausgestreckt am Boden. Er hat versucht zu retten, was ihm wichtig war.

Wir können ermessen, wie reich er gewesen sein muss, bevor seine Stadt erobert wurde, er fliehen musste und sich nur noch in eine Höhle retten konnte, in der er sich erschöpft hingelegt hat und machtlos zusehen muss, wie wir das Feuer alles zerstört, was ihm einmal lieb und teuer gewesen ist. Er kann nur noch passiv hinnehmen, was mit der Welt und mit ihm passiert.

So geht es auch mir. Auch ich bin sehr alt geworden.

In der Zeit, in der Rembrandt van Rijn dieses Bild gemalt hat, werden Männer in meinem Alter so ausgesehen haben. Auch mich hat die Natur meines Körpers besiegt. Auch wenn mein Geist – jetzt – noch nicht aufgeben will, muss ich doch akzeptieren, dass es bald so sein wird.

Ich sehe ins Dunkle, welches das Licht auslöschen will. Und erfreue mich an dem Funkeln, der Wärme und der Farbigkeit dessen, was an Erinnerungen von meinem Leben übrig geblieben ist. Ich weiß, dass es immer so sein wird, dass keine der Kräfte endgültig siegen werden. Immer wieder wird es so scheinen, als ob entweder das Gute oder das  Böse den Kampf gewinnen können – aber das sind immer nur vorüber gehende Schlachten. Die Zeit wird immer dafür sorgen, dass das Gleichgewicht der Kräfte erhalten bleibt.

Das von Rembrandt im Alter von 24 Jahren – auf einem Höhepunkt seiner maltechnischen Genialität – gemalte Bild ist zeitlos. Es zeigt die Perspektive eines jungen, erfolgreichen Mannes auf einen alt gewordenen Menschen, der sein Leben gelebt hat und nur noch resignieren kann.

So schließt sich der Kreis – auch für mich. In meiner Jugend, am Anfang der Gestaltung meines Lebens, schien mir dieses Bild „das schönste der Welt“ zu sein und jetzt, am Ende meiner Lebenszeit, komme ich, als alter Mann, zu dem gleichen Ergebnis.

Das Gemälde ist ein Beispiel für die Meisterschaft der Malkunst. Neidlos muss jeder, der sich ernsthaft mit der Gestaltung von Bildern auseinander gesetzt hat, anerkennen, dass es hier einem Menschen gelungen ist, die Grenzen zu überschreiten, die uns von den Göttern gesetzt wurden.

Rembrandt van Rijn hat in seinem Künstlerleben seine Signatur mehrfach verändert. Vor seiner Zeit erlebten sich Künstler vor allem als Handwerker. Erst in der Renaissance begannen sie damit, die von Ihnen geschaffenen Werke zu signieren. Von 1626 bis 1631 benutzt er die Initialen „RH“, dann seinen Herkunftsnamen „Rijn“, um am Ende seines Lebens selbstbewusst mit seinem Vornamen „Rembrandt“ zu signieren. Auf diesem Bild hat er sich in einer sehr  dunklen Fläche, unter der Darstellung des liegenden Mannes, mit „RH van Rijn“ als verantwortlicher Künstler erkennbar gemacht. Bei genauerem Hinsehen kann man noch einen weiteren Schriftzug entdecken. Jeremia stützt sich mit seinem linken Ellenbogen auf ein großes, in dunkelbraunes Leder gebundenes Buch, das seinem alten Körper Halt zu geben scheint. Auf die Schnittfläche der Seiten hat Rembrandt mit dem Schriftzug „BiBeL“ den Inhalt erkennbar gemacht.

Ich würde mich selbst als gläubigen Menschen bezeichnen, auch wenn ich mich keiner Kirche verpflichtet fühle. Ich kann mich auf keine Bibel stützen, deren Inhalt mir Halt gibt. Als Mensch fühle ich mich mit mir allein gelassen.

Und doch glaube ich an ein Licht, dass das Dunkel verscheuchen kann. Ich glaube an die Schönheit in der Kunst und deren Kraft, dass Hässliche zurück zu drängen.

 

  1. Fragen und Antworten zur Kunst als Wissenschaft 

Frage:

Was ist Wissenschaft?

Antwort:

Der gedankliche Versuch, Zusammenhänge zwischen Phänomenen zu konstruieren, und mit Theorien nachvollziehbar  zu erklären (bzw. zu beschreiben).

 

Frage:

Was ist Geschichtswissenschaft?

Antwort :

Viel zu häufig : die Beschreibung der Erfolge und Misserfolge von Nationen im Kampf um Macht und Einfluss.

Und, in der anekdotischen Variante : die Beschreibung von unterhaltsamen Ereignissen im Leben der Akteure (insbesondere der Helden und Antihelden).

Und, leider viel zu selten : der Versuch, Zusammenhänge herauszuarbeiten und mit Theorien nachvollziehbar zu erklären (bzw. zu beschreiben). (z.B. wie Golo Mann: „Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“ )

 

Frage:

Was ist Kunstwissenschaft?

Antwort :

In der Regel (z.B. in der bildenden Kunst) : die Beschreibung der Entwicklung von Themen und Techniken, die (mehr oder weniger willkürlich) zu „Stilen“ zusammengefasst werden.

Und in der anekdotischen Variante  : die Beschreibung von unterhaltsamen Ereignissen im Leben der Akteure (insbesondere der als „außerordentlich“ anerkannten Künstler).

Und leider viel zu selten : der Versuch Zusammenhänge heraus zu arbeiten und mit Theorien nachvollziehbar zu erklären. (bzw. zu beschreiben). (z.B. Ernst,Hans,Josef Gombrich : „Geschichte der Kunst“)

 

Frage:

Was ist Kunstkritik?

Antwort :

Entweder der Versuch,

mit zu spielen in den „Szenen“ der Kunstexperten

oder der wohlwollende Versuch,

„Laien“ (dem Publikum) „die Kunst“ nahezubringen.

(positive Beispiele sind John Berger und Cees Nooteboom).

 

Frage:

Wer darf Kunst beurteilen? 

Antwort :

Grundsätzlich jeder – mit einer Einschränkung : Er oder sie sollte seine oder ihre Meinung „nachvollziehbar begründen“ können und bereit sein, Nachfragen zum besseren Verständnis, ernsthaft zu beantworten.

 

Frage

Und, was sind meine Absichten in der Auseinandersetzung mit Fragen zur Kunst?

Antwort:

Ich versuche, Interdependenzen zwischen gesellschaftlichen Prozessen (auf der einen Seite) und der Produktion bzw. Rezeption von Werken, die als Kunst bezeichnet werden (auf der anderen Seite) zu erkennen, zu verstehen, zu beschreiben und zu kommunizieren.

 

 

                                           

 

 FRIENDSHIP 

Nobody likes to be lonely. One prefers to be in the company of a boring person, or even with a rival, rather than being alone. The painting above is by Vincent van Gogh. He suffered a great solitude and the burden of his solitude shadowed his whole life. A lonely person is in bad company, lonely all by himself. No happiness exists without sharing everything with family and friends.

Perhaps, at least, on an unconscious level, Vincent van Gogh named his painting of a blue boat «AMITIE “(friendship)as wishful thinking. In this painting the boat is stranded, contrary to the other boats that are well equipped with sails and have happy crew members onboard. People marry; change their home, their city or their principles only to stay together. We spend our precious time searching for new friends.

The worst solitude is to be destitute of sincere friendship. Common interests between friends make bonds tighter and increase lasting friendships. A true friend is one’s second self. Nothing can be compared to a great close and firm friendship. True friendship does not destroy fear or self- benefit; those feelings die with death of a close and dear friend. The departed takes to the grave the soul of the true friend.

However, it is in the character of a very few true friends to honor without envy a friend who has prospered.                           

Dr. med. André Simon © Copyright

 

Übersetzung von Dietrich Weller

Freundschaft

Niemand will einsam sein. Man ist lieber in Gesellschaft einer langweiligen Person oder sogar eines Gegners als einsam zu sein. Das Bild oben stammt von Vincent van Gogh. Er litt unter großer Einsamkeit, und die Last seiner Einsamkeit überschattete sein ganzes Leben. Eine einsame Person befindet sich in schlechter Gesellschaft, einsam mit sich selbst. Es gibt kein Glück, wenn wir nicht alles mit Familie und Freunden teilen.

Vielleicht, wenigstens auf einer unbewussten Ebene, benannte Vincent van Gogh sein Bild eines blauen Bootes Amitie (Freundschaft) als Wunschdenken. In seinem Bild ist das Boot gestrandet im Gegensatz zu den anderen Booten, die gut mit Segeln ausgestattet sind und glückliche Besatzungsmitglieder an Bord haben. Menschen heiraten; wechseln ihr Heim, ihre Stadt oder ihre Grundsätze, nur um beieinander zu bleiben. Man verbringt seine wertvolle Zeit auf der Suche nach Freunden.

Die schlimmste Einsamkeit heißt bar einer ernsthaften Freundschaft zu sein.

Gemeinsame Interessen zwischen Freunden machen Bande fester und verstärken dauerhafte Freundschaften. Ein guter Freund ist unser zweites Ich. Nichts kann verglichen werden mit einer engen und festen Freundschaft. Wahre Freundschaft zerstört nicht Angst oder Eigennutz. Diese Gefühle  sterben mit dem Tod eines engen und lieben Freundes. Der Gestorbene nimmt die Seele des wahren Freundes mit ins Grab.

Aber es liegt im Charakter von wenigen wahren Freunden, einen Freund, der Erfolg hatte, ohne Neid zu ehren.